Sonntag, 26. Mai 2024

Re: Unkraut


Liebe Malou
Die deutsche Sprache reicht nicht aus, um unser Wetter zu beschreiben. Dazu würde man eine Menge Kraftausdrücke benötigen und sie in die Luft hinaus donnern. Es ist wirklich saukalt und unfreundlich. Ich habe - habe ich das nicht schon mal geschildert, um dich zu Tränen zu rühren? - ich habe unsere Tomaten wieder zurück unter die Plastikdecke geschickt. Das will heissen: vor ein paar Tagen hatte ich den Plastik entfernt und pro Pflanze einen Stock eingesteckt. Das sind so gewundene Metallstöcke, die der Pflanze Halt geben, ohne dass man sie binden muss. Aber dann vor 2 Tagen, als ich die Wetterprognosen für Pfingsten gehört hatte, habe ich alles wieder abgebaut und zugedeckt. Das ist ein Rückzug um knappe zwei Monate. Ist das nicht wahnsinnig.
Aber ich muss gestehen, gleich heute Morgen, bei Wind und Wetter, ist mir eine Erinnerung aus meiner Jugend zurückgekehrt. Und wenn ich es mir genau überlege, hängt das mit dem Wetter zusammen. Damals, in der Zeit der Sekundarschule, hatten wir jeweils an Pfingsten ein Pfadfinderwochenende. Man zog aus mit Zelt und Kochgeschirr und hat das längere Wochenende von Pfingsten in Gottes freier Natur verbracht. So haben wir verschiedene Gegenden des Wallis kennengelernt. Ich erinnere mich an den Pfinwald, diesen altertümlichen südlichen Wald, der die Sprachgrenze bildet, und der in alter Zeit ein fast unüberwindliches Hindernis voller Räuber und Weglagerer gewesen war. Als wir dort in den Zelten lebten, war feines Wetter. Und sonntags waren die Gebüsche voller Liebespärchen, die sich auf ihren Wolldecken am Boden gütlich taten. Das Wallis war damals - ist es wohl noch heute - sehr konservativ. Und die jungen Leute durften nicht einfach so 'karisieren', wie sie es nannten. Also zogen sie sich in den Pfinwald zurück.
An einem Pfingstwochenende, eben an jenem, das mir jetzt wieder in Erinnerung ist, da fuhren wir hinauf in die Derborence. Derborence heisst ein Roman von Ramuz, dem bekannten Westschweizer Schriftsteller. Und das Gebiet ist bekannt wegen seines kleinen Sees, wegen des Bergsturzes, der sich vor längerer Zeit dort einmal ereignet hatte, und wegen der Tatsache, dass das ganze Gebiet heute unter Naturschutz liegt. Wir waren also um die 20 junge Leute dort oben. Und mindestens während eines Tages hat es geregnet und war kalt, dass wir uns entschlossen, in die Berghütte zu gehen, um uns ein bisschen aufzuwärmen und auszutrocknen. Wir stiegen also in dieses Haus hinauf. Dort war ein alter Mann mit einem Mädchen, die uns freundlich empfingen. Vielleicht war es wirklich diese Kälte, die dafür verantwortlich war, dass ich mich augenblicklich in diese charmante junge Frau verliebte. Ich weiss nicht mehr wie sie ausgesehen hat. Ich weiss nicht mehr, wie wir mit ihr und ob überhaupt gesprochen haben. Ich weiss bloss noch, dass mich die Situation an die Szenen aus dem Jugendroman 'Heidi' erinnerten. Und ich weiss noch, dass sie mir das ganze Wochenende nicht mehr aus dem Kopf gingen. Und es war kalt und unfreundlich, und die Wolken hingen tief den Berggipfeln entlang, so dass man den Eindruck hatte, man lebte unter einem Pfannendeckel.
Es gibt eine hübsche Kurzgeschichte von Heinrich Böll mit dem Titel 'Die ungezählte Geliebte'. Darin hat ein junger Mann im Nachkriegsdeutschland die Aufgabe, die Fussgänger zu zählen, die eine Brücke benutzen. Er tut das geflissentlich und genau, doch er erlaubt sich die Freiheit, jedesmal, wenn seine geheime Liebe passiert, sie nicht mitzutählen.

Ach, weshalb ist mir im Moment so sehr nach Liebesgeschichten? Ist es bloss die Kälte? Soll ich dir noch mehr von meinen geheimen Geliebten erzählen? Nein, das ist doch ein Tabu-Thema. Hast du schon begonnen mit Donna Leon? Ich habe keine Ahnung, wie ihre Bücher sind. Ich habe nur 3 oder 4 Filme gesehen. Die fand ich jedenfalls sehr schön. Und die Geschichten waren gut gebaut. Donna Leon ist wohl nicht ihr bürgerlicher Name. Sie hat ein abwechslungsreiches Leben gehabt und hat, wie ich irgendwo gelesen habe, auch mal eine zeitlang in Persien gelebt. Aber sie ist bestimmt nicht gerade ein umgänglicher Mensch, sie hat etwas Eulenhaftes.

Von Oriana Fellaci habe ich erzählt. Das Büchlein, das sie nach dem 11. September geschrieben hat, ist mehr als merkwürdig. Offenbar war sie früher eine bekannte Kriegsberichterstatterin und, wie ich aus dem kleinen Bild hinten im Buch entnehme, eine hübsche Frau mit Ausstrahlung. Natürlich wirkt eine Frau vor dem Hintergrund hässlicher und brutaler Kriegsgeschehen noch schöner und begehrendswerter. Und bestimmt hat sie sich diese Umstände zunutze gemacht. Aber sie ist sehr geschwätzig. Sie plaudert wild dahin, bedauert alles mögliche inklusive sich selbst. Offenbar versteht sie ihr Leben in den USA als ein Exil, das sie zusammen mit ihrem Vater aus politischen Gründen gesucht hatte. Sie lobt die USA über alle Massen und ermahnt Europa, sich an ihnen ein Beispiel zu nehmen. Nein, ich kann das nicht wirklich ernst nehmen, obwohl die gute Frau irgend einen Ehrendoktor eines amerikanischen Colleges hat. Sie argumentiert kreuz und quer mit einem Pathos, wie dies vielleicht nur die Italiener wirklich können. Aber man hat doch sehr den Eindruck, sie wolle sich bloss in ihrem fortgeschrittenen Alter nochmals in Szene setzen und ihre Bekanntheit etwas aufpolieren. Aber vielleicht ist sie ja auch wirklich noch bekannt in den USA. Und vielleicht mag man diese Art von Ideenmix in den Staaten. Die Amis sind ja merkwürdig in ihrem Geschmack.

Gestern abend bin ich in einen Fernsehfilm geraten, der in Schweden spielte. Ich bin dann ein bisschen geblieben einzig und allein, um mir die Landschaft, die Architektur und die Atmosphäre anzuschauen. Das schönste an Schweden, da sage ich bestimmt nichts Neues, sind die blonden Frauen. Mindestens in Filmen sind sie gross und hübsch. Doch vielleicht waren es bloss deutsche Schauspelerinnen, was ich eigentlich vermutete. Und das zweitbeste ist der grosse Himmel. Der ist wirklich anders als bei uns in der Schweiz, wo uns die Berge immer wieder die Sicht verdecken. Der grosse Himmel, der sich in riesigen Wasserflächen spiegelt. Das schafft zusammen grossartige Landschaftsbilder. Und dann kommen die einfachen roten Holzhäuser in der Landschaft. Sie sind wohl eine Art Datschas, also Ferien- und Wochenendhäuser der Schweden? All das hat mich an kanadische Bilder erinnert. Fühlt ihr euch nicht mit den Kanadiern seelenverwandt? Das Klima muss doch eigentlich ganz ähnlich sein. Auf die Geschichte hatte ich nicht besonders geachtet. Es war irgend eine dramatische Sache zwischen zwei Schwestern, die einie will sich scheiden und die andere ist gerade daran, sich in diesen Ex der Schwester zu verlieben, obwohl sie doch selbst kurz vor der Hochzeit steht. Du siehst, heillose Komplikationen, wie sie sie nur in der Literatur und bei Rosamunde Pilcher gibt. Ich glaube, die Autorin war aber eine Schwedin, eben auch so eine Herz-Schmerz-Spezialistin.

Ich muss ...

MLDG

...

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