Montag, 28. Mai 2018
Véritas
Lieber ...,
Nochmals herzlichen Dank für dein wunderbares
inhaltreiches Mail. Ich habe mich sehr darüber gefreut.
Erstens, weil es ein "extramail" war, das ich nicht erwartet
hatte. Extramails sind nicht unter Zwang geschrieben. Sie
kommen nur aus Lust am Schreiben zustande. Und so
freue ich mich, dass du, wie ich glaube, deine Lust
wiedergefunden hast. Oder...
Ich habe dich um mehr Offenheit gebeten... und so sollte
ich wohl versuchen ein gutes Vorbild zu sein. Deshalb
gestehe ich dir jetzt offen, dass ich plötzlich von Eifersucht
geplagt, eine Art Schreibkrampf erlitt. Wie ein Schatten
legte sich der Gedanke an den Brief, den du F schreiben
wolltest, über alle meine anderen Gedanken.
Und dann versuche ich mir zu sagen, dass ich ja schliesslich
auch einem Bekannten aus meiner Jugend schreibe und
dass ich garnichts komisches an diesem Vorhaben sehe.
Dass es auf keine Weise unsere Mausfreundschaft negativ
beeinflusst.
Ach, sicher findest du meine Reaktion etwas komisch.
Anna würde sagen: "Ist alles nur Chemie". Sie ist lustig
die Kleine.
Das Bild, das du mir geschickt hast unter dem Titel
"Georgischer Käse" kann ich nicht anschaun ohne zu
lachen. Wo hast du das gefunden? In welchem Land
ist es gemacht?
Jadoch, nicht nur der Käse, der wirklich etwas enthalten
soll, das unser Leben verlängert, sondern auch ein ruhiges
Leben ohne Stress und Eile trägt dazu bei, dass die Leute
dort so alt werden. Ich erinnere mich, dass ich mal in
meiner Jugend die Frage, was ich nach meinen
akademischen Studien tun werde, mit den Worten
beantwortete: "Ich werde irgendwo in Griehcneland
als Schäferin arbeiten." Manchmal habe ich heute noch
die Sehnsucht mich von den Menschen zurückzuziehen..
ganz allein unter dem Himmel zu sein, nur umgeben
von Tieren.
Da fällt mir gerade ein, dass ich, als ich erstmals mit
Werken von Sartre zu tun hatte, sehr enttäuscht war.
Er war so gross, und ich hatte ihn als etwas fast
übermenschliches gesehen (lass uns sagen eine Art
(... ;-) und dann las ich mein erstes Buch von ihm:
"Le Mur" und ich konnte absolut nicht begreifen, dass
dies von Sartre geschrieben sein sollte. Doch dann
später las ich sein Theaterstück "Huis Clos", wo er
meint, dass die Hölle auf Erden darin besteht, dass wir
"unter dem Blick anderer" leben müssen... und ich
begann seine Grösse zu ahnen. Vielleicht war mein
Wunsch, irgendwo unter Gottes freiem Himmel
Schafe zu hüten, ein Versuch dieser sartreschen
Hölle zu entfliehen.
Ach, unser armes Baby! Warum ist es nicht aus Fleisch
und Blut! Ich muss gestehen, dass ich es fast vergessen
hatte. Doch warte... ich werde mal nachschaun, wie es
ihm geht. OK, ich habe damals für 39:- gekauft und jetzt
steht die Aktie in 42:- Keine umwerfende Entwicklung
wohl? Aber es freut mich, dass endlich was getan wird
in Amerika, gegen die wahnsinnigen juridischen Prozesse,
die man dort schon seit Jahren führt gegen alle und alles.
Es ist längst zu weit gegangen.
Schön. wie du das Wochenende im Büro beschreibst.
Genau so ist mein Leben jetzt. Manchmal glaube ich, dass
es noch nie so schön gewesen ist.
Ich sehe, dass du dieselbe Erfahrung machst wie ich einst.
Immer wieder verschwanden Leute, die mir sympathisch
waren, aus meinem Leben. Einige zogen weg von hier,
andere verliessen den Beruf ganz und suchten sich andere
Wege, und dann später kamen die Pensionierungen.
Als ich mich schliesslich entschloss, gleichzeitig mit G und
Å zu gehen, hatte ich wohl schon 95 % meines früheren
Freundenkreises verloren. Gewiss, es kamen neue junge
Leute, und einige davon fand ich sehr sympathisch... aber
sie waren doch sehr jung, hätten fast meine Kinder sein
können.
Ich sehe, du hast deine freien Tage im Büro gut ausgenüzt..;-)
No further comments! ;-)
Jetzt werde ich versuchen, dieses Mail unten abzuschicken.
K spielt seine Musik. Vielleicht ist er schon dabei
eingeschlafen. Nicht von der Musik, aber von dem Wein, den
er getrunken hat.
Hier hinter mir läuft ein englisches Programm über den
heiligen Gral.. Ich nehme es auf und werde es mir später
ansehen. Verrückt, was sich Menschen so alles ausdenken
können. Aber vielleicht spielt es keine Rolle für was man
sich engagiert.. Hauptsache man engagiert sich..
Hast du auch schon gemerkt, wie sehr man sich plötzlich
für die katholische Kirche und alle ihre Vorhaben
interessiert? Nie habe ich mir meine lieben Patres als
Mitglieder einer maffiaähnlichen Organisation vorgestellt.
Ich muss aufhören, bevor ich noch mehr Dummheiten sage.
Gute Nacht,
mlGuK,
Malou
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