Montag, 12. Juni 2017
Lustige Zeit in England
date 8 June 07:33
subject: Ups!
Liebe Malou
Wolkenloser, blauer Himmel. Noch etwas kühl am Morgen. Aber schon ziemlich Wärme versprechend. Es ist ungefähr so, wie man sich Pfingsten vorstellt. Während ja Pfingsten war wie ein unruhiges Wochenende im April. Kurz und gut: mit dem Wetter geht es aufwärts.
Ich habe versucht, mit Walter wieder mal einen Termin zu vereinbaren. Schliesslich muss doch seine Lili ab und zu mal was loswerden. Aber es ist schwierig. Offenbar hat er viel Arbeit an seiner neuen Stelle, die ich ihm eingebrockt habe. Und dazu ist er - weit mehr als ich - Fussball-Fan. Ich bin das ja nun eigentlich nicht, obwohl ich vielleicht mal 10 Minuten am TV zuschaue. Beim Tennis sind es dann schon 15 Minuten. Ich erinnere mich, wie ich mir in England bei meinen Gastgebern abends stundenlang Wrestling angeschaut habe. Ich war beeindruckt. Allerdings hatten wir damals, wenn ich mich recht erinnere, zuhause noch kein Fernsehen. Das kam spät ins Wallis, denn der Empfang war ja nicht ganz einfach. Es ist erstaunlich, wie mich diese grobe Sportart Wrestling damals beeindrucken konnte. Es ist ja doch eher eine Show als eine Sportart. Vielleicht habe ich das damals noch nicht ganz durchschaut. Und offenbar haben auch meine Gastgeber, die alten Leutchen, interessiert zugeschaut.
Das war eine lustige Zeit in England. Ich war ja erstmals im Leben wirklich weg von der Schweiz und auf eigenen Füssen. Die ersten paar Tage hatte ich mit einem älteren Kameraden aus unserem Gymnasium in London verbracht. Wir lebten in einem CVJM Haus, einer riesigen Herberge oder Pension, durch deren Gänge dunkle Gestalten, meist wohl Inder, schlichen und wo man abends umd 10 oder 11 im Nebenzimmer die Badewanne glucksen höre. Wir streiften etwas unentschieden durch die blebten Strassen Londons. Mein Kollege zeigte mir Soho. Er schien sehr vergnügt und zwinkerte den anzüglichen Frauenzimmern vergnügt zu, während ich wohl nur halb verstand, was da alles abging. Nach diesen paar etwas verwirrlichen Tagen reiste ich hinunter nach Bournemouth. Die Gasteltern waren noch auf einer Kreuzfahrt und sollten erst am nächsten Tag heimkehren. So emfping mich Dave, der Sohn, der noch zuhause lebte. Er war nett, aber einfach, arbeitete in irgend einer Getränkefirma und hatte wohl den ganzen Tag Bierkisten herumzuschleppen. Dazu hatte er eine junge Freundin, ein hübsches, aufgeräumtes Mädchen, das Zürichdeutsch sprach. Ich war sehr erstaunt, dass sie sich mit einem so einfachen Typen einliess, denn sie schien mir doch in Art und Bildung deutlich mehr entwickelt. Aber vielleicht war es der Altersunterschied, der ihr imponierte. Am ersten Morgen, es war ein Sonntag und die Gasteltern waren eben noch weg, brachte sie mir das Frühstück ans Bett. Ich war ziemlich erstaunt, auch recht geniert. Sie war ungefähr mein Alter und brachte mir in einem fremden Haus ein veritables englisches Frühstück ans Bett, während ich gerade aufwachte und wohl noch ziemlich zerknittert ausgesehen haben muss. Aber in jenem Alter konnte ich die Merkwürdigkeit der Situation nicht so rasch erkennen.
Das Zürchermädchen hatte eine Freundin, die deutlich Baseldeutsch sprach und - wie soll man sagen - ein grosses Maul hatte. Sie war etwas rundlich und war deswegen wohl auch ein bisschen empfindlich. Eines Abends lud uns Dave ins Kilt ein, eine trendige Disco mit vielen jungen Leuten. Dave bemühte sich um seine Freundin, und so blieb mir die Baslerin. Doch die Disco war damals, in den 68er Jahren, eine Knutsch-Scheune. Und ich konnte, wo ich doch frisch aus dem katholischen Wallis kam, nicht gleich mit einem Mädchen schmusen und küssen. So tanzten wir lange Zeit ziemlich decent. Und schliesslich bedeutete sie mir, dass ich durchaus auch mit anderen Mädchen tanzen sollte. Das kam mir recht. Unser Lehrer, der diese Ferienkurse für uns organisiert hatte, hatte uns davor gewarnt, uns bloss mit Deutschsprachlern einzulassen. So würden wir absolut kein Englisch lernen und der ganze Aufwand wäre wohl nur halb so nützlich. So stürzte ich mich ernsthaft auf all die englischen Zungen, die ich in dieser dunkeln Hütte finden konnte. Und das arme Mädchen aus Basel, ich weiss gar nicht, was mit ihr geschehen ist. Irgendwann sind wir dann alle vier wieder heimgefahren.
Ach, vielleicht habe ich dir schon vieles davon erzählt. Es war eine wunderbare Zeit in England. Der Strand war zwar nicht das, was ich aus Italien kannte. Neben den vielen jungen Leuten, auf die man in jenem Alter ein Auge hat, gab es mehrheitlich low-class-Engländer. Sie sassen mit ihren Tatoos imUnterhemd in den Deckchairs und lasen ihre Boulevardzeitungen. Der Strandsand war etwas grob. Und das Wasser, nicht anders zu erwarten, kühl. Aber das schöne Wetter und die gleissende Wasserfläche waren friedlich. Im Hintergrund lagen die Dünen, von denen man einen schönen Blick über die weite Uferpartie hatte. Und dann gab es natürlich das Pier (oder schreibt man Peer?). Das stand da, behäbig und faul, nicht wirklich schön, aber doch ein guter Merkpunkt in der weiten Landschaft. Meine Walliser-Kameraden aus der Klasse waren nicht sehr Strand-gewohnt. Man konnte sehen, dass sie nicht echt wussten, was tun. Und die meisten konnten auch gar nicht schwimmen. Sie sassen also nur relativ kurze Stunden da, alberten herum und verzogen sich bald wieder. Ich versuchte, mich überall umzuschauen. Besonders liebte ich die grossen parks mit diesen luxuriösen Rasen. Im Zentrum gab es so etwas wie einen Kurpark. Dort spielte nachmittags die Musik. Manchmal gab es Highländers, die über Säbeln tanzten. Das war eine hübsche Atmosphäre. Allerdings gab es dort zur Hauptsache ältere Leute, weisshaarige Pensionisten, die geruhsam daherwackelten und zur wackeren Musik mit dem Gebiss klapperten. Aber es war schön und es war Ferienstimmung. Ich liebte die Tennisplätze, und ich erinnere mich, dass ich dort meine erste Pfeife rauchte, die ich mir gekauft hatte. Irgendwie musste ich zur Überzeugung gelangt sein, es wäre der richtige Zeitpunkt, mit Rauchen anzufangen. Ich rauchte ein bisschen zu hektisch, so dass ein leichter Schwindel hockam. Und dazu las ich die Weltwoche, eine Zeitung aus der Schweiz, die ich an einem Kiosk gefunden hatte. Es war herrlich, nach soviel Englisch wieder mal ein paar schöne deutsche Sätze zu lesen. Ich glaube, damals habe ich angefangen, zu lesen und das Lesen zu geniessen.
Was mich in England am meisten beeindruckte, war die Fremdheit. Die Strassen und Häuser waren wirklich anders als bei uns in der Schweiz. Es war oft nicht wirklich schön, sondern oft etwas ärmlich, unordentlich und für meine Augen fremd. Auch die Menschen waren so. Sie faszinierten mich, aber vor allem, weil sie anders waren als wir. Es gab damals noch keine dicken Engländer. Alle waren sie schlank, häufig hochgewachsen. Und man sagte ihnen nach, sie wären trocken. Das waren sie wohl. Und die englischen Mädchen. Ach, wenn sie sprachen, waren sie so sexy. Noch heute, wenn ich englische Dialekte höre, kitzelt es mich im Bauch. Sie waren sehr höflich, sehr formell, und kannten in Fragen des Sex keine Grenzen. Na ja, es war auch die Zeit. Am Fernsehen sah man die Beatles und die Stones und dahinter eine kreischende Masse junger Mädchen.
War das nicht eine wunderbare Zeit? Man hatte das Gefühl eines Aufbruchs. Wir wussten nicht wohin, aber es lag etwas Junges in der Luft. Die Alten konnten damit nichts anfangen. Aber wir Jungen fühlten eine grosse und weite Verbundenheit. Und dass die Welt grossartig sei und uns allein gehört.
Na ja ... so oder ähnlich eben.
MLG
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