Sonntag, 3. Juli 2011

Rom - der Vatican



Subject:  Sommersonntagnachmittag
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Soll ich dir noch ein bisschen über Rom erzählen. Ich habe ein bisschen weitergelesen. Aber allzu spannend ist es nicht, weil noch allgemein.

Bis im Jahre 1870 war das geistliche Oberhaupt der Kirche, der Papst, auch weltlicher Herr über den Kirchenstaat. Die Mauern und Befestigungen machten durchaus einen Sinn. 1870 wurde dann im ersten Vatikanischen Konzil die Unfehlbarkeit des Papstes festgenagelt (damals trennten sich die Neukatholiken von der römischen Kirche, weil sie dies nicht akzeptieren konnten, die Unfehlbarkeit; ist ja auch etwas viel verlangt, dass so ein alter seniler Mann auch noch unfehlbar sein sollte, eine echte Überforderung!! - meine Meinung). Und im gleichen Jahr verlor der Papst den Staat, da dieser vom neuen Königreich Italien annektiert wurde. In die päpstliche Hauptstadt drangen die Truppen, doch vor den Mauern des Vatikans blieben sie stehen. Erst 1929 gab Musolini die weltliche Souveränität des Territoriums wieder zurück und seither ist die vatikanische Residenz der kleinste Staat der Welt.
Der "Heilige Apostolische Stuhl" ist die Zentralregierung der katholischen kirche. Sie steht an der Spitze einer Kirche mit 800 Mio Gläubigen oder nahezu Gläubigen, mehr oder weniger. Von hier aus wird die Kirche regiert. Aber nicht nur. Es gibt auch zahlreiche Ministerien und Aemter ausserhalb des Vatikans, etwa im Palast der Kongregationen, oder sie haben eigene Paläste.
Roma locuta causa finita, heisst der lateinische Satz. Rom hat entschieden und die Sache ist erledigt. Das ist heute noch so, aber keiner weiss, wie die Entscheidungen zustande kommen. Es ist sehr intransparent, und wie gesagzt, letztlich unfehlbar.

Gegenüber den päpstlichen Gemächern residiert der "Rat für die öffentlichen Angelegenheiten der Kirche". Er ist die Schaltzentrale der Kurie, aller Kongregationen und Kommissionen.
Das Geheimnis des Vatikans liegt im Paradox einer höchsten Prätention - nämlich die Gewissen von Millionen von Menschen zu bestimmen - und dabei auf einer zwerghaften weltlichen Machtbasis zu stehen.
Am Sonntag kann man den Papst vom Petersplatz aus sehen, wenn er im obersten Stock seines Palastes das Angelus betet und dann den Segen erteilt. Und am Mittwoch kann man ihn an der Generalaudienz in der grossen Halle treffen.
Am einfachsten ist der Eintritt in die Basilika San Pietro, der Hohe Tempel des Katholizismus. Er ist grandios und hat Platz für 60'000 Gläubige. Das kann man kaum glauben, das sind soviele, wie sie ein ganzes Fussballstadion füllen. Aber sie ist schon sehr geräumig, diese Basilika in der Form eines lateinischen Kreuzes. Und in der Mitte steht dieser Altar unter dem Baldachin mit den geschwungenen barocken Säulen.
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Jetzt will ich dir das schicken, meine Liebste, sonst bist du es, die verdurstet. Und das möchte ich keinesfalls. Nicht mal einen trockenen Mund solltest du haben.
Ich küsse dich, mit einem echten Sonntagskuss, wenn du weißt, was ich meine.
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Samstag, 2. Juli 2011

meine Wunschvorstellung

Subject:  Sommersonntagnachmittag
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Meine Wunschvorstellung wäre eigentlich so: Ich arbeite in einem Atelier, male, modelliere. Und die Leute kommen ins Atelier, wo ich meine psychologischen Beratungen mache. Sie setzen sich auf ein Sofa und langsam kommen wir ins Gespräch. Ich könnte sie porträtieren. Vielleicht sind sie scheu und wollen das nicht. Also bastle ich an was anderem. Aber gleichzeitig sprechen wir über die Probleme, die sie beschäftigen. Und wir finden in aller Ruhe und parallel zu meiner Malarbeit eine Lösung. Das wäre doch eine romantische Art zu arbeiten. Wenn ich in Pension gehe, könnte ich das so machen. Das wäre wunderbar. Ich muss nur noch etwas exzentrischer werden, damit mit die Leute als Geheimtip empfehlen und weitererzählen. Und ich muss mir ein ziemlich verrücktes Atelier einrichten, leicht chaotisch, mit einer Sitzecke und sonst mit vielen Utensilien und Farbtuben und all den Dingen, die so schön riechen in einem Atelier. Das wäre wirklich eine ideale Art zu arbeiten. Ich könnte vielleicht 5 Sitzungen machen pro Tag. Und gleichzeitig muss ich nicht so banal den Leuten gegenüber sitzen und sie ausfragen. Ich kann sie einfach machen lassen, bis sie sich von selbst öffnen. Ja, das wäre es, diese Idee muss ich im Auge behalten.
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Soll ich dir noch ein bisschen über Rom erzählen. Ich habe ...

Freitag, 1. Juli 2011

6 Stunden später - Ausstellung über Varlin

Subject:  Sommersonntagnachmittag
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Und jetzt ist 6 Stunden später, also 1500h, bin ich wieder zurück. Ich musste am Morgen rasch weg, denn ich wollte unbedingt nochmals in diese Ausstellung über Varlin, diesem Züricher Maler und meinem Liebling vor Jahren. Um 1030 sollte eine Führung anfangen, und die wollte ich nicht verpassen. ...
Die Führung war gut, und sie dauerte fast 2 Stunden. Es war eine ältere Dame, die gesprochen hat, offenbar von der Leitung des Museums. Und anschliessend gab es noch Videos über den Künstler zu sehen.
Ich kann dir nicht so genau beschreiben, wie Varlin malt. Aber ich versuche es trotzdem. Er ist in München, Berlin und Paris ausgebildet worden. In Paris hat er Soutine gut gekannt. Wenn du Soutine kennst, dann bist du schon in der Nähe von Varlin, mindestens, was seine Porträts betrifft. Soutine hat auch hinreissende Porträts gemalt. Sie sehen von weit und auf den ersten Blick ganz klassisch aus. Das heisst, die Figur tritt vom dunkeln Hintergrund hervor. Dieser unterstützt die Farben und lässt die Figur leuchten. Näher betrachtet sind die Gesichter dann bei Soutine verzerrt, abgenutzt und von den Leiden dieser Welt ein wenig verstellt. Aber sie sind immer noch schön, vor allem in den Farbkontrasten mit dem Hintergrund. Und so ähnlich malte auch Varlin.
Er hat genau im Jahr, als ich nach Zürich zum Studium kam, den Kunstpreis der Stadt Zürich erhalten. Das war 1967. (er ist 1900 geboren) Und Dürrenmatt hat nicht die Laudatio gehalten, wie ich dir fälschlicherweise gesagt habe, sondern die Antwort Varlins gesprochen. Varlin war entäuscht, weil er sich in Zürich verkannt fühlte. Damals war die Zeit des Max Bill und der konkreten Malerei, du weißt Marlena, diese geometrischen Formen mit den ungemischten Farben, sehr technisch, sehr kühl. Und Varlin hat immer vor dem Objekt gemalt, und er fühlte sich an den Rand gerückt durch die neue Modeströmung. Und Max Bill, der Sprachführer der Konkreten, war überheblich genug, seine Malerei zu verachten. Und Bill war anerkannt und war in allen Kommissionen und Gremien vertreten. Deshalb wollte Varlin bei der Verleihung des Zürcher Kunstpreises nicht selbst reden und hat das Dürrenmatt machen lassen. Er fühlte sich verletzt und missachtet. Dürrenmatt konnte ja sehr gute Reden schreiben. Wenn er sie selbst gesprochen hat, hörten sie sich etwas komisch an, denn er hatte einen breiten und langsamen Berner Dialekt, dem man nicht viel geistige Urteilskraft zutraute. Aber er führte seine langsamen Sätze behäbig und etwas holperig zu den Höhepunkten, die er sehr komisch gestalten konnte. Und Dürrenmatt war damals schon weltbekannt, er war eine Autorität. Da lachen die Menschen bei den Pointen noch etwas früher als bei einem durchschnittlichen Menschen.

Die Ausstellung also in Aarau. Zum Stil Varlins muss man noch sagen, dass er etwas Karikatureskes hat. Er ist ein bisschen Karikaturist, erzählt den Moment, übertreibt ein bischen mit Witz und Ironie. Und sein Genre ist das Porträt. Er hat wunderschöne Porträts gemacht: seine alte Mutter, seine Zwillingsschwester, seine italienischen Hausmädchen (Brigitte, ein hinreissendes Porträt, sie im Unterrock mit einem knallroten Jupe und einem schönen italienischen Gesicht)

Seine Hündin Zita hat er porträtiert, die grossen Schriftsteller wie Frisch, Dürrenmatt, Loetscher, andere Maler, auch Clochards, Besoffene. Und eine seiner Fähigkeiten war es, Häuser zu porträtieren. Er hat in Zürich Spitäler, das Bezirksgericht, den Bahnhof, die alte Oper, das rote Schloss und viele andere Gebäude gemalt. Oft frontal, Hausfassaden. Wer einmal Architektur studiert und solche Zeichnungen gemacht hat, weiss, dass das nicht leicht sein kann. Er hat auch gekonnt Innenräume auf die Leinwand gebracht, den Ballsaal in Montreux, den Wartsaal, Restaurants in Arles. Und Schliesslich hat er seinen ledernen Fauteuil mehrmals hinreissend schön gemalt, seine Schuhe (wie van Gogh) seinen Schrank, sein Atelier, Schirme. Ach, Marlena, das muss sehr langweilig sein, so über die Bilder zu reden. Komm setz dich neben mich und ich zeige dir den Katalog, den ich gekauft habe. Sie sind alle hier drin in recht guten Reproduktionen.

Du siehst, ich bin begeistert von dieser Malerei. Ich glaube, ich habe dir erzählt, dass ich vor 25 Jahren eine solche Ausstellung in Aarau gesehen habe. Damals hätte man Bilder kaufen können. Sie waren so um die 10'000.- Das war für mich damals etwas zuviel. Doch heute sind sie mindestens 10 mal soviel wert. Und heute scheint man ihn, den damals verkannten Maler, mehr zu schätzen.

Ich habe mir vor allem seine Porträts von Menschen angeschaut. Davon wollte ich etwas lernen, wenn ich bald meinen Lebensunterhalt als armer Porträtmaler auf dem Momartre fristen muss. Die grosse Kunst ist natürlich, die Figur ins Bild zu stellen. In der Ausstellung hatte es drei Akte, auf dem Bett liegende Frauen, die sehr schön waren. Ich meine nicht die Frauen, ich habe schönere gesehen (;__)))) Kleiner Scherz. Aber die Farben, wie das gemalt ist, die weissen Laken, die Farbe des Fleisches, die Pose, die sie einnehmen. Es kommt eine Lebendigkeit aus den Bildern, die grossartig ist. So ein Bild in der Stube, und die Stube ist voll. Es braucht nichts mehr daneben.

Aber jetzt genug Varlin, sonst langweile ich dich wirklich zu sehr. Nur noch eins. Ich wollte die Nebenwohnung vorbereiten, damit ich dort modellieren und malen kann. Ich habe jetzt soviele Jahre nichts mehr gemacht, und eigentlich ist es schade. Es befriedigt mich, mit den Händen was zu machen, auch wenn ich manchmal während des Malens sehr leide, weil ich den Eindruck habe, es sieht schlimm aus, und ich weiss gar nicht, woran es liegt und was ich ändern sollte. Wenn du mir ein paar aktuelle gute Fotos schickst, werde ich dich porträtieren. Die Fotos können von verschiedener Seite aufgenommen sein. Es ist besser als nur von einem einzigen Foto zu malen. Da bleibt man sklavisch kleben an einem Bild, und das kann nicht gut herauskommen. Aber mit 3 oder 4 Fotos sollte es möglich sein. Ach, ich würde von dir ein wunderschönes Bild malen. Ich meine schön für meine Augen, vielleicht wärst du dann ein bisschen enttäuscht, oder beleidigt, oder würdest sogar nur noch über deinen Anwalt mit mir sprechen;--) und einen richtigen Prozess wegen Ehrverletzung anstrengen. Ach, ein Porträtmaler ist immer in Lebensgefahr, dessen muss man sich bewusst sein. Ich hoffe, ich werde es überleben.

Mein Wunschvorstellung wäre eigentlich  ...

Sommersonntagnachmittag

Subject:  Sommersonntagnachmittag
Date: Sun, 02 Jul 2000 16:19:49 GMT

Liebe Marlena
Ach, wie du dich ins Zeug wirfst und mir schöne Mails schreibst, das berührt mich sehr und ich finde es wunderschön. Es wäre schade um jede Zeile, wenn du sie nicht geschrieben hättest. Und dass du sie mitten im Chaos eines heruntergeräumten Büchergestells schreibst, und mitten in der Nacht, und unter den Verdächtigungen deines Ehemannes mit dem scharfen Blick, das alles kann mir keine Schuldgefühle machen. Es ist einfach zu schön, das von dir zu lesen.
Und dabei gibt es immer wieder Wendungen, oder die Art, wie du die Gedanken formst, wo ich mich dir sehr verwandt fühle. Du weißt schon, wass ich meine, nicht wahr? Ich danke dir, mein Schatz. Du bist lieb mit mir, das weiss ich sehr zu schätzen.
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Über euren Freund höre ich, dass du bezweifelst, er würde die Bücher auch noch lesen, die er rezensiert. Auch das hast du mit soviel Charme gesagt, dass ich dich darob drücken möchte. Und ich fühlte mich natürlich auch etwas angesprochen. Allerdings rezensiere ich meist Kinder- und Jugendbücher, nur gelegentlich sind sie auch für Erwachsene. Heute haben sich die Grenzen ja ein bisschen verwischt. Es ist schon eine Frage, wieviel man von einem Buch gelesen haben muss, bis man es beurteilen kann. Aber es kommt auch sehr aufs Buch an. Sachbücher, Lexika und solche Dinge kann man sehr schnell grob beurteilen. Denn der Teil spricht absolut für das Ganze. Romane dauern am längsten, denn wenn man auch den Stil und die Schreibart von der ersten und der letzten Buchseite ablesen kann, die Windungen der Geschichte, der Leidensweg der Figuren, die Art, wie sie sich in der Geschichte verwirklichen und auch abnutzen, all das hat man dann bei weitem noch nicht erfasst. Ich glaube, von all diesen Leuten, die für diese Basler Bibliothek und Kommission Bücher rezensieren bin ich der einzige, der sie nicht ganz liest. Anfangs habe ich das schon gemacht, aber heute vertraue ich etwas mehr meiner Nase und dem Gefühl. Und natürlich muss man, paradoxerweise, etwas mehr lesen, wenn man ein Buch schlecht beurteilt. Es wäre sonst nicht fair, man könnte irgend einen positiven Aspekt völlig übersehen haben.
Die meisten Bücher sind ja so einigermassen gut bis mittelmässig. Es gibt wenig schlechte, von denen man abraten muss. Und es gibt 5-10% exzellente, von denen ich begeistert bin. Wenn mir ein Buch gefällt, dann kann ich auch viel besser darüber schreiben, ich meine stilmässig. Meine Begeisterung erlaubt mir, origineller und lustiger und einnehmender zu schreiben. Es ist wirklich wie bei der Korrespondenz mit Marlena. Es ist wie wenn die Qualität des Buches auf meine Schreiberei überspringt. Ich bin bloss das kommunizierende Gefäss.
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Jetzt muss ich gehen. Ich melde mich später wieder.
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Und jetzt, 6 Stunden später...

Unordnung und Gast

Subject: Guten Morgen!
Date: Sun, 02 Jul 2000 05:16:27 CEST

Lieber ... !
Ich sitze im Augenblick in einem veritablen Chaos. Du weisst wie es ist, wenn man Bücherschränke ausräumt und die ganze Bodenfläche verdeckt ist, so dass man sich kaum bewegen kann. Es braucht wirklich sehr starke Kräfte dass ich mich hinsetzte und alles liegenlasse. Meine Sehnsucht mit dir zu sprechen ist doch stärker als mein Drang hier so schnell wie möglich Ordnung zu schaffen.
Wir haben gerade zu Mittag gegessen. Es war wieder ein wunderbares Gericht und ich glaube ich muss mich etwas in acht nehmen sonst könnte ich womöglich in Rom mit diesem dicken amerikanischen Hintern erscheinen, der dich schliesslich ganz von mir abschrecken würde ;-) Du hast mal gefragt, ob wir Suppe als Vorspeise essen. Ja, möglicherweise ein dünnes Consommé, aber das ist nicht so üblich. Stattdessen hat man oft irgendeinen Salat mit Meeresfrüchten, also meistens nichts warmes.
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Unser Gast ist ein hochinteressanter Mensch. Er ist ein alter Studienkamerad von K und sie wohnten damals in einem berühmten Studentenhotel für männliche Studierende im Zentrum von Uppsala. Sie hatten ihre Zimmer im selben Korridor. Alle lebten eng zusammen und kannten sich sehr gut, und niemand konnte eigentlich Geheimnisse vor den anderen haben. Es gab viele Originale, die später auch auf verschiedenen Gebieten Karriere machten und Folke (unser Gast) war schon damals einer der originellsten, und obwohl man ihn vielleicht nicht gerade bewunderte, so sah man doch sehr zu ihm auf.
...
Seit vielen Jahren ist er unser Gast während einer Woche (meistens sofort nach Schulschluss). Wenn ich die beiden so sehe und höre, dann denke ich an dich und W. Eigentlich könnte ich ihnen dauernd zuhören, denn wenn zwei so begabte und interessante Leute zusammenkommen dann werden viele Themen angeschnitten, und der eine versucht dem anderen mit neuen Erfahrungen zu imponieren. Vor einer Weile war die Rede von Stalingrad und grauenvollen Details aus dem Krieg, z.B. wie man sehen konnte, wenn jemand starb, dass sein Bart plötzlich lebendig wurde, und die Läuse in grossen Scharen schnell hinüberwanderten zu einem noch lebenden Körper. Folke hat wie K auch Geschichte studiert. Er war eine zeitlang Direktor aber die ”Papierarbeit” hat ihm nicht besonders gefallen und so ist er wieder Studienrat geworden. Er schreibt ausserdem Rezensionen für eine lokale Zeitung über Bücher, die er (wie ich behaupten möchte) nie gelesen hat ;-) Nun, so ist es wohl oft mit solchen Herren. Sie lesen ein paar Zeilen hier und ein paar Zeilen da und dann kopieren sie ganz einfach eine schon irgendwo veröffentlichte Rezension mit ein paar eigenen Zutaten. Und warum sollte es eigentlich dadurch an Wert verlieren? ;-)
Ich gehe ab und zu eine Weile zu ihnen hinunter und sehe nach, ob sie mich sehr vermissen ;-) Dann kehre ich beruhigt wieder zu meinem Ferngeliebten an den PC zurück.
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Ja, du hast recht. Saint-Exupéry hat einen sehr schönen Namen. Aber er ist nicht einer meiner Favoriten. Nur eben das kleine Büchlein ”Le petit prince” hat mir sehr gefallen. Und eigentlich erst später, als ich entdeckte welche schöne Gedanken und Weisheiten sich darin verbergen. Übrigens, auf unserer Tour an der Amalfiküste entlang, bekamen wir jeder einen Kuss, nun du weisst diese kleinen Schokoladeküsse, die alle unter dem Staniol ein kleines Papier mit einem Spruch enthalten. Und weisst du was auf meinem stand? ”On ne voit bien qu’avec le coeur” :-)
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Du möchtest dass wir Proust zusammen lesen? Aber chéri, wie kannst du mir das nur zumuten, wo ich doch ständig mit der Zeit kämpfe. Ich kenne die Frau (nur flüchtig) die ihn ins Schwedische übersetzt hat. Ich glaube sie hat 30 Jahre dazu gebraucht. Nun, beim Aufräumen in den Bücherschränken hier oben, habe ich so viele Bücher entdeckt, die ich noch nicht gelesen habe. Ich könnte mich gut ein paar Monate damit beschäftigen. Du sagst, dass du ein Buch über die Wikinger rezensiert hast. Wie heisst es denn? Ja, die guten alten Wikinger, das war so eine Sorte von rohen Burschen. Hast du übrigens schon ”Röde Orm” gelesen von Frans G. Bengtsson? Es gehört zu unserem Kulturschatz und ist sehr lesenswert. Ich glaube es würde dir gefallen. Der deutsche Titel ist : Die Abenteuer des Röde Orm , herausgegeben von: Deutscher Taschenbuchverlag, München.
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Ich habe auch ein paar Gedichtsammlungen gefunden. Eins:”Französische Gedichte Von Baudelaire bis Saint-John Perse” und das andere ”Deutsche Gedichte von 1900 bis zur Gegenwart”. Aus Spass habe ich mir gesagt ich schlage irgendein Gedicht auf und sehe ob es etwas über uns sagt. Und schau mal was ich fand:

Noch spür ich ihren Atem auf den Wangen:
Wie kann das sein, dass diese nahen Tage
Fort sind, für immer fort, und ganz vergangen?


Dies ist ein Ding, das keiner voll aussinnt,
und viel zu grauenvoll als dass man klage:
Dass alles gleitet und vorüberrinnt.
...
Es ist von Hugo von Hoffmansthal und heisst ”Über Vergänglichkeit”.

Nun, wir nehmen es mit einem Lächeln. Wenn auch unsere Liebe nicht ewig dauernd würde, so glaube ich doch dass wir eine Freundschaft haben, die bestehen wird.
*
Ich hatte dir versprochen noch heute zu schreiben (und das habe ich ja auch getan ;-) aber leider werde ich es nicht heute abschicken können. K hat schon komische Bemerkungen gemacht über eine ”heimliche Korrespondenz” und du wirst sicher verstehen, wenn ich bis morgen warte mit dem Absenden. Natürlich bin ich dabei wiederum etwas ängstlich, dass mein lieber Wolf in seinem grossen Hunger etwas ungünstiges frisst.. Wie du siehst bin ich überall von Gefahren umgeben und kreuze sozusagen zwischen Skylla und Karybdis.
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Es ist früh am Morgen, aber ich will dass du mein Mail sofort morgen (heute) findest.
Schreibe dir bald mehr
KKK
Marlena

über die Gotik

...

Ich habe diese paar freien Tage sehr genossen, und ich habe auch ein bisschen gearbeitet. Am Freitag war ich in Basel. Ich habe mir ein grosses Buch gekauft über die Gotik. Es behandelt die Stilgeschichte und ist Teil einer Reihe. Ich habe davon auch schon den Band Rom und ein paar andere. Und auf dem Gotik-Band ist auf dem Frontbild eine wunderschöne Abbildung der Sainte Chappelle von Paris, dem Chor der Königskapelle. Sicherlich kennst du sie. Sie ist auch sehr raffiniert beleuchtet. Die fein gegliederten Säulen widerspiegeln mit ihren Rippen das Licht und zeigen sich als feinleuchtende Lichtlinien, die hinauf zur Decke führen. Und dazwischen sind die wunderbaren Glasfenster, diese Glasvorhänge, muss man beinahe sagen. Es war die Kunst der Gotik, die schweren romanischen Mauern aufgelöst zu haben zu einem reinen Steingerüst, um darin die wunderschönen Fenster platzierien zu können. In der modernen Architektur gab es dann später die sogenannte Curtain-Wall. Das war ein ähnlichs Prinzip. Der Bau wird auf Säulen gestellt, und die Wände tragen nicht mehr, sondern sind nur da als eine Art Paravent, eine feine Abgrenzung gegen aussen, meist aus blossem Glas. Das sind dann diese modernen Glashäuser, in denen sich das ganze Stadt-Panorama spiegelt. Und die Gotik hat das erfunden. Und wenn man gotische Kathedralen von aussen ansieht, muss man ja sagen, dass sie darin einigen Aufwand betrieben haben mit diesen Hilfskonstruktionen und dem ganzen Strebewerk. Es ist ein ganzes Steingerüst, welches das Hauptgebäude zusammenhält, denn sonst würde es nach allen Seiten auseinanderbrechen, wenn diese Streber nicht wären. Die Mauer allein wäre zu schwach und zu dünn, all das zu halten.

Doch ich wollte dir eigentlich etwas anderes erzählen.  ...
                                                                                                            Foto: Chris