Samstag, 10. März 2012

Varlin nochmals undnochmals

Ämne: RE: Varlin nochmals undnochmals
Datum: den 20 februari 2004 14:30

Liebe Malou
Ach, dass Du Dich als Varlinistin outest, freut mich sehr. Ich wusste, dass Du die Bilder magst. Aber Du hast sie nie in reality 1 : 1 gesehen. Und dabei zog ich in Rechnung, dass er als lokaler Maler gilt.
Der andere, den ich da gemeint habe, ist ein Kollege aus Basel, von dem ich eine Liebe zu Varlin nie im Leben erwartet hatte. So habe ich schon zwei Varlinistinnen und -en. Und so habe ich das Glück, viele einschlägige HP Adressen zu bekommen. Merci.
Ich glaube, die eine HP ist von Varlins Tochter in Bondo. Sie hat auch ein Buch über ihren Vater herausgegeben.

Und unter uns gesagt: genau so wollte ich W malen. Kürzlich hatte er mir etwas auf seinem Labtop gezeigt. Und wo war dieses Ding. Auf dem WC. Offenbar sitzt er stundenlang auf dem Häuschen und surft im Internet oder ähnlich. So habe ich gedacht, ich müsste ihn in flagranti auf dem WC malen, mit allem drum und dran. Ein WC und Badezimmer, das wissen wir von Bonnard, kann ganz malerisch sein.
Und was er davon denkt. Er wird einen Schutzverband gründen und mich weiterempfehlen.
Mit lieben Grüssen
...

Sauberer Freitag .. ;-)

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Varlin  Winter in Bondo


Ämne: Sauberer Freitag.. ;-)
Datum: den 20 februari 2004 10:11

Lieber ...,
Der Hunger und die Lust auf eine Tasse guten Kaffee haben mich heute früh aus dem Bett gelockt. Und dann finde ich sofort wieder ein herrliches Mail von meinem lieben Mausfreund. Aber wie ich sehe habe ich Konkurrenz bekommen um die Liebe zu Varlin. Du Untreuer!
Nun, jedenfalls hast du mir einen fröhlichen Morgen gemacht. Ich habe nochmals wegen Varlin im Internet nachgesehen und habe diesmal eine Page gefunden, die ganz wunderbar ist. Falls du sie nicht kennst, gebe ich dir hier die Adresse.
http://www.varlin.ch/
Du darfst dabei nicht vergessen zu lesen was er "über sich selbst" schreibt. Er scheint auch ein Humorist zu sein. Solche Menschen mag ich sehr.

Weniger mag ich folgende Zeilen:
Das Fehlen einer wirklich eigenständigen Bildsprache verhindert bis heute Varlins Anerkennung über die schweizerischen Landesgrenzen hinaus.
http://www.cosmopolis.ch/cosmo16/varlin.htm
Ich finde, wenn ich seine Bilder betrachte,jedenfalls die man hier sehen kann, dass sie einen einheitlichen Stil haben. Ich glaube du bist derselben Meinung.

Lustig was du über die Schneeglöckchen sagst. Gerade so stehen sie, als brauchten sie einen eigenen Raum.. Sie erinnern mich immer an meine Tante, die stets Schneeglöckchen malte, wenn sie etwas verzieren wollte.

Ich komme später wieder. Muss den Tag anfassen. :-)

Mit lieben Grüssen,
Malou

Subject: Varlin nochmals
Date: Fri, 20 Feb 2004 10:21:22 +0100

Lieber ...,
Bevor ich mich in die grosse Welt hinaus begebe, noch ein paar Worte über Varlin.
Eigentlich nur ein paar Zitate aus dem "über sich selbst" falls du es noch nicht gelesen hast.

"Die Kunst, wenn man nichts hat, sich mit primitivsten Freuden zu begnügen, zum Beispiel: eine Seife in der Badewanne entschlüpfen lassen und wieder einfangen." *s*

"Ich entdecke mit der Zeit die masochistische Neigung der Intellektuellen, sich von mir malen zu lassen. Die Schadenfreude führt zu immer weiteren Empfehlungen.."

"Der Schutzverband der von Varlin Geschädigten erfasst immer weitere illustre Namen."

Und als Illustration zu dem Text oben, ein Bild von Ernst Schröder. Ich frage mich nur, wie Schröder wohl reagiert haben mag, als er das Bild sah. Was würde W sagen, wenn du ihn so portraitieren würdest???



So lasse ich dich wieder. Du Glückspilz mit einer freien Woche vor dir.
Alles Liebe
Malou

Freitag, 9. März 2012

Freitag ...

Ämne: Freitag nach dem schmutzigen Donnerstag ...
Datum: den 20 februari 2004 08:36

Liebe Malou
Ja, nicht wahr, Ungerer ist ein komischer Kerl. Merci für die Adresse seiner Home Page. Ich habe vor einiger Zeit ein Interview mit ihm im Fernsehen gesehen und dann zufällig im Laden die beiden Büchlein: eines über seine Jugend im Elsass, das andere über seine Zeit Amerika und Irland. Na ja, ich gebe zu, sie waren auf halben Preis gesetzt. Ich hatte sie früher schon gesehen, fand aber stets, sie wären zu teuer. Es sind Texte und Zeichnungen, so wie ich es sehr gerne mag. Früher hatte ich von Ungerer eigentlich nur seine Cartoons und die Illustrationen zu den deutschen Liederbüchern gekannt. Letztere habe ich gekauft, als die Kinder noch klein waren. Und es ist wahr, was T.U. von sich behauptet. Er hat diese Lieder aus der Verstaubung befreit und ihnen ein modernes Image gegeben, so dass man sie wieder zur Hand nehmen kann. Er sagt auch, dass er dieses Projekt seit seiner Jugendzeit im Kopf gehabt hatte. Die Illustrationen sind hübsche, lustige, teilweise deftige Zeichnungen von Menschen- und Tierfiguren in der Elsässer Landschaft. Das kleine Büchlein, das ich jetzt lese, hat den Titel „Die Gedanken sind frei“. Das ist zugleich der Titel eines der schönsten und besten deutschen Lieder. Kennst Du es?

Es ist immer eine Freude, wenn man mit jemandem eine Freude und Begeisterung zu einem Thema oder zu einer Person und ihrem Werk teilen kann. Ich habe jemanden, der auch ganz begeistert ist von Varlin. Und jetzt habe ich noch eine Ungereristin gefunden. Ist perfekt. Ich habe übrigens, das kommt mir eben in den Sinn, kürzlich auch ein Büchlein mit alten Cartoons Ungerers gefunden. Sie sind schon älter, aus einer Zeit, da er vielleicht noch nicht so bekannt war. Aber man sieht darin seine unbändige Kraft und seine quere Fantasie. Häufig sind sexuelle Aspekte enthalten, manchmal nicht eben schön. Er hat ja auch ein Buch rund um das Thema SM gemacht. Solches mag ich weniger. Aber ich glaube, Ungerer ist auch als Persönlichkeit sehr komplex. Ich glaube nicht, dass ich mit ihm in Frieden zusammenleben könnte. Vielleicht hat er in seiner Seele eine Art inzestuöser Liebe zu seiner Mutter. Sowas könnte ich mir sehr gut vorstellen. Er hat noch heute, mit 70 Jahren, etwas Jünglinghaftes und Unverbindliches im Gespräch. Darin finde ich ihn nicht besonders sympathisch.

Jetzt hast Du Deine Ferien schon vorbei, und ich bin daran, sie gleich zu beginnen. Ich freue mich auf die paar Tage, da alles etwas langsamer läuft bei uns. Und dann ist Fasnacht. Es ist eine jahrelange Tradition, dass an diesen Tagen, die eigentlich offiziell frei sind, ich hier im Büro sitze und ab und zu hinunter einen Blick werfe, wo die Masken treiben und der Umzug vorbeigeht. Es ist ein Anlass für die Kinder und die einfacheren Leute, manchmal ziemlich staubig und schmutzig, manchmal nass und kalt. Für mich ist es Signal, dass bald der Frühling kommen wird. Ist es nicht bemerkenswert, wie im Laufe der Jahre sich die Folge der Jahreszeiten in unserem Erleben eingravieren? Jeder Frühling ist zugleich eine Erinnerung an die zahlreichen Frühlinge, die man schon erlebt hat. Alles wird irgendwie echohaft. Oder, ich habe dazu noch ein anderes Bild. Damals, im Laden von Onkelchen und Tantchen gab es ein Schaufenster, das mit Spiegelglas eingekleidet war. Und wenn man den Kopf in diesen Raum steckte, erschien zu beiden Seiten eine lange Parade dieser Köpfe, die sich in leichtem Bogen bis in die Unendlichkeit fortsetzten, so schien es. Jeder Kopf verwies auf den nächsten Kopf. Im Jugendalter ist das ein kleiner Schock, sich so viele Male gleichzeitig zu sehen, und ein Angriff auf die eigene Einmaligkeit. Und wenn ich aus einer Art der Verwunderung lachte, lachte die ganze unendliche Reihe von Köpfen, und ich hätte nicht ausmachen können, welcher der eigene, und welche bloss Abbilder des eigenen sein könnten. Alle schienen sie gleichermassen ich zu sein, und doch so verschieden von mir. Und so kommt mir ungefähr der Fasnachtstag vor.

Heute ist der Himmel etwas rötlich, und bewölkt. Die Prognosen sagen voraus, dass es milder werden wird. In den letzten 2 oder 3 Tagen war es kalt und windig. Vielleicht wachsen dann auch überall die Schneeglöcklein, wie Du sie auf dem Bild zeigst. Ich habe, als ich über Mittag einen Spaziergang gemacht hatte, einen halben Garten voller Schneeglöcklein gesehen. Irgendwie wollte ich es nicht glauben, und doch standen sie da, jedes in einem kleinen Anstandsabstand vom anderen.

Gerade höre ich, dass in Italien das Rentenalter zur Zeit bei 57 Jahren steht. Was tun wir eigentlich hier im Norden? Dort unten, in den milden Gefilden am Mittelmeer, könnten wir längst am Strand liegen und mit den appetittlichen, jungen Italienerinnen flirten. Berlusconi will das Alter jetzt auf 60 Jahre hinaufschieben. Eigentlich wollte er 65, aber die Proteste waren zu stark. Vielleicht war das eine schlaue Strategie? Er ist ja wirklich eine Kasperfigur, wie man es in Europa seit Jahrhunderten nicht mehr gesehen hat!

Aber wir nehmen alles nur in allem, mit der wachsenden Weisheit des Alter.
Liebe Gesundka
...

..vielleicht "maladi"

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Subject: Nochmals...
Date: Thu, 19 Feb 2004 14:04:49 +0100

Lieber ...,

Ich warte immer noch auf die Handwerker. Das gehört wohl dazu. Habe eine Weile auf der Terrasse gesessen. Der Himmel ist leicht beschleiert, also kein scharfes Sonnenlicht. Im Blumenbeet leuchten Schneeglöckchen. Ich versuche mir einzubilden, dass ich nie mehr in den Beruf muss. Es will mir nicht richtig gelingen. Ich glaube wirklich, man sollte sowas beizeiten üben.

"Le présent n‘est qu'une membrane entre le passé et le futur." sagt Ungerer. Das ist schön und gut ausgedrückt.
Lustig, wie du über Rilke schreibst. Ich glaube nicht, dass man einen Menschen so sehr mit seinem Werk gleichstellen sollte. Tust du ja auch nicht. Denn Rilkes Werk ist viel mehr als er selbst je sein könnte. So war es doch auch mit Mozart. Die schönen tiefen Gedanken, die seine Musik bei uns erweckt, waren sicher nicht in seinem Kopf als er sie schrieb. Ich glaube fast der liebe Gott (oder das Schicksal, wenn du das bevorzugst) wählt einen Menschen zu seinem Instrument aus und spielt darauf seine schönen Melodien. Die schönsten Gedichte, die ich kenne, hat Rilke geschrieben.
Warum traust du ihm nicht zu eine Frau mit Fleisch und Blut geliebt zu haben?
Er hatte doch die Auffassung "... dass Liebe eigentlich Ferne und Verzicht ist." Ich würde es vielleicht nicht Liebe nennen, das was er da beschreibt.. aber vielleicht "maladi". ;-)) Denn Maladi ist Sehnsucht nach einer Liebe, die nicht möglich ist. Man muss kein hässlicher Mann sein, der Schwierigkeiten mit dem anderen Geschlecht hat, um von Maladi betroffen zu werden. Ganz im Gegenteil. Nun lachst du wohl.. denke ich.
*
Jetzt war der Handwerker endlich hier und hat ein bisschen gemessen. Und jetzt ist er verschwunden um das notwendige Material zu kaufen. Handwerker sollte man sein. Dann ist man König.. und verdient sicher auch königlich. :-)

So lasse ich dich nochmals. Kommst du eine Tasse Kaffee mit mir trinken?
Gruss und Kuss,
Malou

Subject: Letzter freier Abend..
Date: Thu, 19 Feb 2004 19:43:43 +0100

Lieber ...,
 Heute verwöhne ich dich zu sehr. Ich weiss, und ich habe Angst dass du dir dabei den Magen verdirbst.
(---)
Irgendwo habe ich gelesen, dass Ungerer, wenn er allein in ein Restaurant geht und ein Platz neben ihm frei ist, ganz einfach einen schon verstorbenen Freund einlädt dort mit ihm zu sitzen. Und er fühlt, dass dieser dann wirklich da ist. Machst du es auch so? Oder holst du dir Leute aus Fleisch und Blut an den Tisch? Vielleicht bist du auch gern mit deinen Gedanken allein.
Hast du auch gesehen, was Ungerer über NY schreibt? Scheinbar war er ebenso verliebt in die Stadt wie du. Die Stadt muss etwas besonderes an sich haben.

Heute ist mein letzter freier Abend. Ich meine der letzte an dem ich hier allein bin und dir ungestört schreiben kann. Zehn Tage lang wird es dann nicht so sein. Und du? Wirst du nächste Woche deinen Wunsch wahr machen und verreisen? Ganz frei bist du wohl nicht, oder?
...

mit Arbeit überhäuft

Ämne: RE: Skagen
Datum: den 18 februari 2004 14:58

Liebe Malou
Zur Zeit bin ich ziemlich mit Arbeit überhäuft und komme kaum dazu, unter dieser Beige hervor den Himmel zu sehen. Aber er ist auch nicht wirklich zu sehen, denn eine trübe Wolkenschicht hängt über der Landschaft.

W. hat mir ein Mail geschickt. Er sei krank, und seine Gedanken klingen auch wirklich ziemlich delirös. Er hat gelacht über den Begriff ‚delirös’. Er ist hübsch, nicht wahr? Stammt aus der Psychiatrie und meint eine Art von pathologischem Geisteszustand, der eintreten kann unter anderem dann, wenn man lange Zeit zuviel getrunken hat. Dann ist es eben ein Alkohol-Delir. Aber es gibt auch Fieber-Delirs und ähnlich elysische Traumzustände.

Aber nächste Woche haben wir Ferien und ich hoffe, dass es etwas ruhiger und etwas sonniger wird. Das wäre uns wirklich zu gönnen. Ich glaube, während der ersten Woche werden hier auch Fasnachten stattfinden. Und die folgende Woche wird es dann in Basel sein. Aber Du weißt, dass Fasnachten nicht in mein Ressort fallen. Das ist was für junge und alkoholfeste Menschen. Ich ziehe mich dabei lieber auf ruhigere Gefilde zurück. Kürzlich hatte ich ein Foto gesehen vom Carneval in Venedig. Man sah darauf ein paar von diesen hübschen Masken, die aber von einer Unmenge an Touristen beinahe erdrückt wurden. Das Verhältnis war irre und völlig falsch. Hier in L ist es weniger schlimm. Alle feiern Karneval und ich sitze im Büro und schau ab und zu aus dem Fenster. Das macht 10'000 : 1. Ist doch ein gutes, geradezu königliches Verhältnis, nicht wahr?

Aber im Moment bin ich ein wenig knapp an Energie. Das merke ich vor allem an der Tatsache, dass ich meine NZZ Wochenendausgabe nicht genügend lesen kann. Ich lege jede Menge Artikel und Berichte zur Seite in der Hoffnung, sie dann später lesen zu können. Aber eine Woche später kommt schon wieder die nächste Ausgabe, und ich habe die letzte noch nicht gelesen. Es ist wie wenn man mit Kleinkrediten Kleinkredite finanziert. Man verschuldet sich zusehends, und zwar bei einer Kreditfirma namens ‚Zeit’.

Ich beneide Dich immer noch um Deine freien Tage. Ich würde in einer solchen Situation am liebsten herumreisen, in abgelegenen Landgasthöfen Kaffee mit Schnaps trinken und durch weite, verschneite Jurawiesen wandern. Ich glaube, dieser Wunsch kommt aus einer Erinnerung an die Militärzeit. Wenn man lange Zeit in der Nässe und Kälte draussen gestanden oder marschiert hat, dann ist ein Landgasthof mit einem Kaffee-Plus ein elysisches Geschenk, und die ganze muffige Wärme der ärmlichen Wirtschaft erscheint romantisch und gemütlich. Der Jura ist aber eine schöne Landschaft. Charakteristisch dafür sind die milden Hügel, die weiten Wiesen mit den Gruppen und Einzelexemplaren von Tannen. Dazu kommen die eher niedrigen, aber breiten Steinhäuser und die Pferde, die man zumindest im Schweizer Jura oft sieht.

Ich glaube, ich muss demnächst einen Ausflug in den Jura machen.

Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
Mit lieben Gs und K
...

Ungerer ganz kurz..

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Subject: Ungerer ganz kurz..
Date: Thu, 19 Feb 2004 09:44:11 +0100

Lieber ...,
Es freut mich sehr, dass du das Bild genau so magst wie ich. Und du hast es sehr gut beschrieben. Die Harmonie und Lebensfreude, die es zeigt, gehen direkt ins Herz. Ich glaube sie müssen dort eine herrliche Zeit zusammen verbracht haben.. und vielleicht hat die Freude in flüssiger Form auch dazu beigetragen.
Ich möchte dir vor allem auch danken, dass du mich auf Ungerer aufmerksam gemacht hast. Habe eine wunderbare Site gefunden,       http://www.arte-tv.com/thema/19971125/dtext/home.html
wo man über ihn und sein Werk lesen kann. Du musst dir auch die französische Variante ansehen. Dort gibt es ganz herrliche Aphorismen von Ungerer.

Ich bin etwas in Eile, komme aber später wieder. Bis dahin liebe Grüsse,
Malou

Der Typ im Vordergrund muss Kröyer selbst sein. (Der Haarfarbe nach.. ;-) Lege dir noch ein Bild bei aus der Künstlerkolonie. Links Kröyer mit seiner hübschen Frau und rechts der Schriftsteller Otto Benzon.

Donnerstag, 8. März 2012

Skagenmaler, Rilke und Ungerer

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Ämne:   nochmals Skagen
Datum: den 19 februari 2004 10:02

(ungekürzt)

Liebe Malou
Ja, das Bild ist sehr schön. Ich mag solche Bilder, wenn ich auch weiss, dass der Stil längst vorbei ist. Er ist wohl postimpressionistisch, ungefähr so wie Bonnard und andere. Alles schaut so sinnlich und lebensfreundlich aus. Das gute Licht, der volle Tisch, die plastisch gemalten Gesichter. Es ist eine durch und durch bürgerliche Malerei, die das bürgerliche Leben geniesst. Und vielleicht sieht man auch ein bisschen von dem speziellen Licht in Skagen, wie Du darauf hinweist. Man hat ja wohl den Eindruck, das sei alles sehr realistisch gemalt, inklusive die Jungendstil Lampe, die oben hängt. Aber ist im Gegenteil sehr gut durchkomponiert. Wenn man sich die Wandaufteilung im Hintergrund anschaut, muss man feststellen, dass sich der Maler viel dabei überlegt hat. Es gibt einen guten Rhythmus quer durch das Bild hindurch. Und die schöne Rückensicht des Typen links im Vordergrund. Das schafft den Eindruck der Tiefe ins Bild hinein. Ja, man hat den Eindruck, dass man selbst auf einem Stuhl in der Runde dieser Geniesser sitzen würde. Und das Glas Rotwein im Vordergrund ist zum Greifen nahe. Daneben die dunkle Person im Gegenlicht. Schön, wie der Bart scheint. Ja, gefällt mir sehr gut. Man möchte doch dabei sein, nicht wahr. Und man fühlt etwas von der Lebendigkeit einer vergnügten Diskussion in freundschaftlichem Kreis. Muss ich mir merken, die Skagen Maler, auch wenn Du sie schon in historischer Zeit mal erwähnt hattest.

Nein, von einem Taric Ramadan habe ich nie gehört. Und er soll ein Imam sein? Das klingt doch alles eher merkwürdig. Aber so ist das in diesen multikulturellen Zeiten. Wenn man sich in fremden Kulturen aufhält, ist man vor Überraschungen nie gefeit. Ein Imam ist einer der höchsten kirchlichen Positionen in der Schia, und ich kann mir nicht vorstellen, dass einer in die USA gehen würde, um im Land des Teufels mit den Leuten des Teufels zu leben. Das muss ein echter Irrgänger sein. Oder eine Zeitungsente?

Ja, genau der Anfang des Artikels hat mir auch gefallen. Deshalb wollte ich ihn gerne zu Ende lesen. Man hört daraus, dass Rilke doch auch ein sehr merkwürdiger Kerl war, einer, mit dem man wohl nicht hätte zusammenleben können. Und auch ich habe mir vorgestellt, wie rege sein Briefverkehr kreuz und quer durch Europa gewesen sein muss. Da gab es keine Zeit zum Herumhängen. Er hat wohl wie in einer Tretmühle seine Briefe abgearbeitet. Aber ich glaube, dass die Briefe ihm ein gutes Medium waren, seine Lyrik zu entwickeln. Und sie waren ihm wohl auch so etwas wie sein Tagebuch. Na ja, vielleicht hat er daneben noch ein Büchlein geführt, wo er seine kleinen Tagesereignisse festgehalten hat. Aber ich denke, die Briefe waren ihm schon Hilfe genug, was immer er tagsüber gesehen und erlebt hat, in Schriftlichkeit zu überführen, in dieses Medium, womit er dann auch gearbeitet hat. Er war wirklich ein sublimer Typ. Und ein paar Tage glückliche Verliebtheit mit einer echten Frau aus Fleisch und Blut hätten ihn doch wohl aus der Balance gekippt.
Ich habe noch den Garten von Muzot in Erinnerung. Muss ein Märztag gewesen sein, kein Schnee mehr, aber noch immer dieser Duft in der Luft. Mein Bruder hatte noch die Wohnung oberhalb Sierre, und ich war am Nachmittag hinaufgewandert, zum Schluss über die halbtrockenen, vom Schnee plattgedrückten Wiesen. Es ist dieser Duft, der nach Frühling riecht. Aber der Frühling ist noch weit entfernt. Diese astmosphärische Situation dauert im Wallis ziemlich lange an. Und ich bin dann am Gartenzaun von Muzot gestanden und habe mir dieses kleine Gärtchen angeschaut. Es war so ruhig und friedlich und unberührt, dass die Zeit still zu stehen schien. Nur ab und zu ein Knacken. Ich glaube, es war die warme Sonne, die dies bewirkte, und die Natur schien sich im Erwachen zu räkeln. Das Haus selbst, der Turm, schien noch winterlich und kalt.
Es muss ein sehr einsames Leben gewesen sein, das Rilke hier geführt hatte. Die nächsten Häuser waren vielleicht einen knappen Kilometer weit. Dort, in der Kurve der Strasse nach Montana gab es einige Häuser, aber damals wohl nicht viele. Von Sierre musste der Fussmarsch bis hier hinauf eine gute Stunde gedauert haben. Na ja, vielleicht waren die Menschen damals noch etwas besser zu Fuss als wir heute.

Kurz und gut: dort oben zu wohnen und zu arbeiten, das konnte man nur einem sehr merkwürdigen, mehr oder weniger irren Menschen zutrauen. Ich frage mich, wie die Einheimischen damals über Rilke gesprochen hatten. Aber vielleicht waren die Menschen damals noch toleranter angesichts solch fremder und schillernder Vögel.

Ich lese gerade ein kleines Tagebuch von Ungerer, dem Elsässer Zeichner. Er hat es vor ein paar Jahren geschrieben und zusammen gestellt. Dabei konnte er viele Zeichnungen und kleine Texte aus seiner Kinderzeit verwenden. Es ist interessant, weil es die Zeit des Nationalsozialismus schildert. Und die Elsässer hatten damals eine schwere Zeit, gehörten einst zu Frankreich, dann wieder zu den Deutschen. Jedenfalls habe Petain sie den Deutschen verschenkt, so dass dann um die 100'000 Elsässer als Kanonenfutter im Russlandfeldzug der Deutschen mitgemacht hätten. Offenbar war Ungerers Mutter eine sehr hübsche Frau. Sie war früh verwitwet und musste ihre vier Kinder allein durchbringen. Und das hat sie sehr gut gemacht mit einer genialen Mischung von Rafinesse und fast aristokratischer Gesinnung. Sie konnte offenbar sehr gut schauspielern und hat damit erreicht, was immer sie wollte.
Ich mag Ungerer vor allem als Zeichner. Er hat viele gute und schöne Dinge gemacht. Daneben hat er aber auch eine mehr oder weniger perverse, sagen wir pornographische Seite. Er lebt heute in Irland, wenn ich mich nicht irre. Er schaut immer noch ziemlich jung aus, manchmal bubenhaft. Aber ich glaube, er ist um die 70. Und wenn ich seine Erinnerungen richtig lese, hatte er als Bube doch ziemliche Komplexe. Zumindest deutet er in seinen Schilderungen so was an.
Aber er ist ein lustiger Typ und er war als Grafiker in den USA sehr erfolgreich. Und er hat einen Teil seines Elsässer Charmes behalten.

Ich muss Dich lassen.
Mit lieben Ges und Kas
...