Montag, 19. April 2010

ganz vernarrt

Subject: Que diras-tu ce soir, pauvre âme solitaire
Date: Thu, 18 May 2000 11:09:07 GMT


Liebes Schwesterchen

Ich bin ganz vernarrt in deinen neuen Titel. Ist doch schön, und so unschuldig. Da braucht man sich keine Schuldgefühle zu machen. Was kann denn schon ein kleines Schwesterchen anstellen, vielleicht ein bisschen Zucker klauen oder der Nachbarin eine lange Nase machen?

Und als Schwesterchen gehörst du halt nun zu meiner Familie. (don't break my heart kommt gerade). Ich möchte dir auch unseren Familienbrief von 1998 schicken. Ich habe noch einen gefunden. Gib mir eine Adresse, an die ich ihn schicken kann. Vielleicht auch an das Schulhaus? Ich werde ganz neutral adressieren und keinen Absender drauf schreiben. Ich werde keine Herzchen oder sowas drauf malen. Aber es ist Persönliches über unsere Familie, eigentlich möchte ich nicht, dass ihn sonst noch wer liest ausgenommen du, na ja, vielleicht Anna noch, wenn du es wünschst. Und wenn es zu kompliziert ist, dann lass es mich wissen, dann vergessen wir es.
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Nun ja, ein bisschen bin ich schon traurig, wegen dieser Römer Geschichte. Aber es ist nicht deine Schuld, und du hast mir auch nie falsche Hoffnungen gemacht. Ich will sagen, deine Informationspolitik war immer sehr korrekt. Vielleicht will ich oft zuviel und zu schnell? Ohne dich kann ich weder nach Rom noch nach Prag. Und Paris schon gar nicht. Es sind schon viele Städte mit unserer Maladi belegt, meine liebe Schwester! Bald muss man nach Afrika ausweichen. Oder eben in den Nahen Osten, in dieses Pulverfass. Ach, ich muss mich ein bisschen lösen von dir.

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Das ist mein letztes Mail heute. Ich komme nicht mehr dazu diesen Abend. Also zum Frühstück morgen, wenn es reicht.

Ich umarme dich herzlich, mein kleines süsses Schwesterchen.
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liebes Schwesterchen

Subject: Guten Tag liebes Schwesterchen
Date: Thu, 18 May 2000 05:26:58 GMT

Liebe Marlena
Hier bin ich schon wieder, meine Liebe, nach ein paar Stunden Schlaf. Es ist vor 0600h und gerade dämmert es. Der Himmel ist mit dunkeln Wolken behangen und wir machen uns auf einigen Regen gefasst. Bei der Thermometer Säule hat es heute rot geleuchtet.

Ich bin weniger enttäuscht, als ich erwartet hatte, wegen deiner Absage für Rom. Ich bin froh, dass es klar ist. Ich bin dir nicht böse. Gestern abend habe ich wieder bemerkt, dass du in einer echt schwierigen Situation bist. Aber wir beide wissen auch, dass du sie selbst willst. Also, was kann ich schon tun?

Für mich wäre Rom (oder was immer, man könnte auch was anderes machen) eine Möglichkeit, uns kennenzulernen. Ich weiss auch, dass wir dort nicht einfach wie ein Liebespaar leben könnten, zb im gleichen Hotelzimmer. Das wäre ein bisschen zuviel verlangt für dich und für mich. Ich hatte einfach den Wunsch, zu wissen, mit wem ich in den nächsten 20 Jahren chatten werde. Und wenn ich es denn auch wisse, dann werde ich es auch 20 Jahre können.

Dann habe ich gedacht, Rom wäre für dich eine einmalige Gelegenheit, weil du die Stadt noch nicht gesehen hast... Ich glaube, es ist einfach wichtig, dass es noch etwas anderes gibt als unsere Maladi. Wenn wir uns gesehen hätten und wenn wir enttäuscht gewesen wären, dann wäre immerhin noch Rom geblieben, und alles hätte sich dennoch ausbezahlt.

Dann wollte ich etwas machen mit dir. Das fände ich wunderschön. Und ich tue es immer noch.
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Du siehst, meine Liebste, deine Situation beschäftigt mich, und ich bin immer wieder erstaunt, wie du das alles meisterst.

Klar, ich idealisiere dich ein bisschen, aber das machst du bei mir auch. Am Anfang hatte ich das Gefühl, du würdest mir nur soviele Komplimente machen, damit ich warm bleibe, damit ich dir weiterhin Mails schreibe. Dh. ich hatte den Verdacht, du tust nur so, als ob du mich lieben würdest, du spielst mir was vor. Eigentlich hatte ich gar nicht erwartet, dass du dich verlieben solltest. Aber in der Zwischenzeit habe ich bemerkt, dass du wirklich irgendwie an mir hängst. Und weil ich dich eine echt liebe, aber auch eine begabte und intelligente Person halte, die mir viel zurückgeben kann, so bin ich gerne ein Mailfreund für dich. Anfangs hast du auch kaum etwas geschrieben. Ich habe Kilometermails geschickt und du hast gesagt, du hättest leider im Moment viel Arbeit und keine Zeit und so weiter. Ich habe dir viel von meiner privaten Situation erzählt, und du hast sehr wenig gesagt. Wenn man bloss schreibt, weiss man nie genau, ist es bloss eine Ausrede oder ist es wirklich so. Man merkt erst nach langen Jahren, was echt und was vorgemacht ist. Aber jetzt hat sich das geändert. Und gestern hast du sogar beschlossen, mir ab und zu von Anna zu erzählen.

Weißt du, ich weiss jetzt, dass du wunderhübsch schreiben kannst. Und wenn wir unsere Mailfreundschaft weiterführen, wird noch Routine dazu kommen. Und deshalb denke ich, wir könnten schon gemeinsam was gestalten. Aber vielleicht ist es heute noch zu früh. Wir werden sehen.
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Weißt du Marlena, manchmal denke ich, ich möchte wie ein Bruder zu dir sein. Wir müssen das erotische nicht so stark betonen. Es macht vielleicht diesen holden Schmerz, wie du ihn nennst. Wir haben soviele Gemeinsamkeiten, dass wir uns wie Geschwister irgendwie fühlen können. Das ist doch ein gutes Gefühl. Man weiss, dass man auf der Welt nicht allein ist und wenn man ihn oder sie braucht, ist er da, man kann über alles reden und so fort. Ich bin der ältere Bruder und du bist meine kleine Schwester. Ist das ok? Und ich liebe sie ein bisschen, meine Schwester, wie man auch als Bruder die Schwester beobachtet und merkt, dass sie eine schöne Figur bekommt und dass sie attraktiv ist und dass sie weiblichen Charme hat. Ach nein, das Erotische möchte ich nicht ganz weglassen. Es ist so schön bei dir, wenn wir zusammen flirten können.

Aber ich werde versuchen, nicht mehr zu wünschen, dich zu treffen. Du bist meine virtual sister, ein blosses Bild, wie du mir kürzlich zurückgegeben hast.

Ist es für dich gut so, Schwesterherz. Du hast ein gutes Herz, Schwesterchen. Und darum mag ich dich. Ach, ich erinnere mich, dass du ja einen Bruder hast. Hab ich ganz vergessen. Da fühle ich schon eine kleine Rivalität, aber nur eine kleine.
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Und einmal, wenn wir alt sind, werde ich meiner Schwester den Turm von Muzot zeigen, und die Kirche von Raron und das Grab, und die Aussicht von dieser Kirche, die so einmalig ist, wenn einem dort oben der Wind an die Kleider geht. Ach, es hat immer Wind im Wallis. Darauf musst du dich gefasst machen. Ich werde ja dann vielleicht kaum mehr Haare haben, im hohen Alter, aber deine werden fröhlich im Winde fliegen.
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Samstag, 17. April 2010

Pour elle seule, hélas!

In dem Blog "Semsakrebsler", der beste Blog seiner Art und ein
täglicher Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante
Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes
bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.

Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.
Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.
Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Hermann Hesse

Freitag, 16. April 2010

Souveränität der Erzählerrolle

Subject: A la très belle, à la très bonne, à la très chère (3)
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Soll ich dir ein Beispiel zeigen, welches die Souveränität der Erzählerrolle, die Erzählmaske nennt man sie ja auch, zeigt? Man sagt immer, dass der Künstler, der Erzähler, der Maler eine göttliche Rolle einnimmt, indem er wie ein Demiurg eine eigene Welt kreirt. Es ist nicht blosse Abbildung, sondern es ist die Gestaltung, die Kreation einer neuen, einer eigenen Welt. Du hast mir auf wunderschöne Art und Weise vom Fest am letzten Freitag erzählt, als sich das Dach leicht hob, ob der guten Stimmung. Und du hast den Gastgeber herausgepickt, und ihn mir freundlich vorgestellt. Und alle anderen Gäste, ausser vielleicht dich selbst, hast du weggelassen, indem du die elegante Wendung fandest, du hättest sie mir in Gedanken längst beschrieben. Du erinnerst dich sicherlich, denn eine solch schöne Wendung ist nicht unbewusst, sondern gut und bewusst erfunden. Ich habe noch selten jemanden gehört, der so elegant Dinge übergehen kann. Ich meine, du erzählst sie nicht, und trotzdem schliesst du mich ein. Du lässt mich nichtwissend wissen. Du kannst mir nicht alles erzählen, und doch lässt du mich überall dabei sein. Ach Marlena, du darfst nicht sagen, ich mache dich perfekt. Sowas ist einfach perfekt. Das ist so schön und elegant erzählt, ich kann dir kaum ausdrücken, wie mich das berührt. Ich glaube, es ist sehr ähnlich der Art, wie du tröstest. Ich habe so etwas noch nie erlebt in meinem Leben. Vielleicht habe ich es schon von Personen erfahren, aber sicherlich nie bewusst erlebt. Es ist für mich eine wunderbare Bereicherung, und ich bin dahin und meine Liebe wird immer - wie soll ich sagen - gefährlicher. Ich weiss nicht mehr, wie ich meine Seele zurückhalten kann.

glückliche Momente

Subject: A la très belle, à la très bonne, à la très chère (2)
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Ich habe immer noch dein wunderbares Mail von gestern auf der Zunge. Vielleicht war es auch dieses Mail, dass mich heute so früh aufstehen und ins Büro fahren liess, um meiner Liebsten und Schönsten eine baldige Antwort zukommen zu lassen. Ich bin nun mal ein bisschen ein altmodischer Mensch. Und ich mag es, wenn meine Lieben glücklich sind. Und wenn sie unglücklich sind, dann leide ich mit wie die sympathetischen (gibt es so ein Wort?) Bäume, die die Blätter hängen lassen. Ich bin glücklich, wenn ich höre, dass du glücklich bist. Und gestern hatte ich den Eindruck, dass du auch viele glückliche Momente und Seiten in deinem Leben hast. Das war nicht immer so. Ich hatte auch schon die Vorstellung, dass dein halbes Leben Unglück sei, und dass man dich so schnell wie möglich dort oben in diesem nordwärts liegenden Schweden retten müsste, erlösen müsste, wie dies der Prinz mit seiner Prinzessin im Märchen tut, damit sie endlich in Glück und in Frieden lebe.

Deshalb hat mich dein Mail sosehr befriedigt. Und dann kam noch die kleine Message aus dem ST dazu. Ich würde sie wirklich gerne ausschneiden und an die Wand hängen, oder doch mindestens als Buchzeichen in einen schönen Band legen.
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Sympatheia

Subject: A la très belle, à la très bonne, à la très chère

Liebe Marlena
Ja, weißt du, die Sache mit dem Verschlafen ist eben so eine Sache. Mach dir nicht zuviel Sorgen. Heute habe ich mich nicht verschlafen. Und so bin ich um 0500 aufgestanden. Die Vögel haben eben gerade angefangen, alle gleichzeitig, so dass man mit Beruhigung annehmen darf, dass sie Mitglieder einer sehr gut organisierten Gewerkschaft seien. Und dann war ich um 0530 schon im Büro. Und auf der Strasse war es noch menschenleer und der Himmel war noch hellblau klar. Aber in den Nachrichten haben sie gemeldet, dass es bis abends regnen würde. Ich komme in B. mit dem Auto bei einer Thermometer-Säule vorbei. Und dort leuchtet entweder ein rotes oder ein grünes Licht. Sie geben nicht den Verlauf des Nikei Indexes an, sondern des Luftdruckes. Das ist die moderne Sympatheia. Weißt du, was die Sympatheia ist? Habe ich mir noch im Latein-Unterricht gemerkt und bis heute behalten. Es ist dieses erzählerische Stilmittel, letztlich die Vorstellung überhaupt, dass die Natur an den Gefühlen der Menschen teilhat. Wenn man erzählt, dass einer so traurig war, dass auch die Bäume ihre Blätter haben hängen lassen, so an seiner Trauer teilgenommen haben, Teil der Trauer waren, dann nennt man das Sympatheia. Und ich habe einmal einen Roman von einem holländischen Autoren gelesen, der mit den Wirtschaftsindices auf ganz ähnliche Weise umgegangen ist. Die Menschen waren guter Dinge, und der Börsenindex stieg, wie damals die Pflanzen und Bäume zuversichtlich und froh sich der Sonne entgegen gestreckt hatten. So ändern sich die Zeiten.
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Donnerstag, 15. April 2010

damals - und heute

Liebe Marlena
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Bei uns zuhause in X haben wir immer einen Samstagskaffee gehabt. Und da haben wir ein bisschen diskutiert und sind zusammengesessen. Es war praktisch der einzige Moment in der Woche. Und ich habe das sehr genossen. Wir waren sonst keine diskutierende Familie. Im technischen Denken gab es nicht sehr viel zu diskutieren. Und mein Vater wollte gern Recht haben und behalten. Für Zwischentöne gab es da wenig Raum. Und anschliessend bin ich zum Bahnhof gegangen und habe mir eine Zeitung gekauft und dazu manchmal die kleinen Cigarillos, die ich damals in meinem Übermut noch geraucht hatte. Und wenn ich nicht jemanden angetroffen habe, bin ich in mein Zimmer hinauf gestiegen, mit der schönen Aussicht in die Schneeberge, habe France Inter gehört und Zeitung gelesen und die Beine auf den Tisch hinaufgehievt, wie ich das bei den Amerikanern gesehen hatte. Und habe vom Leben eines Intellektuellen geträumt. An Arbeit habe ich nie im Leben gedacht, wirklich nie. Ich habe mir vorgestellt, ich würde mein Leben lang lesen, schreiben, wieder lesen, in einem Restaurant mein Essen einnehmen, am Stammplatz, versteht sich, als intellektueller Bohémien sozusagen. Eine Büroarbeit von 8 - 12 und von 14 - 17h, nein, das hätte ich mir im Leben nie geträumt. Dass man im Leben Geld brauchte, das war mir wirklich sehr lange entgangen. Ich war wohl ein grosser Träumer, nicht wahr?

Und heute sitze ich im Büro und träume weiter. Gut bezahlt. Das habe ich wohl nicht schlecht gemacht. Aber ich muss aufpassen. Mit diesem neuen New Public Management wollen sie überall Leistungen sehen. Es ist ein Greuel, sie wollen überall Effekte messen. Sie kommen mir wieder mit Technik, wo ich ihr doch noch nicht lange entflohen bin.

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