Dienstag, 27. Juni 2017

Die Schweiz: Städter und Dörfler

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Kürzlich habe ich einen Artikel einer schweizerischen Stiftung gelesen, die behauptet, wir müssten die Schweiz urban verstehen. Ich glaube, ich habe das schon früher erwähnt, wenn Du Dich erinnern kannst. Die Leute beziehen sich auf einen Architekten, der ungefähr in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gelebt hatte. Dieser Architekt hatte die Idee, aus der Schweiz eine moderne Stadt zu machen. Vielleicht geht es den Leuten vor allem um das, was wir im Kopf haben. Es ist natürlich so, dass wir uns die gute alte Schweiz denken als eine mehr oder weniger natürliche Landschaft mit Bergen, Tälern, Felder, Wäldern und Seen. Und darin finden sich Dörfer und Städte. Nun ja, es sind viele Dörfer geworden, und sie sind grösser geworden mit ihren neuen Quartieren ausserhalb. Und viele Dörfer und kleine Städte sind so gross geworden, dass sie sich heute berühren und dass sie, für uns Touristen, zu einer einigen Agglomeration geworden sind. Immer noch sagen wir aber, wir fahren aufs Land, wärend mit diesem Land nicht mehr viel Natürlichkeit übrig geblieben sind. Diese Landschaften kann man wirklich auch verstehen wie grosse Parks, die man ein wenig pflegt, wo man - als Attraktion für die Bewohner - noch einige Kühe und zwei oder drei Pferde hält. Aber eigentlich sind diese Landschaften umzingelt. Und sie sind in der Defensive. Insofern, so meinen diese Leute, sei die Schweiz der Prototyp einer modernen Stadt, die vom Boden- bis zum Genfersee reicht.

Das ist natürlich alles ein bisschen gelogen und geflunkert, der schönen Idee zuliebe. Und meine Theorie ist darin auch nicht mehr heimisch. Ich habe nämlich immer behauptet, man könne den Leuten in der Schweiz anmerken, ob sie in der Stadt oder im Dorf aufgewachsen sind. Ich habe also einen Gegensatz gesehen zwischen Stadt und Dorf. Wenn Du die Dorfleute anschaust, dann sind sie nett. Sie lächeln, sie zeigen Interesse an Dir, sie geben sich sehr freundlich und hilfreich. Vor allem die Affekte und die freundlichen Gesichter, das ist typisch für ein Dorf. Schliesslich müssen die Dörfler zusammen leben, und sie sind darauf angewiesen, dass alle liebt miteinander sind. Diese Liebe ist natürlich ein Zwang. Und wenn einer aus dieser Ordnung ausbricht, wenn er sich davon abwendet, bekommt er diesen ganzen Zwang zu spüren. Da können dann Dörfler sehr hart sein.

Die Städter dagegen sind kühl. Sie zeigen Fassade. Sie zeigen kein Interesse, keine Emotion. Sie wollen cool sein und bleiben. In der Stadt geht es immer darum, den eigenen Vorteil zu erhaschen. Jeder rundum ist ein kleiner Konkurrent, sei es im Tram, wo die Sitzplätze beschränkt sind, im Kaufhaus, wo man in der Warteschlange an der Kasse vorwärts kommen möchte, auf dem Gehsteig, wo der Platz beschränkt ist. Man sucht die eigenen Vorteile, aber man zeigt das nicht. Die Anstrengung soll verdeckt bleiben, wie das ganze Innenleben überhaupt. Das Private bleibt tief verborgen. Und ein Lächeln hat so ohne weiteres keiner verdient. Städter lassen sich schwer in die karten schauen. Sie setzen ihre Emotionen instrumentell ein, damit sie ihnen Nutzen bringen, während die Dörfler ihre Emotionen dazu verwenden, die soziale Kohäsion zu stabilisieren.

So ungefähr meine Theorie. Wenn man jetzt aber sagt, die Schweiz sei eine einzige landesweite Stadt, dann verwischt dies den Unterschied zwischen Städtern und Dörflern. Und da bin ich nocht nicht ganz einverstanden mit. Na ja, neben den Städtern und den Dörflern gibt es noch die Hinterwäldler. Die sind eine Kategorie für sich. Sie sind wie überreife Pflaumen, sozusagen von höherer Wesensart ;--))

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Städter sind ja doch häufig Menschen, die gewandt reden, die sich mit dem Mund verteidigen und ausdrücken können. Ich glaube, alle grossen Städte haben ein Image in diese Richtung der grossen Maulhelden ihrer Einwohner: Die Berliner, die Pariser, die Römer, die Madrider, auch die Londoner, oder die Wiener? Und von den Menschen aus den Dörfern sagt man gerne, sie seien langsam, sie seien etwas dumm, etwas naiv und gutgläubig und so weiter.

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Vielleicht ist diese Idee, die vom Architekten stammt, dieser kühne Akt, aus der Schweiz eine moderne Stadt zu machen, ein Angriff im Sinne der Verteidigung. Die Schweiz hat keine wirklich grossen Städte. So ist es vielleicht die einzige Möglichkeit, eine 7 Millionen-Stadt zusammenzubringen, wenn wir alle unsere Schweizer und die Zugewanderten aufrufen, zusammenzustehen, um die Stadt "Schweiz" zu machen. Von einem Stadtrand zum anderen sind es dann um die 4 Stunden zu fahren. Und dazwischen gibt es diese grossen Parks, wo man noch echt wandern kann und Durst bekommt, ohne dass man gleich eine Schenke sieht. Je mehr ich davon schreibe, desto besser finde ich die Idee. Wir sind eine riesige Stadt mit ungefähr 6 Flughäfen und ebensovielen Atomkraftwerken. Die Stadt unterscheidet sich zwar von Quartier zu Quartier. Und die Polizisten haben nicht in allen Quartieren dieselbe Uniform. Sie sprechen auch ziemlich unterschiedliche Dialekte oder gar Sprachen. Die einen sogar französisch oder italienisch. Aber dennoch, es gibt ein paar grosse Quartierstrassen in Form von Autobahnen, die alles miteinander verbinden. Und das Urzentrum dieser grossen Stadt gäbe es im Grunde gar nicht. Die Quartiere haben mehr oder weniger alle dasselbe Gewicht. Ausgenommen vielleicht der Fall, die Zürcher wollten unbedingt das Zentrum bleiben. Sollen sie so, und den Lärm ihres Flughafens ertragen! Basel wäre dann ein Aussenquartier, eine elegante Wohnlage ausserhalb des Flughafenlärms. Basel ist das Quartier der Chemiker und der Apotheker. Hier werden Medikamente gemacht.

Und dann soll sie mal kommen, die Welt, und sich anschauen, wie eine grosse Stadt wirklich aussieht. Noch Teheran ist dann ziemlich klein und überschaubar, wenn man es mit uns vergleicht. Na also, was sagst Du dazu, Marlena?

Mit einem schönen Gruss
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