Samstag, 10. Dezember 2011

auf dem Dach gegenüber

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Bei mir hier sitzen die Tauben gelangweilt oben auf dem hohen Dach gegenüber
und feilen an den Fingernägeln. Manchmal geht eine Bewegung durch die Reihe,
die nur mit Erotik oder vielleicht Eifersucht zu tun haben kann. Dann fliegt
eine weg, steuert irgend einen hohen Punkt an, den ich nicht mehr
übersehen kann, wo sie sich schmollend niederlässt und lässt so in der
wohlkalkulierten Reihe eine Lücke zurück. Aber ich bin überzeugt, Tauben
sind ziemlich monogam und beobachten eifersüchtig, was in ihrer Gruppe da
oben geschieht. Wahrscheinlich sprechen sie miteinander mit den Augen,
schauen nachsichtig oder scharf in die Welt und versuchen sich so, es ihren
Nächsten verständlich zu machen. Manche sind auch ziemlich eitel. Sie putzen
und scheuern sich stundenlang. Aber gelegentlich stehen sie auch bloss dort
oben, krallen sich an die Dachziegel und schauen auf die kleinen Menschlein
hinunter. Ich weiss nicht, was sie tun. Vielleicht zählen sie die Autos?
Vielleicht suchen sie eine spezielle Marke heraus, etwa Volkswagen oder
Merzedes, und verfolgen sie bis an den Horizont. Oder vielleicht ist es
schieres Mitleid, das sie für Fussgänger haben, die sich eilig durch den
Verkehr quälen. Wenn Kästner meint, die Möwen schauten aus, als ob sie Emma
hiessen, dann heissen die Tauben wohl Maria. Und wenn sie oben auf der
Dachkante hocken, spielen sie Rosenkranz.
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1 Kommentar:

  1. wie erfrischend und gut das geschrieben ist!

    chapeau von elsa mit lieben grüßen

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