Sonntag, 13. April 2014
Isfahan ist die halbe Welt
Liebe Marlena
Ich wollte dir heute abend ein bisschen von Persien erzählen. Langsam muss ich mich ja doch geistig darauf vorbereiten.
Es ist so merkwürdig. Als wir vor ein paar Jahren via Amsterdam mit der Dutch Airline flogen, war alles bestens. Du steigst ein und es ist wie ein Flug von Zürich nach Istambul oder so. Natürlich hats ein bisschen viele Männer mit schwarzem Haar und dunkeln Schnäuzen. Klar, hat es vielleicht eine überdurchschnittlich hohen Prozentsatz an ausdrucksstarken Frauen mit grossen schönen Augen, eleganter Kleidung und dunkelm Teint. Aber sonst ist nichts anders. Die blonden Stewardesses der holländischen Fluggesellschaft heben sich stark davon ab. Aber je näher man im Flug Teheran kommt, desto häufiger verschwindet eine Dame nach der anderen im WC und kommt mit dunkler Kleidung und einem schwarzen Kopftuch wieder heraus. Es wird dunkler und dunkler im Flugzeug. Das ist sehr merkwürdig. Und du merkst sozusagen kilometerweise, wie du dich Teheran näherst. Der Flughafen dann middle-east-chaos, eine Hitze, ein Durcheinander, riesige Schlagen, die überhaupt nicht vorwärts kommen, von Kundenfreundlichkeit der Beamten keine Rede, ich meine, sie sind höflich, aber es ist nichts organisiert. Man hat den Eindruck, sie tun ihre Arbeit heute zum ersten Mal. Und womöglich wollen sie noch alles anschauen und kehren das unterste zuoberst. Sie fühlen sich auch nicht verpflichtet, das alles wieder einzuräumen. Das überlassen sie in nobler Zurückhaltung dir selbst. Man könnte kochen. Man hat den Eindruck, sie haben keine Ahnung von der Welt, absolut keine. Sie fühlen sich hier im Nabel und wohl auf dem Schoss Allahs.
Aber ich wollte dir über Isfahan erzählen. Es ist die schönste Stadt, die ich übrhaupt kenne. Sie übertrifft vielleicht sogar Rom, oder Paris. Nun ja, es ist keine Schwester von ihnen, höchstens eine Kusine zweiten Grades. Isfahan liegt auf halbem Wege von Teheran an den Persischen Golf in einem fruchtbaren Tal der Bakhtiari-Berge. Es ist also von Bergzügen eingefasst, und die Stadt liegt selbst am Hang. Und wenn man abends mit dem Auto hinauffährt, und herunterschaut, dann hat man eine schöne Aussicht auf den Fluss, auf die alten Brücken, und auf die alte Stadt auf der anderen Seite des Flusses. Isfahan liegt 1575 m. über Meer. Stell dir vor, das ist sehr hoch. Es hat mehr als 2 Mio Einwohner. Man lebt hier vor allem von Obst- und Getreideanbau, und vor allem von Kunsthandwerk. Die ganze Stadt ist voll von diesen Werkstätten, wo sie Metalle bearbeiten, Malen, Modellieren usw. Überall kann man stehen bleiben und zuschauen, wie sie vorgehen. In früher Zeit gab es rund um Isfahan auch Seiden- und Baumwollproduktion. Es gab viele Maulbeerbäume für die Seidenraupen. Und es gab riesige Taubenschläge, gross wie mittelalterliche Türme, um den Mist für die Bäume zu bekommen.
Seit alters gibt es in Isfahan ein Judenviertel Ums Jahr 1000 hatte Isfahan 12 bronzebeschlagene Tore in seinen Stadtmauern, so gross, dass selbst Elefanten durchmarschieren konnten.
Um 1051 übernahmen die Seldjuken die Stadt und machten sie zur Hauptstadt. Das ergab eine wirtschaftliche und kulturelle Blüte. "Wohlhabend, schön und sauber" wurde Isfahan damals beschrieben. Und es gibt heute noch viele Gebäude aus dieser Zeit, viele Minarette, Moscheen und Grabbauten. Es gibt Karawansereien mit Leutturm. Wie am Meer, so hatte man auch hier in der Nacht ein Licht auf einem hohen Turm, damit die Karawanen den Weg in der Nacht finden würden.
1388 war der Mongolensturm. Man sagt sie hätten zerstört und soviele geköpft, dass sie die Köpfe so hoch wie Minarette aufschichten konnten.
Zu beginn des 16. Jhrhunderts kamen die Safawiden (1501 - 1722) Das war die Glanzzeit der Stadt, es war auch die Zeit des Grossen Shah Abbas. Er machte Isfahan zur Hauptstadt Persiens und er holte Handwerker und Künstler von überall her. Es gibt noch heute eine grosse christliche Gemeinde vonArmeniern, die er damals als gute Handwerker geholt hatte. Sie haben eine eigene christliche Kirche und feiern Weihnachten usw. Der Städtebau hatte ein hohes Niveau, es gab Medressen (Schulen) 200 Badehäuser, Karawansereien.
Aus einer solche Karawanserei wurde dann das heutige mondäne Schah Abbas Hotel. Ich glaube, sie haben es nach der Revolution umbenannt. Es ist ein wundervolles Hotel, mit einem riesigen Hof im Innern, begrünt mit Bäumen und Wasserspielen und abends alles beleuchtet, und rundum sind all die Zimmer des Hotells, sie gehen alle auf diesen Hof. Und am Ende, im Diwan, gibt es vielleicht einen Spieler, der Musik macht, und auf jeden Fall servierensie dort einen Tee aus dem Samovar. Es ist mild und friedlich und eine Atmosphäre wie 1001 Nacht. Damals jedenfalls waren die Frauen frei und und offen, manchmal mehr als hier.
Es gibt in Isfahan eine Reihe bekannter Bauwerke aus dem Mittelalter, die sehr schön sind. Es gibt das Pavillon Hasht Behescht (der 8 Paradiese), wenn ich mich richtig erinnere, war es ein Harem. Und als wir mit einem Führer durch die Räume des 8-eckigen luftigen Hauses gingen, wagte ich die Frage an den Führer: weshalb denn acht, die Woche hat doch nur 7 Tage. Er meine, ein Wohnteil sei eben Reserve gewesen, oder für die Lieblingsfrau. Es gibt den Chehel-Sotun, den grossen Palast der 40 Säulen. Er hat zwar nur 20, und sie sind etwa 3 Stockwerke hohe Holzsäulen, auf schön gemeisselten Löwen stehend, aber durch das Wasser vor dem Bauwerk ergeben sich mit der Spiegelung eben 40 Säulen. Und die Reflexion des Lichts über das Wasser in die unterseite der Decke des Hohen Raumes macht eine spezielle Astmosphäre. Die Wände sind voller kleiner Spiegel, damit auch von dort das Licht zurückgeworfen werde. Und es gibt dann natürlich den Maydan-e Imam, den grossen Platz, der zur königlichenAnlage gehört hatte. Er ist 150 m breit und 500m lang. Wenn du ihn im Internet findest, schau ihn an, Marlena, er ist wunderbar. Rundum gehen doppelstöckige Arkaden und schliessen ihn ein. In denArkaden gibt es Läden und vor allem Schatten. Im Norden ist dann direkt der Bazar. Ich liebe die orientalischen Bazars. Erstens ist es dort einigermassen kühl. Zweitens ist es dunkel, und das ist entspannend für die Augen. Drittens bilden die runden Öffnungen oben blendendhelle Lichtsäulen, die irgendwo hineinfallen und an denen du sehen kannst, wie spät es ungefähr sein muss. Sie bringen das Licht ins dunkel. Und oft haben die Händler noch ihre Lampen angezündet. Aber es ist alles in allem eine heimelige Welt. Wenn man bedenkt, dass es Leute gibt, die ihr ganzes Leben in diesen Räumen verbringen. Tag für Tag sind sie dort und kennen ihre Nachbarn und haben mit ihnen Krach, oder trinken Tee zusammen. Es wird hier auch kaum gestohlen. Ausser, wenn dich beim Feilschen übers Ohr hauen, dann kann es sein. Aber das gilt ja nicht als Diebstahl, das ist Geschäftskunst. Darin sind die Perser Weltmeister. Im Bazar könnte ich tagelang herumlungern und mir die Sachen anschauen. Man kann sich auch leicht verirren in diesen vielen Gängen. Aber in Isfahan ist er nichtallzu gross. Man findet schon wieder hinaus.
Und dann gibt es zur rechten Seite des Platzes die Hohe Pforte Ali-Qapu. Das ist ein 5-geschossiges Hus mit einer riesigen Terasse. Von dort hat man einen königlichenBlick über den Platz. Es ist sozusagen die Ehrentribüne. Das Gebäude stammt aus dem 15. Jh. Und es gibt darin Musikzimmer, die speziell gebaut sind, um die Akustik zu verbessern. In Form von Musikinstrumenten sind in die Wände Vertiefungen eingelassen. Das soll den Ton verändern. Von der Terasse sieht man auch gut, dass die Arkadenbauten reine Show-Architektur ist. Es ist eigentlich nur eine Wand, aber vom Platz aus sieht es so aus, als ob es ein Gebäude wäre. Echt persisch, auch dies, sie haben einen Sinn für Show und für Bluff.
Und am Ende des Platzes die Grosse Moschee. Sie ist nach Mekka gerichtet und daher vom Platz 45° abgewinkelt. Das macht architektonisch eine ausgezeichnete und belebende Wirkung. Auf der anderen Seite, vis a vis der Terasse, ist dann noch eine kleinere, eine private Moschee ohne Minarett. Man sagt, sie wäre für die Frauen des Königs gewesen, und unter dem Platz hätte ein unterirdischer Gang dort hinüber geführt, damit das königliche Harem nicht vor aller Augen in die Mosche hatte pilgern müssen.
Schön in Isfahan ist, dass es noch viele Bauten gibt, die im alten Stil geblieben sind. Der ganze Bazar ist auch ursprünglich. Es gibt Werkstätten, die sehen so altertümlich aus, das würden wir uns nie vorstellen. Und Isfahan ist klein. Es ist alles gut zu Fuss erreichbar. Und trotzdem führen sie dich überall hin mit dem Auto und mit der Air Condition.
Es gibt dann noch 3 wunderbare Mittelalterliche Brücken, die fast wie eine Art von Terassen ausgebaut sind. Abends ist dort voll von Leuten, denn direkt am Wasser ist es ein bisschen kühler. Und in den unteren Nischen der Brücke kann man Teetrinken oder Eis kaufen.
Ach, ich glaube, du musst das mit Bildern aus dem Internet anschauen, Marlena, ich kann es dir nicht so gut beschreiben. Es ist dort alles wirklich märchenhaft. Und wenn man privat wohnt, dann verwöhnen einen die Leute nach Noten. Sie schenken dir ihr letztes Hemd. Und wenn du müde und durstig von einer Besichtigung heimkommst, haben sie die Wassermelone bereit, die schön blutrote, ein bisschen gekühlt. Das ist der Himmel auf Erden. Das ist noch fast besser als ein langer Zungenkuss.
Soweit Isfahan. Ich werde es Marc und Kathrin, meinem Patenkind, dem Sohn meiner Schwester zeigen.
Und jetzt bin ich müde und muss rasch vorwärts machen. Ich küsse dich zum Abschied dieses Tages und wünsche dir eine schöne Nacht, die einte und schönste von den 1000, in denen Sheherzade um ihr Leben erzählt hat. Doch was hat sie uns gezeigt: Geschichten können heilen. Deshalb schon muss man erzählen.
Mit einer Umarmung und mit Liebe
Dein ...
Isfahan bilder
Trapetznummer ohne Netz
...
Nebenbei gesagt weiss ich, liebe Marlena, wie Männer kochen. Ich mach das heute eigentlich kaum mehr. Aber früher habe ich auch ab und zu gekocht, so, wie Männer eben kochen. In der einen das Weinglas, in der anderen den Kochlöffel, dass ist die klassische Pose. So was gehört sich. Ohne das wäre Kochen Galeerenarbeit und die Küche die wahre Hölle. Mit dem Wein aber schon ein bisschen anzufangen, das gibt der Küche jenen Glanz, die sie überhaupt erträglich, ja vielleicht gar wohnlich macht. Man muss aber auch wissen, dass das nicht freiwillig ist. Es herrschen hier ziemlich verbindliche Regeln und Gesetze: Es geht darum, dass man den Wein rechtzeitig zu öffnen hat. Es geht darum, dass man zu prüfen hat, ob denn der Zapfen nicht riecht. Es geht nicht zuletzt darum, dass man sich für ein Vorhaben solcher Grössenordnung – nämlich ein Essen auf den Tisch zu bringen – dass man sich für ein solches Wagnis etwas Mut antrinken muss. Denn wenn man daran denkt, was dabei alles schief gehen könnte! Also, meine Liebe, alle Männer der Welt kochen auf diese Art und Weise. Nicht alle kochen sie vielleicht eine Bouillabaisse, aber alle fuchteln sie mit Weinglas und Kochlöffel herum. Das ist – darwinistisch gesprochen - das Resultat stammesgeschichtlicher Evolution. Soweit die Summe soziobiologischer Erkenntnis! Und was auch erkannt ist: Männer kochen mit doppelt bis dreifachem Budget als ihre Frauen. Und sie waschen nicht ab post festum und überlassen die schmutzige Küche dem Personal. Wer auch immer dieses Personal sein mag. Gott möge sie segnen und behüten, diese Männer der Welt!!!
Ich selbst bin heute soweit, dass ich mir erlaube, mit dem Weinglas in der Luft herum zu fahren, ohne dabei gleich kochen zu müssen. Das mag jetzt etwas überheblich klingen, Marlena, ist es ja vielleicht auch. Aber es braucht doch viel Arbeit an sich selbst, zu trinken, ohne zu kochen. Das ist sozusagen eine Trapeznummer ohne Netz. ...
(R)
Samstag, 12. April 2014
das Büro
Subject: le bureau
Liebe Marlena
Ich glaube, ich kann ziemlich gut arbeiten, wenn du bei mir im Schaukelstuhl sitzt. Nun ja, ein bisschen fühle ich mich schon ausgestellt und im Geheimen beobachtet. Und natürlich möchte ich dann eine gute Figur abgeben. Hast du das gesehen?
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Du siehst, liebe Marlena, so geht es ungefähr bei mir zu und her. Diese Situation war jetzt ziemlich transparent und es war einigermassen klar, wo die Probleme liegen und welche Schritte zu ergreifen sind. Manchmal ist es unübersichtlich und unklar wie in einer Londoner Nebelnacht.
(---)
Und im zweiten Teil des Vormittags haben wir zusammen einen Kaffee getrunken am runden Tisch. Du hast den Rilke weggelegt und dich im Schaukelstuhl zurückgelehnt. Ich glaube, du kannst eine Ruhe und eine Besinnlichkeit in die Situation bringen, die sehr angenehm und sehr produktiv ist.
Und schliesslich hatte ich noch ein paar kleine Sachen zu erledigen: Post, Telefonat mit unserer Aussenstelle, die von mir eine Antwort erwartet hat, längeres Gespräch mit der Sekretärin dort - man muss sie etwas pflegen - und ein paar Scherze.
Die Sekretärin hier kam mit ein paar Fragen wegen des Budgets, das wir bis Ende Monat und dummerweise Ostern abzuliefern haben. Sie ist immer etwas nervös, wenn sie das Budget machen soll. Aber sie hat es noch jedes Jahr gut und sorgfältig gemacht. Das war mein Vormittag
...
Am Nachmittag werde ich an einem Bericht arbeiten, den ich nach Ostern abliefern will. Es geht darum aufzuzeigen, dass wir zuwenig Kapazitäten haben. Wir können die Arbeit fast nicht bewältigen. Die Leute müssen teilweise 2 bis 3 Monate warten, bis sie an die Reihe kommen. Und heute, im Zeitalter des New Public Managements ist dies einfach zu lange. Ich bin gespannt, wass mein Chef sagen wird. ...
*
So sitzen wir immer noch in meinem Büro und du fragst mich dieses und jenes. Vielleicht, wozu ich soviele kleine auch private Dinge herum habe: Fotos, eine Kaffeetasse mit der Aufschrift "Ein richtiger Mann trinkt Kaffee", die mir B einmal zum Geburtstag geschenkt hat, zwei Golfbälle, die ich mal gewonnen habe, ein Baseball Ball, Boule-Kugeln, wie man sie in Südfrankreich braucht, eine Muschel vom Atlantik-Strand in Andalusien (diese hübsche St. Jakobsmuschel, die früher die Pilger als ihr Zeichen getragen haben), eine Tasse, die A modelliert hat, mit einem Pferdekopf, der urtümlich aus der Wand über dem Henkel herauswächst, etliche CDs stehen hier herum, obwohl ich sie zur Zeit nicht hören kann, weil ich meinen Radio dem Onkel in Lenzburg ausgelehnt habe, und oben auf dem Gestell drei Postkarten mit der Büste der Nofretete, diese ägyptische Figur, die wir über Neujahr in Berlin gesehen haben. Sie hat einen langen schlanken Hals und ein zierliches Gesicht und einen riesigen Kopfschmuck, so dass man kaum annimmt, dass der Hals dies alles tragen könne. Ach, und dann habe ich noch eine Kerze hier im Büro und zwei Gläser mit vielen farbigen Stiften und eine Pinwand. Dort oben hängt das berühmte Foto Einsteins, auf dem er die Zunge rausstreckt. Ist ja nachgerade nicht mehr sehr originell aber immer noch lustig. Und daneben hängt eine Porträtaufnahme von Hitchcock. Sein dicker runder Kopf ist irgendwie ästhetisch, obwohl ja sonst dicke Leute nicht sonderlich ästhetisch sind, oder es zumindest im allgemeinen etwas schwerer haben. Am gleichen Pinbrett hängt eine spanische Postkarte mit einem Stierkämpfer und ein Bild eines Altarbildes von Rubens. Auf dem Büchergestell habe ich eine Postkarte von Rodin stehen. Sie ist sehr gut aufgenommen und wirkt ziemlich geheimnisvoll. Ich mag seine Skulpturen. In Zürich steht eine Kopie seines Höllentores, eine grandiose Arbeit. Doch er war auch ein grosser Narzist. Ich glaube, er war auch ein Skoprion, habe ich mal irgendwo gelesen. Du siehst, meine Liebe, ich habe hier echt eine Villa Kunterbunt und soviele verschiedene Sachen, dass es nicht leicht ist, davon nicht abgelenkt zu werden. Wozu all diese Dinge? Ach, ich weiss auch nicht so genau. Sie haben sich eben mit den Jahren angesammelt. Es ist manchmal ein bisschen zufällig, was hier landet und was nicht. Und irgendwie möchte ich eine etwas persönlichere Atmosphäre schaffen, damit sich die Leute etwas besser fühlen. Die Fotos habe ich ja schon erwähnt. Auf sie sprechen die Leute oft an und ich merke, dass es ihnen wichtig ist zu wissen, dass ich auch Kinder habe und dass ich mit den meinen ausch Probleme habe. Manchmal wollen die Kinder ganz genau wissen, wer das auf dem Foto ist.
Und so sitzen wir hier und plaudern. Und man entdeckt seine eigenen vier Wände neu, wenn man sie einem lieben Gast zeigen kann. Man bekommt wirklich einen neuen Blick, wenn man einer geschätzten Person etwas zeigen oder schildern darf. Das ist es, was ich an unseren Mails besonders mag. Und ich hoffe, es geht dir genauso.
*
"Neue Vorhänge sollten wir besorgen.
Wenn es - dir recht ist."
*
Ich habe in meinem Zimmer keine Uhr. Nur eine kleine Sanduhr, um den Kindern den Lauf der Zeit zeigen zu können. Und natürlich die Uhr am PC. Sie geht etwa 10 Minuten vor, damit ich meine Sitzungen rechtzeitig erreiche. Und sonst habe ich nur meine Taschenuhr an der Kette. Sie ist ein bisschen umständlich, weil ich sie immer herumtragen, im Sack mitführen und wieder auspacken muss. Aber ich mag keine Uhr am Handgelenk. Deshalb habe ich hier meinen speziellen Chronometer. Ich lege sie immer hin, wenn ich für mich arbeite oder wenn ich mit den Leuten Gespräche habe. Alle sollen wissen, dass die Zeit wertvoll ist, die ihre Zeit und die meine Zeit und Zeit überhaupt.
Nur mit dir könnte ich sie verschwenden!
Ich wünsche dir einen schönen Ferientag, liebste Mausfreundin, und sieh mir bitte bitte die vielen Tipfehler nach.
In M.
...
Freitag, 11. April 2014
Nur als Daily
Liebe Malou
Macht einen ziemlich wissenschaftlichen Eindruck, wie Du meine Mails
beantwortest ;-). Und dann bringst Du mich wieder in Verlegenheit, wenn Du
sagst, wie sehr ich Dein Leben bereichere. Das beruht alles auf
Beidseitigkeit, meine Liebe. Und ich lache vor mich hin, wenn ich daran
denke, wie erstaunt Du damals warst, als ich nach meinem Mail am nächsten
Tag schon eine Antwort haben wollte. Du warst amusiert und erstaunt, nicht
wahr? Ich glaube nicht, dass Du damals an ein Daily glauben konntest. Na ja,
ich wusste das auch nicht so genau, aber ich wusste, dass es nur als Daily
funktioniert. Wenn man eine Woche warten muss, wartet man nach einem halben
Jahr 3 Wochen, und im nächsten Jahr 2 Monate. Man wird dann wohl einfach
nicht richtig warm. Nun ja, ich denke, mir würde es so gehen.
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Donnerstag, 10. April 2014
auch Rilke und Martin Walser
Liebe Marlena
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Rilke war einer der ersten Proust Leser unter deutschen Schriftstellern. Schon 1913 soll er sich mit "In Swanns Welt" beschäftigt haben. Das ist plausibel, denn Rilke passt wohl zu Proust, ein Bruder im Geiste. Erst 1957 kam die vollständige Uebersetzung durch Eva Rechel-Mertens heraus. Und da bot sich den Deutschen die Beschäftigung mit Rilke. Es seien etliche gewesen: Benjamin, Hesse, Doderer, Koeppen, Arno schmidt.
Sehr eingehend hat sich Martin Walser mit Proust beschäftig. Er publizierte 1958 seine "Leseerfahrungen mit Marcel Proust". Walser anerkennt, dass es Proust gelinge, einen Gesellschftsroman par excellence zu schreiben. Und er fragt, welche Erzählweisen und welche Figurenbezeichnungen erforderlich sind, um aus Ausschnitten ein Symbol des Ganzen zu machen. Walser anerkennt in Porust den Porträitisten einer niedergehenden Epoche, der offenkundig bis heute nachahmenswerte Verfahren gefunden hat, gesellschaftliche Wirklichkeit so in einen Romantext zu integrieren, dass der Leser nicht durch gesellschaftskritische Absichten erdrückt wird. Wie "Muster in einnem Teppich" erscheinen Prousts Figuren im Gesellschaftstabelau. Diese Metapher ist nicht zufällig, wird doch der Begriff Text immer wieder mit Textur in Verbindung gebracht. Es drängt sich bei Proust auf, das Raffinnement seiner Textkonstruktionen zu analysieren. Sie sind hochartifizielle Produkte, die gleichzeitig den Anschein geben, unkonstruiert und natürlich zu sein. Darin liegt nach Walser Prousts Qualität: er bietet mehr als "ästhetische Konstruktion" mit der Leichtigkeit des lässig Hingeworfenen. Diese Leichtigkeit und Natürlichkeit ist feinste künstlerische List, die den Stoff des wirklichen Lebens gewissermassen ohne Verlust in die Kunst hinüberrettet. Die Textsituationen machen uns zu Lesern unseres eigenen Lebens. Es ist kunstvoll hergestellte Kunstlosigkeit, die den Zustand des Vgen und Uneindeutigen hervorruft. Walser meint "Proust schrieb ja keinen deutschen Entwicklungs- oder Bildungsroman, wo die Helden kaum zum Taschentuch greifen, ohne dass ihnen daraus ein Schicksal erwächst". Doch Walser hat auch Reserven mit der für Proustiens hochgelobten "wiedergefundenen Zeit". Proust sieht ja in der Erinnerung und im Kunstwerk ein Heilmittel gegen den Verlust und das Auseinanderdriften der Welt (de Botton erwähnt diese Intention auch). Dagegen wehrt sich Walser: "Die Vergangenheit als solche gibt es nicht. Es gibt sie nur als etwas, das in der Gegenwart enthalten ist, ausschlaggebend oder unterdrückt, dann als unterdrückte ausschlaggebend. (...) .. das, was man für wiedergefundene Vergangenheit hält, (ist) eine Stimmung oder Laune der Gegenwart, zu der die Vergangenheit eher den Stoff als den Geist geliefert hat." Die Recherche ist eine Konstruktion der Einbildung.
Ist doch lustig, Marlena, dass ich mich hier mit Romanen und Texten beschäftige, die ich selbst noch nie gelesen habe. Das, glaube ich, ist nun wiederum postmodern. Man erzählt, was andere erzählt haben, über Dinge, die erzählt worden sind. Und die Dinge sind hier Un-Dinge (wie Flusser schön sagt), eben Texte. Du merkst, Marlena, das interessiert mich irgendwie, die Frage, was ist ein Text, was ist ein Wort, und wie ist damit umzugehen. Ich habe dich ja schon gelegentlich ein bisschen genervt mit diesen Gedanken über den Text und den Nur-Text (Liebe oder Text, das ist hier die Frage ;--)). Du scheinst ja eher zu glauen, dass die Worte die Welt und ihr Geschehen abbilden, wiederzeigen, spiegeln sozusagen. Ich glaube eher, oder ich versuche es so anzuschauen, dass ich denke, die Worte schaffen erst die Welt und die Wirklichkeit. Alles ist also Text. Und wenn man dann, wie es heute geschieht, vom Buchzeitalter ins Bildzeitalter des Fernsehens hinübergleitet, muss man sich fragen, was so mit der Welt geschieht. Es muss eine Revolution im Gange sein.
Aber ich gebe Dir gerne zu, meine liebe Marlena, dass Frauen die realistischeren Menschen sind als Männer. Meistens, oder sagen wir gelegentlich.
Unter uns gesagt, liebe Marlena, ich glaube nicht, dass du meine Theoretisiererei besonders magst. Aber du drückst ein Auge zu. Das weiss ich, denn ich weiss, dass du ziemlich tapfer bist. Ach, das war jetzt alles ein bisschen ironisch und ein bisschen zärtlich gemeint. In vivo würde ich mich jetzt mit einem "lässig hingeworfenen Küsschen" verabschieden, einem der süssesten künstlichen Backwerke, die wir kennen.
Schreib mir, meine Liebe, ich möchte von Dir hören.
MMM
...
Mittwoch, 9. April 2014
Marcel Proust
...
Dank der Fussballmeisterschaften habe ich mein de Botton schon zu Ende gelesen. Und nun, was kann ich zum Schluss sagen. Ich glaube, Marlena, alles in allem, könnte ich dir dieses Büchlein empfehlen. Sicherlich weißt du natürlich mehr über Proust als ich es gewusst habe. Doch ich finde, de Botton führt auf geschickte und leicht lesbare Art und Weise in das Denken und die Literatur Prousts ein, und erwähnt daneben biographische Aspekte, die ja zum Verständnis der Literatur nicht absolut notwendig sind, aber oft eben doch erhellend. Er hat sein Projekt einfach und gut angepackt. Er baut es wirklich fast wie ein Ratgeber auf und gibt dann Proust das Wort. Und die Kapitel hören sich auch an wie zentralen Fragen des Lebensberaters: Wie man das Leben liebt? Wie man richtig liest? Wie man sich Zeit nimmt? Wie man erfolgreich leidet? Wie man Gefühlen Ausdruck verleiht? Wie man Freundschaften pflegt? Wie man in der Liebe glücklich wird? Er hat nichts ausgelassen, dieser gute Proust. Und offenbar war er nicht nur der Unglücksrabe, als den ich ihn anfangs angesehen habe. Die Theorie sozusagen, die sich aus seinen Ausführungen ergibt, finde ich ziemlich intelligent und sie hat was an sich. Vielleicht könnte man sie so zusammenfassen: der Wert des Lebens entsteht durch die Art der Erinnerung. In der Erinnerung entsteht dieses vergoldete Lebenskunstwerk. Und nicht etwas das reale Leben wäre schon so ein Kunstwerk. Das reale Leben ist voller Kompromisse und Unvollkommenheiten und Grautöne und auch Leiden. Aber die Erinnerung kann dann alles ins rechte Licht rücken und das Leben als einzigartig und schön und ideal erstrahlen lassen. Und davon, Marlena, das muss ich zugeben, bin ich selbst nicht so weit entfernt. Ich könnte ja direkt Proustianer werden. Doch es gibt auch Aspekte an diesem Typen, die mir unsympathisch sind. Seine neurotische Lebensweise etwa, seine vielen Leiden, die er hatte. Es wimmelt offenbar in der Recherche von Leiden und Leidensgründen: seine Mutter, die Homosexualität, verhinderte Liebschaften, gescheiterte Theaterkarriere, Unverständnis der Freunde, Asthma, Nahrungsunverträglichkeiten, Verdauensprobleme, irgendwelche Komplikationen mit den Unterhosen, überempfindliche Haut, Angst vor Mäusen, Kälteempfindlichkeit, Höhenangst, Hustenanfälle, Angst vor Reisen, Flucht ins Bett, Lautempfindlichkeit. Es will gar nicht enden. Und Proust muss in dieser Hinsicht wirklich ein sehr eingeschränkter Mensch gewesen sein. Er erzählt offenbar in diesem Zusammenhang von Noah, der für ihn ein symbolisches Vorbild ist. Noah hat die Welt aus seiner Arche, also einem geschlossenen Raum wahrgenommen. Er hat sie in der Erinnerung wahrgenommen. Und Proust tut dasselbe von seinem Bett aus. Er hat offenbar meist im Bett gearbeitet. Das muss ziemlich unbequem gewesen sein.
Er war also absolut neurotisch und krankhaft. Und doch hat er seine Situation irgendwie intelligent genutzt und einige bemerkenswerte Erkenntnisse daraus gemacht. Virginia Woolf muss offenbar eine grosse Verehrerin Prousts gewesen sein. Sie habe ihn mit grossem Interesse gelesen, und sei ob dem Eindruck, den er auf sie gemacht habe, geradezu verstummt. Er muss ihr grosses Vorbild gewesen sein, und eigentlich wünschte sie zu schreiben wie Proust schreibt. Und offenbar treffen sie sich auch in der homosexuellen Ausrichtung, wenn ich bei Woolfe richtig orientiert bin.
Ich war froh, bei de Botton auch die Szene mit der Madeleine zu finden, denn darüber habe ich schon mehrmals gelesen, und ich wollte immer gerne wissen, was es damit auf sich hat. Ich kann dir die ganze Passage nochmals zitieren, dann kann ich sie gleich auch nochmals lesen:
"Was das Backwerk anbetrifft, so schildert Proust, wie sein erkälteter Erzähler an einem Winternachmittag zu Hause sitzt, als seine Mutter in sein Zimmer kommt und ihm vorschlägt, er solle, entgegen seiner Gewohnheit, eine Tasse Lindenblütentee zu sich nehmen. Er lehnt erst ab, besinnt sich aber aus unerfindlichen Gründen eines Besseren. Zum Tee lässt seine Mutter ihm eine Madeleine servieren, ein dickes, ovales kleines Sandtörtchen, das aussieht, als habe man es in der gefächerten Schale einer Jakobsmusschel gebacken (schön gesagt!!). Der verschnupfte Erzähler bricht, bedrückt durch den trüben Tag und die Aussicht auf den traurigen folgenden, ein Stückchen ab, tunkt es in den Tee und trinkt einen Schluck, als etwas Seltsames geschieht:
,,In der Sekunde nun, als dieser mit dem Kuchengeschmack vermischte Schluck Tee meinen Gaumen berührte, zuckte ich zusammen und war wie gebannt durch etwas Ungewöhnliches, das sich in mir vollzog. Ein Unerhörtes Glücksgefühl, das ganz für sich allein bestand und dessen Grund mir unbekannt blieb, hatte mich durchströmt. Mit einem Schlage waren mir die Wechselfälle des Lebens gleichgültig, seine Katastrophen zu harmolsen Missgeschicken, seine Kürze zu einem blossen Trug unserer Sinne geworden...Endlich fühlte ich mich nicht mehr mittelmässig, hilflos, sterblich. ,,
Um wleche Sorte Madeleine handelte es sich? Um dieselbe, die seine Tante Léoinie jeden Sonntag in ihren Tee tunkte und dem Erzähler anbot, wenn er das Schlafzimmer in ihrem Haus in dem Provinzstädtchen Combray betrat, wo er als kleiner Junge mit seiner Familie die Ferien zu verbringen pflegte, und ihr einen guten Morgen wünschte. Der Erzähler kann sich, wie an so vieles aus seinem Leben, nur undeutlich an seine Kindheit erinnern, und das, woran er sich entsinnt, erscheint ihm reizlos und uninteressant. Was nicht heisst, dass seine Kindheit tatsächlich trist und öde war, sondern dass er sie einfach nur vergessen hat - und diese Erinnerungslücke schliesst jetzt die Madeleine. Durch eine Laune der Natur versetzt ein Stück Gebäck, das er seit seinen Kindertagen nicht mehr gegessen hat und mit dem sich daher auch keine späteren Assoziationen verbinden, ihn in seine Zeit in Combray zurück und erschliesst ihm eine Fülle köstlicher und ganz persönlicher Erinnerungen. Mit einem Mal erscheint ihm seine Kindheit weitaus schöner als zuvor, und mit neu gefundenem Staunen erinnert er sich an das alte graue Haus von Tante Léonie und mit dem Haus an ganz Combray und seine Umgebung, den Platz, auf den man ihn vor dem Mittagessen schickte, die Kirche, die Strassen, die Blumen in Léonies Garten und die Seerosen auf der Vivonne. Und dabei erkennt er den Wert dieser Erinnerungen, die ihm zu dem Roman inspirieren, den er schliesslich erzählen wird und der in gewissem Sinne einen einzigen langen kontrollierten "Proustschen Moment" darstellt, weil er über dieselbe Sensibilität und dieselbe sinnliche Direktheit verfügt.
Das Erlebnis mit der Madeleine heitrt den Erzähler auf, weil es ihm zu der Erkenntnis verhilft, dass nicht sein Leben mittelmässig war, sondern das Bild, das er sich in der Erinnerung davon gemacht hat. Dies ist eine der zentralen Proustschen Unterscheidungen und für ihn von ebenso grosser therapeutischer Bedeutung wie für den jungen Chardin-Betrachter (hier referiert do Botton auf eine frühere Episode eines jungen Mannes, der durch die Betrachtung von Chardins Bilder seine bescheidene Situation seines Elternhauses zu schätzen gelernt hat).
*
Soweit Proust. Ich glaube, ich bin diesem monumentalen Werk jetzt ein bisschen näher gekommen. Ich denke zwar nicht, dass ich es wirklich lesen werde - wann sollte ich auch - aber ich weiss jetzt besser, was es damit auf sich hat. Insofern war de Botton doch ziemlich informativ für mich. Wie ich vermutet habe. Der Anfang ist einnehmend, aber es hält sich einigermassen durch bis zum Schluss. Offenbar hat er sich eingehend mit Proust beschäftigt. Und er kann die zentralen Aspekte herausheben, das heisst klarer machen. Das ist ja nicht ganz einfach, angesichts der Tatsache, dass ich einer bin, der ich Proust noch nie gelesen habe. Das Büchlein de Bottons ist gehobene Unterhaltung. Walter hat schon sein Interesse angemeldet, und ich werde es ihm dann wohl ausleihen müssen. Oder soll ich es zuerst dir schicken, Marlena? Das würde ich so gerne, es dir geben, um dann mit dir darüber zu diskutieren und sehen, wie du es gelesen hast, was du daraus nehmen wirst. Das wäre doch echt schön. Und zur Diskussion würden wir einen Lindenblütentee trinken und eine Madeleine darin tunken, wie es sich für Proustianer gehört. Für einmal würden wir unseren Kaffee beiseite lassen, und in solch einen Lindenblütentee hineinbeissen wie in den sauren Apfel. ;--)
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