Ämne: Re: bei dir (nochmals)
Datum: den 29 augusti 2003 04:20
Liebe Marlena
jetzt ist mir gerade das ganze Mail abgestuerzt. Oder hast Du es bekommen. Auf jeden Fall kam die Meldung, das Mail sei an Deine Adresse gegangen.
Ich repetiere rasch.
Dein Rilke Zitat hat mich beruehrt. Er gefaellt mir eigentlich besser als Rumi. Er sagt ebenso tiefsinnige Gedanken, und er sagt sie schoener. Na ja, vielleicht entdecke ich bei Rumi auch noch was.
Ich war heute ueber Mittag am Broadway im Strand Buchladen und habe mir ein Buch ueber Balthus angeschaut. Und darin gab es ein Bild von Rilke. Als ich es sah, bist Du mir in den Sinn gekommen. Stell Dir vor, mitten in dieser etwas unordentlichen und ueberall mit Buechern ueberstellten kleinen Halle warst Du ploetzlich da. Dein Zitat hat mich ein bisschen im Bauch gekitzelt, eine Art Wehmut kam hoch.
Es ist lieb, was Du schreibst und wie Du mit dabei bist in NY. Du hast von allen meinen Bekannten und Verwandten und Allerliebsten am meisten mitbekommen. Und es war schoen, es Dir zu schildern. Es war fuer mich sehr gut, die Tage mit Dir ein bisschen zu verarbeiten. Und spaeter vielleicht, in zwei oder drei Jahren, werden wir sagen: "weisst du noch damals, als wir zusammen in NY waren ....". siehst Du, sowas hatte ich mir eigentlich mit Rom vorgestellt. Eine aussergewoehnliche Zeit, in der man gemeinsam eine Stadt erobert, und sich auch noch kennenlernt. Na ja, das sind tempi passati. Wir koennen das mal in Hamburg machen. Ist Hamburg eine aufregende Stadt?
Heute haben wir eine Uebung gemacht, bei der man sich mit einer bewunderten Person identifiziert hat, um Eigenschaften oder Faehigkeiten als Geschenke zu bekommen. Der Aufbau dieser Uebung ist ziemlich logisch und plausibel. Und es wirkt, da bin ich sicher. Vor allem wirkt es, weil alles in diesem Zustand der Trance geschieht. Normalerweise wuerde man eine Person bewundern, irgendwelche Eigenschaften nachzuahmen versuchen und sich dabei Muege geben, und es vielleicht nicht so erreichen. Hier geschieht es leichter. Es ist wie ein posthypnotischer Auftrag, den man sich selbst gibt. Du hast das sicherlich schon gesehen bei Hypnosen, bei denen die Leute spaeter etwas gemacht haben, wozu sie in der Hypnose beauftragt worden waren, ohne dies aber zu wissen. Wenn man sie fragt, wissen sie nicht, weshalb sie dies oder jenes tun. Aber sie haben einen Drang, es zu tun. Ich glaube, hier funktioniert es ganz aehnlich.
Ich habe Varlin als mein Modell gewaehlt. Du weisst, dass er ein guter und scharfaeugiger Portraetist war. Aber er war auch ein guter Schreiber und hat sehr pointierte Essays geschrieben, nicht haeufig, aber gelegentlich. Ich will nun sehen, was er mir davon vermachen wird. Am liebsten haette ich seine Originalitaet und seine Radikalitaet. Hast Du gewusst, dass Varlin mit buergerlichem Namen Guggenheim hiess. Er hatte ihn abgelegt, weil man ihm sagte, das klinge zu juedisch und zu wenig kuenstlerisch. Willy Gueggenheim, so hiess er. Na ja, Willy finde ich auch nicht besonders. Ich haette auch zu Varlin gegriffen. Ich weiss nicht mehr, woher der Name stammt. Er hat ihn irgendwo gefunden.
Liebe Marlena, ich schliesse hier mal ab, bevor die ganze Sache nochmals in die Tiefe stuerzt.
ich wuensche Dir einen schoenen Freitag und wenn, dann auch gleich ein schoenes Wochenende.
Mit lieben Gruessen und Kuessen
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