Freitag, 28. Oktober 2016

Voilà! Ein Gespräch mit ...


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Diesen Artikel aus NZZ Online, sendet Ihnen  ...
mit der Mitteilung:
voilà !
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«Es gibt das Böse um des Bösen willen»

Ein Gespräch mit Lars Gustafsson in Zürich


Als der wohl wichtigste Vertreter der zeitgenössischen
schwedischen Literatur ergründet Lars Gustafsson
seit 50 Jahren schreibend das Dasein. Auf
seiner Suche nach dem Menschen hat der Poet
und Philosoph diese Woche in Zürich Halt
gemacht und der NZZ seinen neuen Roman «Der
Dekan» entschlüsselt.

cav. Lars Gustafsson schafft ein Lebenswerk
in den verschiedensten Bedeutungen des Wortes.
Seine Gedichte, Essays und mittlerweile 17
Romane drehen sich um das Mysterium menschlicher
Existenz im Allgemeinen, den Umgang mit der
eigenen Fragwürdigkeit im Besonderen. Literatur
ist für den 1936 in Mittelschweden geborenen
promovierten Philosophen ein Experimentierfeld
zur Ich-Erkundung. Den Satz: «Ich probiere
Geschichten an wie Kleider» könnten wir uns
aber auch aus einem weiteren Grund als Motto
über Gustafssons Œuvre denken: Für den poeta
doctus, der seit zwei Dezennien an der University
of Texas in Austin Philosophie lehrt, sind
Reminiszenzen an Dante bis Nabokov und eben
Max Frisch Teil seines Spiels mit Biografie.
Tatsächlich lässt Gustafsson den Ich-Erzähler
Spencer Spencer am Schluss seines neusten
Romans, «Der Dekan», sagen: «Ich bin nicht
Spencer Spencer.»

Essen mit Frisch und Dürrenmatt

Mit Max Frisch übrigens hat Gustafsson zumal
während seines Aufenthaltes in Berlin in
den Jahren 1973 und 1974 oft und gerne verkehrt.
Bekanntschaft geschlossen hatten die beiden
im Frühjahr 1970, als Gustafssons Dreiakter
«Die nächtliche Huldigung» am Zürcher Schauspielhaus
in deutscher Übersetzung uraufgeführt wurde
und der anwesende Autor «mit Interesse verfolgte,
wie mein nicht-marxistisches Stück einer
marxistischen Interpretation unterzogen»
wurde. Im Interview mit der NZZ erinnert
sich Gustafsson überdies an ein gemeinsames
Nachtessen mit Frisch und Friedrich Dürrenmatt
im Restaurant Florhof. «Dieses Treffen ist
literaturhistorisch gewiss interessant. Ich
glaube, wir sprachen über Fischsaucen.»
Für Gustafssons poetisches Zeichensystem
ebenso wichtig wie der Anklang an andere
ist die Selbstreferenz. Jedes Buch erscheint
ein Stück weit als Kommentar eines Vorgängertextes.
Bei aller Originalität hat sich der Philosophendichter
aber lange mit dem literarischen Zeitgeist
bewegt. Seine frühen Arbeiten orientieren
sich am «nouveau roman», der in den 1970er
Jahren geschaffene Romanzyklus «Die Risse
in der Mauer», der den Autor in Schweden
lagerübergreifend in Misskredit gebracht,
in Deutschland dagegen zum geschätzten Intellektuellen
gemacht hat, steht zumindest vordergründig
im Zeichen der Bekenntnisliteratur. Seit
seiner Übersiedlung in die USA beschreibt
Gustafsson das Rätselwesen Mensch in immer
neuen verschachtelten Realitäten und Fiktionen.
Dabei eröffnet sich gerade in den jüngeren
Texten eine metaphysisch-religionstheoretische
Dimension. Nicht umsonst widmet der Zürcher
Theologiedozent Jan Bauke-Rüegg dem zum Judentum
konvertierten Schriftsteller in einer unlängst
erschienenen Studie ein ausführliches Kapitel.
Grossen Raum nimmt darin Gustafssons Behandlung
des moralisch Bösen im Roman «Die Sache mit
dem Hund» (1994) ein.

Saddam Hussein - personifiziertes Böses

Auch «Der Dekan» handelt vom Bösen: Der Philosophieprofessor
Spencer gerät in den Dunstkreis des Fakultätsvorstehers,
des Vietnamveteranen Paul Chapman, und wird
von diesem ins Unglück geritten (NZZ 24. 8. 04).
Im Gespräch entdeckt uns Lars Gustafsson
die Story als eine Paraphrase auf den «Faust»:
Spencer stehe für den Famulus Wagner, Chapman
sei Faustus. «Ein handfester Mephisto fehlt.
Teuflisch ist dafür die gedankliche Versuchung,
das Leben sei sinnlos. Der Teufel ist die
Nichtigkeit, von der im Roman die Rede ist.»
So handelt es sich beim «Dekan» um eine Kritik
an seiner eigenen, in den 1960er Jahren vertretenen
nihilistischen Tendenz? Gustafsson schmunzelt:
«Ich versuche einige Ideen und Begriffe so
weit in eine Richtung zu drängen, bis man
sieht, woraus sie bestehen.» Im Übrigen ist
er der Überzeugung, dass es «das Böse um
des Bösen willen» gibt. Gustafsson empfindet
es denn als «sehr befriedigend», wenn Präsident
Bush «hemmungslos vom Bösen spricht. Der
Anschlag auf das World Trade Center war das
reine Böse. Ebenso war Saddam Hussein einfach
nur böse.»
Gustafsson betont jedoch, er habe den «Dekan»
vor dem 11. September 2001 geschrieben. Mit
den «modernen arabischen Mördern», die im
Roman erwähnt werden, seien palästinensische
Selbstmordattentäter gemeint, nicht die Hijacker
der Kaida. Folglich lasse sich auch die verurteilende
Schilderung des Vietnam-Krieges im «Dekan»
nicht als ein Kommentar auf den zweiten Irak-Krieg
lesen. Gustafsson räumt freilich ein, dass
der Roman die Realität in einem gewissen
Sinne vorweggenommen habe. «Die Dichter haben
nun einmal etwas von einer Pythia.»
Apropos Blick in die Zukunft: Zurzeit arbeitet
die Pythia an einem Versroman, «der hoffentlich
weniger langweilig ist als Goethes ‹Hermann
und Dorothea›». Dessen Inhalt behält Lars
Gustafsson zwar noch für sich. Sicher indes
dürfte jetzt schon sein: Uns erwartet eine
mysteriöse Lektüre.

Montag, 24. Oktober 2016

Samstag, 22. Oktober 2016

Pausenbild


Foto: Chris

Tessin, die Sonnenstube der Schweiz





Mittwoch, 19. Oktober 2016

Die Amazonen




Liebe Malou
Ja ja ich weiss, ich kenne deine Situation schon einigermassen. Aber ich glaube, du musst doch einfach einen Weg finden, ...
(---)
Am Samstag werden wir die Oper Penthesilea besuchen. Sie hat sehr gute Kritiken
" Penthesilea, Tochter des Ares, Königin der Amazonen, kam mit ihrem Heer dem Priamos zu Hilfe und fiel durch die Hand des Achilleus."

Das steht in meinem kleinen Mythologischen Lexikon, welches ich hier im Büro zwischen den Germanischen Sagen und den Grimmschen Märchen gefunden habe. Es ist sozusagen die Gymnasiasten-Ausgabe und schwer zensuriert. Ich werde dann zuhause noch die Variante sabbernder Gelehrter nachlesen.
 
Die Amazonen waren dieses Weiber-Volk mit eigenem Staat irgendwo drüben in der Nähe des Schwarzen Meeres. Penthesilea, eine Alpha-Dame mit diesem wunderschönem Namen, der die letzten 200 Jahre die erotischen Träume aller pubertierenden Gymnasiasten angefeuert hat, war deren Königin. Das Gerücht ging  um, die Amazonen hätten sich jeweils die rechte Brust wegschneiden lassen, um im Kampf mit Pfeil und Bogen nicht behindert zu sein. Das haben uns gar die prüden katholischen Geistlichen erzählt - ohne freilich genauer zu wissen, wovon sie redeten.. Perjodisch musste sich also dieser antike Frauenverein überlegen, wie sie es mit ihrer Nachkommenschaft anpacken sollten. Schon damals war offenbar  Nachhaltigkeit ein Punkt der Traktandenliste! Und so haben die Amazonen alle paar Jahre blutige Raubzüge unternommen, um ein oder zwei Dutzend tüchtige fortpflanzungsfähige Mannsbilder zu klauen und heimzuschaffen. Den Fakten ins Auge schauend: wir haben es hier geschichtlich mit den ersten  'Samenraub' zu tun.
Die Amazonen sollen also dort unten am Eingang zum Bosporus irgendwie auch auf dem Schlachtfeld des Trojanischen Krieges aufgetaucht sein, um sich - auf beiden Seiten der Front notabene - die prachtvollsten Kerle herauszupicken. Gerade das vertuscht die Gymnasiasten-Variante. Man stelle sich das vor. Der Kampf zwischen Griechen und Trojanern tobt fürchterlich. Das Blut spritzt in respektablen Fontänen. Und dann kommt da  ein Heer von adretten einbusigen Damen herangaloppiert und mischt sich zielbewusst in die tobende und brodelnde Schlacht.
Als die Damen ihre Herren schon gebunden und für die Heimreise gestapelt  hatten, da erspäht Penthesileas Auge noch den absoluten Superstar .Achilles. Sie kann es natürlich nicht lassen. Und es entwickelt sich zwischen den beiden antiken Promis ein merkwürdiges und einzigartiges Liebes- und Kampfspiel, welches der gute Schoeck dann mit besonderem Vergnügen vertont haben soll. Er - Schoek - meint, "Küssen" und "Beissen" reimten sich auf sonderbare Weise.
Ja, klingt alles ein bisschen verwegen. Wir werden sehen, ob wir schweissgebadet wieder aus dem Theater herauskommen?
Liebe Gs und Ks
...

Klar ..


7 November  15:17

... mein lieber Mausfreund,

Du hast ganz Recht. Mein Hunger nach anderen Menschen ist enorm. Doch
du weisst von früher, dass K und ich sehr verschiedene Menschen sind.
Ich dunkelrot und er stahlblau.. wie uns eine Kollegin in unserer
ersten Berufszeit erklärte. Ich will doch Leute einladen. Ich will
Gesellschaft haben. Es hängt absolut nicht an der Frage was man
anbieten sollte oder so. Ich bin doch Boheme. Weisst du das denn immer
noch nicht? Ich weiss, dass sich jeder freuen würde und wenn ich nur
eine Tasse Kaffee hätte. Das Zusammenkommen ist das Wichtige. Alles
rundherum ist doch egal. Obwohl es mir natürlich auch grossen Spass
macht Leute zu verwöhnen. Genau wie es deine S einst getan hat.

Was ist also das Problem? K.. !  Er will nicht. Er bevorzugt ein gutes
Buch vor einem lebenden Menschen und verurteilt auch mich somit zu
"Hausarrest" oder sollte ich sagen Isolierunghaft. War es nicht die,
vor der du geflohen bist???? Wie wäre dein Leben gewesen, wenn du
geblieben wärest???

Ich habe wieder angefangen zu lesen. Es gab eine Periode, wo ich das
nicht konnte. Jetzt denke ich manchmal "dieses Buch gibt mir mehr als
ein Gespräch mit irgendeiner Person aus meinem Bekanntenkreis".
Vielleicht ist das Selbstbetrug.. oder auch die Wahrheit.
Ich habe vor nicht allzu langer Zeit von einem prominentem Mann
gelesen, dass er sich nun von anderen Menschen ganz zurück gezogen
hätte und nur mehr mit Büchern umgeht. Es wäre ihm zu Schade um die
Zeit.

Es gibt viel zu beantworten in deinen Mails. Ich komme darauf zurück,
sobald ich mehr Zeit habe.
Bis dahin alles Liebe
mit Gs und Ks
Malou

7. November


Date: 7 November  09:20

Liebe Malou
Ich danke dir ganz herzlich für die guten Geburtstagswünsche. Und auch für das sms, das gestern plötzlich hereingeflogen ist. Und dass sie am 6. November Schweden beflaggen, ist mehr als richtig. Natürlich tun sie das auch ein bisschen wegen dem reformierten König mit seiner katholischen Tochter, die ich doch im St. Peter in Rom gesehen habe. Wir beziehen uns auf solche Dinge in einem Satz oder zwei. Das ist merkwürdig, wenn man bedenkt, wieviel Freud und wieviel Leid in solchen Ereignissen für die Betroffenen gelegen haben mögen.
 
Ja, du bist mein Heftpflaster Malou. Du bist diejenige Person, die  noch in meine tiefere Vergangenheit gesehen hat. Ich merke langsam, wie es ist, solcherart von der Vergangenheit abgeschnitten zu sein. Es wird nie mer möglich sein, sich voll zurückzuerinnern. Ich meine in einer Art, wie es eine Familie tut, wenn alle gemütlich zusammen sitzen und einer fragt: weisst du noch?. Natürlich kann man sich zurückerinnern. Aber die Erinnerungen werden nicht mehr ergänzt von andern Familienmitgliedern um sie zu einem vollen Bild zu komplettieren, vielleicht um Irrtümer aus dem Weg zu räumen, um starke Gefühle der Gemeinsamkeit aufkommen zu lassen.
 
Aber weisst du Malou. Ich habe da eine sehr merkwürdige Vorstellung. Ich weiss, wie sehr mich solche Erinnerungen melancholisch machen. Und je älter man wird, desto weiter reichen solche Vorstellungen in die Vergangenheit. Man fühlt sich wie ein Balanceur auf dem hohen Seil, der tief hinunter sieht. Manchmal habe ich den Eindruck, meine Trennung sei auch der Versuch, von diesem hohen Seil herunterzuikommen. Jetzt ist die Vergangenheit sozusagen gestutzt, und verliert sich nichtmehr in unendlich weiten Hallen des Dämmerlichts. 

(---)
 
Ja liebe Malou, ich habe den Eindruck, ihr - du und K - seid ein stilles Paar. Warum macht ihr nicht mehr Einladungen? Du musst K ein bisschen dran gewöhnen, denn du selbst magst das sehr. Und ich glaube, du brauchst das auch. Man muss ja nicht immer grosse mehrgängige Essen zubereiten (obwohl das auch schön sein mag), man kann es bei einem Tee, mit einem gemeinsamen Spaziergang oder weiss ich was machen. Ich glaube, das würde deine Lebensqualität ohne grossen Aufwand sehr erhöhen. Ich denke, wir Nordeuropäer haben die Tendenz, dass wir daraus eine aussergewöhnliche Situation zu schaffen versuchen. Man springt und holt das gute Geschirr hervor, man denkt, es brauche besonderes Gebäck, eine spezielle Flasche Wein. Aber eigentlich genügte doch, die andern am eigenen Vier-Uhr-Tee und dem Gespräch teilehmen zu lassen.
 
Na ja. Das sind nur so Gedanken.
Ich danke dir Malou und gürsse dich lieb.
...

Montag, 17. Oktober 2016

Re: Etwas spät ...




Date:  6 November 08:30

Liebe Malou
Ja, du musst mir keine Mails versprechen Malou. Der Weg zur Hölle ist mit guten Absichten gepflastert, sagt man .
Hier regnet es. Wir kennen das kaum mehr. Aber es kommt wenig Wasser herunter. Die Natur könnte wohl etwas mehr brauchen.
Ich bin froh, dass der Montag hinter mir ist. Wir hatten unsere Sitzung in Basel, eigentlich Binningen. Das ist nicht sehr weit von meiner Wohnung. Und ich kann an solchen Montagen, den ersten im Monat, ein wenig länger schlafen. Aber meist erwache ich spontan früher und dann bringt die Zeit auch nicht viel. Es ist verrückt, wie sehr unsere Zeit auf die Arbeit ausgerichtet ist. ...
 

Abends ist es jetzt dunkel, wenn ich joggen gehe. Auf dem Schützenmattpark, wo sich offenbar die Homos treffen, ist es jetzt abends still geworden. Nur selten geistert noch einer durch die Dunkelheit Gestern bin ich durch hohes Laub gewatet. Der Wind hat alles auf der Stadtseite zusammen getrieben. Das Weglein war noch ziemlich trocken. Es ist gut, vor dem Schlafen noch in die kühle Luft zu gehen. Vielleicht muss ich jemanden suchen, der das mit mir zusammen tut. Gemeinsam wäre natürlich unterhaltsamer. Manchmal ist es etwas langweilig, bloss so in die Runde zu gehen. Aber manchmal habe ich den Kopf voller Gedanken, so dass ich nicht merke, wie die Zeit vergeht.

Im Club habe ich gestern  Th getroffen. Seinem Arm geht es besser. Sie haben ihm Fleisch aus dem Oberschenkel transplantiert. Das war doch immerhin eine grössere Operation, nicht wahr? Offenbar hat sich letzte Woche ein Journalist der BAZ bei ihm gemeldet, um ein Interview zu machen. Theo wollte erst nicht, hat dann aber doch. Aber er hat offenbar die ältere Dame, die Hundebesitzerin, in Schutz genommen und alles mit Revierfragen erklärt. Der Vorfall hat sich ganz in der Nähe des Wohnhauses der Hundebsitzerin abgespielt. Th meint, der Hund hatte bloss die Absicht, sein Revier zu verteidigen. Th hat jetzt einige Wochen intensivster kynologischer Studien hinter sich. Es wird nicht lange dauern, und er wird die Seligsprechung des Köders einleiten.

Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich zwei verlorene Tauben auf dem Dach gegenüber. Und da kommt mir Venedig in den Sinn. Gerade hinter unserem Hotel namens Cavaletto, mitten im Zentrum, lag ein kleiner Hafen. Nachts war er voller Gondeln. Es war sozusagen ein Gondel-Parkplatz. Und vom Frühstücksraum her konnte man gerade auf diesen kleinen Hafen mitten in den Häusern sehen und zuschauen, wie die venezianischen Taxis losfuhren, um den Arbeitstag zu beginnen. Das war sehr hübsch. Für Raucher und Fotografen gab es sogar eine kleine Terasse, um hinauszusitzen. An einem Morgen haben wir ein Hochzeitspaar gesehen. Ich glaube, die Frau im Schleier hatte eine Maske auf. Allerdings war ein Filmteam in der Nähe und hat gedreht. Die Szene war also gestellt. Endlos lange haben sie am Schleier und an der Sitzhaltung der Dame herumgenestelt. Schauspielerei muss echt langweilig sein. Und das konnte man alles beobachten bei feinen Brötchen mit Butter und Honig, bei diesen italienischen Croissants gefüllt mit Konfitüre, bei Ei und Speck, bei Orangen- oder Grapefruitsaft etc. etc. Nur der Kaffee war ein bisschen schwach und dünn. Er kam eben aus der Thermosflasche. Gar nicht so rassig, wie man sich einen echten Italiener  vorstellen würde.
Vielleicht habe ich ein Foto von diesem kleinen Hafen? Ich werde dir schicken, sobald ich sie entwickelt habe. Ich habe nämlich meine alte Kamera nach Venedig mitgenommen, nicht die neue digitale, sondern die - wie soll ich sagen? - mechanische. Ich habe noch soviele Filme, die ich brauchen sollte. Eigentlich kann ich mit dieser Kamera bessere Bilder machen als mit der kleinen digitalen. Bei ihr weiss man nie, wann sie wirklich klickt. Sie reagiert verzögert, und das führt dazu, dass ich die Bilder abreisse. Ich bin eben noch aus dem letzten Jahrhundert.

Ja, eigentlich bin ich über die Tauben auf diese Gedanken gekommen. Es hatte wirklich endlos viele Tauben auf dem Platz vor San Marco. Sie kommen daher wie die Heuschrecken. Da und dort gibt es einen kleinen Stand, wo einer Maiskörner verkauft. Die Tauben sind sozusagen Tourismusangestellt der Stadt Venedig. Sie verschmutzen zwar ihre schönen Gebäude, aber sie halten die Amis auf Trab.
Wir haben immer gescherzt und Bemerkungen gemacht über Brunetti. Kennst du ihn Malou? Er ist der Komissar in den Krimis von Donna Leon. Bei uns kommen diese Filme auf einem deutschen Sender am Fernsehen. Und sie sind schön, weil sie immer feinste Stadtansichten von Venedig vorzeigen. Alle ihre Krimis spielen in Venedig. Aber die Autorin hat dafür gesorgt, dass sie nicht ins Italienische übersetzt werden. Wahrscheinlich fürchtet sie, dass die Venezianer Amok-laufen würden, wenn sie diese ihre Romane lesen könnten. Aber eben, schliesslich haben wir Brunetti nicht angetroffen, obwohl wir an jeder Ecke, auch in der letzten Biegung der Gasse dachten, er würde gleich auftauchen.
Der Tag ist so düster. Kein Wunder, dass ich in den Süden abschweife.
Ich wünsche dir eine gute Zeit.
Liebe Gs und Ks
...