Sonntag, 7. Februar 2010

In Eile - 27 Januar

Lieber ...
Ich danke Dir herzlich für deine vielen Mails *smile*
Da gibt es jetzt viel zu beantworten. Leider bin ich im Moment sehr
überlastet mit verschiedenen Arbeiten und komme nicht dazu ein
längeres Mail zu senden. Du kannst mir jedoch jederzeit (wenn du
Lust hast) ein paar Worte senden. Es ist fast leichter so. Dann wird
es, wie du sagst, eine Art Tagebuch daraus.
Und es ist ja so. Gerade wenn man nicht Zeit hat zum Schreiben
würde man sich am meisten über ein Mail freuen.

Ich bin ausserdem nicht richtig in Stimmung. Komme von einer
Konferenz mit den gewöhnlichen "Wortscheissern" (sorry, wollte
dich nicht schockieren ;-) Aber du weisst, es gibt Leute die so viel
Luft reden können dass einem fast schlecht wird dabei. Und oft
sind es solche die in der Tat nicht viel zustande bringen.
(Fühle mich schon besser nach dieser Explosion *lacht*)
Wünsche dir noch alles Gute.
Ich schreibe sobald ich mehr Zeit habe
Bye!
Marlena

PS Wenn du ein Mail schickst, delete bitte das alte Mail sonst
schicken wir alle unsere Mails immer wieder hin und her.. ;-)

Tierisch?

Liebe Marlena
Ich habe eine Frage an dich als Frau. Sie ist mir erst kürzlich
irgendwie aufgetaucht. Vielleicht auch angesichts meiner Tochter und
ihrem Freund, den sie jetzt schon ein paar Monate hat. Hat man als
Frau bei den Männern oft das Gefühl, da wirke eine Kraft (ich meine
die Sexualität), die völlig unpersönlich ist. Wenn man es bös sagen
will, könnte man sagen, eine Kraft, die "tierisch" wirkt. Oder man
kann sagen, der Mann ist nicht immer Herr seiner Kräfte? Hast du
diese Erfahrung gemacht? Ich hatte irgendwie den Gedanken, dass
Frauen die Männer in gewisser Weise auch, vielleicht nicht immer,
aber doch ab und zu, als unheimlich erleben müssen. Wir versuchen
gerade unserer Tochter zu erklären, dass die Frau es ist, die nein
sagen können muss. Die Frau muss oft die Grenzen setzen. Findest
du das auch? Wie erklärst du es Anna?
Entschuldige, wenn ich dich mit sovielen Fragen überfalle. Es ist wohl
die Müdigkeit, die jetzt langsam kommt und meine Zensur fällt völlig
weg. Das, so haben wir gesagt, lässt den §5 verschwinden.
Bei mir ist es im Moment gerade die Diskussionslust. Ich könnte
wirklich mit dir in einem ungarischen Jazzkeller sitzen, wo du deine
einzige Zigarette in diesem Jahr rauchst, und über Gott und die Welt
diskutieren. Das würde ich fürs Leben gern machen mit dir.
Machen wir ja auch, sozusagen, hier, mit unserer Mauserei. Nicht
wahr?. Ich mag dich, mein liebes Turmfräulein. Du hast etwas
Schönes an dir. Und ich weiss auch, dass dieses Schöne mit der
Entfernung zwischen uns zusammenhängt.
-----
Lieber Mausfreund,
...
Du hattest mich was gefragt über die Sexualität der Männer und so
fragte ich Anna ob sie findet dass Jungen und Mädchen verschieden
sind in dieser Beziehung. Die Antwort kam blitzschnell und ich musste
lachen und verstand genau. Sie sagte: "Die Männer sind wie Lollo und
sie tun mir fast leid dabei". Du weißt wer Lollo ist? Unser kleiner
Wellensittich. Er ist manchmal so liebeskrank dass man glaubt sein
kleiner Körper würde kaputtgehen dabei. Da er nicht an Issi ran kann
führt er oft einen veritablen Liebestanz auf vor dem kleinen
Plastikvogel den er in seinem Käfig hat. Es kommt so in Schüben
(wie bei den Männern? ;-) und dazwischen ist er wieder ein ganz
normaler kleiner Kerl. (Findest du mich schrecklich wenn ich
mich so ausdrücke?).
...

ein Kunstwerk

Der Künstler ist überigens ausgezeichnet. Er kann prima erklären,
was er meint, und er hat Erkenntnisse, die ich oft auch geahnt hatte,
oder die ich aus Büchern angelesen hatte. Aber er hat sie durch seine
eigene Arbeit erworben. Er ist wirklich aussergewöhnlch gut. Ich habe
ihm gesagt, er soll auch Kurse machen für Kinder oder Jugendliche.
Weißt du, so ein kleines Kunstwerk zu modellieren hat etwas mit
dem Leben zu tun. Ich will damit sagen, die Probleme, die bei der
Modellieraufgabe entstehen, sind dieselben, die auch im Leben
auftauchen. Man muss sich analoge Fragen beantworten. Was will
ich, wenn ich alles wollen kann? Was finde ich schön. Was ist mein
Thema? Wie sieht für mich eine ideale Figur aus. Was sind die
interessanten Punkte an der Figur. Wie kann ich an die Grenze
gehen. Wo überhaupt ist die Grenze. Wie kann ich das, was ich
gefunden habe, noch deutlicher machen. Wie lange ist es schön
und wo kippt es ins Hässliche hinüber. Es sind Lebensfragen.
Denn das Leben ist ein Kunstwerk ebenso. Und es gibt neben
den rein biologischen sehr viele ästhetische Fragen zu
beantworten.

Modellierkurs

Liebe Marlena
...
Habe ich dir erzählt, dass ich im Januar in einem Modellierkurs war.
Es waren etwa 10 Sitzungen à 3 Stunden. Jeder konnte modellieren,
was er wollte. Ich fand mich dort in einem Kreis von Hausfrauen
wieder und war effektiv der einzige Mann, neben dem Künstler.
Das mochte ich eigentlich nicht so besonders, aber ich habe mein
Schicksal mit Würde getragen. Das muss ich sagen, angesichts der
Tatsache, dass einige dieser Damen echte Plaudertaschen waren.
Doch es gab auch einige darunter, die schon jahrelang diesen Kurs
besuchen und wirklich künstlerische Ambitionen haben.
Also, ich habe versucht, einen Frauenkopf zu modellieren, eine Büste,
um genau zu sein. Und jedes mal, wenn ich nach einer Woche wieder
an meiner Dame Hand anlegte, veränderte ich sie völlig, dass niemand
sie wiedererkannte. Sie war wirklich sehr unruhig und wandelbar und
unzuverlässig, meine Dame. Aber so nach etwa 4 oder 5 Sitzungen
beruhigte sie sich etwas, sie wurde solider und konstanter. Der
Künstler hatte sie auch einmal in seine fachmännischen Finger
genommen und ihr den Hals wieder ein bisschen dicker gemacht.
Ich wollte eigentlich gerne einen dünnen Hals, so wie derjenige
von Nofretete, die wir über Weihnachten in Berlin gesehen hatten.
Aber mein Künstlerlehrer fand, man könne die Erde nicht überlisten,
sie eigne sich nicht für dünne Hälse. Und so liess ich einen robusten
Hals zu, nicht gerade ein Bauernfrauen-Hals, aber doch ein
Athletinnen-Hals.
Und dann habe ich meiner Figur auch eine respektable Frisur
gemacht, eine Art Knopf (nein, kein Schwänzchen, wie du vielleicht
jetzt gedacht hast, hier doch nicht mehr!).Doch diese Frisur war ein
bisschen schwer, so dass meine hübsche Dame stets den Kopf
langsam zum Himmel gedreht hat. Die Haare haben einfach hinten
durch ihr Gewicht heruntergezogen. Und so schaute ihr Gesicht
schlussendlich zum Himmel. Man könnte sagen, sie sei eine
Regenbeterin, die ohnehin erst anfangen zu beten, wenn sich die
Wolken schon zusammenziehen. Und am letzten Kursvormittag
hatte ich noch die Idee, ihr noch hände vorna an die Brust zu heften.
Ich hatte dafür gute ästhetische Gründe. Und zugleich gaben die
Händeflächen eine gute Antwort auf die Gesichtsfläche. Jetzt
sieht sie wirklich aus wie eine Regenbeterin. Ich sag es dir, liebe
Marlena. Wenn wir hier einen nassen Sommer haben werden,
dann weiss ich weshalb.
Ich habe meine Figur noch im Atelier des Künstlers gelassen.
Ich werde sie gelegentlich holen. Sie kann dort noch trocknen.

Samstag, 6. Februar 2010

Ganz bei dir..


Lieber ...,
Endlich ist es so weit dass ich dir in Ruhe schreiben kann. Nun ja, Ruhe ist wohl etwas viel gesagt denn ich habe viel zu erledigen und muss mir die letzten freien Stunden gut einteilen damit sie reichen. Aber du gehörst doch zu den wichtigsten Dingen im Leben und so beginne ich den Tag mit dir.

Zum ersten mal seit Juni bin ich wieder allein zu Hause. D.h. ganz allein noch nicht denn oben im Bett schläft Anna ihren Bärenschlaf und ich lasse sie ausschlafen. Durchs Fenster sehe ich einen ganz blauen Himmel und im Kirschbaum versucht eine Elster die letzten Kirschen zu stehlen. Wir haben den wärmsten Sommer seit eh und jeh. Man sagt es ist so in ganz Europa. Kann das stimmen?

Auch oben in Norrland, im "hohen" Norden hatten wir wunderschönes warmes Wetter während es laut Nachbarn hier zu Hause fast jeden Tag geregnet hat. Du willst dass ich dir von dort erzähle.. aber wenn ich zurückdenke finde ich eigentlich nichts besonderes was ich dir von den drei Wochen dort oben berichten könnte. Wie immer habe ich mit den Augen genossen. Die Natur an dem Fluss ist so einmalig schön, wie im Paradies.. aber wer sehnt sich schon nach dem Paradies?? Ein bisschen komisch ist es dass man sich nach zwei Tagen schon so zu Hause fühlt als hätte man die Stelle nie verlassen. ... Und anfangs war es so heiss dass wir geschwitzt haben wo doch normal die Luft dort oben auch bei strahlender Sonne ziemlich frisch ist.
Wir hatten wieder ein paar Gäste. Die üblichen, d.h. Jugendfreunde von K die dann später auch in Uppsala studiert haben. Auch sie wohnen weiter südlich und sind s.g. "hemvändare" (Heimkehrer?) So trifft man sich jeden Sommer und erzählt sich wie das Jahr verlaufen ist. Übrigens erzählte man dass in unserer Nähe dort oben ein Mann im Frühjahr spurlos verschwunden sei. Man hat sein Auto gefunden aber von ihm selbst keine Spur. Und als man mit Helikoptern in den nahen Wäldern nach ihm suchte entdeckte man an die 20 Bären. Wir leben also ein bisschen gefährlich wenn wir uns auf das Multbeermohr wagen.

Salue


den 17 augusti 2004 17:53
Liebe Malou
ach, welch liebes langes Mail Du schreibst. Kann mich kaum an einen solch langen Brief von Dir erinnern. Ich danke Dir dafür. Es ist ein echter Aufsteller, ein tiramisû, würden die Italiener sagen. Ja, die Bilder vom Norden haben mir gefallen, mehr noch als letztes oder vorige Jahre. Vielleicht sind Deine Fotos, digital jetzt, noch lebensnäher geworden? Aber dieser Wald, das Wasser, das grobe Gras, man fühlt die Natur ringsum, nicht wahr? Und dazu die Fische mit dem kleinen Schneidebrettchen. Ich habe in Spanien auch ein paar Aufnahmen gemacht im Fischmarkt. Die Fische sind immer schön und faszinierend anzusehen, wie sich das Licht auf vielfältige Art spiegelt. Es gibt soviele Stilleben mit Fischen. Und dann habe ich K gesehen, wenn ich mich nicht irre. Er ist der linke von beiden, die man frontal sieht, nicht wahr?
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Na ja, mit unserer Rom-Diskussion können wir bald eine CD-ROM füllen, nicht wahr? Vielleicht hast Du recht, dass alles ein bisschen zu kompliziert werden könnte. Und dass Du nicht allein reisen kannst, kann ich einer Frau des 21. Jahrhunderts ganz und gar nicht glauben. Aber lassen wir diese Geschichte, sonst benötigen wir eine zweite CD. Ich bin aber definitiv allein in Rom. Die Kollegin, wo ich wohne, kenne ich sehr vage. Ich musste mich ziemlich überwinden, sie anzufragen. Und ich hatte sie auch nicht gefragt, ob ich bei Ihr wohnen könnte, sondern vielmehr, ob sie mir ein Zimmer irgendwo organisieren könnte. Die andere ist ... so geschwätzig, dass man sie kaum länger als eine halbe Stunde erträgt. Na ja, wenn man allein ist in einer Stadt, ist man offener für Neues. Ich versuche, daraus das beste zu machen. In letzter Zeit bin ich mit meiner Lektüre über Rom nicht viel weiter gekommen.
...
Und nun zur nächsten CD-ROM, ...

Im hohen Norden


Lieber ...
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Ja, im Norden war es wunderbar wie immer. Aber auch dort war
schon der ganze Juni ein heisser trockener Monat gewesen. So war
der Flieder längst verblüht und der Rasen ganz braun. Wir haben
uns wie immer sofort mit Lust an die Arbeit gemacht um alles wieder
schön zu kriegen. Gras mähen, Blumen pflanzen u.s.w. Und da wir
bald Gäste empfangen sollten habe ich ein paar Gardinen mit neuen
ersetzt. Ich wollte sie gern behalten, denn K's Mutter hatte sie gewebt
und sie waren wunderschön. Doch mit der Zeit waren sie so spröde
geworden und haben mich an Napoleons Fahnen erinnert, die ich mal
im Pantheon in Paris gesehen habe. Hauchdünne Dinger, die falls
man sie angefasst hätte zu Staub geworden wären. Es war nicht allzu
leicht etwas ähnliches zu finden. Ich möchte nämlich den Charakter
des alten Hauses bewaren.. ein kleines Museum fast.