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Ämne: nochmals Skagen
Datum: den 19 februari 2004 10:02
(ungekürzt)
Liebe Malou
Ja, das Bild ist sehr schön. Ich mag solche Bilder, wenn ich auch weiss, dass der Stil längst vorbei ist. Er ist wohl postimpressionistisch, ungefähr so wie Bonnard und andere. Alles schaut so sinnlich und lebensfreundlich aus. Das gute Licht, der volle Tisch, die plastisch gemalten Gesichter. Es ist eine durch und durch bürgerliche Malerei, die das bürgerliche Leben geniesst. Und vielleicht sieht man auch ein bisschen von dem speziellen Licht in Skagen, wie Du darauf hinweist. Man hat ja wohl den Eindruck, das sei alles sehr realistisch gemalt, inklusive die Jungendstil Lampe, die oben hängt. Aber ist im Gegenteil sehr gut durchkomponiert. Wenn man sich die Wandaufteilung im Hintergrund anschaut, muss man feststellen, dass sich der Maler viel dabei überlegt hat. Es gibt einen guten Rhythmus quer durch das Bild hindurch. Und die schöne Rückensicht des Typen links im Vordergrund. Das schafft den Eindruck der Tiefe ins Bild hinein. Ja, man hat den Eindruck, dass man selbst auf einem Stuhl in der Runde dieser Geniesser sitzen würde. Und das Glas Rotwein im Vordergrund ist zum Greifen nahe. Daneben die dunkle Person im Gegenlicht. Schön, wie der Bart scheint. Ja, gefällt mir sehr gut. Man möchte doch dabei sein, nicht wahr. Und man fühlt etwas von der Lebendigkeit einer vergnügten Diskussion in freundschaftlichem Kreis. Muss ich mir merken, die Skagen Maler, auch wenn Du sie schon in historischer Zeit mal erwähnt hattest.
Nein, von einem Taric Ramadan habe ich nie gehört. Und er soll ein Imam sein? Das klingt doch alles eher merkwürdig. Aber so ist das in diesen multikulturellen Zeiten. Wenn man sich in fremden Kulturen aufhält, ist man vor Überraschungen nie gefeit. Ein Imam ist einer der höchsten kirchlichen Positionen in der Schia, und ich kann mir nicht vorstellen, dass einer in die USA gehen würde, um im Land des Teufels mit den Leuten des Teufels zu leben. Das muss ein echter Irrgänger sein. Oder eine Zeitungsente?
Ja, genau der Anfang des Artikels hat mir auch gefallen. Deshalb wollte ich ihn gerne zu Ende lesen. Man hört daraus, dass Rilke doch auch ein sehr merkwürdiger Kerl war, einer, mit dem man wohl nicht hätte zusammenleben können. Und auch ich habe mir vorgestellt, wie rege sein Briefverkehr kreuz und quer durch Europa gewesen sein muss. Da gab es keine Zeit zum Herumhängen. Er hat wohl wie in einer Tretmühle seine Briefe abgearbeitet. Aber ich glaube, dass die Briefe ihm ein gutes Medium waren, seine Lyrik zu entwickeln. Und sie waren ihm wohl auch so etwas wie sein Tagebuch. Na ja, vielleicht hat er daneben noch ein Büchlein geführt, wo er seine kleinen Tagesereignisse festgehalten hat. Aber ich denke, die Briefe waren ihm schon Hilfe genug, was immer er tagsüber gesehen und erlebt hat, in Schriftlichkeit zu überführen, in dieses Medium, womit er dann auch gearbeitet hat. Er war wirklich ein sublimer Typ. Und ein paar Tage glückliche Verliebtheit mit einer echten Frau aus Fleisch und Blut hätten ihn doch wohl aus der Balance gekippt.
Ich habe noch den Garten von Muzot in Erinnerung. Muss ein Märztag gewesen sein, kein Schnee mehr, aber noch immer dieser Duft in der Luft. Mein Bruder hatte noch die Wohnung oberhalb Sierre, und ich war am Nachmittag hinaufgewandert, zum Schluss über die halbtrockenen, vom Schnee plattgedrückten Wiesen. Es ist dieser Duft, der nach Frühling riecht. Aber der Frühling ist noch weit entfernt. Diese astmosphärische Situation dauert im Wallis ziemlich lange an. Und ich bin dann am Gartenzaun von Muzot gestanden und habe mir dieses kleine Gärtchen angeschaut. Es war so ruhig und friedlich und unberührt, dass die Zeit still zu stehen schien. Nur ab und zu ein Knacken. Ich glaube, es war die warme Sonne, die dies bewirkte, und die Natur schien sich im Erwachen zu räkeln. Das Haus selbst, der Turm, schien noch winterlich und kalt.
Es muss ein sehr einsames Leben gewesen sein, das Rilke hier geführt hatte. Die nächsten Häuser waren vielleicht einen knappen Kilometer weit. Dort, in der Kurve der Strasse nach Montana gab es einige Häuser, aber damals wohl nicht viele. Von Sierre musste der Fussmarsch bis hier hinauf eine gute Stunde gedauert haben. Na ja, vielleicht waren die Menschen damals noch etwas besser zu Fuss als wir heute.
Kurz und gut: dort oben zu wohnen und zu arbeiten, das konnte man nur einem sehr merkwürdigen, mehr oder weniger irren Menschen zutrauen. Ich frage mich, wie die Einheimischen damals über Rilke gesprochen hatten. Aber vielleicht waren die Menschen damals noch toleranter angesichts solch fremder und schillernder Vögel.
Ich lese gerade ein kleines Tagebuch von Ungerer, dem Elsässer Zeichner. Er hat es vor ein paar Jahren geschrieben und zusammen gestellt. Dabei konnte er viele Zeichnungen und kleine Texte aus seiner Kinderzeit verwenden. Es ist interessant, weil es die Zeit des Nationalsozialismus schildert. Und die Elsässer hatten damals eine schwere Zeit, gehörten einst zu Frankreich, dann wieder zu den Deutschen. Jedenfalls habe Petain sie den Deutschen verschenkt, so dass dann um die 100'000 Elsässer als Kanonenfutter im Russlandfeldzug der Deutschen mitgemacht hätten. Offenbar war Ungerers Mutter eine sehr hübsche Frau. Sie war früh verwitwet und musste ihre vier Kinder allein durchbringen. Und das hat sie sehr gut gemacht mit einer genialen Mischung von Rafinesse und fast aristokratischer Gesinnung. Sie konnte offenbar sehr gut schauspielern und hat damit erreicht, was immer sie wollte.
Ich mag Ungerer vor allem als Zeichner. Er hat viele gute und schöne Dinge gemacht. Daneben hat er aber auch eine mehr oder weniger perverse, sagen wir pornographische Seite. Er lebt heute in Irland, wenn ich mich nicht irre. Er schaut immer noch ziemlich jung aus, manchmal bubenhaft. Aber ich glaube, er ist um die 70. Und wenn ich seine Erinnerungen richtig lese, hatte er als Bube doch ziemliche Komplexe. Zumindest deutet er in seinen Schilderungen so was an.
Aber er ist ein lustiger Typ und er war als Grafiker in den USA sehr erfolgreich. Und er hat einen Teil seines Elsässer Charmes behalten.
Ich muss Dich lassen.
Mit lieben Ges und Kas
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