Deborence
Liebe Malou
Die deutsche Sprache reicht nicht aus, um unser Wetter zu beschreiben. Dazu würde man eine Menge Kraftausdrücke benötigen und sie in die Luft hinaus donnern. Es ist wirklich saukalt und unfreundlich. Ich habe - habe ich das nicht schon mal geschildert, um dich zu Tränen zu rühren? - ich habe unsere Tomaten wieder zurück unter die Plastikdecke geschickt. Das will heissen: vor ein paar Tagen hatte ich den Plastik entfernt und pro Pflanze einen Stock eingesteckt. Das sind so gewundene Metallstöcke, die der Pflanze Halt geben, ohne dass man sie binden muss. Aber dann vor 2 Tagen, als ich die Wetterprognosen für Pfingsten gehört hatte, habe ich alles wieder abgebaut und zugedeckt. Das ist ein Rückzug um knappe zwei Monate. Ist das nicht wahnsinnig.
Aber ich muss gestehen, gleich heute Morgen, bei Wind und Wetter, ist mir eine Erinnerung aus meiner Jugend zurückgekehrt. Und wenn ich es mir genau überlege, hängt das mit dem Wetter zusammen. Damals, in der Zeit der Sekundarschule, hatten wir jeweils an Pfingsten ein Pfadfinderwochenende. Man zog aus mit Zelt und Kochgeschirr und hat das längere Wochenende von Pfingsten in Gottes freier Natur verbracht. So haben wir verschiedene Gegenden des Wallis kennengelernt. Ich erinnere mich an den Pfinwald, diesen altertümlichen südlichen Wald, der die Sprachgrenze bildet, und der in alter Zeit ein fast unüberwindliches Hindernis voller Räuber und Weglagerer gewesen war. Als wir dort in den Zelten lebten, war feines Wetter. Und sonntags waren die Gebüsche voller Liebespärchen, die sich auf ihren Wolldecken am Boden gütlich taten. Das Wallis war damals - ist es wohl noch heute - sehr konservativ. Und die jungen Leute durften nicht einfach so 'karisieren', wie sie es nannten. Also zogen sie sich in den Pfinwald zurück.
An einem Pfingstwochenende, eben an jenem, das mir jetzt wieder in Erinnerung ist, da fuhren wir hinauf in die Derborence. Derborence heisst ein Roman von Ramuz, dem bekannten Westschweizer Schriftsteller. Und das Gebiet ist bekannt wegen seines kleinen Sees, wegen des Bergsturzes, der sich vor längerer Zeit dort einmal ereignet hatte, und wegen der Tatsache, dass das ganze Gebiet heute unter Naturschutz liegt. Wir waren also um die 20 junge Leute dort oben. Und mindestens während eines Tages hat es geregnet und war kalt, dass wir uns entschlossen, in die Berghütte zu gehen, um uns ein bisschen aufzuwärmen und auszutrocknen. Wir stiegen also in dieses Haus hinauf. Dort war ein alter Mann mit einem Mädchen, die uns freundlich empfingen. Vielleicht war es wirklich diese Kälte, die dafür verantwortlich war, dass ich mich augenblicklich in diese charmante junge Frau verliebte. Ich weiss nicht mehr wie sie ausgesehen hat. Ich weiss nicht mehr, wie wir mit ihr und ob überhaupt gesprochen haben. Ich weiss bloss noch, dass mich die Situation an die Szenen aus dem Jugendroman 'Heidi' erinnerten. Und ich weiss noch, dass sie mir das ganze Wochenende nicht mehr aus dem Kopf gingen. Und es war kalt und unfreundlich, und die Wolken hingen tief den Berggipfeln entlang, so dass man den Eindruck hatte, man lebte unter einem Pfannendeckel.
Es gibt eine hübsche Kurzgeschichte von Heinrich Böll mit dem Titel 'Die ungezählte Geliebte'. Darin hat ein junger Mann im Nachkriegsdeutschland die Aufgabe, die Fussgänger zu zählen, die eine Brücke benutzen. Er tut das geflissentlich und genau, doch er erlaubt sich die Freiheit, jedesmal, wenn seine geheime Liebe passiert, sie nicht mitzuzählen.

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