Ämne: Re: Bei dir..
Datum: den 29 augusti 2003 03:58
Liebe Marlena
"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)
Ja, dieses Zitat habe ich gerne gehoert. Es hat mich fast ein bisschen gekitzelt im Bauch. Ich mag das mehr als Rumi. Rumi muss ich noch entdecken. Aber ich glaube, Rilke kann man ebenso gut zitieren. Er hat nicht nur tiefsinnige Dinge gesagt, er hat sie auch besonders schoen gesagt. Das finde ich bei Rumi nicht. Rumi hat vielleicht den Reiz des Exotischen. Na ja, ich werde suchen, ob da was dahinter ist.
Heute war ich ueber Mittag im Strand Buchladen am Broadway. Und ich habe mir ein Buch ueber Balthus angeschaut. Er hatte einige Jahre in der Schweiz gelebt, war ueberigens ein polnischer Adeliger, wie ich irgendwo kurz gelesen hatte. Dennoch scheint er ueberall bekannter als in der Schweiz. P. hat als Architekt ein kleines Museum im Dorf oberhalb Sierre fuer ihn gestaltet. Und in diesem Buch gab es ein Foto von Rilke mit einer Frau, ich weiss nicht mehr, wer sie ist. Da bist Du mir in den Sinn gekommen und unsere Rilke-Phase. Und heute abend zitierst Du einen sinnigen Gedanken.
Du wirst Lachen, aber wenn ich an meinen Tod denke, dann wuensche ich mir auf meiner Todesanzeige ein paar Zeilen von Rilke. Ich habe sie mir zuhause irgendwo aufgeschrieben. Ich glaube, ich muss sie mal S. mitteilen. We never know. Sie sind wirklich schoen und fuer die Ewigkeit gedacht. Aber vielleicht werde ich, bis es soweit ist, noch ein Rumi Gedicht finden??
Heute hatten wir den zweiten Tag mit der Frau unseres Kursleiters. Sie ist lustig, das habe ich wahrscheinlich schon gesagt, und sie ist schnell. Manchmal habe ich Muehe mit dem Verstaendnis. Sie hat eine etwas hohe Stimme, das mag ich nicht besonders. Aber sonst ist sie eine sympatische Frau. Sie macht lustige Scherze, wie ich das eigentlich in der Schweiz von Frauen nicht so gewohnt bin. Aber auch sie zieht sich fuer unseren europaeischen Geschmack nicht so besonders gut an. Aber es ist akzeptabel. Am besten war im Kurs die Tuerkin angezogen. Ihre Wahl der Farben war perfekt. Sie hat eindeutig den ersten Preis verdient, wenn es denn fuer solches Preise gibt.
Wir haben heute eine sehr interessante Uebung gemacht. Es geht darum, jemanden als Modell, als Vorbild zu waehlen und in Trance mit ihm oder ihr in Verbindung zu treten, um so die vorbildlichen Eigenschaften als Geschenk uebernehmen zu koennen. Klingt alles ein bisschen wild, nicht wahr? Aber es ist eigentlich eine ganz logische und praktische psychologische Operationalisierung, wie man sich bei einer anderen, meist etwas bewunderten Person gewisse Dinge abguckt, um sie vielleicht auch zu uebernehmen. Das merkwuerditgste dabei ist vielleicht, dass das ohne Anstrengung geht. Normalerweise wuerden wir bei einer Person irgend einen Charakterzug oder eine Eigenschaft sehen, uns entscheiden, sie fur sich selbst auch anzustreben, um sich dann Muehe zu geben, sich anzustrengen, das zu erreichen. Mit Hilfe der Trance geht das ohne Anstrengung, unter Mitwirkung des Unbewussten. ich bin ueberzeugt, lernen mit dieser Methode geht sehr leicht. Aber es ist nicht Schullernen, nicht Schulstoff, sondern Lebenlernen, also Lebensstoff. Das ist wirklich faszinierend. Du wirst noch einmal Lachen. Ich habe Varlin als diese Person genommen. Dabei habe ich vor allem an ihn als Portraetisten und als Schreiber gedacht. Vielleicht lerne ich noch einiges von ihm. Er hat auch sehr witzig und gut geschrieben. Und seine Portraets mag ich, das weisst Du schon. Auch sie haben einen speziellen Witz.
Ach es ist lieb Marlena, was Du schreibst vom Vergnuegen, hier in NY dabei zu sein. Ich habe schon da und dort mal ein Mail geschrieben von hier. Und auch S. hat natuerlich ihre Mails bekommen. Aber niemandem habe ich soviel erzaehlt wie Dir. Und es war auch fuer mich ein Vergnuegen, aber auch eine schoene Moeglichkeit, die Tage ein bisschen zu verarbeiten. Man muss ja doch aufpassen, dass man nicht viele Kleinigkeiten zu schnell wieder vergisst. Es ist schoen, sie Dir zu erzaehlen. Und spaeter, vielleicht in zwei oder drei Jahren, werden wir uns gegenseitig ansprechen und auf eine Erinnerung hinweisen, mit den Worten: "
damals, als wir zusammen in NY waren, weisst Du noch ...."
Ich gehe jeden Morgen ueber den Broadway zum Kurs. Letzthin waehle ich die Strasse mit den Antiquitaetengeschaeften. Sie hat etwas edles an sich und wirkt irgendwie sauberer. Der Verkehr hier in NY ist sehr diszipliniert. Letzthin bin ich bei rot ueber die Strasse gegangen. Die Autos halten an und niemand scheint sich darueber zu aergern. Es ist erstaunlich, in dieser grossen Stadt. Ich glaube, es haengt viel an den Taxifahrern.
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