Dienstag, 22. März 2016

Re: ... oder doch?

Subject: folie à deux

Mein schweigsames Fräulein !

Die Geschichte ist mir gestern Abend immer wieder durch den Kopf gegangen. Sie erlaubt bestimmt unterschiedliche Lesarten und hat vieldimensionale und mehrstöckige Interpretationsräume. Und dazu kommt die spannende Frage, was du mir denn nun damit sagen wolltest?

Brauchst du die Geschichte wirklich in der Schule? Als Diktat, oder als Grammatikübung, für das Training der direkten Rede? Oder als Einführung in die Liebe? Wenn ja, mehr als Lehrstück oder mehr als Warnung? Als Argument eher für oder gegen die Jugend? Oder als Hinweis, dass oft alles mit harmlos erscheinenden Vorhängen beginnt? Wenn es überhaupt erst so spät anfängt!

Wer hat die Geschichte geschrieben? Ein Mann oder eine Frau? Ein junger Mensch oder ein älterer?

Ach, was kann ich dazu sagen? Das ist sozusagen beredte Schweigsamkeit, die du betreibst. Du sprichst nicht selbst, sondern du lässt eine Geschichte sprechen? Das ist raffiniertes Schweigen, stummes Sprechen. Und die Geschichte aus deinem Mund kann alles bedeuten, von der Kritik bis zur Liebeserklärung so ziemlich alles. Doch du, mein lieber „armer" Krebs, du bist keine Frau für vorschnelle Liebeserklärungen. Das bist du wohl nicht.

Es gäbe viele Analogien zu entdecken: Die stille Frau und der redsame Mann; die junge Frau und der gesetzte Mann; die Kindlichkeit und die Erwachsenheit; die Liebe als das grosse Thema unseres Lebens; die Kunst als die Lebensarbeit.

Einzig das Gefälle im Verhältnis von Kind und Erwachsenem in der Geschichte scheint mir etwas vormodern. Heute erfassen Kinder meist rascher, worum es eigentlich geht, als wir Erwachsenen. Sie sind – wie du das gesagt hast – unsere lebendigen Manuale. Kinder sind nicht länger hilfloser als Erwachsene. Das ist eine alte bürgerliche Vorstellung, die am Verschwinden ist. Es ist die Vorstellung von der Zerbrechlichkeit und der Schwäche der Kinder und der Jugend. Sie sind vorbei. Die Jungen sind daran, uns zu überholen. Bald müssen wir von ihnen lernen, und nicht mehr umgekehrt!

Dass der Sündenfall Evas und Adams eine Falschmeldung sei, das habe ich schon immer vermutet. Aber ist es nicht so, dass uns Falschmeldungen im Leben meist mehr beschäftigen als alles andere? Warum denn sollte uns der liebe Gott in einen solchen Hinterhalt laufen lassen? Ist er heimtückisch und böswillig? Oder gar neidisch? Dieser liebe Gott hat es von Anfang an darauf angeleg, davon bin ich überzeugt. Und dann hat er die Verantwortung auf uns arme Menschen abgewälzt. Aber das ist nicht sosehr das Thema der Geschichte!

*

Du fragst nach meinen unheimlichen Geliebten. Nun ja, ich habe eine, aber ich ...

Nichts Persönliches - oder doch?


Subject: Nichts Persönliches - oder doch?


Lieber ...!

Ein bisschen Literatur für den Abend. Es ist ein Text den ich manchmal in der Schule verwende. Vielleicht gefällt er dir auch.

Marlena

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Das schweigsame Fräulein

Sie war sehr jung, sehr unerfahren und sehr wissbegierig. Er war genau so wissbegierig, nicht eben unerfahren und fast zwanzig Jahre älter. Trotzdem hätte er von ihr manches lernen können; denn sie war, wenn auch ein Mädchen, eine Frau, und er, wenn auch ein Mann, ein Kind. Aber sie kamen nicht auf diesen naheliegenden Gedanken. Oder scheuten sie sich darauf zu kommen?

In den Tagen, da sie ihn heimlich besuchte, damit er ihr schönes Gesicht wieder und wieder zeichne, um den Zauber ihrer Züge aufzuspüren, sagte er gelegentlich: "Sie dürfen getrost sprechen, während ich arbeite. Ich will sie ja nicht photographieren. Reden Sie getrost, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", antwortete sie dann ruhig. Und so redete er statt ihrer, indes sein Blick gespannt zwischen dem Gesicht und dem Block hin- und herwanderte. Sie schwieg, schaute ihn unverwandt an und sagte nur manchmal: "Aha." Oder: "Ja, ja." Oder: "So, so."

*

"Lesen Sie zuweilen Liebesromane?" fragte er eines Tages. Und als sie, wie gewöhnlich, schwieg, fuhr er fort: "Lassen Sie's sein. Man kann nichts daraus lernen, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", sagte sie ruhig.

"Nirgendwo", sagte er, "wird so viel niederträchtig geheuchelt, nirgends werden Wirklichkeit und Wahrheit so kaltblütig unterschlagen wie in den Liebesromanen. Wenn ein Schriftsteller beschreiben will, wie jemand jemanden umbringt, oder in kleine Stücke schneidet, oder sich selbst aufhängt, oder eine Stadt anzündet, oder ein Tier quält, sind seiner Genauigkeit keine Grenzen gesteckt. Niemand käme auf die Idee, ihm seine Gründlichkeit zu verübeln. Keine Behörde würde versuchen, sie ihm zu verbieten. Manche Romane sind wahre Handbücher für angehende Räuber und Mörder. Unterfängt sich aber ein Dichter, Dinge der Liebe zu schildern, die ja doch das grösste, wenn nicht das einzige Glück für uns Menschen bedeutet, ist er so gut wie verloren. Er täte besser, sich umzubringen, bevor es die anderen tun. Das Scheusslichste darf er entschleiern. Das Schönste mit Worten auch nur anzudeuten, ist ihm verwehrt. Es dennoch zu versuchen, wäre Todsünde. Die Grundlagen des Staates, der Kirche und der Gesellschaft würden sonst wanken. Und die Gebäude, die darauf errichtet worden sind, müssten einstürzen wie Kartenhäuser. Die Hüter der Konventionen zittern Tag und Nacht vor der elementaren Gewalt des Glücks und der Liebe."

Sie sah ihn unverwandt an und murmelte: "Aha."

*

"Im Grunde", sagte er ein andermal, "ist es zwei Menschen, die sich lieben oder sich doch zu lieben glauben, völlig unmöglich, einander wahrhaft nahezukommen. Vermutlich werden Sie diese Behauptung bezweifeln, mein Kind."

"Ich bin kein Kind", erwiderte sie sanft.

"Ein französischer Dichter unserer Tage", fuhr er fort, "hat die Unmöglichkeit, einander vollkommen zu begegnen, in einer recht düsteren Allegorie zu anschaulichen versucht. Jeder der beiden Liebenden, meint er, sei wie in einem groben Leinensack eingenäht, so dass er nichts sehen und sich kaum bewegen könne. In dieser betrüblichen Verfassung stünden sie sich nun gegenüber, spürten die beglückende Nähe des anderen, fühlten die Welle der ans schmerzliche grenzenden Zuneigung, sähen Dunkelheit, Leinwand rühre täppisch an Leinwand, unbeholfen und unzulänglich, und keiner der beiden wisse eigentlich, wer denn nun und wie in Wahrheit der andere sei.

- Der Vergleich klingt nicht sehr poetisch und nicht gerade tröstlich, aber ich befürchte, dass er zutrifft. Es heisst in der Bibel, dass schon Adam und Eva den Apfel vom Baume gepflückt und verzehrt hätten. Ich halte das für eine Falschmeldung. Man hat nur vergessen, sie zu dementieren. Er hängt noch immer hoch oben im Baum, der geheimnisvolle Apfel, und ist den Menschen ewig unerreichbar."

Sie schaute ihn unverwandt an und sagte leise: "So, so."

*

"Man verfällt nur allzu leicht - was man doch längst weiss, vergessend - der Meinung", sagte er eines schönen Nachmittags, "die hierzulande offizielle Ächtung der Liebe sei alt wie die Welt. Wie aber verhält es sich denn wirklich? Wurde die Liebe immer und wird sie etwa überall versteckt, als sei sie eine Sünde und Schande? Als gehöre sie ins Gefängnis, und man täte recht, von ihr zu schweigen wie von einer Verwandten, die silberne Löffel zu stehlen pflegt? Es war nicht immer so, das weiss jedes Kind."


"Ich bin kein Kind", antwortete sie ruhig.


"Es war nicht immer so", wiederholte er. "Denken Sie nur an die alten Griechen, die der leiblichen Schönheit in den Tempeln anbetend huldigten. Es war und ist nicht überall so. Denken Sie nur an die indischen Lehrbücher der Liebe. Und vergessen Sie nicht die natürliche, offenherzige Auffassung des Japaners, die er von Dingen und Vorgängen hat, die man im heutigen Abendlande in geradezu kindischer Manier totschweigt oder unappetitlich bekichert. Wie aber, frage ich, kann man denn aufrichtig vom seelischen, vom himmlischen Anteil der Liebe sprechen, wenn man die irdische Liebe verachtet, ächtet, und sich ihrer schämt? So wird nicht nur ein Teil, so wird das ganze zur Lüge."

Sie blickte ihn unverwandt an und sagte: "Ja, ja."

*

So und ähnlich redete er, während er sie immer und immer wieder zeichnete. Und so und ähnlich schwieg sie dazu. Bis dann jener Nachmittag nahte, da er, den Kopf schief haltend, die letzte Zeichnung prüfte, dem Blatt ein wenig zunickte und sagte:

"Besser kann ich's nicht, mein Kind."

Sie schwieg.


"Es wäre leichtfertig", fuhr er fort, "Sie weiterhin um Ihre Besuche zu bitten. Die Zeichnung ist, an meinem Talent gemessen, nicht übel. Wollen Sie sich das Blatt ansehen, mein Kind?"

Sie stand schweigend auf und trat hinter ihn.

Er räusperte sich. Dann fragte er: "Darf ich's Ihnen schenken - mein Kind?"

"Nein", sagte sie. "Wir hängen es dort drüben übers Sofa."



Er drehte sich erstaunt zu ihr um. Sie lächelte ein wenig, blickte sinnend von einem Fenster zum andern und meinte: "Neue Vorhänge sollten wir besorgen.

Wenn es - dir recht ist."

Er sah sie unverwandt an und murmelte, nach ihrer Hand greifend:

"Oh, ich Kind."


Montag, 21. März 2016

Bonne nuit!


Lieber ...!

Bin im Moment schwer überlastet mit Arbeit und finde nicht die nötige Ruhe zum Schreiben. Dagegen denke ich viel und gern an dich und alle Themen die du in deinen Briefen berührst. Deine Worte "arbeiten" in mir und wie soll ich mich dagegen wehren können?

Schön wie du dein Büro beschreibst.. nun kann ich dich richtig vor mir sehen wenn du am arbeiten bist. .."wo es Abstellflächen gibt da stelle ich auch etwas ab.." Ich habe wieder herzlich gelacht. Du hast wirklich Humor. Anna weiss bereits was los ist wenn sie mich irgendwo im Haus plötzlich lachen hört. Nun, leider bin auch ich so dass ich gern was abstelle.. und so sieht es hier zeitweise garnicht aus wie in dem wohlgepflegten Heim eines Krebses :-)..Ich komme einfach nicht nach.. Sorry! Man müsste auch den Krebs analysieren und herausfinden wie er ist wenn er in ein falsches Milieu gerät. Aber das wäre eine ganz andere Geschichte.

Die Anekdote mit dem Hufeisen hat mir sehr gefallen.

Du musst eine interessante Person im Gesellschaftsleben sein. Ich bedaure sehr dass ich dich nicht von nahe beobachten kann und dir zuhören.

Es ist spät und ich muss weiterarbeiten. Eigentlich möchte ich was anderes tun:

"Ich möchte jemanden einsingen
bei jemandem sitzen und sein.
Ich möchte jemanden kleinsingen
und begleiten tagaus und tagein.."


So ähnlich geht es jedenfalls..
Kennst du es? Unser lieber Rilke.

Wünsche dir eine gute Nacht

Je t'embrasse
Marlena

Kapitelwechsel - mein Büro




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Meinen Vortrag habe ich noch nicht gehalten. Er ist auch noch nicht ganz bereit. Im Moment haben wir noch Fasnachtsferien und alle Basler sind mehr oder weniger verrückt. Ich aber sitze in dieser Zeit am liebsten im Büro. Jetzt ist es schön ruhig. Und in den letzten Tagen konnte ich einige meiner „stinkenden Leichen" aufräumen und desinfizieren. Es sieht schon viel besser aus hier in meinem Büro, und ich kann wieder etwas atmen. Ich kann dir mal mein Büro beschreiben:

Wenn du von unserem Wartezimmer hereinkommst, schaust du direkt auf die Fensterfassade. Von hier aus sehe ich auf den Platz hinunter, der fast mitten im Städtchen ist. Hier gibt es immer etwas zu sehen, und wenn ich an irgend einer Frage herumdenke und überlege, dann stehe ich am Fenster und schaue hinunter. Und nicht selten sehe ich natürlich von meinem Hochsitz (2. Stock) Leute, die ich kenne. Ich kann dann nur hoffen, sie sehen mich nicht. Sonst denken sie nämlich, ich würde nichts arbeiten und bloss den halben Tag zum Fenster hinaus schauen. Wenn du also hereinkommst, siehst du direkt zu den Fenstern hinaus auf das alte Stadtzentrum mit einer frühgotischen Kirche und einem Stadtturm. Es ist ein ziemlich hübsches Städtchen, aber die Leute sind ziemlich kleinkariert. Wenn du jetzt also unter der Türe stehst, die etwas rechts von der Mitte der Wand hereinführt, dann siehst du in der rechten Ecke mein Pult und in der linken Ecke eine kleine Sitzgruppe mit rundem Tisch. Die Farbe oder Holzart des Pultes kannst du nicht – immer noch – nicht erkennen, denn das Pult ist schwer beladen mit Akten und Papieren und Blättern uns so weiter. Das Pult steht etwas schräg im Raum, damit es nicht so schwer wirkt. Und über dem Pult hängt ein riesiges Bild von Basel, ein Bild aus dem Jahre 1935, das aber ziemlich modern wirkt. Man sieht den Rhein und ein Dampfschiff und die Wellen und ein sehr aufgewühlter, wolkiger Himmel. Man denkt an Gewitter oder Regen. Es ist ein bisschen dramatisch gemalt. An der Wand in deinem Rücken steht mein Büchergestell. Hier sind meine privaten Bücher, die meisten sind noch von der Universitätszeit, aufgereiht. Das Büchergestell platzt aus allen Nähten, denn ich habe zu wenig Platz oder zu viele Bücher, wie man es auch drehen will. In der Ecke habe ich einen Schaukelstuhl, wie ihn einmal John F. Kennedy in seinem Büro gehabt hatte. Ich habe ihn mir organisiert, weil es heute so viele hypermotorische Kinder gibt, die nicht still sitzen können. Lieber laß ich sie schaukeln, als dass sie mir die Wände hochklettern, habe ich mir gesagt. Und seither steht dieser Stuhl hier in der Ecke. Manchmal lese ich dort und lehne mich weit zurück und packe meine Füße auf den kleinen runden Tisch. Das ist nicht unbequem. Entlang der linken Wand zum Fenster hin habe ich zwei Aktenschränke mit einem Aufbau. Diese Seite ist überbepackt mit Jugendbüchern, die ich hier zur Dekoration aufgestellt habe. Es sieht hier aus wie in einem Buchladen, und wenn Leute in mein Büro kommen und diese Wand sehen, dann fangen sie meist mit grossen Augen an zu strahlen. Am Fenster vorne links steht mein Computer. Hier schreibe ich meistens. Das Laptop mit dem Internetanschluss habe ich allerdings auf einem kleinen mobilen Boy direkt am Fenster. Hier sitze ich zum Beispiel wie im Moment nach dem kurzen Mittagessen, um die Mails durchzukabeln. In der Mitte vor dem Fenster steht eine grosse Pflanze, die mir meine Mitarbeiter vor ein paar Jahren geschenkt haben. Es sieht aus wie eine Palme, oder vielleicht doch eher wie Zuckerrohr?. Sie trennt den PC Sitzplatz vom Pult. Das wirkt nicht schlecht so. An den Wänden hängen 4 Bilder, die alle vom selben Maler sind. Sie sind nicht absolut meine Lieblinge, aber sie waren diejenigen, die ich im Archiv hatte finden können. Mindestens schaffen sie eine gewisse Einheit und sie sind von einem Maler, der mindestens hier in der Region bekannt war. Das Problem meines Büros liegt darin, dass ich viel Abstellfläche habe. Und das ist mein Fluch. Denn wo es Abstellflächen gibt, da stelle ich auch etwas ab. Ich kann die Arbeiten und Aufgaben, die noch nicht beendet sind, nicht in Schubladen oder Kasten versorgen. Ich würde sonst befürchten, sie zu vergessen. Ich muss sie immer wieder sehen. Ich muss mich durch sie mahnen lassen. Und so liegt einfach alles, was im Moment ob ist, liegt einfach herum. Meist finde ich es wieder. Manchmal nach längerem Suchen. Manchmal gar nicht mehr!!

So also sieht es bei mir aus. Und hier verbringe ich die 10 bis 12 Stunden pro Tag. Natürlich habe ich noch jede Menge privater Kleinigkeiten hier, Fotos, Cartoons, alte Pfeifen, eine Schale voller Bälle (vom Golfball bis zum Baseball Ball, inklusive Boule oder Petaingue (schreibt man das so?), ein Bild der Nofretete, jener ägyptischen Statue, die ich diesen Winter in Berlin gesehen hatte. Normalerweise habe ich auch ein Radio hier und kann in ruhigen Zeiten CDs hören. Aber zur Zeit habe ich meinen Apparat einem Onkel ausgelehnt, damit er mit seinen 92 Jahren noch etwas Beethoven-Symphonien hören kann. Es war sein wunsch. Aber wenn ich richtig ausgerüstet bin, kann ich hier meine französischen Chansons hören. Oder ich höre sehr gerne Chopins Klavierstücke oder Schubert. Nun ja, das ist Romantik, wie könnte ich das verleugnen?

Ich muss enden, meine liebe Marlena. Die Zeit ist rasch um und ich muss hier noch einiges tun. Ich hoffe, bald von dir zu hören. Mach es gut, mein „armer Krebs". Denn so arm bist du wirklich nicht.

Ich küsse dich

Sonntag, 20. März 2016

meine astrologischen Erkenntnisse


Subject: Bon soir

Mein „armer" Krebs

Das „arm" stammt von dir, nicht von mir, meine liebe Marlena. Vergiss das nicht.

Wie du, so habe auch ich mich in die Literatur gestürzt und die Horoskope studiert und analysiert und interpretiert. Wie du so habe auch ich einige ganz phantastische Erkenntnisse ans Licht befördert. Wie du, so fange auch ich an, „wissenschaftlich" mit dir zu korrespondieren. Wir müssen die Sache auf den Punkt bringen. Es soll endlich Klarheit herrschen. Unsere Tagebücher und Gute-Nacht-Geschichten sollen allmählich substanziellen Gehalt und Wahrheit transportieren, nicht bloß subjektive Vermutungen und individuelle Ahnungen. Und dann wird alles gut werden.

Wie du, so habe auch ich festgestellt, dass wir ein wunderbares Team wären oder sind (was soll ich jetzt sagen?). Wir würden eine erfolgreiche Firma abgeben, meine Liebe, es ist wirklich ganz phantastisch. Krebs und Skorpion passen wirklich so gut zusammen, eine Idealpaarung geradezu, so dass man uns verbieten muss, dass wir zufälligerweise zur selben Zeit am selben Ort verkehren, beispielsweise im ST!!. wir würden uns gegenseitig in die Arme laufen. Kein Mensch auf dieser Welt könnte die Verantwortung für ein solches Ereignis übernehmen. Es ist, wie du immer wieder sagst, wir leben gefährlich, wir leben haarscharf am Abgrund und wir müssen unsere ganze Aufmerksamkeit darauf verwenden, nicht in einem Duett abzustürzen.

Unsere einzige Rettung ist eigentlich, dass du als Krebs ein ungeheuer treues und anhängliches Wesen bist. Du lässt dich keinesfalls auf Abenteuer ein. Du bist so häuslich und hängst sosehr an Vergangenheit und am Bisherigen, dass du dich nicht auf irgendwelche französische Eskapaden einlässt. Als Krebs, soviel ist mir klar geworden, bist du so solide und loyal, dass du dich niemals dahin reißen ließest, mit einem leeren Whiskyglas auf dem Tisch zu tanzen. Niemals. Never in life! Als Krebs bist du geradezu geschaffen für ein schönes und ruhiges bürgerliches Leben im trauten Heim mit deinen Lieben. Man soll dich da nicht provozieren und vertreiben wollen. Soviel ist mir klar, meine Liebe.

Es ist merkwürdig, fast alles, was ich über den Krebs gelesen habe, habe ich über dich schon irgendwie gewusst, oder geahnt, oder irgendwie fantasiert. (Nun ja, vielleicht überschätze ich mich ex post ein bisschen??) Ich hatte von Anfang an den Eindruck, dass du sehr loyal bist, dass die Familie dein ein und alles ist, dass du sehr viel Wert auf Häuslichkeit legst (hast du selbst gesagt), dass du dich nicht auf Eskapaden erotischer oder anderer Natur einlässt (hast du selbst angedeutet), dass du eine elegante Zurückhaltung lebst (hast du oft gezeigt), die mit Diskretion (hast du selbst geschworen) einhergeht, dass du eine gute Erzählerin bis (wenn du Zeit hast; hast du mehr als bewiesen), dass du etwas von deinen Stimmungen abhängig bist (nun ja, wer ist das nicht?), dass du in deiner Liebe zur Natur Bescheidenheit, Heiterkeit und Mitgefühl beweist (hast du mir deutlich erzählt), dass du keine Gefühle vortäuschen willst oder kannst (habe ich festgestellt bei Pariser Fantasien), dass du keine männlichen Draufgänger magst, sondern eher rücksichtsvolle und behutsame Typen (hast du indirekt ziemlich klar gesagt), und dass du auf Komik hell und heftig lachen kannst (hast du mir bewiesen bei der Szene „Mann in Küche"). Also, ich habe wirklich wenig Neues gelesen über den Krebs, denn ich habe dich schon gekannt. Über den Skorpion habe ich vielleicht mehr neues gehört!

Natürlich bin ich sofort meine Bekannten und Freunde nach Krebsen durchgegangen. Ich habe echt im trüben Wasser nach Krebsen getaucht. Doch ich muss zugeben, bisher hatte ich in Horoskope so wenig Interesse gefunden, dass ich nicht weiß, ob ich noch andere Krebse kenne. Im Moment bist du mein einziger Krebs. Und ich bin fasziniert, wie gut wir zusammen passen. Ich passe besser zum Krebs als zum Stier, wie ich schwarz auf weiß festgestellt habe! Stell dir mal vor, Marlena. Wie soll ich dies meiner Frau nur beibringen? Es ist sensationell. Es könnte eine ganze Ehe durcheinanderbringen. Und wir könnten wirklich zusammen eine Internet-Firma gründen und Kinderbücher produzieren, schwedisch-deutsche Gutenachtgeschichten oder – weiß der Himmel – Rilke-Sonette oder Postkarten mit platonischen Liebesgrüssen unter die Leute vertreiben. Du müsstest einfach auf meine Leidenschaft (sprich Verrücktheit) achtgeben. Darfst mich nicht zu sehr zwicken oder verletzen, weil ich ja sonst offenbar Gift speie – wie schrecklich – über 3000km weit und in einem hohen Bogen, wie man sich leicht vorstellen kann. Und ich werde dich ganz behutsam an der Hand nehmen, wie du es gerne magst, und deine großen mütterlichen Fähigkeiten genießen. Und so wird unsere schwedisch-schweizerische Koproduktion ein Erfolg werden. Darauf kannst du zählen, meine Liebe.

Soweit meine astrologischen Erkenntnisse. Ich habe sie – gewollt oder ungewollt – etwas ironisch formuliert, weil ich nicht genau weiß, was ich dabei glauben soll. Mann muss ja nur genug daran glauben, dann wird es schon stimmen. Kennst du diese wunderbare Anekdote über Nils Bohr, den berühmten dänischen (so glaube ich) Atomphysiker? Er hat Leute in sein Landhaus eingeladen. Und die Gäste haben sich gewundert, warum er über dem Eingang ins Haus das Hufeisen eines Pferdes angebracht hat. Solche Hufe gelten bekanntlich als Glücksbringer. Und sie haben Bohr gefragt, ob es denn wirklich so sei, dass er als Naturwissenschafter an solche Dinge wie ein Hufeisen glaube?? Und Nils Bohr, weise wie er war, hat gesagt: „Nein, ich selbst glaube natürlich nicht daran. Aber es gibt Leute, die sagen, es helfe auch bei jenen, die nicht daran glauben!".

Intelligent gesehen, nicht wahr? Ist eine meiner Lieblingsanekdoten, ganz einfach, weil sie mehrdimensional und vielstöckig ist. Sie ist wirklich sehr weise und köstlich zugleich!

So steht es also in den Sternen, dass wir im ST aufeinander fallen mussten. Es gibt wohl wirklich keine Zufälle, und nun kleben wir hier im E-mail zusammen. Und du gräbst jeden Abend, unter Lebensgefahr, wie du sagst, nach Gold. Und ich sitze hier in Basel und hoffe, dass du es auch findest.

Kapitelwechsel
...

Gute Nacht!


Subject: Gute Nacht!

Date: Mon, 13 Mar 2000 22:46:46

Lieber ... !

Ich habe bis jetzt gearbeitet und bin zum Umfallen müde. Aber ich muss dir doch schnell für deinen wunderschönen langen Brief danken.
Ich fühle mich wie ein Goldgräber der plötzlich einen richtigen Fund gemacht hat und nun Angst hat jemand könnte es entdecken und ihn womöglich sogar umbringen um an den Schatz ranzukommen.. ;-)))

Ich schreibe dir bald ein längeres Mail. Bis dahin wünsche ich dir alles Gute
Marlena

Nicht schlecht dieses Horoskop, oder?

Der Skorpion 24. Oktober bis 22. November

Hat zumeist ein liebenswürdiges, aber tiefgründiges Wesen. Ihm kann man nichts vormachen; er wird sehr schnell herausfinden, ob die Gefühle echt sind oder gespielt, die man ihm entgegenbringt. Eine Beziehung mit ihm ist nicht immer einfach, da er in seiner Sensibilität sehr verletzt reagieren kann. Dann speit er Gift. Er muss aufpassen, dass er dabei nicht zerstört, was ihm so wichtig ist. In der Liebe fordert er totale Hingabe, weshalb wohl kein anderes Sternzeichen so tiefe Erlebnisse ermöglicht, wie der Skorpion. Er ist ein leidenschaftlicher Liebespartner, aber er wird immer wieder loslassen müssen, sonst wird die Beziehung mit ihm zum Gefängnis.

Freitag, 18. März 2016

Gedanken über das Chatten (Honni soit (3)

...

Du siehst, meine liebe Marlena, ich bin sehr grosszügig. Ich gebe dir die Möglichkeit, kurze Mails zu schreiben, aber ebenso die Möglichkeit, lange Mails zu hacken. Aber – unter uns – ich mag die längeren lieber. Und wenn du siehst, wie ich mich heute, nach deinen drei Mails, ins Zeug lege und abrackere und schreibe und schreibe und schreibe, so merkst du, dass für jedes deiner Worte etwa 10 zurückkommen. Jedes Wort bezahlt sich zehnmal aus. Ist das nicht eine stattliche Rendite? Davon können die modernen share holder nur träumen, von 1000% Gewinn. Das muss doch einfach jede schwedische Muse umwerfen! -- ;-)), wie du zu tippen pflegst --.


Was war unsere Kapitelüberschrift? Richtig, ich bin gerade dabei, dich für unschuldig zu erkläre, auch wenn du gelegentlich sündhaft kurze Mails hintippst, mehr gechattet als wirklich geschrieben, mehr Andeutungen als wirkliche Mitteilungen, eigentlich Gesten statt tatsächliche Handlungen. Überigens ist Chatten keine Schwäche von mir. Ich habe es eine zeitlang (neue deutsche Rechtschreibung: „eine Zeit lang") versucht, um – sozusagen beruflich - herauszufinden, was junge Leute daran finden. Ich kannte es vorher absolut nicht. Und welche Erfahrungen habe ich gemacht? Nun ja, was soll ich sagen? Es gibt den Sonntag-Nachmittag Chat. Ich nenne das, ironischerweise, den Babystrich. Da sind junge Mädchen am Werk, die sind manchmal süss und manchmal sehr beschränkt. Meist chatten sie über Banalitäten, mindestens soweit ich das mitbekommen habe. Dann gibt es den Montag-Abend-Chat. Der ist überbelegt, weil alle frustriert sind Montag abends und sich gegenseitig etwas streicheln und küssen möchten. Ich habe festgestellt, dass Büroleute im Vorteil sind beim Chatten. Sie sind schneller im Schreiben und wirken damit etwas cleverer und intelligenter, als sie vielleicht wirklich sind. Es gibt dann die Jungen, die in Schweizerdialekt chatten. Das ist modern, meine Töchter schreiben ihre Mails auch in Dialekt. Aber sie chatten nicht im ST, soweit ich weiss. Zwischendurch gibt es einige wenige Personen, die sehr witzig und rasch und clever chatten. Da macht es dann sogar ein bisschen Spass. Aber schnell wollen sich die Leute schliesslich persönlich kennenlernen. Sie schicken Fotos und so weiter. Ich finde, das verdirbt den Reiz. Der Chat ist bloss deswegen reizvoll, weil man sich nicht kennt. Die Fantasien spielen eine grosse Rolle. Das Ganze lebt eigentlich von Fantasien, von frustrierten und von übersteigerten. Es ist ja doch die absolute Verstellung. Männer geben vor, Frauen zu sein, Alte als Junge, Verheiratete als Ledige und alles auch umgekehrt. Man darf und kann fast nichts glauben, denke ich. Und das ist es dann auch. Du wenigstens, liebe Marlena, kannst behaupten, du chattest um Deutsch zu üben. Obwohl das Deutsch-Niveau im ST nicht sonderlich hoch ist, unter uns gesagt. Aber damit hast du zumindest eine gute Begründung. Ich habe absolut keine. Ich darf eigentlich gar nicht chatten. Mailen ok, aber nicht chatten!

Kapitelwechsel

Ich werde also die Krebs-Skorpion Variante in allen Aspekten studieren. Allerdings kann ich nicht auf deine schwedischen Quellen zurückgreifen. Das ist mir dann schon etwas zu umständlich in deiner Muttersprache. In alten Zeiten hat mir eine Freundin einmal ein Buch über die Sternzeichen geschenkt. Das werde ich hervorsuchen, wenn ich es noch finde. Und ich werde dir dann haargenau mitteilen, welches unsere Chancen und unsere Risiken sind, Marlena, welches die erogenen Zonen und die geheimen Träume und die Lieblingssteine und was auch immer, sieh dich also vor! Damit werden wir die Architektur unseres Maus-Freundschft auf ein solides Fundament stellen. Wenn man üblicherweise sagt: „Der Berg hat eine Maus geboren", so werden wir hier sagen „Die Maus wird einen Berg gebähren". Ich sag es dir, Marlena, du wirst noch staunen!

Ich muss jetzt aufhören, meine Liebe, sonst bringe ich Dich arg unter Leistungsdruck. Doch lass dich nicht beeindrucken, Marlena!

Ich umarme dich auch bei kurzen Mails, bei langen drücke ich dich - pardon madame