Samstag, 9. Januar 2016
9. Januar
Ämne: Soul saved
Datum: den 9 januari 2004 22:03
Liebe Malou
Genau so heisst es: Sonnenblumenkerne. Die Meisen lieben sie besonders. Aber auch andere Vögel nehmen sie gerne. Es ist so, wie Du sagst. Elstern sind ziemlich harte Gesellen, die gegenüber ihren kleineren Kolleginnen und Kollegen keine grosse Rücksicht nehmen. Aber sie sind monogam, nicht war? Ich sehe auf jeden Fall oft bei Onkelchen zwei Elstern, die rund ums Haus umherräubern. Sie sind gross und haben wirklich kräftige Schnäbel. Wie geht es Deinem Vögelchen? Kommt er Dich noch besuchen?
Meine heimlichen Vorsätze brauchst Du nicht zu beargwöhnen. Die Natur macht ja doch keine Sprünge. Und es wird das meiste beim Alten bleiben. Aber so ein paar Dinge habe ich doch im Sinn.
Wir haben hier feines Wetter. Es ist kühl, aber der Himmel ist blau und die Tauben erscheinen blütenweiss vor diesem Hintergrund. Es ist zwar noch tiefster Dezember, aber irgendwo riecht man bereits Fasnacht.
Im Moment muss ich dafür kämpfen, dass ich hier vorwärts komme. Es sind einige Aufgaben, die auf dem Pult herumliegen. Und dazu habe ich noch etliche Büchlein, die ich längst rezensieren sollte.
***
Mittlerweile ist Freitagabend geworden. ich war unterwegs und bin jetzt gerade ins Büro zurückgekommen. Und natürlich möchte ich bald heim, mich ein bisschen auszustrecken. Es ist regnerisch hier und heute bin ich mit dem Auto ein bisschen ins Schleudern gekommen. Das ist mir noch nie passiert, höchstens auf Schnee, wenn man darauf vorbereitet ist. Es war in einer scharfen Kurve, und ich glaube, die Winterpneus haben nicht allzu viel Haftung auf einer nassen Strasse. Ich habe schon die Mauer auf mich zukommen sehen, habe Gegensteuer gegeben, dann hat sich das wieder normalisiert. Aber dann ist das Auto nochmals ausgeschert. Aber bis dann war das Tempo so, dass nichts mehr passieren konnte. Mein grösstes Glück war, dass ich zwei Spuren zur Verfügung hatte. Wäre einer neben mir gewesen, dann hätte es ein bisschen geklappert. Bin ich nicht ein Glückspilz. Das Leben sagt mir auf so freundliche Weise, ich sollte ein bisschen vorsichtiger fahren. Ach, sie sind wirklich barmherzig mit mir. Ich danke ihnen.
Das war zugleich mein grösstes Ereignis heute. Ausser ein kleiner Besuch bei einer alten Freundin. Ich kenne sie noch von Olten her, eine Italienerin, der ich zum neuen Jahr ein kleines Sträusschen bringen wollte. Sie ist die Liebe in Person, eine richtige Mamma. Und dann musste ich dort noch ein kleines Essen mitmachen. Und wir haben geplaudert über alte Zeiten und die neuen. Na ja, es war nicht übel.
Und jetzt marschiere ich ab. Ich wünsche Dir ein gutes Wochenende.
Mit GuK
Rud
Freitag, 8. Januar 2016
Nochmals am 8.
Ämne: Besser spät..
Datum: den 9 januari 01:03
Lieber ...,
Eigentlich ist es schon zu spät und ich zu müde um ein anständiges Mail zu senden. Aber vielleicht findest du doch ein unanständiges besser als gar keines. ;-))
Zuerst muss ich doch protestieren gegen das "junge Ding". So nennt man doch nicht eine Frau am Rande ihres "besten Alters".. ;-) Aber ich glaube ich kenne mich ziemlich gut aus was "Lehrkräfte in fortgeschrittenem Alter" betrifft. Als ich nämlich an diese Schule kam, war ich noch sehr jung. Ich denke die meisten von den Kollegen, die hier arbeiteten waren bedeutend älter als wir jungen Eindringliche. Zuerst standen sie wohl (so wie wir sie sahen) unserer Elterngeneration näher. Aber dann mit der Zeit wurden wir alle immer mehr gleichaltrig. Man vergass den Altersunterschied. Und dann sah man sie langsam alt werden. Man sah wie sie langsamer wurden, vergesslicher und etwas rigider. Es gab Leute, die nicht mehr gut hörten und deswegen von Schülern und sogar von neuen jungen Kollegen, die nicht besser wussten, als etwas "dumm" betrachtet wurden, obwohl sie Giganten waren im vergleich zu diesen, ich meine was ihr Können (ihr Niveau) betraf. Leider gibt es bei uns nicht die Möglichkeit, von der du erzählt hast. Und die Aufgaben, vor die man sie stellte, wurden immer schwieriger. Das ganze begann damals, als man die etwas weniger theoretischen zweijährigen Linien des Gymnasiums zu dreijährigen machte und ganz einfach mit den anderen zusammenschlug. Besonders für Lehrer in Mathematik und Sprachen bedeutete das eine grosse Umstellung.
Ach, ich langweile dich schon. Sorry!
*
Heute ist die Schauspielerin Ingrid Thulin gestorben. Sie war eine von den Favoriten Ingmar Bergmans und hat in vielen seiner berühmtesten Filme gespielt. Sie war mit Harry Schein verheiratet, der einst ein sehr naher Freund von Olof Palme war. Man sagt, sie wären seit 30 Jahren verheiratet gewesen, aber sie hat die meiste Zeit in Italien gelebt und er in Stockholm. Eine perfekte Ehe, wie mir scheint.. ;-) Ach nein, ich persönlich glaube eher an eine tragische Ehe und es wundert mich nur, dass sie an ihm festgehalten hat. Aber das bleibt ihr Geheimnis.
...
Donnerstag, 7. Januar 2016
8. Januar
Ämne: donnerstag 8.1.
Datum: den 8 januari 09:01
Liebe Malou
Ach, ich weiss gar nicht, ob ich gestern geschrieben habe. Es war soviel los. Und die Arbeit fällt ungefähr so an wie im letzten Jahr. Es ist in dieser Hinsicht kein Fortschritt zu verzeichnen. Oder vielleicht arbeite ich jedes Jahr ein wenig langsamer? Das könnte sein. Ich habe gestern Nachmittag ein Kurs besucht, den Lehrkräfte in fortgeschrittenem Alter besuchen. Sie werden für 1 Semester bei vollem Lohn vom Unterricht dispensiert und besuchen stattdessen einen Kurs. Dazu gehört auch ein Praktikum in der Industrie und verschiedene Besuche bei Institutionen. Sie waren auch bei uns. Und so habe ich sie dann auch kennen gelernt. Es scheint mir wirklich so, dass ältere Mitarbeiter andere Fortbildungsbedürfnisse haben als jüngere. Und vor allem tut ihnen gut, wenn sie unter sich sind. Ich glaube, ein Nebeneinander zwischen jüngeren und älteren Leuten in dieser Situation würde den alten nicht gut tun. Die Jungen sind progressiv, wollen alles schon wissen und können und wollen noch viel mehr wissen und können. Die Alten wollen dagegen ihre Flexibilität erhöhen, alte festgefahrene Erfahrungen auflösen und in neue verwandeln. Sie wollen sich darum bemühen, dass sie noch dabei sind. Aber sie sind nicht so expansiv. Man könnte sagen, die Jungen sind progressiv, die Alten sind reflexiv. Sie nehmen sich mehr selbst unter die Aufmerksam, lassen ihre Praxis und ihre Erfahrungen Revue passieren. Ziel ist eine Art Lockerung. Natürlich kommen einige neue Techniken dazu, aber die sind nicht so wesentlich.
Du siehst, wie sehr ich mich schon um die Bedürfnisse älterer Lehrkräfte interessiere. Ich habe sogar in letzter Zeit ein Büchlein gekauft: Psychologie des Alterns. Gut, zugegeben, es war ein Occasions-Preis. Aber dennoch! Dass ich so was kaufe, spricht für mich, auch wenn ich es noch nicht gelesen habe. Ich glaube, dass in unserer Gesellschaft diese Fragen des Alterns wichtiger werden. Wir haben ja die Häufigkeitsverteilung einer Zwiebel, wo die älteren Menschen die häufigsten Positionen besetzen.
Jetzt habt ihr ein Geständnis in der Sache Lindt ? Man hat überall die Bilder des jungen Serben gesehen, der die Tat gestanden haben soll. Er sieht eigentlich intelligent aus. Und er habe keine politischen Motive. Welche denn sonst? Es hört sich alles so unverständlich an. Und vielleicht ist es auch typisch für unsere modernen Gesellschaften, dass wir die Individuen, die aus ihnen stammen, nicht mehr wieder erkennen. Ich habe dafür immer wieder dasselbe Beispiel. Vor 20 oder 15 Jahren haben wir auf unserem Dienst bei einer Anmeldung die Personalien der Eltern aufgenommen und immer nach dem Beruf des Vaters gefragt. Damals war das ein signifikanter Indikator für eine ganze Lebenssituation. Wenn es im Formular hiess „Elektriker“, dann wusste man ungefähr, in welchem sozioökonomischen Status die Familie lebte, in welchen Quartieren sie wohnte, wie ungefähr so ein Familienleben aussehen mochte. Die Abweichungen von einer gewissen Norm waren signifikant. Solche Auffälligkeiten waren vielleicht eine „falsche“ Adresse, trotz eines gewissen Alters keine Kinder, keine angemessene Kleidung, eine für den Status unübliche Lebensweise und so fort. Heute kann man kaum mehr von solchen Normvorstellungen ausgehen. Man muss jede Familie neu unter die Lupe nehmen. Es hat sich hier wirklich eine Vielheit entwickelt, die nicht mehr leicht zu durchschauen ist. Ich hoffe, ich habe in nächster Zeit Gelegenheit, das Büchlein zu lesen.
Na ja, vielleicht sollte ich die Fragen des Alterns nicht mit einem „jungen Ding“ wie Du diskutieren. Das ist doch viel zu weit weg für Dich. Vielleicht sollte ich Dir aber meine neuesten Geheimnisse verraten. Im Club haben wir einen, der ein Reisebüro besitzt. Er ist immer informiert, was in dieser Sparte aktuell ist. Und offenbar gibt es neue Flüge von Zürich nach Wien für Fr. 60.- . Das wäre spottbillig, und durch eine durchaus akzeptable Fluggesellschaft. Ich spiele mit dem Gedanken, mal nach Wien zu reisen. Walter ist ein grosser Wien-Fan. Ich glaube, es ist seine Liebe zur Musik, die das macht. Und er hatte irgendwelche unvergesslichen Erlebnisse auf dem Wiener Zentralfriedhof. Ich meinerseits habe bloss die Erinnerung an die Praxisräume von Sigmund Freud, mit dem alten Kanapee und der farbenfrohen Decke drüber. Aber daran bin ich nicht mehr so sehr interessiert. Ich würde viel lieber wieder mal im Sacher ein Kaffee mit Torte genehmigen, den Prater durchwandern und vielleicht eine Vorstellung im Burgtheater besuchen. Na ja, die neuere Architektur würde ich mir natürlich auch anschauen. Wien muss einige ganz aussergewöhnliche Bauten haben. Und bestimmt gibt es auch ein paar ältere Dinge, die interessant sind. Im Gymnasium haben die Lehrer immer auf den Stephansdom hingewiesen. Sie waren ziemlich stark auf Oesterreich hin orientiert. Ich glaube, viele von ihnen hatten dort studiert.
Und jetzt muss ich an die Arbeit. Es gibt noch vieles zu tun.
Mit lieben GuK
Rud
Mittwoch, 6. Januar 2016
7. Januar
Ämne: Grauer Alltag in doppelter Bemerkung..
Datum: den 7 januari 2004 12:59
Lieber ...,
Ja, ich kenne das.. wenn die Apparate, auf die man angewiesen ist, plötzlich nicht funktionieren und man muss Stunden von seiner teuren Zeit verschwenden. Und dann noch dazu das Malheur mit dem Zug. Es war nicht dein Glückstag. Aber am Ende hast du ihn doch noch hingekriegt. Whisky und schöne klassische Musik hilft einem schnell solche Verdrisslichkeiten zu vergessen.
Endlich weiss ich, dass du auch von zu Hause deine Mailbox kontrollieren kannst.. sogar schreiben kannst du. :-)
Heute ist ein sehr grauer Tag, temperatur etwas unter Null. Ich bin zu Hause, muss aber in einer Stunde wieder am Arbeitsplatz sein. Als ich heute morgen dorthin kam, war noch kaum jemand da mein erster Impuls war, wieder umzudrehen und nach Hause zu fahren. Aber allmählich tauchten Leute auf, man wünschte sich "god fortsättning" (gute Vortsetzung) und bedauerte, dass das Gebäude nicht, wie so viele andere in der letzten Zeit abgebrannt sei. Natürlich sagt man sowas nur weil man ein bisschen lachen will.
Ich sehe, dass du auch deine Umgebung liebst.. ich meine dein schönes Heim. Das Bild, das du mir geschickt hast ist wunderschön. Ich würde gerne sehen, wie du es aufgehängt hast. Kannst du nicht ein Foto davon machen?
Heute Nachmittag will ich mit Anna in die Stadt fahren um mich nach einer Waschmaschine umzusehen. Es ist unglaublich wie viele Modelle es von jedem Fabrikat gibt. Wie soll man sich da auskennen?
Ein bisschen unruhig war ich schon wegen deinen heimlichen Plänen.. unruhig, weil ich nicht weiss ob sie negativ auf unsere Mausfreundschaft einwirken könnten. Aber die ist vielleicht anderen Gesetzen unterstellt.
Ich habe keine Tauben, die mich inspirieren könnten.. aber ein paar Elstern spazieren unter dem Futtertisch herum und holen sich was runtergefallen ist. Sonnenblumensamen (heisst das so?). Es sind eigentlich schöne Vögel aber seitdem sie die kleinen Vöglein damals aus dem Nistkasten gezogen haben ist meine Einstellung zu ihnen etwas ambivalent.
Ich wünsche ich könnte jetzt mit dir in das Café gegenüber gehen und meinen Körper mit einem warmen Getränk und meine Seele (die auch ein wenig friert) mit einem schönen Gespräch mit dir erwärmen. Ja, das möchte ich jetzt tun. Kommst du mit?
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen perfekten Tag,
Malou
6. Januar
Ämne: Puhhh
Datum: den 6 januari 2004 12:28
Liebe Malou
Ja, Du scheinst wirklich ein Glückspilz zu sein. Stell Dir vor, das ganze wäre Dir Mitte Januar passiert, zu einem Zeitpunkt, da Du mit vielen anderen Dingen beschäftigt gewesen wärst. Und dass dabei nur die alte Waschmaschine ihren Geist aufgegeben hat, dafür muss man Verständnis haben.
Wir haben hier einen ehr trüben und kalten Dienstag. Ich bin früh auf gewesen heute und habe mich an die Dinge gemacht. Es gibt so viel zu tun, dass man sich fast Sorgen macht, ob man es alles hinkriegen könne. Der Apero gestern war gut. Unser neuer Chef hat ein paar Worte zu uns gesprochen. Er ist schon gut in seinem Element und ich denke, er packt seine Arbeit mit viel Fleiss und mit Können an. Es scheint, dass er sich sehr schnell einarbeitet.
Hast Du für das neue Jahr auch gute Vorsätze gemacht. Die meisten Leute sagen heute, dass sie so was nicht mehr tun. Ich habe es früher nie gemacht, weil ich dachte, das sei völlig sinnlos. Aber heute bin ich doch eher der Meinung, dass es doch ganz nützlich sein könnte, sich ein oder mehrere Ziele vorzunehmen. Ich lebe wirklich antizyklisch, wie das so schön heisst, nicht wahr? Damit meine ich, dass ich dieses tue, wenn alle jenes machen, und dass ich jenes will, solange alle andern dies wünschen. Aber ich will auch nicht allen Menschen erzählen, was denn meine Ziele seien. Sie sind sehr privat, wenn nicht geheim. Ich habe festgestellt, dass meine Ziele eher verpuffen, wenn ich zuviel darüber spreche. Dann wird das so, als ob ich sie schon fast realisiert hätte. Ich muss offenbar Suppen essen, solange sie warm sind. Vielleicht ist schon das allein ein Ziel, d.h. Ziele sofort umzusetzen, und nicht ellenlang darüber zu reden. Na ja, wir werden sehen.
Und am Himmel kreisen die Tauben. Was wollen denn sie bei dieser Kä$lte. Ziehen sie nicht in den Süden zu Sankt Markus? Nein? Hätte ich jetzt wirklich von ihnen erwartet.
Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
GuK
...
Ämne: So?
Datum: den 6 januari 2004 13:08
Lieber ...,
A und K sind hinunter ins Zentrum gefahren. Anna hat sich alle Brotreste vom Silvesterabend mitgenommen um die Enten am Bach zu füttern. Das muss ich mal fotografieren und dich sehen lassen. Es ist ein gemütlicher Anblick und man wird ganz harmonisch dabei.
Ja, wir hatten grosses Glück gestern. Und an einem Tag wo es keine Spur von Glück gab, so weit man sehen konnte, war es plötzlich gegenwärtig. Und das nur weil das Schlimme augeblieben ist.
Ach, du hast sogar geheime Pläne für dieses Jahr. Jetzt hast du mich aber neugierig gemacht. Ich tippe darauf, dass du ein Buch herausgeben wirst.. oder ist es von mehr privater Natur? Erzähl mir doch davon, bitte. Nur mir.
Nein, ich habe ganz vergessen bei der Jahreswende irgendwelche Versprechen zu machen. Doch wächst die Einsicht von Tag zu Tag, dass ich mein Leben wieder in die Hand nehmen muss. Unter dem Motto "Es ist besser etwas zu tun als etwas zu versprechen", gehe ich so langsam ans Werk. :-)
Hier ist es immer noch wunderschön weiss und nur -5 Grad.
Ich muss leider schon schliessen, aber ich würde mich sehr über ein kleines "Zwischenmail" von dir freuen, bevor ich weiterschreibe, wenn es möglich ist.
Mit lieben Grüssen,
Malou
Ämne: RE: Soso lala
Datum: den 6 januari 2004 20:44
Liebe Malou
Na ja, wirklich grosse Pläne habe ich nicht. Aber wie Du sagst, es ist besser, es zu tun, als zu versprechen. Ich glaube, ich verspreche absolut nichts. Eher beisse ich mir die Zunge ab. Es ist schlecht, irgendwas zu versprechen. Diese Dinge muss man sich selbst versprechen, dann bleibt die Energie dabei und es kommt heraus wie bei einem Vulkan. Du siehst, ich kann Dir nichts sagen. Umso mehr kann ich nix sagen, als ich noch gar nicht so genau weiss, wohin das laufen soll. Und das wäre doch wohl das erste.
Ich habe mich heute im Büro grün und blau geärgert. Mein PC war blockiert, ungefähr seit 12.00h mittags. Und bis sie den Fehler herausgefunden hatten, war es 16Uhr, oder noch später. Und natürlich war ich zuerst selbst damit beschäftigt, mit der Hotline zu diskutieren. Es ist dort ein Südamerikaner beschäftigt, ein netter Kerl, aber man versteht ihn kaum. Und wenn er irgendwelche Anweisungen gibt, was man jetzt tun so, wo drücken und wo absolut nicht drücken, dann versteht man kaum ein Wort. Später haben sie einen herüber geschickt. Und dann hat er dasselbe mit ihm gemacht. Aber er hat in am Telefon besser verstanden. Und schliesslich war es bloss eine Einstellung, die bewirkt, dass die Tastatur nicht funktioniert. Man tippt, aber es erscheinen keine Buchstaben. Es ist wie Blindenschrift :--) Und ich konnte fast nichts arbeiten, dabei hatte ich einige Dinge, die ich hätte erledigen wollen. Es war wirklich ärgerlich und ich hasse es, so von Maschinen abhängig zu sein. Wenn du nicht in den PC kommst ist es, wie wenn sie dich zuhause nicht herein lassen. Es ist absolut beleidigend. In dein eigenes Haus lassen sie dich nicht mehr hinein. Ich hätte den PC wieder mal zum Fenster hinaus schmeissen können. Ich war wirklich nahe daran. Und meine Sekretärin hatte Mitleid mit mir. Ich glaube nicht, dass sie je soviel Bedauern und Mitleid mit ihrem Chef hatte! Aber sie konnte da auch nicht weiterhelfen.
Ich wollte eigentlich schon nach dem Mittag gleich heim gehen. Was soll man im Büro tun ohne PC? Aber ohne mein Passwort konnten meine Leute damit auch nicht fertig werden. So bin ich geblieben. Um halb fünf bin ich endlich abgehauen. Und habe in meinem Ärger den falschen Zug erwischt, der eine Station weiter fuhr. So musste ich dort wieder warten, bis ich einen passenden Zug zurück gefunden habe.
Du siehst, es gibt Tage, da läuft alles ziemlich schief. Und ich habe den Eindruck, dieser Dienstag war so. Ich bin froh, dass ich ihn hinter mir habe für dieses Jahr. Das wird wohl nicht mehr vorkommen. So sehr kann Dich das Schicksal nur einmal pro Jahr necken, wollen wir doch hoffen, nicht wahr?
Dieses Mail schreibe ich, nach langer Zeit wieder einmal, von zuhause. Ich habe mir eine Platte aufgelegt, Beethovens sechste, Pastorale. Und dazu einen kleinen Whisky. Ich habe ziemlich gute Erinnerungen an die Momente, da ich mit den beiden zum ersten Mal im Leben Kontakt gemacht habe. Mit dem Whisky war es in Frankreich. Auf unserer Croisière Rhodanienne von Lyon bin Montélimar. Für zwei Tage waren wir (meine Oesterreichische Kollegin, eine hübsche Jüdin aus Wienerneustadt und ich) in einer Familie eingeladen, die etwas auf dem Land wohnte. Sie hatten ein hübsches Haus, nicht so riesig, wie andere Franzosen aus dem Club dort unten. Und vor dem Essen haben sie uns auf der Terasse einen Apéro offeriert. Ich wählte einen Whisky, was ich damals kaum kannte. Aber die Wirkung war fantastisch gut. Ich glaube, die Kollegin – sie hiess Christiane, wenn ich mich recht erinnere - hat sich später beschwert, dass ich sie allein französisch reden lasse mit den Leuten. Ich habe mich etwas gewundert, wie mild sie diese Kritik vorbrachte. Denn sie hatte recht, ich liess sie reden, weil ich ziemlich sicher war, dass ich selbst nicht so flüssig mit den Gastgebern plaudern konnte. Und darüber hinaus hatte sie viel Charme.
Das also meine Madeleine, was den Whisky betrifft.
Die Beethoven Symphonie hatte ich mir damals in England gekauft. Die Schallplatten waren so billig im Vergleich mit der Schweiz, dass ich überzeugt war, ich müsste was kaufen. Ich war sicherlich nicht sehr entschieden, was es sein sollte. Und ich kann Dir, Malou, auch nicht beteuern, dass ich die Platte vielleicht nicht bloss wegen des Covers gekauft hatte. Auf jeden Fall habe ich diese Beethoven mit dem hübschen Cover heimgebracht und sie immer wieder gehört. Und noch heute gefällt mir diese Leichtigkeit der 9. Symphonie. Man spürt die warme Luft und sieht die Blüten im Wind. Na ja, vielleicht hat sie Beethoven nicht gesehen, aber ich sehe sie.
Ich habe gerade festgestellt, dass es angenehm sein kann, nicht den Fernseher, sondern eine CD anzulassen. Die Musik füllt den Raum und gibt ihm Atmosphäre. Das Fernsehen zieht dagegen die Aufmerksamkeit weg. Es macht den Raum leer und leblos. Ach, es gibt doch diese schönen Bilder, wo die Menschen in ihren wunderschön dekorierten Stuben sitzen, vielleicht sogar am Schreibpult, und wo sie einen Brief schreiben. Alles ist dort so sinnlich und nah. Heute ist in modernen Räumen alles in dieser Hopper-Atmosphäre. Du kennst sie ja.
Das war auch der Grund, weshalb ich immer ein altes Haus wollte. Alte dunkle Räume, in welchen die Lampen bloss eine Ecke ausleuchten, wo das Licht einen intimen warmen Lichtkegel bildet, und nicht alle Dinge im Raum in grossen dunkeln Schatten zur Wand wirft. Aber das ist wohl alles ein bisschen altmodisch gedacht. Erinnerst Du Dich, bevor ich den Film „The Hours“ sah, hatte ich einen kleinen Ausschnitt in einer Reklame gesehen. Und es war genau so eine Zimmerecke, allerdings im Sommer bei offenem Fenster, wo draussen so nah die Bäume standen. Nur diese kurze Szene, vielleicht 15 oder 20 Sekunden, hatten mich begeistert. Dort schien alles so nah und sich gegenseitig befreundet. Das ist heute nicht mehr so. Wie sagt Rilke irgendwo? Man sollte „... den Dingen wie ein Bruder sein ..“.
Siehst Du Malou, das war jetzt vielleicht doch der Whisky. In solchen Momenten lasse ich meine Stimmungen zu. Sonst ignoriere ich sie vielleicht manchmal, was nicht gut ist, aber irgendwie so passiert. Ich hatte während der Weihnachtstage oft einen Freund aus dem Wallis im Sinn. Und jetzt merke ich, dass ich ihm doch wenigstens eine Neujahrskarte senden sollte. Das wäre doch das mindeste, um nicht ihn, aber doch meine Gefühle ein bisschen ernster zu nehmen.
Ich wünsche Dir einen guten Arbeitsanfang morgen.
Nimm die schweren Dinge leicht und die leichten schwer. Das ist ein ziemlich gutes Rezept, finde ich.
Mit vielen Grüssen und Küssen
...
Montag, 4. Januar 2016
Swisstalk u.a.m
Subject: Swisstalk u.a.m.
Date: Sun, 04 Jan 2004 21:56:12 +0100
Liebster Maufreund,
Man soll den Tag nicht vor dem Abend loben, heisst es doch. Und vielleicht soll man ihn auch nicht vor dem Abend verwerfen. Gegen Mittag wollte ich dir ein Mail senden und meine Not klagen über diesen Tag, der mir so ganz überflüssig vorkam - nur eine Transportstrecke zum nächsten Tag. Aber dann tauchen doch hier und da kleine Oasen auf in der Wüste und am Ende ist man ziemlich zufrieden mit dem Dasein.
Wir sind immer noch erkältet und Gäste sind ausgeschlossen. Anna hängt über den Büchern und K hat den halben Tag an seiner Internetsite gearbeitet. Jezt sitzt er, glaube ich, vor einer Sportsendung. Wenn er das tut, fühle ich mich frei wie ein Vogel. ;-)
Anna hat vorhin ein wenig Klavier gespielt. Es war wunderschön anzuhören und hat mich aufgemuntert. Es ist komisch, aber ein Stück live auf einem richtigen Klavier gespielt übertrifft fast die beste CD, auch wenn das Spiel nicht ganz perfekt ist. Es ist gut, dass sie versucht ihr Klavierspielen zu unterhalten. In Linköping kommt sie ja nicht dazu.
Heute bin ich für die Küche verantwortlich. Ein Hähnchen bratet schon im Ofen und verbreitet herrliche Düfte.
*
Jetzt ist es schon Abend und ich habe vorhin dein Mail gefunden. Wie immer schlägt mein Herz einen kleinen extra Schlag vor Freude, wenn ich deinen Namen in der Inbox sehe. :-)
Jetzt weiss ich welchen Film du meinst. Als ich den schwedischen Titel sah in Google habe ich ihn sofort erkannt. D.h. den Namen, denn der Film war lange superaktuell. Kann etwas lange aktuell sein? Leider habe ich ihn noch nicht gesehen aber ich werde es sobald wie möglich nachholen. Ich habe auch in einer Rezension gelesen, dass sich N. selbst übertrifft, gerade weil er nicht so ”überspielt”, wie er es normal tut in seinen Rollen. Der englische Titel ist übrigens ”As Good as It Gets” und der schwedische ”Livet från den ljusa sidan” (=Das Leben von der hellen Seite).
Nein doch, du brauchst mich nicht zu beneiden um die freien Tage. Der Dienstag ist ein Feiertag, an dem alle frei sind und wenn ich auch am Montag die Arbeit ruhen lasse, so ist es mit einem schlechten Gewissen. Denn eigentlich müsste ich den Mittwoch vorbereiten, weil ich dann ein Programm für ”meine” Sprachkollegen zusammengestellt haben soll. Nicht für den ganzen Tag, aber für ein paar Stunden doch. Man nennt es ”fortbildning”. Du siehst, ich bin nicht so fleissig wie du mit meiner Vorbereitung. Dann wartet eine Inventur meiner Institutionen. Ja, es sind zwei geworden, weil ich auch Französisch übernommen habe. Die Inventur soll gegen Ende Januar fertig sein. Ich habe nicht viel dazugekauft seit vorigem Jahr und werde ganz einfach die alten Angaben etwas komplettieren und ein paar Bücher, die ich an die Schüler verschenkt habe abziehen.
*
Was kann ich dir noch erzählen? Ich habe kontrolliert, ob es mich noch im Swisstalk gibt und man hatte mich immer noch nicht entfernt. Muss man vielleicht anmelden, wenn man austreten will? Ich glaube der ST hat sich sehr verändert seit unserer Zeit. Es gibt jetzt viel mehr junge Leute dort und dann natürlich solche die ”Hengst” und dergleichen als Pseudo wählen. Ich habe auch nach Harro gesucht und zu meinem Erstaunen gab es ihn, mit Bild und allem. Aber es war leider nicht mein Harro.
Ich freue mich auf den Besuch in der Italobar. Habe kurz dort reingeschaut, aber da sass nur ein einziger Gast. Franco habe ich nicht gesehen, aber er arbeitet wohl nicht jeden Tag.
Sonst habe ich keine Lust wieder im ST zu chatten. Ich finde es ziemlich langweilig und ausserdem tun mir die Männer leid, die sich Hoffnungen machen. Ich habe einen Neujahrsgruss in der Mailbox dort gefunden. Er war gestern abgesandt und das ist ein komischer Zufall, denn ich habe die letzten Jahre keinen Kontakt mehr gehabt mit dem sturmreichen Züricher, von dem ich dir mal erzählt habe. Und wäre es nicht wegen der Italobar, so wäre ich wohl kaum mehr dort reingegangen.
*
Es ist spät geworden. Anna und K sehen sich den dritten Teil eines Krimis an und ich werde mich jetzt gleich in ein Buch vertiefen. Ich habe es schon einmal gelesen vor sehr langer Zeit und ich weiss noch dass es damals einen ganz besonderen Eindruck auf mich gemacht hat. Ich muss mal sehen ob ich immer noch so reagiere. Lachst du nun? Ich habe mit anderen Worten ein Alter erreicht wo man alte Bücher nochmals lesen kann. ;-))
Nun lasse ich dich für heute. Hoffentlich geht es dir schon wieder besser.
Ich schicke dir ein kleines Bild mit aus dem Film mit Nicholson. Zwei Personen, die sich gegenübersitzen, sonst nichts, und doch finde ich so viel Elektrizität in der Art wie er sie anschaut. Siehst du das auch? Würdest du mich so anschaun in der Italobar? Dann wäre ich verloren. ;-)
Mit lieben Grüssen
Malou
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