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Kürzlich habe ich einen Artikel einer
schweizerischen Stiftung gelesen, die behauptet, wir müssten die Schweiz
urban verstehen. Ich glaube, ich habe das schon früher erwähnt, wenn Du
Dich erinnern kannst. Die Leute beziehen sich auf einen Architekten,
der ungefähr in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts gelebt hatte.
Dieser Architekt hatte die Idee, aus der Schweiz eine moderne Stadt zu
machen. Vielleicht geht es den Leuten vor allem um das, was wir im Kopf
haben. Es ist natürlich so, dass wir uns die gute alte Schweiz denken
als eine mehr oder weniger natürliche Landschaft mit Bergen, Tälern,
Felder, Wäldern und Seen. Und darin finden sich Dörfer und Städte. Nun
ja, es sind viele Dörfer geworden, und sie sind grösser geworden mit
ihren neuen Quartieren ausserhalb. Und viele Dörfer und kleine Städte
sind so gross geworden, dass sie sich heute berühren und dass sie, für
uns Touristen, zu einer einigen Agglomeration geworden sind. Immer noch
sagen wir aber, wir fahren aufs Land, wärend mit diesem Land nicht mehr
viel Natürlichkeit übrig geblieben sind. Diese Landschaften kann man
wirklich auch verstehen wie grosse Parks, die man ein wenig pflegt, wo
man - als Attraktion für die Bewohner - noch einige Kühe und zwei oder
drei Pferde hält. Aber eigentlich sind diese Landschaften umzingelt. Und
sie sind in der Defensive. Insofern, so meinen diese Leute, sei die
Schweiz der Prototyp einer modernen Stadt, die vom Boden- bis zum
Genfersee reicht.
Das ist natürlich alles ein bisschen gelogen
und geflunkert, der schönen Idee zuliebe. Und meine Theorie ist darin
auch nicht mehr heimisch. Ich habe nämlich immer behauptet, man könne
den Leuten in der Schweiz anmerken, ob sie in der Stadt oder im Dorf
aufgewachsen sind. Ich habe also einen Gegensatz gesehen zwischen Stadt
und Dorf. Wenn Du die Dorfleute anschaust, dann sind sie nett. Sie
lächeln, sie zeigen Interesse an Dir, sie geben sich sehr freundlich und
hilfreich. Vor allem die Affekte und die freundlichen Gesichter, das
ist typisch für ein Dorf. Schliesslich müssen die Dörfler zusammen
leben, und sie sind darauf angewiesen, dass alle liebt miteinander sind.
Diese Liebe ist natürlich ein Zwang. Und wenn einer aus dieser Ordnung
ausbricht, wenn er sich davon abwendet, bekommt er diesen ganzen Zwang
zu spüren. Da können dann Dörfler sehr hart sein.
Die Städter
dagegen sind kühl. Sie zeigen Fassade. Sie zeigen kein Interesse, keine
Emotion. Sie wollen cool sein und bleiben. In der Stadt geht es immer
darum, den eigenen Vorteil zu erhaschen. Jeder rundum ist ein kleiner
Konkurrent, sei es im Tram, wo die Sitzplätze beschränkt sind, im
Kaufhaus, wo man in der Warteschlange an der Kasse vorwärts kommen
möchte, auf dem Gehsteig, wo der Platz beschränkt ist. Man sucht die
eigenen Vorteile, aber man zeigt das nicht. Die Anstrengung soll
verdeckt bleiben, wie das ganze Innenleben überhaupt. Das Private bleibt
tief verborgen. Und ein Lächeln hat so ohne weiteres keiner verdient.
Städter lassen sich schwer in die karten schauen. Sie setzen ihre
Emotionen instrumentell ein, damit sie ihnen Nutzen bringen, während die
Dörfler ihre Emotionen dazu verwenden, die soziale Kohäsion zu
stabilisieren.
So ungefähr meine Theorie. Wenn man jetzt aber
sagt, die Schweiz sei eine einzige landesweite Stadt, dann verwischt
dies den Unterschied zwischen Städtern und Dörflern. Und da bin ich
nocht nicht ganz einverstanden mit. Na ja, neben den Städtern und den
Dörflern gibt es noch die Hinterwäldler. Die sind eine Kategorie für
sich. Sie sind wie überreife Pflaumen, sozusagen von höherer Wesensart
;--))
*
Städter sind ja doch häufig Menschen, die gewandt
reden, die sich mit dem Mund verteidigen und ausdrücken können. Ich
glaube, alle grossen Städte haben ein Image in diese Richtung der
grossen Maulhelden ihrer Einwohner: Die Berliner, die Pariser, die
Römer, die Madrider, auch die Londoner, oder die Wiener? Und von den
Menschen aus den Dörfern sagt man gerne, sie seien langsam, sie seien
etwas dumm, etwas naiv und gutgläubig und so weiter.
*
Vielleicht
ist diese Idee, die vom Architekten stammt, dieser kühne Akt, aus der
Schweiz eine moderne Stadt zu machen, ein Angriff im Sinne der
Verteidigung. Die Schweiz hat keine wirklich grossen Städte. So ist es
vielleicht die einzige Möglichkeit, eine 7 Millionen-Stadt
zusammenzubringen, wenn wir alle unsere Schweizer und die Zugewanderten
aufrufen, zusammenzustehen, um die Stadt "Schweiz" zu machen. Von einem
Stadtrand zum anderen sind es dann um die 4 Stunden zu fahren. Und
dazwischen gibt es diese grossen Parks, wo man noch echt wandern kann
und Durst bekommt, ohne dass man gleich eine Schenke sieht. Je mehr ich
davon schreibe, desto besser finde ich die Idee. Wir sind eine riesige
Stadt mit ungefähr 6 Flughäfen und ebensovielen Atomkraftwerken. Die
Stadt unterscheidet sich zwar von Quartier zu Quartier. Und die
Polizisten haben nicht in allen Quartieren dieselbe Uniform. Sie
sprechen auch ziemlich unterschiedliche Dialekte oder gar Sprachen. Die
einen sogar französisch oder italienisch. Aber dennoch, es gibt ein paar
grosse Quartierstrassen in Form von Autobahnen, die alles miteinander
verbinden. Und das Urzentrum dieser grossen Stadt gäbe es im Grunde gar
nicht. Die Quartiere haben mehr oder weniger alle dasselbe Gewicht.
Ausgenommen vielleicht der Fall, die Zürcher wollten unbedingt das
Zentrum bleiben. Sollen sie so, und den Lärm ihres Flughafens ertragen!
Basel wäre dann ein Aussenquartier, eine elegante Wohnlage ausserhalb
des Flughafenlärms. Basel ist das Quartier der Chemiker und der
Apotheker. Hier werden Medikamente gemacht.
Und dann soll sie mal
kommen, die Welt, und sich anschauen, wie eine grosse Stadt wirklich
aussieht. Noch Teheran ist dann ziemlich klein und überschaubar, wenn
man es mit uns vergleicht. Na also, was sagst Du dazu, Marlena?
Mit einem schönen Gruss
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Dienstag, 27. Juni 2017
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