Freitag, 2. Dezember 2011

Lachen und weinen

Fri, 05 May 2000 17:43
Mit einem lachenden und einem weinenden Auge


Liebste Marlena

Ich habe den PC schon abgestellt gehabt. Ich habe meine Mappe schon gepackt. Das Licht gelöscht. Kaffeemaschine gestoppt. Kopierer ausgeschalten. Schlüssel im Schloss. Ich wollte heute nicht mehr an dich schreiben. Ich war so fuchsteufelswild, wirklich sehr verärgert, dass das nicht geklappt hat.

Doch du hast mich getröstet. Mit zwei Sätzen, sie sind es, glaube ich. Im letzten Abschnitt. Sie haben mich gerührt und sie haben diesen harten Aerger aufgeweicht. In fünf oder zehn Minuten hast du es geschafft.

Ach, es gibt niemanden auf dieser Welt, der mich so tröstet wie du! Das ist nicht bloss als Kompliment gemeint, sondern als Tatsache. Und ich glaube, dass ich immer ein Kind und später Erwachsener war, der schwer zu trösten war. Ich weiss nicht woher du diese schöne Gabe hast. Das rührt mich wieder einmal sehr und ich stehe da wie jener Topdiplomat, du erinnerst dich, nein, den anderen meine ich.

Du bist lieb, dass du mir so schnell geschrieben hast. Schon beim Mail von gestern hatte ich geahnt, dass es nicht mehr klappen könnte in solch kurzer Zeit. Nehmen wir doch an, die Tschechen tragen die Hauptschuld, dass sie die Messages nicht weitergegeben haben, dass sie sich nicht bemüht haben, dass sie nicht das Notwendige versucht haben, dass sie das Telefon nicht besetzt hielten. Vielleicht war es eine sehr zweitklassige Herberge? Es tut mir leid für dich, meine Liebste, dass du so viel Umstände gehabt hast. Wenn die Tschechen – in ferner Zukunft – vielleicht einmal zu Europa kommen, können wir ihnen dann vielleicht die Absolution geben. Aber im Moment sind sie schuldig. Basta! Bist du einverstanden, Marlena?

Aber eigentlich hat mir ja das Fernsehen die Überraschung an jenem Samstag Abend schon verdorben. Als ich diese Idee hatte, war ich schon davon ausgegangen, dass du Barbara erstmals mit diesen CDs hören würdest. Zum ersten mal auf den CDs von mir, das hätte ich DIR so gerne geschenkt. Aber: erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Hat das Kästner gesagt? Kästner hat übrigens einen schönen Satz geprägt, und das ist ein sehr guter Satz, einer der besten, den ich kenne. Man hört ihn im Deutschen oft. „Es gibt nichts Gutes, ausser man tut es".

Ich wollte etwas Gutes tun, nun hat es nicht getan. Ich umarme dich und schenke dir stattdessen zwei Küsse (Kategorie 3 natürlich, du könntest dich noch wundern) Das Leben besteht ja nicht nur aus Erfolgen und Siegen und Krönungen, sondern auch aus Niederlagen, kleinen und grösseren Rückschlägen. Und vielleicht erden wir nun immer an diese Aufregungen und diese Woche Prag zurückdenken, wenn wir Barbara hören. Und ihre Melancholie wird uns ein Echo sein auf unsere etwas trostlose Situation, dass wir auf dieser Welt wie zwei windschiefe Geraden durch das All jagen, aber uns nie berühren können. Aus definitorischen und mathematischen, dh. aus höheren Gründen nie berühren. PER SECULA SECULORUM sozusagen.
*
Doch jetzt Schwamm drüber. Erzähle mir von Prag. Wie war es, was habt ihr gesehen. Seid ihr noch an anderen Orten gewesen? Hast du Spuren von Rilke und Kafka angetroffen? Und das berühmte Pilsner? Erzähle mir, meine liebe Mausgeliebte, ich bin so hungrig von dir zu hören

Es war trüb, eine Woche ohne Neuigkeiten von dir. Ich war ganz voller Melancholie. Ich hätte Elegien schreiben können, Klageleider, die alle mit „ach" angefangen hätten. Ich habe immer wieder diesen süssen italienischen Song der prima notte d'amore gehört mit dem Refrain piano piano amore mio. Er ist mir schon richtig nachgelaufen. Und abends habe ich mir einen Whisky eingegossen, und er ist mir noch durch den Whisky nachgewatet.

Ich danke dir für deinen Trost, meine liebe, und so möchte ich dich auch trösten können. Ich werde die 2 CDs, die A. wohl jetzt zurückbringen wird, oben auf dem Büchergestell neben Rilke hinstellen und für dich aufbewahren. Aufbewahren per secula seculorum.

Ich hoffe, dass ihr alle wohlbehalten in Stockholm ankommt und dass Dich deine Familie zuhause mit Freude und Liebe empfangen.

K+G+M

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