Donnerstag, 3. September 2020

Fotos und Todsünden


Liebe Marlena

Das alte Foto, nach dem ich gefragt habe, ist natürlich jenes, das Du mir gleich am Anfang einmal geschickt hattest. Mit diesem jungen und frischen 36 jährigen (oder war es bloss 20??) Mädchen, das so keck in die Welt schaut, hast Du mich damals etwas geneckt, obwohl rasch einmal klar geworden war, dass die Schreiberin der Mails nicht mehr so jung und beschwingt und unwissend sein konnte. Nun ja, ich habe das Bild vielleicht gelöscht, weiss nicht wann und weshalb, ich finde es einfach nirgendwo mehr. Es war schwarz-weiss und offenbar ein kleines Passfoto. Man konnte einen leichten Abdruck eines Stempels sehen, wenn ich mich nicht sehr irre. Schicke mir beide, ich sage Dir, welches das echte ist.
Auch meine Familie beschwert sich immer wieder, dass es keine Fotos von mir gäbe. Das ist nun mal eine Tatsache. Sie hängt damit zusammen, dass ich oft hinter der Kamera stehe und nicht vor ihr. Ebenso hängt sie damit zusammen, dass ich es nicht mag, in einem Fest umständlich zu posieren, um ein Bild zu aller Leute Freude zu machen. Die Perser haben diese Foto-Time geradezu zum Ritual entwickelt. Plötzlich, mitten in einer netten Party bei vollen Gläsern und Lachen und Spassen rundum, wenn alle fröhlich und guter Dinge sind, plötzlich scheinen sie alle elektrisiert und haben die Idee, mit einer dieser kleinen Kameras, die einer von ihnen wie ein Zauberer aus der Vestentasche zu ziehen pflegt, mit einer solch einfachen kleinen Kamera ein Bild zu machen. In all den Jahren habe ich die Überzeugung gewonnen, dass sie dieses Ritual im Grunde um seiner selbst spielen, und dass das Foto, das letzten Endes herauskommt, ganz und gar nebensächlich ist. Meist sind so entstandene Fotos überaus langweilig und fast nichtssagend. Die Leute stehen in einer Reihe, lassen ihre Arme hängen und lächeln in die Kamera. Für unsere europäischen Augen ist das einfach fade. Aber für Perser ist das Bild ein Beweis, dass man zusammengehört. Beziehungen sind im Iran immer noch die Lebens-Ressource Nummer 1. Wen du kennst, bei wem du ein und ausgehst, mit wem du gegessen hast und in welchen Schichten diese Leute wiederum verkehren, das ist ganz wichtig. Das alles zeigt Dir den Wert deiner sozialen Stellung. Ein solches Foto vermag natürlich die soziale Beziehung, auf die man Wert legt, bestens zu zementieren. Das Bild muss nicht unterhalten, muss nicht schön sein, muss nicht in erster Linie die Dynamik des Augenblicks darstellen, eine Seite der Persönlichkeit hervorstreichen, eine äshtetische Qualität haben, nein, das Bild muss bloss dokumentieren, dass die und die und die Personen dort und dort zusammengewesen sind. Offenbar hat es vor allem dokumentarischen Charakter. Das Bild ist nicht so sehr Ausdruck eines aussergewöhnlichen Erlebnismomentes, wie vielleicht bei uns, sondern es ist eine spröde Aktennotiz, mit der du jemandem noch Jahre später nachweisen kannst, dass er dich eigentlich kennt, kennen müsste. Natürlich habe ich jetzt die ganze Sache ein bisschen überzeichnet. Aber dennoch glaube ich, dass Iraner solche Party-Fotos anders anschauen und anders verstehen. Dass Du von mir noch kein deutliches und aktuelles und vor allem schönes Bild hast, hängt natürlich mit der Tatsache zusammen, dass mein linkes Ohr deutlich höher hängt als das rechte, dass die Augen hervorstehen wie bei einem Laubfrosch mit Heuschnupfen, und dass der Mund einem Reissverschluss gleich quer und schief über das Gesicht zieht, so dass man auf den merkwürdigen Vergleich einer nördlichen und einer südlichen Hemisphäre gerät. Willst Du wirklich sowas?
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Da habe ich etwas Lustiges in der Zeitung gelesen. Es ist eine Meldung aus Frankreich. Sie läuft ungefähr so: "Prominente Franzosen wollen sich beim Papst dafür einsetzen, eine der sieben Todsünden zu streichen. 'Völlerei' muss nach Ansicht der Gruppe aus Köchen, Schriftstellern und Politikern aus der katholischen Liste der Tabus gestrichen werden. Ende Jnuar werde die Tochter des Initiators, des kürzlich verstorbenen Bäckerei-Unternehmers Lionel Poilâne, ein entsprechendes Schreiben bei Papst Johannes Paul II. vorlegen, berichtete die Zeitung 'Journal du Dimanche'. Rückendeckung für die Initiative kommt unter anderem von Kochstar Paul Bocuse. Nicht die Völlerei (französisch: gourmandise), sondern eher die Gefrässigkeit (gloutonnerie) könnte als Sünde angesehen werden, sagte er. Dieses Wort könne in einem Kompromiss als fünfte Todsünde akzeptiert werden. Die anderen sechs Todsünden sind Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz und Wolllust."
Na also.
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Ja klar, das war auch nicht gleich als Gesprächsthema gemeint, es steht ja bloss im Assoziationsnetz mit der Coriolis-Kraft. Und das wäre, zumindest für eine echte Stag-Party bei guten Portionen von starksprit, ein echt komischer Gedanke. Dabei hast Du wahrlich recht: wenn es kalt ist, dann hat alles gut in der Mitte der Hose Platz. Und das Herz, wenn es denn sein muss, gerade auch noch. Ich frage mich bloss, woher Du das alles so genau weißt???
Aber lassen wir das Thema. Es ist ein bisschen unter unserem Niveau, nicht wahr?
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Hier hat sich gerade der Himmel geöffnet und er ist blau und schön, und die weisse Landschaft leuchtet hell eine Szenerie aus Leintüchern. Ich glaube, ich werde über die Mittagszeit rasch nach Basel gehen. Dann habe ich ein bisschn Licht, was - wie Du weißt - gegen die SAD gut wirken soll.

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Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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