Hotel Sacher
Liebe Malou,
Ich muss dir ein kleines Erlebnis aus Wien erzählen.
Vor vielen Jahren fuhren S und ich um Ostern nach Wien. Es war eine unendlich lange Autoreise und es fing sogar an zu schneien.
Ich war noch Student und wir wollten billig reisen. Deshalb klingelte ich an etlichen Türen, um ein Privatzimmer für eine Nacht
zu mieten. Aber kein Mensch öffnete die Türe.
So gingen wir schliesslich doch ins Hotel. Wir waren dann in Wien im Hotel Berger, etwas ausserhalb, ganz ok. Und eines abends wollten wir Wien by night geniessenund spazierten die Ringstrasse entlang zum Hotel Sacher.
Im Café Sacher, so hatten wir beschlossen, eine Sachertorte zu essen. Das war auch alles sehr schön und schick und k&k, du weißt ja schon.
Im Sacher sassen wenige Gäste, lasen
Zeitung, tratschten und genossen die Zeit. Gegenüber setzte sich ein rundlicher Herr.
Er wünschte zu Essen und studierte fach- männisch und in Windeseile die Karte. Und nach einiger Zeit kam auch schon der
Kellner mit einer riesigen Suppenschüssel, zugedeckt, elegant auf einem Tablett. Und
er arrangierte eine grosse Zeremonie und
legte das Gedeck bereit und das Glas an die richtige Stelle und scharwänzelte um diesen dicklichen Gast herum, dass es eine Freude und ein Vergnügen war. Und zum Schluss hob der eifrige Kellner mit
abgespreizten Finger, also mit gekonnter Preziosität und einem kleinen Bückling
den Deckel von diesem grossen Topf.
Und natürlich sassen wir armes Studentenehepaar gegenüber, sahen eine
kleine Duftwolke entweichen, schluckten
leer und trocken und waren hungriger
Neugierde, welches schöne Menue der
kleine Herr nun auf seinen Teller garniert erhalten würde. Und schliesslich hievte
der Ober, die Umständlichkeit in Person,
hievte der Ober mit der langen weissen
Schürze feierlich und überaus vorsichtig
ein Paar Wienerwürstchen aus dem Topf
und legte sie mit einer gewissen Zärtlichkeit
und Ehrfurcht auf den Teller, so wie man
ein zartes Stück Wild auf den Teller
platzieren würde. Dazu gabs Brot und
Senf, na ja, so, wie man Wienerli eben
zu essen pflegt.

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