ups uppsala
Liebe Marlena
"Uppsala zum zweiten" ist ein höchst interessanter Brief und ich habe bloss bedauert, dass er so unvermittelt endete. Das klingt ja alles wie aus einem Familienroman des 19. Jahrhunderts, meine Liebe. Diese geheimnisvollen Begegnungen, diese schicksalshaften Wendungen. Diese Art von Lieben, die alles in den Himmel heben oder offenbar die halbe Existenz zerstören können. Es macht alles den Eindruck des Bedeutungsschweren. Natürlich ist es auch Deine Erzählweise, die diesen Eindruck hinterlässt. Und man denkt, solche Erlebnisse sollte man nicht in kurzen Briefen oder leichtlebigen Essays darstellen, sondern es müssten - wie gesagt - dicke Wälzer von Romanen sein. Na ja, meine Liebe, das ist vielleicht ein wenig ironisch gesagt, denn ich selbst liebe es, wenn Du so schreibst, und ich bedaure immer das rasche Ende des Briefes. Ist es denn nicht auch für Dich ein interessantes Erlebnis, diesen Erinnerungen nachzugehen? Noch einmal in sie hineinzugehen, ist doch irgendwie, sie nochmals zu leben, nicht erleben, nicht ganz passiv, sondern aktiv zu leben und sie in der Tiefe auszukosten, oder vielleicht auch auszuleiden. Ist das nicht Proust in Aktion? Ach nein, Proust ist es wohl nicht, denn er ästhetisiert die Erfahrung total. (...)
Ich kann mich gut an die Anfangsjahre meines Studiums in Zürich erinnern. Zürich war ja 4 Stunden damals mit der Eisenbahn vom Wallis entfernt. Und ich wollte nicht jedes Wochenende heim, um etwas sparsam zu sein. Und all meine Kollegen studierten als gute Katholiken in Freiburg, und bloss einige Fortschrittliche vielleicht noch in Bern. Aber wirklich nur die Verwegensten. Ich sass also ziemlich allein hier in Zürich fest. Und ich erinnere mich, wie ich dort anfangs einsam war in meinen Studentenzimmerchen. Ich hatte so einen Tauchsieder, um mir ein Teelein zu kochen. Und sonst war das Zimmer so unpersönlich und fremd in diesem Studentenhaus des Rotary Club. Anfangs teilte ich ein Doppelzimmer mit einem Auslandschweizer aus Spanien. Aber der (ich erinnere mich nicht einmal mehr seines Namens), er war nie zuhause und viel älter als ich. Ich glaube, er studierte Physik und kam aus Madrid. Und er schaute aus wie ein Spanier, nur ohne den spanischen Charme. So fristete ich dort anfangs ein eher unglückliches Leben und fühlte mich fremd in dieser grossen Stadt. Und unter diesen Architekturstudenten war ich auch nicht echt zuhause, weshalb ich ja auch regelmässig in die Universität hinüber ging, um Vorlesungen zu hören. Ich pendelte sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Damals habe ich all jene Studenten aufs Tiefste benieden, die zuhause leben konnten. Es gab viele, die wohnten vielleicht nicht direkt in Zürich, aber doch in der Region und abends eilten sie zum Hauptbahnhof. Und zuhause wartete ein gedeckter Tisch auf sie und eine Familie, und die alten Bekannten der Gymnasialzeit. Gar nicht zu reden von den öden Sonntagen, die ich anfangs in Zürich verlebte! Damals ging ich noch in die Mensa der ETH essen. Dort traf ich ein paar Kollegen, die ich kannte. Meist waren sie viel älter, als ich es war. Und sie diskutierten über Dinge, die mich nicht interessierten. Es war nicht das, was ich mir von einem echten Sonntag wünschte. Ich glaube, dieses soziale Leben anfangs meiner Zeit in Zürich hat mir meinen Studienanfang sehr erschwert. Und ich habe immer gedacht, es wäre ein Glück, dass meine Töchter, wenn sie denn studieren würden, weiter zuhause leben könnten. Vielleicht die ersten paar Semester, bis sie sich etwas in die neue Lebensart eingewöhnt hätten. Später, da bin ich mir sicher, ist es wichtig, dass man auch mal ein richtiges Studentenleben führen soll und einen eigenen Haushalt führt, oder doch so in einer Wohngemeinschaft lebt. Das ist etwas sehr Schönes, wenn man sich voller Leidenschaften dem Leben und der Liebe - will sagen den Studien - hingeben kann, ohne auf die eigene Familie Rücksicht nehmen zu müssen.
*
Ich hatte heute mein
persönliches Gespräch mit meinem Chef. Er ist etwas dicker geworden,
seit ich ihn letztmals so nah gesehen habe. Er ist ein wacher Geist und
es ist interessant, mit ihm zu diskutieren. Doch er denkt natürlich viel
weniger psychologisch als ich. Er denkt echt politisch. Und wenn etwas
gut ist, hat er es gemacht, und wenn es schlecht ist, haben es seine
Mitarbeiter gemacht. So ist er, wie alle Politiker. Wir sind nur dazu
da, ihnen die Lorbeeren zu liefern. Doch was soll es? Die Politiker
kommen und gehen. Und wir bleiben und überleben sie und machen die
Politik. So ungefähr könnte man sagen, wenn es auch nicht allzu sehr
stimmt.
Im Mai bin ich 20 Jahre an dieser Stelle. Das ist eine
Ewigkeit. Und ich denke, dass es in der Wirtschaft unmöglich wäre, so
lange auf ein und demselben Stuhl zu sitzen. Es ist auch nicht gut.
Manchmal merke ich, wie ich bequem geworden bin. Manchmal finde ich
alles ziemlich langweilig. Manchmal ärgert man sich über all die dummen
Neuerungen, die bloss mehr Papierkrieg und sonst gar nicht viel bringen.
Aber immerhin.
Ich war damals der jüngste. Und jetzt bin ich
ungefähr der dritt- oder viert-älteste. Einer wird im Mai in Pension
gehen. Der nächste folgt bald. Und dann komme schon bald ich. Allerdings
dauert es bei mir etwas länger.
*
Ich habe eine Kusine, die in der
Chemie arbeitet. Sie ist etwa 2 Jahre älter als ich. Und seit ein paar
Monaten ist sie in Pension mit voller Rente. Wenn Du dir das Paradies
vorstellen willst, so musst Du Dir so etwas Ähnliches ausdenken. Sie
reist in der Welt herum, geht gut essen, nimmt Kilo um Kilo zu und
pflegt ihr fröhliches Gemüt. Ja, sie hat wirklich das grosse Los
erwischt. Vielleicht bedauert sie es in ein paar Jahren, doch heute
geniest sie es in vollen Zügen. Immer wieder bekommen wir Postkarten von
ihr aus irgend welchen exotischen Ferienregionen. Man kann wirklich nur
neidisch werden.
*
Ist es nicht schlimm, wenn man an die
Pensionierung denkt. Das ist wirklich sehr schlimm. Lass uns das Leben
nehmen, wie es ist. Seien wir froh, dass wir noch ein paar Jahre
arbeiten können. Alles andere macht alt.
Ich küsse und grüsse Dich
...
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