Samstag, 12. August 2017
Je t'aime, mon amour
den 19 augusti 17:41
Je t'aime, mon amour
et tu m'as sauvé la soirée avec ta belle lettre. Donc, tu es devenu voleur à cause de moi :-)??? Tu me fais vraiment rire.
Maintenant je vais tout de suite aller dans mon "Napster" pour voir si je peux trouver une chanson avec elle à l'internet.
Puisque tu m'as fait attendre ta réponse, moi aussi je me suis mis à relire les messages au Swisstalk. Et alors j'ai enfin compris que
NOUS NOUS AIMONS tous les deux.
Je suis heureuse que tu existes dans ma vie.
Laisse moi t'embrasser
Marlena
Demain je t'érirai de nouveau.
Je te souhaite une bonne soirée à toi aussi. :-)
Re: Bonjour bonheur.. :-)
Morgenfrische
Subject: Re: Bonjour bonheur.. :-)
Date: Sat, 19 Aug 11:56
Liebe Marlena
Ach endlich wieder einmal ein Mail mit ein bisschen "Fleisch am Knochen", so würde man hier sagen. So bist Du für mich präsent, wenn auch noch ein bisschen nüchtern. Immerhin.
Bitte, Marlena, ich war bestimmt nicht böse, im letzten Mail. Ich war vielleicht ungeduldig (du kennst ja wohl meine Schwäche) und aus der Ungeduld leicht provozierend. Auf jeden Fall musstest Du Etliches richtigstellen, nicht wahr.
Weißt Du, Marlena, ich kann es schwer ertragen, wenn ich höre oder ahne, dass es Dir nicht gut geht. Es ist irgendwie unerträglich, und wenn ich zudem nicht weiss, was es ist, dann kann ich es kaum ausstehen. Das ist eigentlich alles. So einfach ist es. Es ist doch gar nicht kompliziert.
Und was ich versuche, ist eigentlich nur, unsere Mausfreundschaft ein bisschen intensiver zu machen. Es ist doch nicht so kompliziert, was ich möchte. Aber Du hast Kopfschmerzen, bist müde, traurig und weinst über meinen Briefen nach 6 Wochen Ferien und Unterbruch. Ich verstehe das alles nicht so gut.
Aber Schatz, ich möchte nicht gerne Probleme aufwerfen und unangenehm sein. Am liebsten würde ich nur unsere Mails geniessen, die hin und her flitzen, und ich würde mich freuen zu hören, was Du erlebt hast und wie du froh und glücklich bist, und manchmal ja wohl auch unglücklich, wie es zum Leben gehört.
Und wenn Du sagst, es sind eigentlich Freudentränen, die Dir kommen, dann bin ich ja schon sehr erleichtert und würde sie Dir gerne von den Wangen küssen. So hatte ich es bestimmt nicht verstanden, denn gleich daneben hast Du von einer Traurigkeit gesprochen. Diese anderen Tränen kann ich schon verstehen. ---
*
Und dann ist da deine Theorie über die Wörter, von denen man nicht zuviel halten sollte, und von den Männern, die mit Worten (und wohl auch mit Taten) wie wild konstruieren. Na ja, meine Liebste, ich hoffe, dass ich Dich recht verstehe.
Ich glaube schon zu verstehen, was Du meinst. Man sagt, das seien alles nur Worte, und Worte sind wie Rauch und so weiter. Aber in den Taten ist manchmal auch viel Rauch, und in den Gefühlen nicht weniger, das kann ich Dir aus meiner Arbeit verraten.
Aber wir beide sind doch gerade ein starker Gegenbeweis. Bei uns waren die Worte zuerst, dh. Gedanken, platonische Zärtlichkeiten, Beschreibungen, Liebesgedichte und vieles dazu. Und daran haben sich dann unsere Gefühle geknüpft.
Wir haben doch wirklich nur die Worte. Was wir machen, ist doch ein verbales Kunststück in Reinkultur.
Du sagst selbst, alles spielt sich in unserem Innern ab (die Vergangenheit, wie sie Walser definiert hat, psychologisch eigentlich). Finde ich auch. Und wenn es wieder aus uns rauskommt, hat es zu 80% die Form von Worten. Es mit den Mitmenschen zu teilen, gelingt fast nur in Form von Worten, dh. sprachlich.
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Nun ja, ich habe neben Deinen Worten noch zwei schöne Postkarten. Sie stehen beide auf meinem Bücherbrett. Die zwei Elche geniesse ich auch wirklich oft. Es gibt mir den Eindruck der Morgenfrische, wenn die Welt noch kühl und unverbraucht ist. Und dann die zarten Gesten dieser zwei doch ziemlich massigen Tiere. Das gefällt mir sehr. Und es gefällt mir auch, weil diese Tiere wirklich aus Deiner Heimat kommen und nirgendwo anders her.
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Ach, ich bin ein bisschen unglücklich über unsere Diskussion. Wenn Du mit deiner Reserve gegenüber Worten meinst, man soll sich nicht in Argumentiererei und wilden Diskussionen versteigen, dann hast Du bestimmt Recht. Ich merke schon, dass ich da hineingeraten könnte, und gleichzeitig möchte ich es meiden.
Aber ich möchte doch, dass Du glücklich bist, mindestens sehr zufrieden. Ich möchte, dass wir uns gegenseitig inspirieren mit unseren Mails. Und ich möchte, dass unsere Mausfreundschaft intensiv ist, so dass sie nicht vertrocknet.
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Ich erzähle Dir zum Schluss etwas Lustiges, oder Schlimmes vielmehr. Ich habe eine neue CD, von Patricia Kaas. Kennst Du sie? Bestimmt kennst Du sie. Sie singt sehr temperamentvoll, die Kaas. Ich brauchte wieder mal etwas Französisches, als Erinnerung an meine Schwedische Liebe. Nachdem mir das Buch mit den französischen Sprichwörtern abhanden gekommen ist auf dem Flug von Teheran nach Zürich. Und das Schlimme? Ich habe die CD geklaut. Schlimm, nicht wahr, in meinem Alter geradezu pervers!! Ich werde bei Gelegenheit einem armen Schlucker die paar Franken schenken, die sie gekostet hätte. Es soll nicht wieder vorkommen.
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Und jetzt, meine liebe Marlena, lass Dich umarmen. Ich danke Dir für dein langes Samstagmorgenmail. Hier spüre ich Dich wieder. So machst Du mir leicht, Dir zu schreiben. So möchte ich Dich in meiner Nähe haben.
Ich grüsse Dich und Deine Lieben und ich wünsche Euch ein schönes Wochenende
KKK
...
Freitag, 11. August 2017
Bonjour bonheur.. :-)
Subject : Bonjour bonheur.. :-)
Date : Sat, 19 Aug 10:18
Lieber ...,
Es ist früh am Morgen und alle schlafen noch. Du weisst wie ich diese Morgenstunden liebe wenn die Welt um mich herum ganz still ist.
Vor mir auf dem PC-möbel steht auch die Karte mit den zwei Elchen die sich so lieb begrüssen. Es sieht so zärtlich aus und genau so möchte ich es nun auch mit dir tun.
Dein letztes Mail war nicht gerade nett. Ich habe den Eindruck du warst mir ziemlich böse und ich kann wirklich nicht verstehen warum.
Natürlich weine ich nicht wenn ich deine Mails (mit -s) lese. Im Gegenteil. Aber das letzte (das ich beantwortet habe) hat mir die Tränen in die Augen getrieben so wie dir damals im Chat. Ich hatte eine zeitlang das Gefühl du wärest von mir emigriert und nun warst du wieder ganz bei mir. Es waren mehr Tränen vor Freude. Nun, ich werde nicht mehr wegen dir weinen. Ich werde versuchen alles so zu arrangieren dass es mir nicht mehr passiert.
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Das was du über Worte und Gefühle schreibst ist eine interessante Theorie über die ich sicher stundenlange mit dir diskutieren könnte. Am liebsten im Real-life. Denn hier kann es ja keine Diskussion werden sondern eher eine Beschreibung unserer eigenen Auffassung. Du bist ja doch schliesslich ein Expert auf diesem Feld :-)
Das was ich nun schreibe ist mehr als Spass.. Werde mir bitte deshalb nicht böse.
Worte sind wichtig, sagst du immer. Und natürlich sind sie es in grossem Mass hier im Mailen. Es ist das einzige was uns verbindet. Und woher finden wir diese Worte? Warum möchten wir sie gern dem anderen sagen? Weil unser Gefühl uns dazu veranlasst.
Nun, ich messe den Worten nicht so grosse Bedeutung zu. Es könnte etwas darin liegen - kann aber auch wieder ganz anders sein. Auch glaube ich dass Männer und Frauen hier etwas verschieden sind.
Ihr Männer bastelt ein bisschen an der Welt. Wollt dem lieben Gott an seiner Schöpfung helfen. Zerlegt die Welt in kleine Bestandteile - Worte - um sie dann wieder zusammensetzen zu können. Manche, weniger geschickte als du, verlieren vielleicht dabei ein paar Stücke, kriegen es nicht mehr richtig hin weil plötzlich etwas fehlt. Oder weil sie nicht mehr wissen wohin alle Stücke im Puzzel gehören.
Wir Frauen sehen wohl die Welt genauso wie ihr. Wir betrachten sie und freuen uns darüber. Alles ist schön und gut. Es existiert schon. Wir müssen es nicht erst erfinden. Wir beschreiben sie vielleicht - auch mit Worten - aber wir bauen sie nicht.
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Ja, ich hatte etwas Angst du könntest nun woanders sein. Du versteht mich schon. Alle diese Menschen die dir täglich gezeigt haben wohin du gehörst, welches deine Pflichten sind - wo man seine Siesta verbringen soll etc. Es gibt natürlich auch andere Stellen wohin du dich verirrt haben könntest. ;-)
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Nein, ich hatte keinen Gedanken an meinen Brieffreund als ich das Reiseziel wählte. Er existierte eigentlich nur mehr als Namen in meinem Gedächtnis. Aber ich hatte nichts zu tun als Anna im Pool schwamm und so kam mir die Idee nach ihm zu fragen. Ich dachte ein Musiker und Künstler müsste doch auf dieser Insel allen bekannt sein. Ich hatte nicht das Gefühl mit einem Mann Kontakt aufzunehmen, sondern eher mit meiner eigenen Vergangenheit.
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Ja, ich wollte mal Sängerin werden. Eigentlich war es nicht meine Idee. Es waren immer andere die mir sagten ich müsste das tun. (---)
Aber weisst du, ehrlich gesagt, ich kann nicht gut singen. Und wenn ich gesagt habe ich hätte eine Stimme wie Lys Assia dann ist das auch falsch. Ich kann sie ziemlich gut imitieren, aber es ist nicht meine eigene Stimme.
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Die erste Woche ist also vorüber und ich (auch meine anderen Kollegen) waren so ziemlich kaputt gestern. Auch habe ich mir noch Arbeit mit nach Hause gebracht. Dringende Bücherbestellungen und dergleichen. Die kleine aus Canada ist nicht mehr an unserer Schule. An ihrem Platz in unserem Zimmer (neben dem etwas düsteren G) sitzt nun ein Amerikaner der bei uns Englisch gibt. Er ist ein sympatischer Mensch scheint es mir, immer freundlich und hilfsbereit. A. hat mich begrüsst, wie du es getan hättest, mit einer grossen Umarmung. Er ist wirklich ein aufrichtiger Freund von mir. Und es ist schön einen Menschen um sich zu haben von dem man weiss, dass er dieselbe Einstellung in beruflichen Dingen hat wie man selbst. (Die meisten haben sie aber man trifft sie selten, nur beim Freitagskaffee).
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Heute Abend werden wir nochmals an einem Krebsfest teilnehmen. Diesmal sind wir von unseren Nachbarn eingeladen. Das ist bequem.. man hat nicht weit nach Hause.. ;-)
Ich werde dir später wenn ich mehr Zeit habe mehr davon erzählen wie man es feiert.
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Ach ja, noch etwas. Ich fühle mich absolut nicht als Sklave d.h. in meinem Privatleben. Wenn ich was backe für meine Gäste dann ist es mir eine Freude dies zu tun, denn ich liebe es meine Gäste zu verwöhnen. Auch Anna ist froh wenn ich es tue und möchte gern mithelfen. Diese ”Jimmys Träume”, wie sie heissen sind so dass sie immer zwischen den Zähnen steckenbleiben. Deswegen vermute ich dass das Rezept von einem Zahnarzt stammt der sich neue Kunden verschaffen will ;-)
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Ich will mich nicht beklagen über mein Schicksal. Meisten bin ich ein glücklicher Mensch. Alle tragen ihre heimliche Last, oft staunen wir wenn wir später darüber erfahren. Es gibt schwere Dinge in meinem Leben und du weisst davon. Aber sie sind ein Teil von mir geworden.
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Gestern hast du mich im Chat gesehen als ich in der Mailbox nach etwas von dir suchte. Leider wusste ich nicht dass du dort warst (wieder gleichzeitig :-) Es hätte mich sehr gefreut ein paar Worte mit dir wechseln zu können.
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Muss nun dies abschicken damit du es bekommst bevor du dein Büro verlässt.
Schreibe mir bitte bald wieder
G+K
Marlena
Donnerstag, 10. August 2017
Nur ein Tropfen ...
Nur ein Tropfen..
den 18 augusti
..., mein Liebling,
Es tut mir leid dass ich heute nicht genug Zeit habe für ein langes Mail. Seit ich deinen letzten Brief erhalten habe bist du dauernd in meinen Gedanken.
---
Du verstehst immer genau was ich meine, auch wenn ich es nur andeute. Und dass ich in letzter Zeit etwas traurig gewesen bin, hast du auch gemerkt obwohl ich versucht habe es zu verbergen. Ich weiss nicht einmal richtig selbst warum es so ist und so ist es nicht leicht etwas dagegen zu tun.
Aber das Leben hat auch seine schönen Augenblicke. Heute fühlte ich sie so stark. Die Freude, mit jungen Menschen arbeiten dürfen. Es ist wirklich ein Privilegium.
*
Nein, ich würde nie eine Reise von dir annehmen. Das weisst du doch. Wenn ich fahre dann ist es um Rom zu sehen und am schönsten wäre wenn du auch dort wärest und ich es mit dir sehen könnte. An andere Dinge wage ich nicht zu denken. Ich weiss, dass ich diese Stadt einmal sehen muss. Ich habe mein Leben lang davon geträumt. Ob ich es einrichten kann dort gleichzeitig mit dir zu sein ist eine andere Frage denn es gibt viele Hindernisse. Ich weiss nur, dass ich es wahrscheinlich nicht allein tun kann. Aber lass uns beide erst den Iran schmelzen, wie du gesagt hast. Ich bin auch noch nicht fertig damit. ;-)
*
Ich möchte noch viel mehr schreiben. Aber ich habe ein Schlafdefizit und muss versuchen ins Bett zu kommen. Werde dir sicher schon morgen einen längeren Brief schreiben. Wie könnte ich es seinlassen :-)
Ich sehnsuche dich wie immer, mein geliebter Mausfreund.
Lass bald wieder von dir hören,
Deine Marlena
PS Trinken wir unseren Morgenkaffee zusammen? Ich bring dir was Süsses mit. :-)
Mittwoch, 9. August 2017
Maman bozorg !
Subject: Maman bozorg !
Date: Thu, 17 Aug
Liebe Marlena
Du bist so hart realistisch. Ich hatte ja keine Ahnung, dass ich dir Brasilien ausgeredet habe. Nun ja, es gibt darin zwei Momente. Einerseits fand ich es fein und verbindend, dass du manchmal auch von einem fernen Ort träumst, wo alles anders sein könnte. Es ist eine Art profanes Paradies, ein nicht in jeder Beziehung realistischer Wunsch, eine Art Utopie. Deine Vorstellung, die du einmal erwähnt hattest, war mir wirklich sehr willkommen. Sie gab mir doch das Gefühl, dass ich nicht der einzige Spinner sei auf dieser Welt.
Und andererseits sind es genau die Gründe, die du sagst. Wenn man ein gewisses Alter erreicht hat, ist man nicht mehr so flexibel, und man hängt an gewissen Dingen, die es dann dort eben nicht mehr gibt. Und man vermisst den Hausarzt und den guten Kaffee und die herbstlichen Bummel durch die Stadt und natürlich die Freunde. Ich glaube auch, dass keine Freundschaften mehr so tief gehen wie jene, die man in der Jugend gemacht hatte
*.
Es ist süss, was du über die Maman bozorg gesagt hast, dh. wie du das sagst. Du siehst das ziemlich exakt und scharfsinnig, wie ich denke. Ich habe gerade gestern mit den Sekretärinnen über solche Aspekte diskutiert. Und dabei ist mir aufgegangen, warum die Tatsache, dass Eltern für den Sohn eine Frau suchen, dort irgendwie fast nahtlos ins kulturelle Schema passt. Wenn man sich vorstellt, dass die Tochter ihre eigene Familie verlassen muss und in jene ihres Mannes zieht, dann ist klar: sie kommt direkt unter die Fuchtel eben dieser maman bozorg. Wir waren in Sidjan, in jenem Dorf im Elburz, wo Howeisy wohnt. Es war Freitagnachmittag und die Leute hatten ihre spärliche Freizeit. Unten an der Strasse standen die Männer beisammen, einzelne in Gruppen, ein paar Alte eher isoliert, einzelne ganz allein, irgend auf einem Steinhaufen oder so. Und oben im Dorf sassen die Frauen, junge und alte. Das bedeutet, dass auch in der freien Zeit die Banden innerhalb der Geschlechter fast stärker sind als diejenigen zwischen Mann und Frau.
Das heisst eigentlich, die maman bozorg (also eigentlich die Schwiegermutter) ist für die junge Frau die wichtigste Bezugsperson, wichtiger als ihre Ehe und ihr Mann. Sie muss sich der Schwiegermutter unterordnen, muss sich mit ihr arrangieren, muss ihr den Tee servieren und ihr beim Essen den Vortritt lassen. Darum sucht sich eine konservative persische Mutter in erster Linie eine Schwiegertochter für den eigenen Haushalt, und dann auch noch eine Frau für ihren Sohn. So kann man es doch verstehen, diese merkwürdige Institution der vermittelten Heirat. Und das ist natürlich alles weit entfernt von der romantischen Liebe, die wir hier in Europa hochhalten.
In meiner kleinen Arbeit über die moderne Familie habe ich herusgefunden, dass sich die Kleinfamilie tendentiell im Nordwesten Europas herausentwickelt hat. Bedingungen dazu waren relativ späteres Heiratsalter der Frau, was dann konsequenterweise zur geringeren Kinderzahl führt (das Heiratsalter der Frau ist geschichtlich die Geburtenkontrolle, nach Epidemien und grosser Sterbilichkeit ist das Heiratsalter jeweils gesunken), relativ geringer Altersunterschied der Ehepartner, Gründung eines eigenen Hausstandes zusammen mit ökonomisch relativ gesicherter Stellung des neuverheirateten Paares. Das sind Bedingungen der Individualisierung, der Kleinfamilie und in gewissem Sinne auch schon der Emanzipation der Frau. Im Osten Europas gab es in der Neuzeit immer die Grossfamilie, der Familienclan, den grossen Altersunterschied der Ehepartner, und die Integration des neuvermählten Paares in den Clan. Das hing zusammen mit der oekonomischen Situation. In den feudalistischen Verhältnissen musste der Grossgrundbesitzer die Ehe bewilligen. Und er war daran interessiert, dass die Familien gross waren, denn sie erhöhten die Produktivität seines Arbeitspotentiales.
Es berührt mich, meine liebste Marlena, wie du dich mit diesen persischen Verhältnissen beschäftigt hast. Du hast auch ein Buch erwähnt, das ich auch im Sinn habe, einmal zu lesen. Ich möchte auch nicht so naiv sein zu behaupten, die persische Lebensart sei besser als die europäische oder die schweizerische oder was immer. Das nun überhaupt nicht. Ich möchte einfach irgendwie verstehen oder sehen, wie es dort läuft. Und es ist faszinierend, wie es so läuft. Aber ich weiss schon, dass es tausend Dinge gibt in Persien, ob derer wir uns tödlich aufregen könnten. Ich kann Dir ein Müsterchen erzählen, das absolut haarsträubend ist.
Wir waren in Isfahan. Und dort haben wir wieder die Familie Sp besucht, jenen sympatischen älteren Teppichhändler, der ein Freund der Familie von S ist. Er ist wirklich köstlich, wie er spricht, hat viel Humor (und trägt lange Unterhosen auch sommers, wie ich nebenbei und zufällig sehen konnte;--)). Sein Sohn möchte gerne einmal Europa besuchen. Nun hat er von seinem Cousin, der in Frankreich wohnt, eine Einladung erhalten. Doch die Behörden haben ihm ein Visum verweigert, weil er nicht vrheiratet sei. Offenbar haben die Franzosen Angst, dass er nicht nach dem Iran zurückkehren würde). S und ich konnten dies nicht glauben und sagten, dass es doch eine Möglichkeit geben sollte. Er entschloss sich in der Folge, 8 Stunden mit der Bahn nach Teheran zu fahren um in der französischen Botschaft vorzusprechen. Er nahm den Nachtzug, kam um etwa 5 Uhr in Teheran an, nahm ein Taxi zur Botschaft und stellte sich dort in die Warteschlange. Die Botschaft öffnete erst um 0900h. Und er war an 37. Stelle, dh. er konnte damit rechnen, 6 bis 8 Stunden zu warten, bis er vorgelassen würde. S erklärte sich bereit, ihn zu begleiten. Ich glaube, sie fuhr etwa 2 mal dorthin, bis es endlich soweit war. Und dann schliesslich kam sie mit Tränen in den Augen zurück und erzählte, dass man sie nicht mal vorgelassen hätte. Man sagte, das Gesuch sei abgelehnt und es werde darüber nicht diskutiert. Man gab auch keine Gründe für die Ablehnung an. S war ausser sich. Sie hatte verlangt, direkt mit dem Botschafter zu sprechen. Ich bin sicher, sie hat alle ihre Waffen eigesetzt. Und sie hat etliche. Sie war wirklich aufgebracht und der Meinung, man könne doch Menschen nicht wie Tiere behandeln. So fuhr Ahmed (oder wie er heisst, ich weiss es nicht mehr) unverrichteter Dinge wieder zurück nach Isfahan.
Nun kann man sagen, das seien eigentlich die Franzosen, und nicht die Perser gewesen. Aber ich bin überzeugt, die Franzosen können sich sowas nur im persischen Milieu erlauben. In Europa wäre es unmöglich (obwohl man sich ja über die Franzosen und ihren harten Zentralismus schon ab und zu wundern kann). Der Umgang mit Behörden in Persien ist zeitraubend und frustrierend. Ach, es gibt viele Dinge, die für uns Europäer absolut ärgerlich sind. Du hast sicherlich noch einige in Mahmoodys Buch kennengelernt.
Weißt du Marlena, meine Fantasie ist auch eher wolkig ungenau. Aber irgendwie könnte ich mir bloss ein Pendeln zwischen Basel und Teheran vorstellen. Dann würde ich von beiden Kulturen jeweils das Positive herauspicken. Es ist wirklich wie Du sagst, eine süsse Fantasie, die den harten Granit des schweizerischen Alltags ein bisschen vergessen lässt.
*
Deine Geschichte mit dem Musiker aus der Gegend von Sorennt finde ich absolut romantisch. Und ich wusste gar nicht, dass du mal geträumt hast, Sängerin zu werden. Warum bist du es nicht geworden? Hast du Versuche zu einer solchen Laufbahn unternommen? Bereust du es, es nicht geworden zu sein? Ich weiss wohl, dass du eine Stimme hast wie unsere Tessinerin (wie hiess sie schon, mein Vater erwähnt sie immer; sie war wohl ein Star zu seiner Zeit; ach ja Lis Assia). Und ich würde dich fürs Leben gerne singen hören. Aber dass du wirklich davon geträumt hast, das wusste ich nicht. Wenn wir uns mal telefonieren, singst du mir ein paar Takte, nicht wahr?
Das finde ich schön, dass Du diesem alten Brieffreund nachgegangen bist. Vielleicht hat schon die Wahl eures Ferienortes einen Zusammenhang damit?? Sowas hätte ich auch getan. Es ist wirklich aufregend und kitzelig, jenen Menschen nachzugehen, die mal wichtig waren im eigenen Leben. Und es ist auch sehr rücksichtsvoll von Dir, mir zu sagen, dass du nie verliebt gewesen bist. ;---). Du bist ein Schatz.
*
Ach mein Liebes, du hast schon wiederholt Kopfweh angedeutet. Hast du das oft? Und bei dieser Gelegenheit kommt mir in den Sinn, dass vor den Ferien noch ein Arztbericht ausstehend war. Findest du es sehr indiskret, wenn ich dich frage, wie es dir geht? Als dein Mausfreund sollte ich es doch wissen dürfen! Es gäbe natürlich etliche gute Gründe, nicht darüber zu reden. Aber ich, mit meinen psychologischen Doktrien, bin der Meinung, reden sei besser. Es entlastet ein bisschen die Seele. Es verteilt die Sorgen ein wenig. Man kann sich etwas von den Sorgen distanzieren, indem man sie formuliert. Ich habe so ein vages Gefühl, dass du im Moment Sorgen hast.
Ich weiss, mein Schatz, dass du für mich nur positiv sein möchtest. Das bist du ja auch. Die Dinge, die mich gelegentlich etwas traurig machen, sind jene, die du auch nicht beeinflussen kannst. Das wollte ich damit sagen. Du musst nicht denken, es liege in deiner Hand, oder es sei gar deine Schuld. So sehe ich das ganz und gar nicht an.
*
Es hat mich sehr gefreut zu hören, dass du in deiner Ferienlektüre auch Rom hattest. Bei mir ist es so, dass ich im Moment noch ein bisschen persische Erlebnisse verarbeiten muss. Und dann werde ich mich auf Rom stürzen, wie ich es dir gesagt hatte. Ich habe zwar etwas Hemmungen, mit dir darüber zu sprechen. Aber ich hoffe immer noch sehr, du weißt schon was und wie. Und ich bereite S schon heute darauf vor.
Weißt du, es ist nicht so, dass ich gar keine Schuldgefühle hätte ihr gegenüber. Aber ich brauche wirklich eine Distanz. Wenn ich Dich jetzt einladen müsste und dir alles bezahlte, dann hätte ich Schuldgefühle. Aber so sage ich mir: ich möchte wirklich Rom intensiv erforschen. Es interessiert mich im Moment mehr als NY oder Peking oder weiss was. Und wenn ich das mit einer lieben Person tun kann, die sich auch für Rom interessiert, was gäbe es Schöneres und Inspirierendes? Es ist für mich mehr ein Romabenteuer als ein Liebesabenteuer. Vielleicht bin ich etwas naiv, aber so schaue ich es im Moment an.
Und Hemmungen habe ich, mit dir darüber zu reden, weil du sagst, es sei dir unmöglich. Ich glaube es Dir eben nicht ganz, aber vielleicht tue ich Dir unrecht. Und ich möchte Dich nicht quälen. That's it!
Roma locuta causa finita oder so ähnlich heisst es doch.
*
Ich wünsch dir, dass sich dein Kopfweh in Wohlgefallen aufgelöst hat und dass du bester Dinge bist. Vielleicht war es der Vollmond, wie mir gerade auffällt. Schreib mir, meine Liebe, soviel du kannst. Ich bin immer noch wie ein kamelartiges Wüstentier. Und dazu umarme ich Dich innig.
KKSS
...
Re: Europa ja oder nein ?
Subject : Re: Europa ja oder nein ?
Ach ...,
meine Fantasie ist vielleicht im Augenblick ein bisschen wild, aber durch meine Lektüre glaube ich zu wissen wie so eine "maman Bozorg" ihre Familie lenkt. Und wenn sie merkt dass irgendetwas nicht so 100 % in Ordnung ist (oder nach ihrem Kopf geht) dann greift sie ein und versucht alles zurechtzulegen. Und warum sollte sie es nicht tun. Ich beneide das Los älterer Frauen in solchen Kulturen. Hier in Schweden wollen viele Menschen gar nichts mehr von ihren alten Eltern wissen und diese sitzen verlassen in ihren Wohnungen oder Altersheimen. Es kommt nicht so selten vor dass sie auch sterben ohne dass jemand was merkt bevor es unter der Tür hervorstinkt. (hoffentlich bist du nicht gerade beim Essen ;-)
Ja, alle Kulturen haben ihre schwarzen Flecke.
Das mit dem umziehen in ein anders Milieu wenn man älter wird hat so seine Seiten. Ich kenne Leute die nach beendetem Berufsleben "nach Hause" ziehen wollten. Also dorthin wo sie mal aufgewachsen waren. Sie kommen dann meistens schnell wieder zurück denn sie finden nicht mehr das soziale Netz von früher und kommen sich fremd vor. Vielleicht könnte das nicht dir im Iran passieren. Vielleicht fühlt man sich dort auch als fremder zu Hause.
Brasilien hast du mir also ausgeredet ;-) Du hast recht. Ich habe nur an die sonnigen Seiten gedacht und fast vergessen dass es viele Dinge dort gibt die man sicher schwer akzeptieren könnte.
Nun, ein Traumziel muss ich haben um es hier auszuhalten. Und es gibt andere Stellen, leider nicht so billige, wo ich mir durchaus ein angenehmes Leben vorstellen könnte. Als ich in Anacapri war erinnerte ich mich an einen Brieffreund den ich dort hatte als ich 17 Jahre alt war. Während Anna im eleganten Pool von Hotel San Michele (wir assen dort lunch), herumplätscherte, ging ich an die Bar und fragte den Bartender ob er diesen Mann kannte und etwas über ihn wüsste. Und sieh da, hinter ihm stand ein Mann der sogar mit ihm befreundet war. Ich bat ihn einen schönen Gruss von seiner "schwedischen Brieffreundin" auszurichten und bekam auch seine Adresse. Sein Lächeln verriet dass er dachte: Von wegen Brieffreund. ;-) Bevor ich nach Hause fuhr schrieb ich von Sorrento einen Gruss auf einer Karte.
In Norrland oben erhielt ich dann einen lieben Brief wo er sogar mit PC ein Bild hineinkopiiert hatte das ich ihm mal aus Paris geschickt hatte. Er konnte sich noch gut erinnern "though my memory and my body has become old" wie er schrieb.
Damals träumte ich doch noch davon Sängerin zu werden und er war Pianist und hatte ein eigenes kleines Orchester und schickte mir manchmal Tonbandaufnahmen. Es ist schon über 25 Jahre her und es ist komisch wie Leute die wir in so jungen Jahren kennenlernen im Gedächtnis hängen bleiben. (Nein, ich war nie das geringste in ihn verliebt. ;-)
Nun kenne ich also plötzlich jemanden auf dieser wunderschönen Insel. Er ist übrigens verheiratet und hat einen 13-jährigen Sohn. Er hat sein Leben als Musiker aber auch als Künstler verdient und öfters Ausstellungen gehabt. Ausserdem hatte er früher mit seinem Bruder Geschäfte wie es sich natürlich in einem solchen Touristort gehört.
*
Die Beeren, Schatz, sind keine Maulbeeren sondern Multbeeren. Schau doch mal in ein Lexikon. Es gibt sie sogar sparsam hier in der Umgebung von Stockholm aber das ist fast etwas exklusiv denn eigentlich gehören sie in den hohen Norden. Ich werde dir doch eine kleine Kostprobe senden. Nur so in einem Brief in etwas Plastik verpackt, damit du mal probieren kannst. Ich muss dir schon vorher sagen. Es gibt einige Leute die den Geschmack nicht so sehr mögen dafür findet die Mehrzahl dass es kaum etwas köstlicheres gibt.
*
Heute hatte ich eigentlich einen harten Tag. Zwei neue Klassen habe ich unterrichtet und das bei riesigen Kopfschmerzen. Hoffentlich hat man es mir nicht zu sehr angesehen.
Darum bin ich doppelt froh dass ich den Tag hinter mir habe. Da ich nun eine Klasse einer Kollegin überlassen konnte die zu wenig Stunden hatte so habe ich "nur mehr" drei neue und sechs alte Klassen (zwei davon sind Abiturientenklassen.)
Manchmal treffe ich zufällig Schüler aus der Klasse mit der ich in Prag war und es ist rührend wie sie sich irgendwie verlassen fühlen. Sie können es nicht fassen dass sie nun nicht mehr in die Schule gehen müssen. Einige studieren schon an Hochschulen und andere werden sich erst ein Jahr in der Welt umsehen. Amerika, Irland u.s.w. Anna hat heute auch ihr vorletztes Jahr begonnen. Sie lernt nun C++ (eine Programmiersprache) als freies Wahlfach. Für mich ist das wie Chinesisch.. ;-))
*
So, mon amour, ich sende dir dies nun schnell damit du es noch vor dem Nachhausegehen bekommst.
Mit vielen K und grossem S
Marlena
Dienstag, 8. August 2017
Europa ja oder nein
Subject: Europa ja oder nein ?
16. 8
Liebste Marlena
Ach ich weiss schon ungefähr, wie es Dir geht. Nach den langen Ferien braucht man Zeit, bis man wieder so organisiert ist wie vor den Ferien, und bis man wieder diesen eher speditiven Stil hat, den es einfach braucht, um den Kopf über Wasser zu behalten. Und auch einige Klassen werden wohl neu sein, und brauchen dann etwas mehr Aufmerksamkeit und Betreuung, bis wirklich alles rund läuft und auch der Hinterste weiss, wie er sich zu geben hat.
Es sind die Verhältnisse, die mich ein bisschen von Europa weglocken. Ich glaube nicht, dass Europa gefährlich ist. Du hast ja vor den Ferien eher den Iran als gefährlich tituliert. Ich bin auch eigentlich sehr gerne in Europa (oder müsste ich sagen, in der Schweiz). S findet immer, die Schweizer seien echte Chauvinisten und würden sich in anderen Ländern ziemlich umständlich anstellen. Eigentlich könnten sie wirklich nur in der Schweiz leben und seien erst glücklich, wenn sie nach einem Auslandaufenthalt wieder die Schweizer Grenze überschritten hätten.
Nein, ich bin auch ein wenig stolz auf unser Europa. Wir haben wirklich weltweit einmalige politische Verhältnisse und eine kulturelle Vielfalt, die es sonst nirgendwo gibt. Auf jeden Fall nicht kombiniert mit diesem Wohlstand. Das ist m.E. die Qualität, die wir den Amerikanern weit voraus haben. Wir schätzen doch die einzelnen nationalen Charaktere mit ihren Eigenheiten, ihren Landschaften, ihren Lebensarten. Es ist doch beispielsweise wunderbar, von Dir über schwedische Feste und Bräuche zu hören, die wir hier in der Mitte Europas gar nicht kennen. Ihr Schweden seid anders als wir, aber doch wieder nicht so anders, dass ihr uns völlig fremd sein würdet. Und mit den Spaniern, Griechen oder Oesterreichern ist es ähnlich. Die Amerikaner essen einfach auf ihrem gesamten Kontinent dieselben Hamburger und ähnliche Junk-Food.
Mit anderen Worten, ich würde ziemlich viel Heimweh haben nach Europa, wenn ich weggehen würde. Und gerade wenn man älter wird, dann hat man wohl so seine Gewohnheiten und Eigenarten, die man nicht gerne aufgibt.
Es ist lustig, wie du auf den Gedanken reagiert hast, ich könnte nach Persien auswandern. Du hast ebenso reagiert, wie ich damals fühlte, als du von Brasilien erzählt hast, und wie es dort Möglichkeiten gäbe, mit der schwedischen Rente auszukommen in einem wunderbar milden Klima. Ich hatte mir damals gedacht: nein Marlena, kannst du doch nicht tun, und mich hier in Europa zurücklassen! Brasilien ist ja unendlich weit weg! Aber internetmässig ist das falsch gedacht. Im Internet ist jeder Punkt auf der Welt gleich weit vom anderen entfernt. Es spielt keine Rolle, ob ich mit einer Person auf dem Nordpol oder einer im Nachbardorf maile. Es ist im Grunde absolut dasselbe. Und als ihr nach Sorrent in die Ferien geflogen seid, hatte ich das Gefühl, ihr geht weg, während ihr in Wirklichkeit in die Nähe kamt. Unsere Vorstellungen sind den Internet-Verhältnissen noch nicht wirklich adaptiert.
Nein, ich hatte im Iran wirklich keine Möglichkeit, an einen PC heranzukommen. Einmal waren wir bei einem Verwandten zu Besuch, der als Biologe in der Forschung arbeitet. Er hat sich auf Pilzkrankheiten bei Reis spezialisiert. Vielleicht weißt du, dass im Iran auch Reis angebaut wird. Nicht soviel, dass sich das Land selbst damit ernähren könnte. Das nicht. Aber es gibt im Norden Persiens doch grosse Flächen mit Reisanbau. Und auch in der Nähe Isfahans habe ich - erstaunlicherweise - Reisfelder gesehen, obwohl es dort unten recht trocken ist. Der Sohn dieses Verwandten hat sich sehr mit Computern beschäftigt und auch damit gehandelt. Und er wollte uns zeigen, wie leicht man in Iran ins Internet gehen kann. Doch als er es versuchte, ist er nicht wirklich hineingekommen. Und wäre er noch hineingekommen, ich hätte nicht gewagt, mein Inbox zu öffnen, um all den Umstehenden zu zeigen, wie viele Marlenas es denn auf der Welt gibt. Einmal habe ich in der Zeitung eine Annonce eines Internet-Cafès gesehen und ausgeschnitten. Aber es gab dann doch nie eine Gelegenheit, dort vorbeizugehen. Weißt du Marlena, Teheran ist sehr gross. Wenn man irgendwo hin will, muss man sich eines dieser Taxis rufen, die immer möglichst viele Leute mitnehmen. Das heisst, man muss sich in der Stadt recht gut auskennen, und man muss sich mit dem Taxichauffeur verständigen können, wohin man will und wieviel er dafür verlangt. Nun ja, für einen guten Preis würde er dich auch an einen bestimmten Ort bringen. Aber man muss es ihm deutlich und klar sagen können. Und dazu war ich nun mal nicht in der Lage. Und ich wollte auch nicht gerade, dass S daneben steht, wenn ich mich an mein Mail-Box heranschleiche. So habe ich mich ganz und gar auf meine Gedanken und meine Fantasien konzentriert und allein in diesem Medium mit dir kommuniziert. Hast du das denn nicht gemerkt? Hat es dich nicht gelegentlich an der Nase gekitzelt? Wirklich nicht? Doch jetzt sind wir wieder on-line und in Kontakt. Das ist schön.
*
Ich hoffe, die Zeit wird kommen, da du wieder ein bisschen mehr Zeit haben wirst. Lass dich nicht schon anfangs Schuljahr ins Boxhorn jagen und in den Zeitdruck treiben, liebe Marlena. Deshalb will ich nicht drängen. Wir nehmen es gelassen, denn wir werden doch, langsam aber sicher, immer weiser und weiser. So hoffe ich wenigstens.
Ich küsse Dich, meine Liebe
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