Sonntag, 13. Mai 2018
Welcome home
Liebe Marlena
Es hat mich wirklich sehr gefreut zu sehen, wie Du Dich gefreut hast über die Post. Sie hat ja echt ewig gedauert. Aber man sieht daran nur, wieviel Luft zwischen uns ist. Und Luft ist nicht nichts. Das ist ein riesiges Kissen. Und durch dieses endlose Kissen schicken wir unsere Mails. Sie müssen in der Tat vorne spitz sein, sonst kommen sie kaum vorwärts.
Es ist natürlich eine Umweg-Adresse, die ich in der Hand habe. Und die Deine, Deine eigene, wäre mir natürlich viel lieber. Aber es ist schon in Ordnung so. Ich kann die Frau Doktor .. bombardieren. Hast Du das Kuvert verschlossen erhalten, oder öffnet sie es, wenn es bei ihr ankommt? Das darf sie eigentlich, denn es steht ja ihre Adresse drauf. Du verstehst mich, ich will einfach wissen, wo der Intimbereich anfängt. Aber ich will auch nichts riskieren. Ich weiss dass Du eine öffentliche Person bist und den Respekt der Leute brauchst, auch den guter Freunde. Ich kann Dir ja all die hübschen Dinge, die keiner sonst hören soll, hier sagen. Ich gehe also davon aus, dass irgend jemand, irrtümlich oder gewollt, so ein Kuvert öffnen könnte. Ist Dir das Recht, wenn ich es so handhabe? Und ich schreibe immer nur die Adresse von ... drauf. OK? Ich möchte nicht, dass Du plötzlich vor schlimmen Konsequenzen stehst, obwohl wir beide ja eigentlich nichts Schlimmes anstellen.
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Ja, Deine barocke schriftstellerische Statur ist wunderbar. Sie hat wirklich etwas Glänzendes und man denkt an eine zufriedene, in sich ruhende Frau, die rundum Liebe und Sicherheit ausstrahlt. Du solltest wirklich mehr schreiben, nicht nur für mich, für uns alle!!
Bevor Du aber anfängst, müssten wir vielleicht nochmals eine kleine Diskussion über den Text al Text machen. Ich habe schon Hemmungen, darüber zu sprechen. Und ich werde mich absolut hüten, auch nur ein Wort darüber in der Italobar zu verlieren. Was meinst Du denn wird Franco dabei denken??? Er würde zerstreut die falschen Cocktails mischen, würde irritiert doppelte Mengen Alkohol beigeben und solch schlimme Dinge. Nein, die Italobar ist nicht der Ort dazu, meine Liebe.
Weißt Du meine Liebe, wenn ich sage ein Text sei ein Text, dann meine ich nicht, es seien nur Worte oder gar Wörter. Doch warum ich es immer wieder sage, hängt schon damit zusammen, dass auch mein naiver Glaube stark in dieselbe Richtung geht wie Deiner. Das ist nämlich die Vorstellung, Wörter bilden Dinge ab. Das ist die Sprachtheorie, die Augustinus in seinen Bekenntnissen anklingen lässt. Doch ich habe mal in meinem Studium eine Arbeit geschrieben über Wittgensteins Sprachphilosophie. Kennst Du Wittgenstein? War ein Oesterreicher, aus absolut reicher Familie. Hat sein Erbe verschenkt und ist zuletzt in Cambridge als Philosophieprofessor gelandet. Ein Vertreter der "normal language philosophy". Anfangs seiner Karriere hatte er eine völlig andere Theorie. Er hat also im Laufe seiner akademischen Karriere eine 180° Wendung gemacht. Er war - überigens homosexuell - ein blendender Geist. Und seine philosophischen Untersuchungen sind ein Schatzkästlein von Ueberlegungen und Erkenntnissen. Zentral ist das, was er "Sprachspiel" nennt. Wittgenstein würde jetzt also Marlena antworten auf ihre Behauptung, Sprache bilde Realität ab:
Wenn ich sage "Schau mal hier!" Bildet denn ein solcher Satz Realität ab?? Wenn er etwas in der Realität ersetzt, dann wäre es mein sanfter Stoss an Marlenas Schultern, die sie auffordert, zu schauen. Oder meinen Zeigfinger. Bildet der Satz wirklich meinen Zeigfinger ab?
Siehst Du, so ungefähr argumentiert Wittgenstein in seinen "Philosophischen Untersuchungen". Und es ist sehr spannend, ihm auf die Schliche zu kommen. Aber es ist nicht so leicht. Mindestens damals brauchte ich noch weitere Lektüre, um wirklich zu verstehen, was er meint.
Und die allgemeinste Schlussforlgerung daraus wäre vielleicht: Was Du meinst, Marlena, welche Funktion Sprache erfüllen kann, das ist vielleicht eine Spielform. Aber es gibt daneben noch etliche andere. Und man soll die arme Sprache nicht auf eine einzige Variante festnageln. Das wäre schade.
Wenn ich sage: "Du bist mein Schatz". Ist das eine Abbildung der Realität? Nein, das ist es nicht. Es ist eher eine Generierung von Realität. Es schafft Realität. Und wenn wir daran denken, dass alles, was wir in dieser Welt wahrnehmen, durch dieses Rohr der Sprache hindurch muss, die Welt, unsere Gefühle, unsere Absichten und Aussichten und Vorsichten und Übersichten, dann kann man schliesslich doch irgendwie sagen: Alles ist Text. Es gibt nichts ausserhalb des Textes. Unser Bewusstsein ist Sprache, soweit wir es mit anderen Menschen teilen. Und das haben, wenn ich richtig verstehe, die Franzosen rund um Lacan gesagt. Die waren ja ein wenig monoman. Und sie behaupten, die Welt hat die Struktur der Sprache, glaube ich.
Ach siehst Du, jetzt habe ich mich wieder hinreissen lassen über den Text als Text zu sprechen. Du hast mich erwischt. Und dabei wollte ich eigentlich nicht. Und ich glaube, für Dich als Sprachlehrerin ist es auch nicht absolut wichtig.
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Wir haben im Moment in der Schweiz eine Diskussion um die Fremdsprachen in der Schule. Habe ich Dir schon davon erzählt. Der Kanton Zürich will Frühenglisch einführen. Das heisst, Kinder sollen ab 2. Grundschulklasse Englisch lernen. Mein Chef ist sehr skeptisch und meint, wir sollten bei Französisch als erster Sprache bleiben. Wir seien das den Romands, dh. den Schweizern französischer Muttersprache, schuldig. Es würde ein Kulturkonflikt entstehen, wenn wir den Französischunterricht auf den zweiten Rang setzen. Nun hat aber eine Umfrage in der Welschschweiz ergeben, dass 70% der Romands auch für Frühenglisch sind. Sie meinen, dann könnten wir endlich miteinander sprechen, zwar weder deutsch noch französisch, sondern eben englisch. Mein Chef meint noch, dass man eine Sprache nicht einfach als Instrument für eine weltweite Verständigung ansehen soll, sondern als ein Kulturgut.
Ich bin ja sonst sehr loyal gegenüber meinem Chef. Aber hier bin ich absolut nicht seiner Meinung. Erstens finde ich, wir sollten mit Frühenglisch anfangen. Auch Kinder mit wenigen Sprachbegabungen könnten dann etwas englisch lernen. Sie finden es ja überall, von Mac Donald bis Mac Intosh und Inbox, Combox und Online und weiss Gott wo überall. Die Motivation der Kinder ist besser für Englisch als für Französisch. Französisch ist bestimmt die schwierigere Sprache. Weshalb also mit der schwierigeren anfangen. Ich bin sicher, es gibt viele Schüler, für die eine Fremdksprache genug ist. Und mit Englisch würden sie gut fahren. Auch das Argument, dass Englisch eine Kultur sei, ist nicht griffig. Wir lernen ja an den öffentlichen Schulen nicht ein Queens-English, sondern dieses ubiquitäre internationalistische Englisch, das man auf Flughäfen, im Internet und in der Pop Musik wiederfindet.
Was meinst Du dazu, Marlena. Ihr seid ja ein Land, wo alle Menschen sehr gut englisch können. Ich kann mich erinnern, als ich in England war. Man hat immer wieder gesagt: suche Dir ein skandinavisches Mädchen, dann lernst du englisch. Und daran habe ich mich gehalten. Ich habe in den 3 Monaten nur einmal mit einem Mädchen französischer Zunge gesprochen. Sie war sehr sympathisch und hübsch. Aber ich habe mir gedacht, bei ihr kann ich nicht viel lernen. Deshalb habe ich es dabei belassen. Nolens volens.
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Du bist sehr kritisch mit den Homines Sapentes männlicher Variante! Aushalten, Haushalten und Maulhalten klingt wie ein Durchhalteparole für den Krieg. Ach, Marlena, Du mit Deinem Charme brauchst doch nicht solch düstere Devise. Du besiegst sie doch mit Deinem Charme! Oder etwa nicht? Wenn nicht, gib mir einen Funk, dann komme ich vorbei und wir sprerren ihn auch ins Schliessfach. Damit haben wir doch Erfahrung.
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Ich hoffe, Du hast eine gute Zeit gehabt. Und ich schick Dir dieses Mail jetzt. Dann hast du was im Box, wenn Du in die gute Stube trittst.
Ich küsse Dich, ich homo sapiens sapiens.
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