Samstag, 27. Dezember 2014

27. Dezember


date 27 December 2004 09:44
subject Re: Danföredanföredopparedan..


(ungekürzt)

Liebe Malou
Ist das wirklich ein Wort, respektive ein Name:
'Danföredanföredopparedan'. Das dürftest Du keinem Femdsprachler
erzählen, denn das bewirkt ein Schock und eine Höllenangst vor dem
Schwedischen. Damit kann man ganze Armeen in die Flucht treiben.

Wir haben ruhige Weinhachtstage gehabt. Ich war mehrheitlich krank und
habe im Bett gelegen, gelesen, geschwitzt und dazu auch heissen Tee
getrunken. Na ja, es war nicht so übel. Ich habe mich nicht sooooo
schlecht gefühlt, dass es eine Qual gewesen wäre. Und am 24., als wir
mit unseren Jungen unser Fondue Chinoise gehabt haben, ging es ganz
gut.

Heute sind ja die Läden schon wieder offen und es scheint, das Leben
geht seinen gewohnten Gang. Zu Mittag sind meine Eltern eingeladen.
Und nachmittags kommt noch mein Patenkind, der Architekt aus Berlin
mit seiner Frau und den Zwillingen dazu. Der Tag ist besetzt, darüber
besteht kein Zweifel.

Und dann geht es in eilenden Schritten dem Neujahr zu. Ich glaube, je
älter ich werde desto rascher gehen diese Tage und diese Jahre. Aber,
das zu sagen ist bestimmt nichts Neues. Man sollte bloss die Techniken
verfeinern, womit sich die Zeit dehnen und strecken lässt. Wie kann
man Zeit vermehren?
Ich glaube, früher hatte ich immer gedacht, die Zeit fliesse am
langsamsten, wenn einem langweilig ist. Das Wort Langeweile heisst ja
schon, dass darin die Weile lang sei. Um also viel Zeit zu haben,
müsste man alles vermeiden, was aufregend und interessant sei. Bloss
müde herumhängen, das mache die Zeit am längsten, so glaubte ich. Und
ich kann Dir sagen, Malo, daran ist was Richtiges. Die Zeit ist dann
wirklich lang, manchmal endlos lang. Wenn man im Moment drin steckt,
dann geht sie endlos zähl und schneckenhaft über die Bühne. Es ist
mehr oder weniger die Art, wie Zeit auf dem Dorf vergeht.
Aber diese Art der Dehnung hat einen grossen Haken. In der Erinnerung,
im Blick zurück verschwindet jene Zeit, die damals so endlos lang war,
in ein pures Nichts. Damals viel und heute nichts, das ist die
Quintessenz jener Technik, die man im Dorfe übt.
Die Stadt arbeitet mit anderen Mitteln. Die Stadt sorgt für viel
Ereignisse im Moment, für Kurzlebigkeit und Rasanz. Die Zeit vergeht
im Fluge. Doch später hat man viele Erinnerungen und Erlebnisse, auf
die man zurücksehen kann. Sie erscheint dann als mehr, als sie
wirklich war.
Ist daran nicht was Wahres.
Und gleichzeitig sind diese zwei Methoden, wie mir scheint, zwei
biologische Notreaktionen. Ich glaube, Freud erwähnt sie irgendwo. Es
gibt Tierarten, die erstarren bei Todesgefahr zur unbeweglichen Figur.
Sie gleichen sich sozusagen der unbelebten Natur an. Es ist natürlich
eine Art Mimikry mit dem Ziel, so unsterblich zu werden wie der Stein.
Und der andere Reaktionstyp ist der Bewegungssturm, der die
Lebensgefahr in einem Übermass an Bewegung und Reaktionsvarianten zu
überwinden versucht.
Ist das nicht ein guter Vergleich?
Du siehst, Malou, wenn ich etwas Zeit habe, bricht meine
philosophische Seite durch. Dann werde ich gänzlich kontemplativ und
hänge in den Wolken.
Dann gehe ich in der Stube auf und ab, trinke Kaffee und wühle in den
Papieren. Und wenn ich noch ein paar Jährchen jünger wäre, würde ich
dazu Pfeiffe paffen, dass der ganze Raum im Nebel verschwinden könnte.
Das mindestens hat man mir früher immer vorgeworfen. Im Studentenheim,
später im Büro oder in meinem 'Rauchzimmer' zuhause.
Wie geht es bei Euch. Habt ihr den Weihnachtsbraten genossen? Und die
Geschenke ausgetauscht?
Da erinnere ich mich an ein Kapitel aus Kästners 'Als ich ein kleiner
Junge war'. Er erzählt, wie es bei ihm zu Weihnachten zu- und herging.
Das musst Du mal lesen, ist eine sehr intelligente psychologische
Studie. Aber dazu hast Du ja nunmal ein gutes Jahr Zeit.
Ich wünsche Dir eine schöne Zeit.
Mit lieben Grussen
...

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