Freitag, 16. Oktober 2015
Samstagmorgen - Blick durchs Fenster
Liebe Marlena
Ja, es ist schon Samstag Morgen und ich sitze hier vor dem Fenster und sehe
auf den Platz hinunter. Du musst wissen, dass ich meinen PC so gedreht habe,
dass ich geradeaus direkt aus dem Fenster sehe. Hingegen ist der Bildschirm
etwas abgerückt nach links in der Ecke. Meine Sekretärin behauptet zwar, man
sollte immer geradeaus und in natürlicher Haltung auf den Screen sehen
können. Aber sie selbst sitzt natürlich den ganzen Tag davor, da gelten
andere Gesetze. Bei mir sind es vielleicht 3 bis 4 Stunden, mit vielen
Unterbrechungen. Deshalb habe ich noch niemals einen steifen Hals bekommen.
Im Moment sehe ich eine lustige kleine Szene vor dem Fotoautomaten auf dem
Platz unten. Zwei Mädchen und ein Bursche sind damit beschäftigt, sich
fotografieren zu lassen. Offenbar haben beide Mädchen ihre Pflicht getan,
und jetzt möchte die eine, dass - offensichtlich ihr Freund - sich auch
ablichten lässt. Sie versucht es mit Küssen, mit Stossen und Schieben, aber
er widersetzt sich. Auch das zweite Mädchen hilft, ihn in die Kabine zu
stossen, aber nicht so entschlossen, eher zaghaft. Er widersetzt sich auch
nicht so entschieden, dass man sagen könnte, er wird es niemals tun. Er
lässt bei seiner Begleiterinnen Hoffnungen offen, offenbar weil er dieses
süsse Handgemenge geniest. Ach, wie jung sie sind, sie sind vielleicht 14
oder 15 Jahre. Das ist ein feines Alter, und jede Berührung der Freundin
geht bis tief ins Mark.
Montag, 12. Oktober 2015
Montag Morgen - (08:49)
Liebe Marlena
Ja, Du hast Recht, ich habe das Mail mit dem glühenden Rathaus in Stockholm schon früher gesehen. Aber der Schnitt war anders. Im früheren Bild standest Du nicht allein im Wind. Deshalb habe ich mich nicht sogleich dran erinnert. Erst an Deiner Kleidung, offen gesagt, habe ich es bemerkt. Damals war mir aufgefallen, wie chick Du Dich anziehst mit diesen verschiedenen Grau- und Schwarztönen. Diese Farben betonen alle anderen kleinen Farbtupferchen, die aus der Reihe fallen, den Lippenstift, die Augenlieder oder sonst was, nicht wahr?
*
Wir haben ein schönes und ziemlich mildes Wochenende hinter uns. Weil ich aber am Freitag krank war, habe ich am Samstag ziemlich viel gearbeitet. Aber ich bin auch rasch in die Stadt gefahren und ein bisschen zwischen Klein- und Grossbasel herum flaniert. Es ist schade, Walter geht nicht gerne in die Stadt, sonst könnten wir uns am Samstag Morgen in irgend einer Kaffeebar (er trinkt auch nicht gerne Kaffee) treffen und einen tüchtigen Wochentratsch über die Theke schieben. Das wäre sehr angenehm und wir könnten die städtische Atmosphäre geniessen. Ich mag sie einfach sehr, ich glaube viel mehr als früher. Früher habe ich es genossen, am Samstag im Garten zu arbeiten, als die Kinder noch klein waren und sich auch irgendwie im Garten beschäftigt hatten. So muss ich mich heute mit den Buchläden in der Stadt begnügen und bringe jedes Mal irgend einen Fund nach Hause.
*
Onkelchen war noch nicht bereit gestern. Er kam in einem ziemlich alten Hemd herunter, wo das langärmlige Unterleibchen hervorschaute. Und er fragte, ob er noch Zeit hätte, sich zu rasieren. Offenbar war er erst gerade aufgestanden. Meist öffnet er dann die Türen vorne und hinten im Haus, damit wir eintreten können, und er tappt nochmals hinauf, um seine Morgentoilette zu beenden. Er möchte so verhindern, dass wir läuten und dann minutenlang an der Türe stehen müssen, bis er die Treppe heruntergeturnt ist. Für ihn ist diese Treppe mittlerweile zu einem grösseren Hindernis geworden. Er geht jetzt meist mit seinem Stock herum und nicht mehr freihändig, wie früher. Ach, es ist nicht besonders angenehm, so alt zu werden. Aber er klagt nicht.
*
Eine Kollegin hat mich letzte Woche gefragt, ob ich ihr für einen Vortrag einige Zeichnungen machen würde. Sie besucht einen Führungskurs und hat die Aufgabe, Aspekte ihrer Führungsarbeit zu benennen und zu charakterisieren. Sie wollte, dass ich sie (natürlich wollte sie nicht, dass ich sie selbst zeichne, aber eine weibliche Person), dass ich also sie in der Rolle eines Kapitäns, eines Sähers, eines Katalysators, eines Beraters und eines Seismographen zeichne. Das war eine schöne Arbeit und ich habe mir Mühe gegeben, sie ein bisschen lustig zu zeigen, durchaus ein bisschen mit sexy Formen, was sie in natura nicht besonders hat. Ich hoffe, sie fühlt sich nicht zu sehr verulkt. Es ist wirklich angenehm, sich Zeit nehmen zu können um zu zeichnen. Ich habe das am Freitag gemacht, nachdem ich richtig ausgeschlafen hatte. Dann konnte ich in der Stube herumtrödeln und lesen und solche Dinge tun. Die schwierigste Sache war vielleicht die Darstellung des Katalysators. Was ist ein K? Und wie kann man ihn zeichnen, damit alle sofort verstehen, was gemeint ist. Schliesslich habe ich sie mit einer riesigen Fackel gezeichnet, mit welcher sie ihren Patienten oder Klienten (wie wir sie nennen) den Hintern einheizt.
*
Und heute muss ich mich noch auf die Sitzung vorbereiten. Ich habe mittwochs eine Diskussion am Radio, für die ich mich noch etwas einlesen muss.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
Montag, 5. Oktober 2015
Saturdaymorningintheoffice
(ungekürzt)
Ämne: Saturdaymorningintheoffice
Datum: den 12 juni
Liebe Malou
Ach, gestern war ein hektischer Tag. Von allen Seiten kamen die Anforderungen und Bedürfnisse. Jeder wollte etwas. Und am liebsten sofort. Nein, das mag ich nicht, solche Situationen, in denen man total vom Hand in den Mund lebt. Es gibt Typen, die das lieben, diese Krisensituation, dieses Notfallsyndrom. Ich glaube, es hängt damit zusammen, was jener Journalist in Italien über den Chaotismo geäussert hat. Das ist der Moment, da man sich als Deus ex machina fühlen kann. Und das ist es, was sie wünschen. Ich hingegen bin so sehr bescheiden, dass ich das nicht mag.
Der Regen hat sich gelegt. In den letzten Tagen hat es echt gekübelt. Und die Natur sollte jetzt wieder für 2 oder 3 Wochen satt sein und sich zufrieden geben. Die Temperatur ist ziemlich zurück gegangen. Aber nächste Woche soll sie wieder steigen. Und dann wird der Sommer wohl endgültig angekommen sein?
Ihr habt den Abschluss des Schuljahres und die Abitur-Feier? Das ist schön. Es ist das Fest der Jugend, und es erinnert gleichzeitig an eigene und die damaligen Feste der eigenen Kinder. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich selbst an jene Feier, die es ja auch bei uns gibt, nicht mehr genau erinnern kann. Nun, die Verhältnisse an der Schule in Brig waren einfach. Feiern fanden jeweils im Theatersaal statt. Ein Theatersaal war kein Luxus, denn das Theater gehört zur jesuitischen Ausbildung. Das gehört sozusagen zum Barock der Gegenreformation, während dessen auch die Oper entwickelt worden ist. Ich habe eine merkwürdige Erinnerung. Stets an diesen Gelegenheiten, Festen, Feiern, speziellen Gelegenheiten, hatte ich ein Auge für jene Wandskulptur, die unser Zeichnungslehrer an die Wand des Theatersaales geschaffen hatte. Während des Alltages schaute ich kaum dort hinauf an die Wand, wo diese merkwürdige, etwas verkürzte Figur herunterschaute. Sie sah aus wie ein Engel. Mindestens, so glaube ich, war es eine religiöse Figur, eine Figur aus dem biblischen Kontext. Unser Zeichnungslehrer war im Wallis ziemlich bekannt, hat viele Skulpturen, Brunnen, Gedenksteine geschaffen. Aber er war auch ein stiller Mann. Im Unterricht hat er uns kaum etwas erzählt und uns kaum etwas Neues beigebracht. Bei einem anderen Lehrer wäre ich vielleicht Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die junge Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.
Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!
Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw
Ruedi
Ämne: Saturdaymorningintheoffice
Datum: den 12 juni
Liebe Malou
Ach, gestern war ein hektischer Tag. Von allen Seiten kamen die Anforderungen und Bedürfnisse. Jeder wollte etwas. Und am liebsten sofort. Nein, das mag ich nicht, solche Situationen, in denen man total vom Hand in den Mund lebt. Es gibt Typen, die das lieben, diese Krisensituation, dieses Notfallsyndrom. Ich glaube, es hängt damit zusammen, was jener Journalist in Italien über den Chaotismo geäussert hat. Das ist der Moment, da man sich als Deus ex machina fühlen kann. Und das ist es, was sie wünschen. Ich hingegen bin so sehr bescheiden, dass ich das nicht mag.
Der Regen hat sich gelegt. In den letzten Tagen hat es echt gekübelt. Und die Natur sollte jetzt wieder für 2 oder 3 Wochen satt sein und sich zufrieden geben. Die Temperatur ist ziemlich zurück gegangen. Aber nächste Woche soll sie wieder steigen. Und dann wird der Sommer wohl endgültig angekommen sein?
Ihr habt den Abschluss des Schuljahres und die Abitur-Feier? Das ist schön. Es ist das Fest der Jugend, und es erinnert gleichzeitig an eigene und die damaligen Feste der eigenen Kinder. Ich muss allerdings zugeben, dass ich mich selbst an jene Feier, die es ja auch bei uns gibt, nicht mehr genau erinnern kann. Nun, die Verhältnisse an der Schule in Brig waren einfach. Feiern fanden jeweils im Theatersaal statt. Ein Theatersaal war kein Luxus, denn das Theater gehört zur jesuitischen Ausbildung. Das gehört sozusagen zum Barock der Gegenreformation, während dessen auch die Oper entwickelt worden ist. Ich habe eine merkwürdige Erinnerung. Stets an diesen Gelegenheiten, Festen, Feiern, speziellen Gelegenheiten, hatte ich ein Auge für jene Wandskulptur, die unser Zeichnungslehrer an die Wand des Theatersaales geschaffen hatte. Während des Alltages schaute ich kaum dort hinauf an die Wand, wo diese merkwürdige, etwas verkürzte Figur herunterschaute. Sie sah aus wie ein Engel. Mindestens, so glaube ich, war es eine religiöse Figur, eine Figur aus dem biblischen Kontext. Unser Zeichnungslehrer war im Wallis ziemlich bekannt, hat viele Skulpturen, Brunnen, Gedenksteine geschaffen. Aber er war auch ein stiller Mann. Im Unterricht hat er uns kaum etwas erzählt und uns kaum etwas Neues beigebracht. Bei einem anderen Lehrer wäre ich vielleicht Künstler geworden. Denk Dir mal so was, Malou! Ich würde jetzt in einem dunkeln Atelier im Kreis 4 Zürichs unter Huren und Türken dahinvegetieren, würde mich notdürftig von Büchsenbohnen und kalten Buffets an Vernissagen ernähren, und mich an letzteren auch gelegentlich wieder mal richtig besaufen. Ich hätte vielleicht 2 oder 3 heisse Freundinnen, eine blonde, eine brunette und eine schwarze, wie ich wohl annehme, und ich würde mein kleines Harem notdürftig pflegen und zufrieden stellen mit viel Scherereien, zugegeben, und Streitigkeiten. Und daneben hätte ich in meinem Alter all meine Illusionen verloren über Kunst und den Idealismus. Ich würde mit Misstrauen beobachten, wie die junge Künstler von den Behörden grosse Auftrage zugewiesen bekommen, und wie sie sich dann bei jenen bourgeoisen Ärschen noch mehr anbiedern und einschleimen. Widerlich! Vielleicht würde ich im Stillen immer noch nach meinem grossen Jahrhundertwerk gieren, jenem Bild, oder jener Statue, jenem Meisterwerk, welches endlich allen Menschen die Augen öffnen kann. Und von diesem zehrenden Leben wäre ich mit diesem Alter bereits heruntergekommen. Ich hätte meine Anfälle, meine Magenkämpfe oder so, und trotzdem würde ich regelmässig meinen Dôle trinken und dazu Gitanes rauchen. Ach, ich würde mich langsam zugrunde richten und würde das alles noch geniessen. Ich wäre wie die Kerze, die an beiden Seiten brennt.
Ist es nicht schön, sich alternative Leben auszudenken? Frisch hat sich in der ‚Biographie’ mit diesen Fragen beschäftigt. Man kann sich damit sehr glücklich, oder aber - zweifellos - auch unglücklich machen. Ich selbst bin darüber eher glücklich. Ich meine, ich erlebe dabei die Weite des Lebens. Ich empfinde, wie gross die Möglichkeiten der Existenz eigentlich wären, und wie viel anders mein Lebenslauf auch hätte ausgehen können. Ich glaube, es macht irgendwie zufriedener mit dem, was man hat. Man fühlt sich dann so ordentlich und zufrieden in der Mitte all dieser wilden und abenteuerlichen Spuren und Wegzeichen in der weiten Landschaft. Man weiss sich auf einem ordentlichen, gesicherten Wanderweg, der zwar nicht wirklich irgendwo hin führt, aber zumindest sich nicht allzu gefährlich ausgibt. Und dazu trifft man auf dieser kleinen, gut ausgebauten Avenue jede Menge netter Menschen, die auch unterwegs zu sein scheinen, die aber auch nicht wirklich wissen, wohin der Weg führt. Das ist der wesentliche Unterschied: bei den Menschen auf dem Weg entscheidet der Weg über die Gehrichtung. Bei jenen, die eigenmächtig durch die wilde Natur gehen, entscheidet jeder selbst. Das macht ihn wohl wacher für die Situation. Vielleicht kommt er nicht wirklich an einem selbst gewählten Ziel an, aber mindestens er hat seinen Weg selbst gewählt. Er fühlt sich heroisch, denn er hat immer wieder den Eindruck, in einer Krisensituation zu sein, in einer Situation, die über Tod und Leben entscheidet. Und gerade das macht, dass er sich so lebendig fühlt. Wir hingegen wandern ruhig auf dem Strässchen wie auf einem Sonntagnachmittagspaziergang. Und jedes Kind weiss doch, wie langweilig Sonntagnachmittagspaziergänge sein können!! Und so ist es nicht erstaunlich, dass wir ein bisschen schläfrig dahin gehen und nicht wirklich wach zu sein brauchen. Das einzige, was wir benötigen, ist die Motorik der Beine. Und sie arbeitet bekanntlich routinemässig und völlig automatisch. Wir brauchen bloss zusehen, dass sich an den Füssen keine Blasen entwickeln!!
Ich muss jetzt zurück auf mein langweiliges Strässchen und die Sitzung für Montag vorbereiten. Dann fahre ich nach Basel.
MlGuKusw
Ruedi
Sonntag, 4. Oktober 2015
Wetter und Liebe in Juan-les-Pins
Ämne: Re: Wieder da..
Datum: den 31 juli 2003 21:18
Lieber ... ,
Was immer das Thema auch sei, so verstehst du es ein kleines Kunststück daraus zu machen. Deine Gedanken über die Wettervorhersagen sind köstlich. Und da wir ja nun gerade wieder bei dem Thema gelandet sind muss ich dir sagen, dass auch wir im grossen Teil vom Lande sehr trockenes Wetter gehabt haben. Das staatliche "Vattenfall" droht schon jetzt damit ihre bereits riesigen Elektrizitätspreise nochmals zu erhöhen. Auch von Waldbränden sind wir nicht verschont geblieben. Aber hast du von Südfrankreich gehört? Ich habe gerade einen meiner Schüler in Antibes -Juan les Pins und er wird sicher viel zu erzählen haben.
In Antibes war ich mal bei einem Kurs für Französischlehrer und die Nachmittage haben wir meist am Strand in Juan les Pins verbracht. Ich erinnere mich noch sehr gut an das Hotel und den schönen Park mit Palmen und wo Zitronen und Orangen an den Bäumen leuchteten. In der Nacht, wenn man durch die stillen dunklen Gassen nach Hause ging, hörte man Laute, die ich sonst nur in einem afrikanischen Djungel erwartet hätte. Und die Nächte waren lau und die Sterne leuchteten über dem Meer. Und einer der französischen Assistenten war etwas verliebt in mich und um mit mir ausgehen zu können musste er auch die anderen Frauen in meiner Gesellschaft akzeptieren. Er war gesprächig und auch sprituell und man sah, dass sich die Damen freuten über diese männliche Eskorte.
Es war eine schöne Zeit.
---
Freitag, 2. Oktober 2015
Gedanken über "Erwachsene"
Lieber ...,
(---)
Unsere jugendlichen Auffassungen von den "Erwachsenen". Für mich war es so dass ich ihnen absolut keine Schwächen zutraute. Sie waren fast wie Robote, die ihre Pflichten ausführten, die streng bewachten, dass auch wir Kinder dies taten. Vielleicht hätte ich es anders gesehen, wenn ich mit meiner Mutter aufgewachsen wäre. Noch als 25-jährige habe ich die Zeit vor dem Umzug zu meiner Tante als das verlorene Paradis betrachtet. Erst später, viel später konnte ich sehen wie ihr Leben (das Leben meiner Tante) wirklich gewesen sein muss. Es ist überwältigend plötzlich das Dasein eines anderen Menschen von Innen zu sehen. Wir hätten damals einander sehr nahe kommen können.. aber es war zu spät.
Ich glaube auch, dass das Verhältnis zwischen Kindern und Eltern heutzutage anders ist (jedenfalls anders sein kann). Bei Anna und mir ist ja die Situation etwas speziell. Wir haben lange allein und nahe zusammen gelebt und vielleicht liegt es an mir, dass wir eigentlich nie ein solch typisches Eltern-Kinder-verhältnis gehabt haben. Wir waren immer mehr wie richtige Freunde. Neulich, als sie mit mir am Telefon gesprochen hatte, hat sie ihr "Korridorsfreund" gefragt mit wem sie gesprochen hätte. Und er hat auf alle möglichen in ihrem Bekanntenkreis getippt bis ihm schliesslich Anna gesagt hat, es war mit ihrer Mutter. Er konnte es nicht glauben, dass man so mit seiner Mutter reden kann. Es gibt scheinbar immer noch junge Leute, die Eltern als E.T.s betrachten.
Es ist lustig wie du sagst "nie im Leben hätte ich mir vorstellen können, dass auch ich mal auf ihre Seite geraten würde".
Für mich war die grosse Überraschung, dass man nie erwachsen wird, d.h. nie so wird, wie man sich die Erwachsenen vorgestellt hatte. Dass man innerlich immer derselbe ist.. auch wenn sich das Äussere verändert. Ach, wie schade, dass du nicht schwedisch kannst. Zu irgendeinem ehrwürdigen Geburtstag hat jemand ein Gedicht vorgetragen über das Altern (siehst du ich bin schon wieder dabei). Es sagte ungefähr, dass man alle Alter zugleich in sich trägt. Einmal ist man ein kicherndes kleines Mädchen, dann eine ernste junge Frau oder eine müde alte Person. Aber man ist es nicht in diser Reihenfolge sondern abwechselnd. Für mich ist altern dasselbe wie reicher werden. Man sammelt immer mehr Schätze in seinem Tresor. Schöne Erlebnisse, interessante neue Erfahrungen, mehr Wissen..
Es ist spät geworden und ich sage dir nun gute Nacht und hoffe, dass du bald wieder kerngesund bist.
MlGuK,
Malou
Donnerstag, 1. Oktober 2015
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