Donnerstag, 8. März 2018
Re: G&K
den 15 augusti 10:07
Liebe Marlena
Ach, zum 3. Mal fange ich jetzt mit meinem Mail an. Schon 2 mal wurden unsere PCs von vom Informati Suply heruntergefahren. Und da gehen alle Daten, die nicht gespeichert sind, bachab. Du hättest jetzt also schon ein ellenlanges Mail auf dem Tisch. Und ich könnte mich geruhsam zurücklehnen.
Und da kommt soeben Dein neues Morgenmail. Es riecht praktisch nach frisch gebackenem Kuchen. Ich bin erstaunt, wie oft Du Kuchen bäckst. Die Rolle liegt Dir ebenso wie die der Katzenmutter, scheint mir. Und dahinter folgt - wie soll ich sagen - eine kleine Liebes-erklärung. Das ist noch süsser als der Kuchen, und das alles schon zum Morgenkaffee. Ich weiss gar nicht, wie ich das alles verdient habe. Und dann raubst Du einen Kuss, wie man komischerweise sagt. Ich habe als junger Mensch nie gewusst, was sie damit meinen, wenn sie sagten, er hätte ihr einen Kuss geraubt. Wie kann man denn Küsse hergeben, wenn man nicht will?
Also, meine Liebe, ich schenke ihn Dir. Den Kuss, meine ich natürlich.
Ja, ich glaube, dass mein Kleinhirn katholisch ist, mein Mittelhirn vielleicht protestantisch und mein Neokortex islamisch. Das ist eine komplette Mischung, und ich weiss nicht, weshalb sie mich endlich in ein oekumenisches Gremium wählen. Ich könnte dort nach allen Seiten Segen verteilen, urbi et orbi sozusagen.
Gestern hatten wir unser Weekly. Und Walter hat mich überrascht und mir - vielleicht zum Abschied - ein Buch gebracht. Du wirst es kaum glauben, es ist das Buch der Unruhe von Pessoa. Ich hatte ihn im Verdacht, dass er es bei sich habe. Ich hatte zwar keine Erinnerung, dass ich es ihm ausgeliehen hätte. Und ich habe es ihm auch nicht ausgeliehen. Die Ausgabe, die er brachte, hatte er im Internet gefunden. Er findet alles im Internet. Und ich finde nicht mal ein kleines Büchlein in meinen vier Wänden. Kurz und gut: die Ausgabe ist hübsch und mit einem harten Deckel, während die meinige nur ein kleines Taschenbuch ist. Und diese hier ist illustriert von einem portugisischen Zeichner. Das mag ich. Was denkst Du heute von Pessoa? Bestimmt hast Du im Norden lange Sommerabende diesen merkwürdigen Gedanken nachgehängt. Na, ist er nicht merkwürdig und poetisch zugleich. Eine Kombination, die ich irgendwie schätze. Obwohl, das muss ich sagen, ich mit Pessoa nicht gerne eine Zweizimmer-wohnung teilen wollte. Er würde bestimmt seine Frühstückseier anbrennen lassen. Und wenn es an der Türe klingelt, hinge er irgendwelchen merkwürdigen Gedanken nach und würde die Klingel überhören. Nein, für den Alltag wäre er mir zu ätherisch.
Aber ist süss, dass Walo - wie ich ihn nenne - mir dieses Buch geschenkt hat. Er meinte, er könnte meine Unruhe nicht mehr ansehen, die ich habe, weil ich mein Buch nicht finde. Ich habe ihm dann als Revanche ein kleines Büchlein von Tabucchi gegeben, von dem ich Dir auch schon erzählt habe. Es ist - glaube ich - ein kleiner Krimi und Walo liebt Krimis über alles. So hatte ich neben der spendefreudigen Personalchefin sogar abends noch eine kleine Überraschung. Das Leben zeigt manchmal wirklich Lichtblicke, nicht wahr?
Wir haben über ein Buch von Tepperwein gesprochen, das ich gerade lese. Es hat einen sensationellen Titel, und müsste Dich ansprechen: Erfinde dich neu. Von Kurt Tepperwein, Herbig Verlag München 2002. Und hör mal, was auf dem Buchumschlag steht: °Mit 3 goldenen Regeln, wie man sein Leben wieder verzaubert ° Mit 12 ungewöhnlichen Perspektiven, das Leben neu zu beginnen ° Mit 36 praxisnahen Methoden, wie man jede Lebenssituation meistert ° Mit 62 konkreten Uebungen, die helfen, Flügel wachsen zu lassen und im Leben abzuheben. Ehrlich gesagt: wenn Du das in der Buchhandlung auf dem Buchdeckel eines Bandes liest, dann legst Du die Schwarte lächelnd wieder in den Korb zurück, nicht wahr? Aber Walter hatte mal in jungen Jahren einen Kurs gemacht bei Tepperwein. Damals war er noch jung und am Anfang seiner Karriere. Heute ist er offensichtlich Professor und Heilpraktiker, eine Kombination, die es in der Schweiz meines Wissens nicht gibt. Aber wie er hier im Buch die Dinge schon auf den ersten Seiten erläutert, das klingt gut und leicht und plausibel. Ich lese es mal in dieser NY Zeit und sehem dann, was daraus wird. Es passt ganz gut zur Trance. Es ist die gleiche Denkweise. Vielleicht fliege ich dann auf dem Rückflug mit eigenen Flügeln. Dann mache ich eine kleine Schlaufe über Schweden, ungefähr so wie der kleine Nils. Sieh Dich vor, Marlena!
Kurz gesagt: ich muss mich auf meine alten Tage hin neu erfinden. Na ja, das muss man ja ständig ein bisschen. Aber ich möchte einen grösseren Schub. Siehst Du, kürzlich ist mir durch den Kopf gegangen, wie wir von 2 (oder waren es 3) Jahren darüber gesprochen haben, uns in Rom zu treffen, Rom zu sehen (... und dann sterben...). Na vielleicht habe ich mehr davon gesprochen als Du. Ich glaube, dahinter war dieselbe Idee, die ich jetzt mit NY versuche. Irgend etwas Verrücktes, Neues, um nochmals ein bisschen Energie zu schöpfen. So zumindest habe ich es der Personalchefin erklärt. Und sie hat mir geglaubt, dass das absolut wichtig sei in meinem Leben. Voilà!
Nun lass ich Dich wieder in die Küche zu den Tigern und den Kuchen. Da hast Du ja eine echte Manege. Ja, Stromausfall habe ich gestern auch mitverfolgt. Ich hatte erst an ein Attentat gedacht un mir schon viele Unannehmlichkeiten ausgedacht, die dann auf mich zukommen könnten. Aber es war ja, wie man hört, nur ein technischer Defekt. Ich kenne das. Im Wallis war mein Vater verantwortlich für Strom fast des ganzen Kantons. Und wenn im Winter die Lawinen niedergingen und so eine Unruhe in der Luft lag, dann hat er in alle seine Kraftwerke und Zentralen telefoniert zur Kontrolle, ob alles ok wäre. Es war ein merkwürdiges Gefühl, dass die Welt dann ganz klein und nah und lebendig wird. Plötzlich fing sie an zu pulsieren. Ich mochte diese Katastrophenstimmung irgendwie.
Ach, wir haben gestern auch von der Vergangenheit gesprochen. Ich glaube, Ausgangspunkt war ein Zitat von Pessoa, das Walter noch im Kopf hatte. Und dann haben wir über die Jugend gesprochen und festgestellt, wie sich die Welt seither geändert habe. (---)
Ich muss, sonst brennt mein Kuchen an.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
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