Dienstag, 2. Februar 2010

"literarisches Kolloquium"

Lass mich dir auch ein Rilkegedicht zitieren, das mir sehr gefällt, weil ich dabei immer an meine beiden Töchter denken muss.
Es geht so:

Die Schwestern
Sieh, wie sie dieselben Möglichkeiten
Anders an sich tragen und verstehen,
so als sähe man verschiedne Zeiten
durch zwei gleiche Zimmer geh n.

Jede meint, die andere zu stützen,
während sie doch müde an ihr ruht;
und sie können nicht einander nützen,
denn sie legen Blut auf Blut,
wenn sie sich wie früher sanft berühren
und versuchen, die Allee entlang
sich geführt zu fühlen und zu führen:
Ach, sie haben nicht denselben Gang.

Dazu muss ich sagen: Das letzte Wort des ersten Abschnitts schreibe
ich geh n, weil mein Schreibprogramm das Wort stets korrigiert und "gehen" daraus machen will. Diese Computerprogramme sind echt stur und naiv, muss ich schon sagen! Offensichtlich haben sie nie was von Poesie gehört!!!
"die Allee entlang sich geführt zu fühlen und zu führen", dieses feminine üüüüü finde ich so zart schwebend und fein, dass es mich rührt, zusammen mit diesem bei Rilke häufigen Bild der Allee, des Weges an sich. Und dann diesen Schlusssatz, der alles wieder öffnet. Wenn man schon meint, man hätte die Wahrnehmung der Geschwisterlichkeit erfasst, so ist doch plötzlich alles wieder offen und überraschend und das Leben bricht herein. Auch schön und festgefügt die Symmetrie der ersten und der letzten Zeile: Sieh, wie sie, .........Ach, sie haben .... Ich bin ja nun kein Literat und kann nicht erklären, was denn daran so genial ist. Es berührt mich einfach, und manchmal werde ich wirklich neidisch, wenn ich höre, wie er das sagen kann. Obwohl ich bei Rilke nicht wirklich höchst neidisch werde. Er ist dann doch etwas feminin. Aber beispielsweise bei John Updike er muss Holland stämmig sein, wie ich annehme, und litt früher sehr an Neurodermitis, wie ich in einem Interview gelesen habe) oder in jüngeren Jahren gelegentlich bei Günter Grass (unser neuer deutscher Nobelpreisträger) konnte mich der blanke Neid überfallen, weil ich einen Gedanken, eine Beobachtung mitsamt ihrer Formulierung einfach genial und einmalig und unwiederholbar fand. Updike ist ja nun wirklich ein begnadeter Erzähler mit einem Charme und einer Eloquenz, die man nur beneiden kann. Grass ist dagegen etwas gröber und eckiger, ...

Damit muss ich nun unser literarisches Kolloquium definitiv beenden. Es ist schon spät, aber nicht abends, wie bei dir meist, sondern morgens, und die Arbeit wartet ungeduldig auf mich.
Ich wünsche Dir alles Schöne, meine liebe Marlena
Gruss ...

PS Du hast es auch mitbekommen, dass wir eine wahre Marlene-Renaissance haben, mit der Verfilmung der Dietrich. Ist ein schöner Name "Marlena" (obwohl ich hier auf dem Laptop im Tempo und auf Anhieb immer Malrena schreibe), bei uns in der Schweiz praktisch nicht zu finden. In Deutschland wohl eher?

Rilkes Spezialität..

Liebe Marlena
Rilkes Liebesgedicht aus Capri kenne ich, wenn vielleicht auch nicht
so eingehend. Weißt du, was mir bei Rilke schon in meinen jungen
Jahren stets gefallen hat, das ist dieses Enjambment. Ich glaube so
nennt man das, diese poetische Gewohnheit Rilkes, den Hiatus in die
Mitte der Zeile zu setzen, so dass dann die Sprache über den Reim
hinwegfliesst. Das war Rilkes Spezialität. Für mein Gefühl erreicht er
damit diese geschmeidige Kombination von Reim und Sprachfluss.
Wenn der Reim und der Hiatus (nennt man das so, dieser kleine
Unterbruch in der Zeile, dieses kurze Innehalten um Luft zu holen
oder so??) zusammenfallen, dann gibt es so einen mechanischen
und monotonen Rhythmus, wie bei Liliencron. Ich vermute, die so
schwebende Sprachmelodie bei Rilke kommt daher. Lass mich dir
auch ein Rilkegedicht zitieren, das mir sehr gefällt, weil ich dabei ...
(fortsetzung folgt)

der Arbeit verfallen

Liebe Marlena
...
Du hast vielleicht recht, ich mache mich verdächtig, wenn ich zu sehr
als "der Arbeit verfallen" erscheine. Doch alle haben sich schon daran
gewöhnt. ICH BIN WIRKLICH DER ARBEIT VERFALLEN. Ich kann
jederzeit ins Büro, ohne auch nur in Verdacht (welchen eigentlich) zu
geraten. Ich habe IMMER etwas zu tun. Sogar ich selbst schöpfe nicht
mehr Verdacht! Mein Problem ist eher, dass der PC zuhause sehr
schwerfällig arbeitet. Ich habe den Eindruck, dass er sich weigert,
längere Mails zu schlucken. Es ist immer umständlich, bis die Dinger
weg sind. Und ich glaube schlicht und einfach, dass er eigentlich
Mails von zwei oder drei Zeilen vorziehen würde. Aber da gerät er
bei mir an den falschen!!
*
Und über Deinen Vorschlag, OFFENER zu mailen, habe ich
fröhlich gelacht, zumindest echt geschmunzelt. Ja, die Idee ist
perfekt. Ich kann mir zwar noch nicht genau vorstellen, was da
alles zum Vorschein kommen könnte. Aber sofort, das machen
wir, ich bin einverstanden! Es ist ein schönes Abenteuer, ein gutes
Projekt für 2002, für dieses Jahr, von dem ich meine, es sehe aus
wie eine Badewanne.
*

Montag, 1. Februar 2010

Schriftsteller

Wir Schweizer hatten in der letzten Generation drei grosse
Schriftsteller: Max Frisch, der Psychologe; Friedrich Dürrenmatt,
der Metaphysiker; Peter Bichsel, der Alltagspragmatiker. So würde
ich die drei charakterisieren. Bichsel ist der jüngste der dreien und
lebt noch. Dürrenmatt finde ich den bedeutendsten, er ist voller
komödiantischer Spitzbüberei. Manchmal sind mir seine Theater
wie Cabaret-Szenen vorgekommen. Als ich noch ins Gymnasium
ging, hat man „Romulus der Grosse" als Studententheater aufgeführt.
Ich war damals im Schülerchor, der vor der Aufführung zu singen
hatte. Und so habe ich dieses Theater von Dürrenmatt etwa 5 oder 6
mal gesehen. Dürrenmatt hat in allen seinen Themen versucht, den
worst-case durchzuspielen. Er war eine richtige Spielernatur, ein
Gambler im Spiel des Lebens. Kürzlich hat man in einem Haus in
Bern, im Dachzimmer, Malereien von ihm gefunden, die er dort
als Student gemalt hatte. Der junge Friedrich hat all die Tapeten
vollgemalt bis hinein die Dachschräge. Diese Malerei ist vielleicht
nicht hohe Kunst, aber sie ist doch recht ausdrucksstark und
dekorativ.
Ja, unser guter Dürrenmatt. Er hat auch später noch gemalt und
manchmal eindrückliche Werke zustande gebracht. Er hat von sich
gesagt „ich male wie ein Kind, aber ich denke dabei nicht wie ein Kind".
Und das traf den Nagel auf den Kopf. Wir vermissen ihn etwas,
unserenDürrenmatt, und Max Frisch auch.

Onkelchen

Liebe Marlena
....
Aber diesen Coq au vin hat Onkelchen genossen. Dazu hat er einen
Johannisberg spendiert, den ihm mein Bruder vor einigen Wochen
gebracht hatte. Der Wein offenbarte einen leichten Nussgeschmack
und passte, obwohl weiss, sehr gut zum Essen.
Meist taut Onkelchen in der zweiten Hälfte des Essens etwas auf.
Und ich denke, es ist vor allem der Wein, der hier mitspielt. Man
muss sich vorstellen, dass Onkelchen den ganzen Tag allein in
seinem schönen Haus lebt, Zeitung liest, mit uralten Tanten
überlaut am Telefon konferiert und sich zur Malzeit einfache
Sachen wie Wurst, Kartoffeln oder Spinat aufwärmt. Wenn wir
dann abends um 18h ungefähr eintreffen, ist sein Mundwerk so
gut wie eingetostet. Meist muss er erst mal seinen Hörapparat
installieren. Er merkt es in der Regel erst nach 10 oder 15 Minuten,
dass er uns absolut nicht hört. Dann holt er dieses merkwürdige Ding,
schraubt vieldeutig daran herum und drückt es ins linke Ohr. Wenn
man dann mit ihm spricht, hört er noch immer schlecht. Ich muss
laut reden, um nicht zu sagen schreien. Und ich wiederhole mich
meist. Der erste Satz ist sozusagen die Klingel. Damit fängt Onkelchen
an seine Ohren zu aktivieren und seinen Geist nach aussen zu richten.
Und den zweiten Satz versteht er dann, einigermassen. Aber die
zweite Hälfte der Mahlzeit, wenn der Wein seine wunderbaren
Wirkungen - nicht nur bei ihm, sondern auch bei mir - zu verbreiten
pflegt, die zweite Hälfte ist meist eine hübsche Unterhaltung über
irgendwelche Dinge. Beim feinen Coq au vin haben wir uns darüber
unterhalten, weshalb er eigentlich in seinem langen Berufsleben
niemals Mädchen, sondern immer nur Burschen als Lehrlinge
gehabt habe. Seine Antwort war kurz und bündig: Elisabeth (also
Tantchen, seine Frau) wollte nicht. Ich habe ihn ein wenig aufgezogen
und wir haben zusammen gelacht. Und er hat zugegeben, dass er,
wenn er als Experte die Prüfung abgenommen hatte, sehr oft mit
weiblichen Lehrlingen zu tun hatte. Er stellte fest, dass sie in den
Prüfungen meist besser abgeschnitten haben als Burschen. Aber
dennoch, Elisabeth meinte absolut Njet. Ich glaube, sein Tantchen
hat oft sein Leben bestimmt und auch im Geschäft das
Generalmanagement inne gehabt.
Und er hat sich oft geärgert im Leben. Das hört man noch heute
gelegentlich heraus. Aber er hat sie auch respektiert. Und, wie er
sagt, heute kann er mit ihr ruhiger diskutieren als in jenen Zeiten,
als sie noch gelebt hat.
*

Kästner

Liebe Marlena
Ach, das war eine Geschichte von Erich Kästner! An ihn hätte ich jetzt
wirklich nicht gedacht. Kästner war nun ja in der Tat einer, der viele
heimliche und unheimliche Geliebten hatte.
...
Erich Kästner, den ich im Übrigen sehr schätze, hatte nun bestimmt
seine Probleme mit den Frauen. Es ist bekannt - und sicherlich weißt
du das auch Marlena - dass er einen echten Mutterkomplex hatte.
Man kann das ja in seinen Kinderbüchern nachlesen, wie der
Mustersohn sich um seine tüchtige und sich aufopfernde Mutter
bemüht. Kästners Mutter, das muss seine unheimliche Geliebte
gewesen sein. Noch in fortgeschrittenem Alter hat er ihr täglich
geschrieben, täglich, meine Liebe, und hat ihr seine schmutzige
Wäsche geschickt und über all seine Liebschaften offenherzig erzählt.
Er konnte wunderhübsche, charmante Briefe schreiben, unser Erich
Kästner. Und so hat er sein Leben lang nicht geheiratet. Ich habe mal
ein Büchlein rezensiert, in welchem seine Freundin Kästners Briefe an
sie und ihren Sohn aus dem Tessin veröffentlicht hat. Kästner hatte
Alkoholprobleme und war im Tessin zur Kur. Allerdings hat er sich
dort regelmässig den Whisky im Teeglas servieren lassen.
Diese Briefe, so kann ich mich erinnern, waren sympathisch und
lebendig, wie man sich Kästner nun mal vorstellt. Aber eines hat
mich gestört. Er hat seiner Freundin und Mutter seines Sohnes
immer wieder Geld geschickt in kleinsten Portionen und hat immer
wieder von diesem Geld gesprochen. Das fand ich echt kleinbürgerlich
und irgendwie knauserig. Er war doch damals kein armer Mann mehr!
Aber sonst ist er schon ok, unser Kästner, ein grosser Humanist und
ein guter Pädagoge.
Es gibt eine eindrückliche Stelle in seinem biographischen Buch
"Als ich ein kleiner Junge war", wo er beschreibt, wie für ihn das
Weihnachtsfest stets eine Marter war. Die Mutter hatte Geschenke für
ihn und der Vater hatte Geschenke für ihn. Und er als sensibles Kind
hatte den Hochseilakt zu bestehen, seine Dankbarkeit und seine
Aufmerksamkeit auf beide Elternteile gleichmässig zu verteile, um
nicht den einen vor dem anderen zu vernachlässigen. Er muss das
gewesen sein, was man in der Familientherapie ein drianguliertes
Kind nennt, also ein Kind im Dreieck mit seinen Eltern, parentifiziert
und schwer mit Erwachsenenproblemen belastet. Es gibt ja heute
noch die Hypothese, dass er vielleicht ein unehelicher Sohn, das Kind
mit dem Hausarzt der Familie, gewesen sein könnte, dass also sein
Vater, ein einfacher Handwerker, nicht wirklich sein Vater gewesen
wäre. Aber, das wollen wir diesem guten Erich Kästner lassen, er hat
das beste daraus gemacht. Seine Jugendbücher sind heute noch
wundervoll zu lesen. Kürzlich gab es eine Fernsehsendung, in der
einige ehemalige Geliebte Kästners zu Wort kamen. Sie sind heute
alle Damen in hohem Alter und sehen nicht mehr allzu blühend aus.
Aber alle haben über ihn mit viel Respekt und Begeisterung
gesprochen, keine schien mir irgendwie enttäuscht oder beleidigt
gewesen zu sein. Er muss sie wirklich verwöhnt haben und muss
ein charmanter Liebhaber gewesen sein. Er wäre darin wirklich ein
gutes Vorbild für mich.
Dass sich also Kästner in seiner Geschichte als Künstler mit einer
deutlich jüngeren Frau beschäftigt, ist durch sein Leben gut
motiviert. Ich denke, die Frauen waren ihm insgesamt etwas
unheimlich und überwältigend. Und so ein junges hübsches
Fräulein war leichter zu "apprivoiser", zu einem Teil seiner selbst
zu machen. Er gibt seinem schweigsamen Fräulein zum Schluss
der Geschichte unendlich viel Macht. Je weniger sie sagt, desto
mehr ist er ihr ausgeliefert und mit ihr verstrickt.
...
Und die Moral der Geschichte? Soll ich mich hüten, mich in Zukunft
zu sehr in Texten, Gedanken und Erzählungen zu verausgaben?
Vielleicht muss ich mich mehr zurückhalten, mich mehr auf die
Zeichnung konzentrieren, und die grossen Worte beiseite lassen.
Doch irgend einmal wird die Zeichnung zu Ende sein. Und dann
werden wir sie über dem Sofa aufhängen. Über welchem Sofa, das
wird dann die grosse Frage sein!

Weißt du, warum ich Zeichnen und Malen sosehr mag? Weil man
dabei einen sogenannten "Flow" erleben kann. Ich vergesse die
Zeit, ich kann so vertieft sein in das, was ich tue, dass ich in einen
paradiesischen Zustand gerate. Es ist wie eine Ekstase, ein Art von Somnambulismus, oder wie kann man das nennen? Das gelingt
natürlich nicht jedesmal.
Manchmal bin ich auch sehr unzufrieden und verärgert, wenn mir
das Werk nicht gelingen will. Das geschieht vielleicht noch häufiger
als dieser Flow. Doch letzeres ist eine Art Jungbrunnen. Du fühlst
dich nachher so, wie du dich nach der Sauna fühlst, oder nach einem
Autogenen Training oder einer Akupunktursitzung. Du fühlst die
ganze Leichtigkeit des Seins.
*
(17 mars 2000
)

Sonntag, 31. Januar 2010

Kästner und Rinser

Lieber ...
Ich war eigentlich etwas erstaunt als ich sah dass Erich Kästner die Geschichte von dem schweigsamen Fräulein geschrieben hatte. (Sie steht in einer kleinen schon veralterten Anthologie, zusammengestellt für das Gymnasium). Eine andere kleine Geschichte aus demselben Buch ist "Ein alter Mann stirbt" von Luise Rinser. Sie ist traurig und schön und zeigt wie kompliziert das Verhältnis zwischen Eheleuten sein kann. Sie endet mit den Worten:
"Altersschwäche", schrieb der Arzt auf den Totenschein. Ich aber begriff, woran sie gestorben war, und mich schauderte davor, zu sehen, was für unheimliche Formen die Liebe annehmen kann."
Damit wäre ich wieder ganz unwillkürlich bei meinem Lieblingsthema gelandet ;-)
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Heute werde ich einen stillen Abend im Kreis der Familie verbringen. Das wäre fast unmöglich gewesen bei meinen Eltern... Immer war etwas los und das Haus voller Gäste wenn wir nicht selbst wo eingeladen waren. Mein Onkel liebte es Menschen um sich zu haben, je origineller desto besser. Schauspieler, Sänger, Künstler und Weltenbummler ohne eigentlichen Beruf mengten sich zu unseren nahen Freunden. Es wurde gelacht, getanzt und gesungen bis in die späte Nacht. Ich hatte an solchen Abenden oft eine Kusine in meinem alter zu Besuch und wir schlichen leise die Treppe hinunter um einen flüchtigen Blick (?) von diesem heimlichen Leben der Erwachsenen zu bekommen.