Dienstag, 9. Februar 2010

New York

Liebster Mausfreund,
Hier sitze ich und fühle mich irgendwie ganz verlassen und du
scheinst mir so undendlich weit weg. Eigentlich ist das komisch,
denn wenn du in der Schweiz bist, bist du doch genau so unnahbar.

Wenn du dieses Mail kriegst, bist du schon am anderen Ende der
Welt und beginnst deine Verwandlung (Mutation, wie du sie nennst).
Ach, du bist lustig. Aber ich glaube wirklich, dass diese Reise dich
verändern wird. Du hast so viele Auffassungen (ich wollte fast sagen
Vorurteile) über Amerika und nun kannst du sie mit der Realität
konfrontieren.
...
Sag, wie ist es von dort drüben auf Europa zurückzublicken? Siehst
du es leuchten wie ein kleines Juwel am anderen Ende des Ozeans?
...
Ach, wie bin ich neugierig auf deine Erlebnisse "over there".

(Aug 2003
)

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From far away..

Meine liebe Penelope
Ich bin gut angekommen nach einem endlos langen Flug.
Ich sass neben einem Schweiyer Studenten aus Berkely.
Es war gany interessant, mit ihm yu diskutieren. (wo du
ein y liest, sollte ein z sein und umgekehrt ).
Jetzt bin ich schon bei meinen Bekannten yuhause und wir
lernen uns kennen. Er gleicht seiner Mutter sehr.
Es scheint mir, dass es eine lustige Woche geben wird.
Dein Mail konnte ich noch nicht wirklich lesen. Aber ich
werde es demnaechst nachholen.
Mit einem lieben Gruss aus der neuen Welt\
...

Montag, 8. Februar 2010

Du, Nachbar Gott..

Liebe Marlena
...
Und ich habe diese hübsche sprachliche Wendung nur
wegen dir gefunden, wegen dieser Marlena, 2000km weit
weg irgendwo im kühlen Norden. Und natürlich dank unserer
(platonischen) Intimität und den ziemlich dichten Gefühlen
und den malvoisiierenden Vorstellungen, die wir beide hier
gärtnern. Ich danke Gott, dass es dich gibt. Ohne dich wäre
ich ein bisschen einsamer und verlorener auf dieser Erde.
Hör mal an, Rilke hat mich erstaunt:

Du, Nachbar Gott, wenn ich dich manchesmal
in langer Nacht mit hartem Klopfen störe, -
so ists, weil ich dich selten atmen höre
und weiss: Du bist allein im Saal.
Und wenn du etwas brauchst, ist keiner da,
um deinem Tasten einen Trank zu reichen:
Ich horche immer. Gieb ein kleines Zeichen.
Ich bin ganz nah.

Ich finde das ganz enorm. Hörst du, er tröstet ihn, er
möchte ihm helfen, er will bereit sein, im Dunkeln einen
Drink zu reichen, hörst du das? Er sieht noch eine kleine
Überlegenheit seines Nachbars, aber es ist doch ein Nachbar,
der Gott heisst, fast schon auf gleicher Ebene. Beinahe mit
ihm angestossen hat er. Und das war mindestens vor 100
Jahren geschrieben. Grossartige Brüderschaft!
Mit einem allerliebsten Gruss

Paris

Liebe Marlena
...
Och, wir waren mal in Paris und hatten dort in der Nähe ein
Zimmerchen in einem etwas wackeligen Hotel. Es war alles
ziemlich unordentlich und unsauber und reparationsbedürftig.
Und wenn man morgens die enge Treppe auf dem knallroten
Teppich herunterkam, um dem übernächtigten Magen café mit
croissan zu gönnen, so war die Frau an der Conciergerie nirgends,
nirgends ein Kaffee und nirgends ein Gipfel, obwohl es deutlich
geschrieben war déjeuner inclus. Sie hatte sich einfach verschlafen
und kam sehr sehr spät mit einer Miene herein, als ob ein
verschlafenes Gesicht eine medaille d'honneur wäre. Kein Wort
der Entschuldigung, nichts, all die Gäste und übrigen Europäer
waren schuld, weil sie unvernünftig früh aufgestanden waren.
Sogar die weiblichen Concierges von Paris halten sich im Ernst
für den Nabel der Welt. Du siehst, das Hotel war ziemlich
heruntergekommen. Aber wir hatten ein DACHZIMMERCHEN,
mit einem grossen Dachfenster, wo man über die Dächer von
Paris, und auch die Gebäude der Sorbonne sehen konnte. Es war
fantastisch. Am liebsten hätte ich einen 5-Jahres-Vertrag
unterschrieben für dieses kleine Zimmerchen. Aber...

Sonntag, 7. Februar 2010

Bundesordner

Liebe Malou
Ich habe soeben die Papiere geordnet, chronologisch geordnet,
die nun einigermassen drei Ordner füllen. Na ja, die Chronologie
ist noch nicht perfekt, aber einigermassen vorbereitet. Es haben
ja nun leider nicht alle Papiere ein Datum.
Weisst du Malou, wenn ich so mit Ordnern hantiere, dann habe ich
das Gefühl, ich sei in den falschen Job geraten. Schon der Anblick
von Ordnern ist mir einigermassen ein Graus. Aber dass ich diese
unansehnlichen Dinger auch noch selb st füllen und ordnen muss,
das finde ich die Höhe. Eigentlich hatte ich gedacht, die Ordner
würden selbst ordnen. Aber nein, man muss alles selbst machen.
Und seit man keine Sekretärinnen mehr hat, die alles einordnen
und wieder hervorholen, wenn man es braucht, gibt es in den Büros
eine riesige Sauordnung. Ich glaube, das schadet dem Zustand der
Welt ziemlich. Die Ordner sind die Infrastruktur der Welt. Und heute
geistern sie gar noch in digitaler Form durch die Lüfte. Da lobe ich
mir die alten Walliser Strichlisten. Kennst du sie? Sie haben einen
speziellen Namen, der mir jetzt aber nicht mehr in den Sinn kommt.
Im Wallis, mit seinem sonnigen und trockenen Klima, müssen die
Bauern ihre Rebberge und Wiesen künstlich bewässern. Dazu gibt es
die Wasserleitungen (auch Suonen genannt). Und in alten Zeiten
haben sie in den Dörfern die Wasserrechte auf Holzstücken
eingekerbt. Da konnte man ablesen, dass die Familie Kuonen von
Mitternacht bis vielleicht 2 Uhr das Recht hatte, das Wasser auf ihre
Wiesen zu leiten. Wasserdiebstahl wurde schwer bestraft. Ich hatte
im Gymnasium mindestens einen Kameraden (mindestens einen,
von dem ich es weiss, wahrscheinlich gab es noch andere), der
gelegentlich nachts wegen dieser Wässerung nicht ins Bett kam.
Natürlich hatte er auch wenig Zeit für Hausaufgaben und war
morgens müde wie nach einem ausgelassenen Fest. Diese
künstliche Bewässerung habe ich dann wieder im Iran gesehen.
In Damavand, in der Nähe des höchsten Berges, der so heisst, hat
man nachts die Leute gehört, wenn sie wässerten. Und morgens
lag dann der ganze Acker gleich neben dem Haus unter einer
Wasserlache.
Du siehst, Malou, meine Assoziationen rennen quer durch die Welt.
Wir waren bei den hässlichen Ordnern. Man nennt sie hier auch
Bundesordner. Keiner weiss, weshalb "Bundes-"?

das Leben nachholen

Liebe Marlena,
---
Es ist wirklich hart, ein Leben zu führen, wo man ständig zuwenig Zeit hat. Man fühlt sich irgendwie als Sklave der Umstände. Die Zeit ist der natürlichste Reichtum, den es gibt. Und wenn man zuwenig davon hat, dann ist man sich irgendwie arm und gehetzt und ausgetrocknet. So fühle ich mich manchmal. Das ist der Grund, warum ich abends nicht ins Bett komme. Ich brauche nach der Arbeit etwas Ruhe, ein Schläfchen nach einer Tasse Tee. Und dann um 21h oder 22h kommen meine Lebensgeister wieder. Und um Mitternacht bin ich meist so im Schuss und wach und voller Ideen, dass ich überhaupt nicht ans Bett denken kann. Ich habe das Gefühl, den ganzen Tag nichts erlebt zu haben ausser Akten und Protokolle und Papiere, also muss ich das Leben abends nachholen. Und so wird es 01h oder 02h, bis ich in die Klappe komme. Das ist der Grund, warum es keine Mühe macht, meine Töchter von irgendwelchen Parties oder Einladungen abzuholen. Ich bin ein Nachtmensch. Ich könnte gut als Nachtportier in einem Hotel arbeiten. Wäre für mich der Traumjob. Ich würde ganze Bibliotheken lesen. Und es sollte nur kein Gast auftauchen mit irgend einem Problemchen, etwa nicht schlafen zu können, oder die Air Condition abzustellen oder anzustellen oder um Ohrenpfropfen vielleicht Kondome nachzufragen oder weiss Gott was Hotelgäste nach Mitternacht noch alles wünschen können, es sollte mich ja keiner stören wollen!! Das könnte ich absolut nicht vertragen. Ich würde ihn zum Teufel jagen. Ich wäre Nachtportier, aber keiner sollte mich in der Nacht je stören dürfen. Das wäre mein Traumjob. Nachtportier einer Tagesschule oder so, die nur tagsüber offen ist. Das wäre mein absoluter Traumjob.
Ich weiss nicht mehr, wie ich beim Traumjob gelandet bin, wo ich doch eigentlich bei den Wellensittichen angefangen habe. Ich verliere mich wirklich in meinen Assoziationen, meine liebe Marlena, und ich hoffe, du vergibst mir. Das muss eine Mausfreundin einfach vergeben. Dazu ist sie sozusagen da. Unter Mäusen ist man grosszügig, nicht wahr.

Gartenparty

...
Und dann habe ich eine kleine Zeichnung gemacht. Mein Freund hat
mich gebeten, zu seinem und seiner Freundin Einladung eine Karte zu
zeichnen. Er hatte die Idee von da Vincis last supper in Santa Maria
delle Gracie in Mailand. Aber das fand ich ein bisschen verwegen. Ich
will doch nicht da Vinci beleidigen. Haben wir ja schon ein bisschen,
als wir über seine Joconda gespasst haben. Und da habe ich eben
meine eigene Komposition gemacht. Ich will dir das kurz schildern.
Also, P und M wollen eine Gartenparty machen. Hab ich mir gedacht:
was ist das wesentliche des Gartens. Natürlich der Zaun. Meine Skizze
zeigt also auf einer weiten Ebene, wo man bis zum Horizont sieht,
ein viereckiges Gärtchen, das mit einem hohen, roten Holzzaun
eingezäunt ist. Es wirkt wie eine Kiste, eng, und darin brodelt die
Party. Sie scheint zu überkochen. Irgendwo hängen zwei Damenbeine
über den Zaun. Dort hält eine Hand die Flasche in die Höhe, um den
Rotwein ins Glas zu giessen. Hinten ist eine Hand mit einem Big-Mac
zu sehen. Und weiter hinauf steigt aus dem Gärtchen der Rauch des
Barbecue und zur anderen Seite eine Palme. Das also ist das Gärtchen.
Ich muss das jetzt noch mit Tinte nachziehen und dann kolorieren.
Dann hab ichs. Sie wollen die Karten bis Mitte April versenden.

Antwort - 28 Januar

Liebe Marlena
Es gibt neben den Wortscheissern noch die Klugscheisser. Kennst
du sie? Sie sind ebenso aktiv in der Kunst, Luft zu erwärmen und
bringen oft auch nicht viel zustande. Auf jeden Fall, das muss ich Dir
sagen Marlena, bewundere ich , welch hohes Nivau an sprachlicher
Kompetenz du bewohnst. Ein Wort wie Wortscheisser wird sonst nur
ein Deutsch-Muttersprachler benutzen. Du hast also Deutsche Schulen
besucht. In welchen Ländern bist du denn aufgewachsen? Und war
dein Vater auch ...
….
Gut Marlena, ich will aufhören, bevor du findest, ich sei schwatzhaft,
oder gar ein Wortscheisser. Das nun allerdings möchte ich nicht.
Schreib, wenn du Zeit und Lust hast. Ich höre gerne von Dir.
Mit einem schönen Gruss