Mittwoch, 13. Februar 2019

Schmerz







Schmerz

Schmerz ist ein Meister, der uns klein macht,
Ein Feuer, das uns ärmer brennt,
Das uns vom eigenen Leben trennt,
Das uns umlodert und allein macht.

Weisheit und Liebe werden klein,
Trost wird und Hoffnung dünn und flüchtig;
Schmerz liebt uns wild und eifersüchtig,
Wir schmelzen hin und werden Sein.

Es krümmt die irdne Form, das Ich,
Und wehrt und sträubt sich in den Flammen.
Dann sinkt sie still in Staub zusammen
Und überläßt dem Meister sich.

Hermann Hesse





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Sonntag, 3. Februar 2019

Ein lebenspraktisches Ratgeberbuch

(R)


Liebe Malou
"Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die
Kräfte des Geistes". Du kannst dreimal raten, wer sowas
sagt.
Natürlich Proust, der also Maso. Und doch hat es was an
sich. Der Kummer und die Sorgen lassen dich fragen, geben
dir Probleme auf, während man im Glück still vor sich hin
lebt und alles einfach nimmt, wie es ist. Im Kummer lebt
man in Gegensatz zu dem was ist.
Dieses Büchlin über Proust "How Proust Can Change Your
Life" ist ganz amusant und gewandt geschrieben. Ich habe
von dem Autor bisher noch nichts gehört.
Auf dem Deckeltext heisst es: Alain de Botton, 1969 in
der Schweiz geboren, hat ...
...
Sein Büchlein basiert auf einem frechen und verblüffend
simplen Einfall: Man nehme das monumentalste Werk der
literarischen Moderne, Marcel Prousts "Auf der Suche nach
der verlorenen Zeit" und destilliere daraus ein witziges,
kurzes und lebenspraktisches Ratgeberbuch für den
postmodernen Zeitgenossen.
De Botton nähert sich Proust auf direkte, unkonventionelle
Weise, ohne Literaturtheorie. Im Rückgriff auf die Texte
und auf Momente im Leben Prousts erläutert er in
klassischer Ratgebermanier, wie man sich Zeit nimmt, wie
man erfolgreich leidet, wie man seinen Gefühlen Ausdruck
verleiht und wie man in der Liebe glücklich wird.

Und wenn ich das alles gut gelesen habe, dann werde
ich Proustianer sein, so ein melodramatisches
Muttersöhnchen, das kaum aus dem Bett kommt, an
Verstopfungen und Übelkeiten leidet und sich an
seinen körperlichen Leiden hintersinnt. Ich glaube,
Proust ist die bürgerliche Dekadenz.
Ob sein Kummer und seine Depressionen wirklich die
Geisteskräfte stärken, das bleibe dahingestellt, aber alles
in allem hat er nicht ein nachahmenswertes Leben geführt.
Das hat er sicherlich nicht. Ich glaube, de Bottons Buch
kann die lektüre Prousts gut ersetzen. Und was hat man
davon? Stundenlange Lektüre in detaillierten und um-
ständlichen Schilderungen der Erinnerungen, das hat
man sich erspart. Man spart sich dabei Tage und Wochen.
Und das ist in der heutigen, eiligen Zeit doch ein grosser
Gewinn. Wo sonst kommt man so leicht und so billig
zu Zeit?

*

Freitag, 25. Januar 2019

Geschichten erzählen



Liebe Marlena
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Wir haben heute im Club unseren NN aus
Rom gehört. Er war früher mal Radio-
korres pondent in Rom. Und er will, wie
er zugibt, seine Pension aufbessern, indem 
er jetztjährlich einmal in die Schweiz
kommt, und in den Kiwanis, Lyons und
Rotary-Clubs Vorträge hält. Er war schon
zum dritten mal bei uns, und ich muss
sagen, er wird langsam alt. Aber die
Geschichten, jährlich etwa dieselben, aber
anders, werden immer wahrer! ;-)

Ich finde ihn gut, zwar nicht mehr so wie
zum ersten mal, aber gut. Er weiss, wie
man eine Geschichte erzählen soll. Und
das ist ja heute leider selten geworden.
Aber die Geschichten sind gleich, und
doch ein bisschen anders. Und man findet
sich in der Rolle des kleinen Kindes wieder,
welches reklamiert, wenn die Geschichte
sich von mal zu mal nicht dieselbe bleibt.
Ich glaube, er kommt vor allem wegen der
warmen Mahlzeit. Und natürlich kriegt er
seinen kleinen Vortrag bezahlt. Wenn ich
mir überlege, wie teuer in Rom ein Kaffee
ist, so kann ich verstehen,
dass er knapp bei Kasse ist. 

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Dienstag, 22. Januar 2019

Unsere Einladung

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Und im RL haben wir unsere Einladung mit den nahezu
30 Personen überstanden. Das war natürlich S's  Idee, und
ich konnte das ganze Projekt nicht direkt und ohne schwere
Schuld aufzuladen, boykottieren. So habe ich versucht, gute
Miene zum bösen Spiel zu machen, obwohl ich solche
Grossveranstaltungen überhaupt nicht mag. Das fängt alles
mit einer Aufregung schon 14 Tage vorher an. Die Möbel
werden umgestellt, Teppiche aufgerollt, Lampen 
umgehängt, Fenster geputzt, Terassen gefegt und so weiter
und so fort. Und dauernd köchelt auf dem Herd ihrgend ein
würziges Gericht, das dann am bestimmten Tag bereit sein
soll. Sowas bringt mich aus dem Häuschen. Den Lärm eines
Staubsaugers kann ich ohnehin nicht ausstehen. Man geht
mit düsterer Miene auf und ab und denkt ans Exil. Korsika?
Amerika? Es ist wirklich eine Qual, und die paar Stunden
netter Gesellschaft gefrässiger Leute wiegt das alles kaum
auf. Nein, sowas würde ich allein für mich nicht tun. Wenn,
dann könnte ich mit 20 Personen ein einfaches Mahl mit
absolutem Self-Service aufziehen. Jeder holt sich selbst,
was er braucht. Und wer will, kann den Wein auch gleich
aus der Flasche trinken. Noch eher sowas, als ein
aufwendiges Buffet und ein serviertes Essen mit drei
Gängen und Männern im Anzug und Damen im Jacket-
Kleid. Aber ich habe es überlebt, knapp. Was mich nicht
umbringt, das stärkt mich.
So ein Fest ist - sagen wir - wie der 14. Juli in Frankreich.
Es gibt grosse Militärparaden. Man zeigt alles, was man
hat bis hin zu den Atomwaffen. Bei uns war es das
Familiensilber, ganze Panzerkolonnen von schwerem
Porzellan, grosskalibrige übergewichtige Karaffen mit
südfranzösischem Wein, silbrig gleissende Platten und
Plättchen und Accessoires bis in die Tischecken hinaus.
Ach, ich weiss wirklich nicht, wozu das alles gut ist. Das
ist wohl diese vielgerühmte Zivilisation, für die die Frauen
zuständig seien. Sagt das nicht Schwanitz in seinem
Männerbuch? Zivilisation ist die Tatsache, dass wir mit
Silberlöffel essen und die Nägel schneiden, dass wir uns
die Bäuerchen untersagen und die Nachbarin nicht in die
Seite kneifen. Nein, das ist vielleicht alles sehr
lebensstabilisierend, aber das Leben selbst ist es bei weitem
noch nicht. Na ja, A und B waren auch dabei, und
zusammen mit S  haben sie bei persischer Musik getanzt.
Das vielleicht war der einzige Pluspunkt in diesem
Sommernachtstraum, diese 10 Minuten reizvollen
orientalischen Tanzes der Frauen.
*
Jetzt muss ich wieder in den Stollen.
Mit einem lieben Gruss
...

Biographie Stendhals


...

Momentan beschäftigt mich die Biographie Stendhals. Das
ist ein Mann, den man trotz seines klingenden Namens
kaum kennt. Ach, ich habe Dir bereits erzählt, wie ich zu
ihm gekommen bin.
Er stammt aus Grenoble, aus der französischen Provinz 
und hat  - weiss Gott - ein kompliziertes Leben in seinem
komplizierten Charakter. Im Wesentlichen scheint es mir
ein Lebenslauf aus der Zeit der Romantik. All diese
exaltierten Gefühlsmenschen wurden von den Wellen
ihrer Emotionen hin und her geschleudert, dass bei der
Lektüre fast nur Mitleid aufkommen kann. Stendhal,
mit bürgerlichem Namen Beyle oder ähnlich, war da nicht
anders. Er hat sich an immer neuen Liebesabenteuern
entzündet, die dann aus seiner Scheu und Ängstlichkeit
doch zu nichts führten, oder die er selbst aus schliesslicher
Enttäuschung und Langeweile wieder aufgegeben hat.
Ich glaube, die Wunsch-Gefühle entzünden sich am besten
an Sehnsüchten und Fantasien, die weit Entferntes vor
unserer Nase aufbauen. Ihr schliesslicher Besitz ist keinen
Deut mehr wert. Das heisst ja wohl, dass man mit Verzicht
die intensivsten Leidenschaften und Gefühlsaufwallungen
erleben können sollte. Immerhin hat sich Stendhal auf den
ersten 100 Seiten des Büchleins schon zweimal duelliert.
Das ist doch eine respektable Leistung. Beide Male ging es
um Lappalien, letztlich um eine Frau. Nein, beim ersten
Mal ging es um einen Sitzplatz in der Zeichnungsstunde
des Licées. Du siehst, er war etwas überspannt, und soll
auch sehr hässlich gewesen sein. Auf dem Porträtbild des
Buchdeckels sieht er zwar ganz stattlich aus. Aber - so
verrät uns der Text - aber er soll ein Toupet getragen
haben, nachdem er durch die medizinische Behandlung
seiner Lues oder seines Trippers, man weiss das nicht so
genau, viel von seinem "Pelz" verloren hatte. Und
offenbar hat er Wesentliches zur Entwicklung des
bürgerlichen Romans beigetragen. Das ist doch einen
Moment der Aufmerskamkeit für diesen rührigen
Typen wert.
*
Und im RL haben wir unsere Einladung ...



Sempé





Liebe Marlena
Ja, Du hast ein strenges Leben. Und die Hektik des Alltages
wirft Dich förmlich aus der kontemplativen Position der
Studienrätin am Feierabend in die Turbulenzen dieser
wilden Welt. Aber sei getrost, Marlena, wir kennen das
alles auch.

Ich bin froh, dass Du Sempé kennst, und wäre sehr
verwundert gewesen, wenn Du bloss Fragezeichen in
die Luft gekuckt hättest. Ich habe mal ein Büchlein, eine
Ausgabe von Der kleine Nick rezensiert, das er zusammen
mit dem Astérix-Autor Goscinny gestaltet hat. Das ist nicht
so lange her. Und ich hatte der Eindruck, er sei schon etwas
alt geworden, der gute Sempé.
Diese Zeichnungen aus der Schule von damals sind ganz
der alte Stil. Sie sind zwar süss, mit Charme, aber eigentlich
eben doch Wiederholung dessen, was wir längst von ihm
kennen, und ohne die neuen Ideen, mit denen er uns früher
doch immer wieder überrascht hatte. Aber Sempé ist ein
schönes Andenken des 20. Jahrhunderts vor den Pariser
Architektur-Kulissen des 19. Jahrhunderts und einem
immer noch in der Luft schwebenden, hartnäckigen
Geist des 18. Jahrhunderts. Also fast ewig! Und das ist
doch schon etwas.
Ich habe mir immer vorgestellt, dass er die Zeichnungen,
zumindest die Ideenskizzen bei einem Glas Rotwein in
einem der berühmten Pariser Cafés zeichnet. Und dazu
natürlich Gauloises raucht. Da siehst Du, wie sehr ich
von Klischees lebe. Na ja, vielleicht tut er es ja mit einem
Pastis. Und raucht dazu Gitanes meinetwegen. Wenn er
sowas mit 70 noch erträgt.
Allerdings konnte ich mir nie vorstellen, dass er schon
70 wäre. Seine Zeichnungen wirken irgendwie jung. Und
wenn man ab und zu ein Porträtfoto sieht, so würde man
ihm auch noch keine 70 geben. Da sieht man, wie Rotwein
jung hält, und gegen den Herzinfarkt schützt, wie man
immer wieder hört.
Eine der Zeichnungen Sempés, die mir am besten gefällt,
stellt die Situation mitten auf einer Kreuzung eines grossen
Pariser Boulevards dar. Ein Flic, ein französischer Polizist
hält gerade einem Autofahrer eine Standpauke. Weil der
arme Kerl mit seiner Begleitung aber in einem kleinen
2-CV sitzt, und diese Büchschen - wie man weiss - 
besonders weich gefedert sind, neigt sich das winzige
Gefährt vom Polizisten weg auf die andere Seite wie ein
scheues, ängstliches Tier. Das ist alles so gut und
sympathisch gesehen in der Perspektive des
stattlichen Boulevards, dass man dabei an nicht
 anderes als an Paris denken kann. Ich glaube, das
Bild war das Umschlagbild des Bandes "Rien n'est facile ..."
War ja doch auch ein patenter Titel!
*
Momentan beschäftigt mich die Biographie Stendhals. ...




Montag, 21. Januar 2019

Gedanken über das Lebensglück



Liebe Marlena

(---)

Tut mir leid um Deinen kleinen Vogel. Ja, sowas erinnert uns
immer an die Vergänglichkeit und an die Tatsache, dass wir nicht
ewig leben. Das ist, wie die Philosophen sagen, der Skandal
unseres Lebens. Was sollen wir tun? DieLebenskunst scheint eine
angemessene Antwort auf diese Anforderung zu sein, das Bemühen
also, aus dem Leben das meiste an Möglichkeiten und Erleben zu
gewinnen. Ach, das versuchen wir ja doch mit allen Mitteln.
Ich habe kürzlich ein paar interessante Gedanken über das
Lebensglück gelesen. Ich weiss nicht mehr, wo es war. Aber es
hat mich doch verblüfft. Man hat Menschen befragt über ihre
Zufriedenheit im Leben. Und zwar hat man  zwei Menschengruppen
verglichen. Die einen hatten durch einen schweren Unfall ein hartes
Schicksal zu tragen. Sie waren querschnittgelähmt und damit behindert,
wie wir sagen würden. Die anderen Menschen waren Glückspilze,
hatten kürzlich einen grossen Gewinn an einer Lotterie gemacht.
Und verblüffend dabei ist, dass die beiden Gruppen sich nach einer
gewissen Zeit (nach dem Unfall, nach dem Lottogewinn) sich in ihrer
Lebenszufriedenheit nicht mehr wesentlich unterscheiden. Mit anderen
Worten: ein Lottogewinn macht nicht glücklich, ein schwerer Unfall
mit Lebensbehinderung macht nicht unglücklich. Der Mensch ist sehr
flexibel, sein Schicksal zu bewerten. Und er kann sich in einer relativ
kurzen Zeit an einen Zustand gewöhnen, und ihn als normal empfinden.
Jede Abweichung davon ist dann erst ein Glücks- oder ein
Unglücksmoment.

Und es gibt doch dieses hübsche Gedicht von Theodor Storm, wenn
ich mich nicht irre, welches als Gebet gestaltet ist, wo er Gott bittet
"ihn mit Freuden und mit Leiden nicht zu überschütten ... sondern in
der Mitten liegt holdes Bescheiden". Hat mir in meiner Jugend immer
imponiert, dieser Wunsch nach einem bescheidenen Durchschnitt.
Später habe ich diese Einstellung als Quintessenz bürgerlicher
Lebensphilosophie genommen. Ich glaube wirklich, dass darin eine
tiefe Lebenserkenntnis der europäischen Kultur liegt. Und ich glaube
nicht, dass S auch so denken würde. Ich glaube, dass die persische
Oberschicht wirklich denkt, oder immer gedacht hat, dass sie das
Recht auf ein Maximum an Glück hätten. Es gelingt zwar nicht,
aber das Recht ist unbestritten. Nun ja, sie führen ihre Verhandlungen
ja auch nicht mit dem lieben Gott, sondern mit Allah. Und sie haben
es nicht mit der Erbsünde zu tun, die uns Europäern alle am Rücken
klebt. Sie haben wirklich keinen Grund, Schuldgefühle mit sich
herumzutragen. Und damit sind sie uns in Sachen Lebensglück doch
einen Schritt voraus. Und dies alles bloss, weil damals diese Eva
einen Apfel angebissen hatte. Ich stelle mir diesen Paradiesapfel
überigens als Granatapfel vor, also diese merkwürdige Frucht,
die es im Iran gibt, mit vielen kleinen Beeren im Innern. Hier bei
uns gibt es davon einen Sirup. Und als Gymnasiasten haben wir
oft ein Bier grénadine bestellt, ein rot leuchtendes Bier, das ziemlich
süss war, und welches den Alkohol praktisch verdoppelte.

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