Montag, 29. Dezember 2014
Urbi et Orbi
Ämne : urbi et orbi
Datum : Wed, 26 Dec 2001 13:14:30 +0000
Liebe Marlena
Beinahe habe ich bei Euch mitgegessen. Vom Schinken habe ich bestimmt mehrmals gekostet, und die Haut, deren Produktion Du so detailliert beschrieben hast, esse ich bestimmt fürs Leben gern. Und nachher einen Malteser Reis, der die restlichen Luftlöcher im Magen endgültig schliesst. Ach ja, und dies dopp i grytan, kann ich mir auf der Zunge wirklich sehr plastisch vorstellen. Muss in der Kälte, die Ihr habt, wie Götterspeise munden.
Aber dass Ihr mit Heringen und Schnaps vorher Préludes spielt, das hatte ich nicht erwartet. Das ganze klingt ziemlich opulent. Zum Schluss des Essens ist man, wie ich vermute, ziemlich geschafft?
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Ja, das schwedische Haus zur Weihnachtszeit hast Du mir stimmungsvoll geschildert. Das Licht ist nicht heimlich (das Wort kommt von "geheim" = secret) sondern heimelig. Vielleicht ist das schon beinahe Umgangssprache. Aber ich kann mir das alles ziemlich gut vorstellen. Es ist besonders eindrücklich, wenn man von der Winterkälte draussen in die Fenster hineinschaut. Das erinnert mich an meinen Militärdienst. Auf Märschen und Verschiebungen habe ich abends, in der Dämmerung, stets in die Häuser hineingeschaut und habe mich in Sehnsucht nach dieser heimeligen und warmen Atmosphäre verzehrt. Ich habe die Menschen wirklich mit all meinen Fasern benieden, die im gemächlichen zivilen Leben sich frei in einer gemütlichen Wohnung bewegen konnten, während ich hier schwitzend oder frierend mit meinen Soldaten unterwegs war. Aber es war - alles in allem - doch eine ziemlich nützliche Erfahrung.
Den Papa habe ich im TV nur kurz gesehen. Er hat auf Deutsch die Weihnachtsgrüsse Urbi et Orbi ins Mikrophon gehaucht. Und alles hat sich angehört wie bei mittlerer Trunkenheit. Entschuldige mich, ich bin grässlich. Aber seine Sprache ist wirklich sehr verwaschen. Aber lustig war, dass ich in jenem Moment dachte, dass Du zur gleichen Zeit ihn auch sehen würdest. Ich musste schmunzeln. Den choreographischen Trick, den Du beschreibst, finde ich gut und elegant. Meine Sorge betraf nicht so sehr seine Lektüre, sondern ich habe mir überlegt, ob er denn wirklich genügend warm angezogen ist, um die beissende Kälte auf der Arkade vor St. Peter zu ertragen. Wahrscheinlich haben sie ihn mit Infrarotstrahlern nur so eingekesselt.
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Ja, unser Onkelchen ist ein grosser Diplomat. Das merke ich immer wieder. Ich kenne das bei Männern hier sonst nicht sehr. Onkelchen beweist immer wieder, dass der soziale Kontakt eine Realität eigener Würde ist. Die Geselligkeit ist eine Kunst, deren Bedeutung die pure und sachliche Wahrheit in vielen Aspekten bei weitem übersteigt. Es ist eine Art Respekt für die Menschen, der jenem für die Dinge vorgeht. Das kann ich manchmal sehr gut und manchmal sehr schlecht.
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Ach, Du willst nach 2 Jahren herausfinden, wer ich wirklich bin. Finde ich goldig! Das klingt wirklich nach Aufbruch und nach einer neuen Aufklärung. Ich bin enorm gespannt auf diese Renaissance. Und ich bitte Dich, mich zu benachrichtigen, wenn Du es dann WIRKLICH weißt! Ich glaube, ich weiss im Moment nicht viel mehr als Du. Und manchmal bin ich überrascht, was da noch alles hervor kommt.
Es könnte ja doch sein, dass ich ziemlich undefinierbar und wechselhaft bin. Manchmal ahne ich das selbst. Ich habe zum Beispiel immer wieder Lust, Dinge völlig anders zu machen, als ich sie bisher - und durchaus erfolgreich - gemacht hatte. Ich liebe diese Abwechslung sehr. Vielleicht nicht überall, aber in den alltäglichen Pflichten, die mir sonst zu tödlich vorkommen. Und dann schaue ich mir etwa meine Bilder an, die ich vor etwa 10 Jahren gemalt hatte. Und ich muss sagen, sie schauen alle so ähnlich aus. Die Innensicht und die Aussensicht sind wirklich zwei verschiedene Aspekte. Und ihr Kontrast macht diesen grossen Riss quer durch die Welt aus, der uns so rätselhaft erscheint.
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In der Badewanne also. Doppelwanne, streng genommen!
Mit einem lieben Gruss
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Liebe Marlena,
AntwortenLöschenalles Liebe und Gute zu dir ins Neue Jahr.
Hoffentlich wirst du weiterhin noch sehr, sehr viel schreiben, ich folge dir so gern.
Liebe Grüße
Edith
Ich schreibe nicht, ich veröffentliche nur. :-)
AntwortenLöschenAuch Dir ein Gutes Neues Jahr, liebe Edith
von Herzen
Malou