Sonntag, 5. Oktober 2025

Warum sollte ... ?

 


Turm von Muzot



Subject: l'essentiel est invisible

Liebe Marlena 

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Warum also sollte mich diese Marlena 2000 km weit weg in Stockholm so sehr interessieren? Ich kann es dir kurz oder lang erläutern. Oder auf beide Arten!

Kurz: Aus dem Artikel über Peter Bichsel hast du ein Zitat von Jean Paul zitiert, das dir gefallen hat, das dir aufgefallen ist: „Es ist verdammt langweilig, zu sein". Es ist genau der Satz, der auch mir aufgefallen ist. Auch ich hätte, wenn ich einen kurzen Kommentar über diesen Artikel gemacht hätte, dieses Zitat genommen. Darin fühle ich, dass wir verwandt sind.

Länger: Du bist in dieser europäischen Kultur zuhause, mit dir kann ich mich über vieles unterhalten. Deine Gedanken regen mich an zu weiteren Gedanken. Wenn ich von Troubadours spreche, klingt es bei dir an und du erinnerst dich an dieses mittelalterliche Liebesgedicht "ich bin dyn, du bist myn ....", wenn du Rilke zitierst, kommen bei mir Erinnerungen hoch und ich sehe den Turm von Muzot. Verstehtst du, was ich meine? Ich habe den Eindruck, wir sind im selben Schiff, wir schwimmen im gleichen Wasser (meine pubertäre Fantasie, erinnerst du dich?), du hast einen Sinn für die Natur, der mir sehr nahe kommt und der mich berührt. Du sagst im letzten Mail "Also gut" und sprichst dann mit leichter Überwindung von der körperlichen Grösse. Nur ein germanisch sprechender Mensch versteht, was das ALSO GUT hier heisst. Es gibt da noch ein weiteres, ein sehr schönes und liebevolles Beispiel. Du hast einmal gesagt, du schickst mir wieder einen Kuss zurück "ich brauche doch nur einen". Nur ein Deutschsprachler, wozu ich dich auch zähle, meine Liebe (das ist ein Kompliment, bitte nicht übersehen) nur ein Mensch mit deutscher Zunge weiss, wie wichtig dieses Wörtchen "DOCH" hier ist. Ohne dieses DOCH wäre alles offen, was du sagst. Es könnte dann auch ein Affront sein. Es könnte wirklich alles bedeuten. In diesem DOCH liegt hier das Herz des Satzes. Es hat mich sehr gerührt, als ich es gelesen habe. Ich weiss, dass du mich verstehst, weil du dieses DOCH ja geschrieben hast. Und wahrscheinlich musstest du dabei gar nicht soviel denken, wie ich hier denke.

Einmal hast du einige Zeilen von Rilke zitiert, ein Liebesgedicht, welches mit dem Bild des Geigenbogens spielt, der über zwei Saiten streicht. Das ist es! Dieses Gefühl, verstanden zu werden in diesen Dingen, die vielleicht nicht gerade das praktische, alltägliche Leben sind, das ist für mich einfach wunderbar. Darum sage ich, du bist meine Muse (ich hoffe, du findest diesen Begriff nicht eine beleidigende Zumutung? Die Muse ist die moderne Variante der minniglichen Frau, der Lady im Turm), du inspirierst mich zu Dingen, die ich sonst nicht beachten würde oder nicht tun könnte. Und natürlich hoffe ich, dass bei dir Ähnliches passiert.

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Sehr lang: Du hast das schon richtig verstanden, meine Marlena, das ist sozusagen meine Liebeserklärung an Dich. Und weil sie philologisch ist, verletzt sie nicht §5. Sie ist eben platonisch. Nur mit dieser Liebe kann ich meine gegenwärtige Manie erklären, dir meterlange Mails zu schicken, mich durch dich bei meiner Arbeit ablenken zu lassen, oder nachts aufzuwachen und an dich zu denken.

(Einschub: Du sagst, du könntest meinen Traum sehr einfach und direkt interpretieren. Siehst du, genau das habe ich auch gedacht. Ich habe noch eher daran gedacht, wie du ihn interpretieren würdest, als daran, wie ich ihn denn interpretiere. Das heisst, ich habe gewusst, du würdest ihn so interpretieren (wie "so"?) Ich bin überzeugt, ich weiss, wie du ihn interpretierst. Und ich hatte gezögert, ihn dir überhaupt zu erzählen. Aber ich bitte dich, Traumdeutung ist nun wirklich mein Fachgebiet und nicht deines!! Damit wir uns richtig verstehen. Nach den Regeln der Kunst soll man den Traum nicht im luftleeren Raum interpretieren, sondern im Zusammenhang mit den Assoziationen des Patienten. Aber - und das ist schön - auch hier spüre ich diese Übereinstimmung mit dir, dieses Verständnis ohne Worte. (desshalb meine vielen Worte ;-))) Einschub Ende)

Ich weiss, ich habe dich auch etwas überrannt mit meinen Mails. Du allein für dich hast dir bestimmt einen Maus-Kontakt nicht so intensiv vorgestellt, so dass man jeden Tag ein Mail schreiben würde. (Eine strenge Reihenfolge der Gegenseitigkeit, wie du andeutest: "ich wäre an der Reihe"). Ist ja auch verrückt! Und manchmal hast du ganz einfach nicht die Zeit oder die Ruhe oder die Lust oder weiss was dazu. Diese Kadenz stammt von mir. Und sie hat dich ein bisschen in eine Sache hineingezogen, die du von dir aus nicht gesucht hast. Dafür entschuldige mich und ich hoffe wirklich von Herzen, dass du keine Probleme damit kriegst.

Aber das kommt - so erkläre ich mir im Moment - aus meiner gewissen Einsamkeit, wie soll ich sagen, platonischen Einsamkeit, geistigen Einsamkeit. Deshalb bist du mein Fyrklöver, und ich danke Gott, dass du nicht nur eines, sondern dass du mindestens vier Blätter hast. Wahrscheinlich hast du ja noch etliche mehr. Wir sind für das Platonische sehr begabt, das ist meine Überzeugung.

Nun, meine liebe Marlena, das war "der langen Rede kurzer Sinn" wie man in Deutsch schön sagen kann. Es war die Liebeserklärung vom Sonntagmorgen, dem 2. April, von ...  an Marlena, unter Respektierung der Paragraphen 1 bis 5.

Ich wünsche dir noch einen schönen Tag und freue mich darauf, von dir zu hören.

Mit einem feinen Gruss

Rilke - ein Mausleben

 (R)

Lieber ... ,

Ich habe im Internet nach Gedichten von Rilke gesucht, die ich für G haben wollte. Sie gibt nämlich einen Poesikurs und da meine ich, sollte Rilke nicht fehlen. Und dabei habe ich neue Dinge von Rilke gefunden, die mir sehr gefallen haben. Ich habe dir diejenigen geschickt, die ich besonders mit dir (oder mit uns) verknüpfe. Du musst sie langsam lesen und jede Zeile begründen und du wirst verstehen was ich meine. Ich glaube Rilke hätte gern ein Mausleben gelebt. Er weiss von ihren Gefahren und ihrer Schönheit. Er kennt unser Turmzimmer. Kein Gestern und kein Morgen, nur Gegenwart. Ich habe schon oft gedacht, dass du für mich eine Tür bist zu anderen Welten. Und du bist für mich auch derjenige, dem ich, obwohl ich dir fast täglich schreibe, am öftesten nicht geschrieben habe. Welch lustiger Einfall, es so zu formulieren. Ich liebe Rilke.
Und die Beschreibung des Kleinstädtchen, das nur einen Tag auswendig kann u.s.w. Rilke kennt die schreiende Monotonie eines Kleinstädchens..
Ich habe mich sehr gefreut über diesen Fund. Hoffentlich wird es dir auch gefallen.


Kleinstädte

Man muß sie gesehen haben, diese kleinen und ganz kleinen Städte in meiner Heimat. Sie haben einen Tag auswendig gelernt; den schreien sie immerfort wie große graue Papageien in die Sonne hinein. Nah an der Nacht aber werden sie namenlos nachdenklich. Man sieht es den Plätzen an, daß sie sich bemühen, die dunkle Frage zu lösen, die in der Luft liegt.


"...in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe..."
Mein lieber Freund,
Sie sind sicher in der engsten Zahl derer, denen ich am öftesten nicht geschrieben habe in all der Zeit, in der ich (von geschäftlichen Briefen und ganz knappen fälligen "Ja" "Nein" oder Dankworten abgesehen) gar keine Korrespondenz fortgesetzt habe, aus dem besten, aus dem endgültigen Grunde: Arbeit...

Brief an Karl von der Heydt, 12. Dezember 1908

Liebesnacht
...denn die Zeit ist eingestürzt.

Die Turmstube ist dunkel.
Aber sie leuchten sich ins Gesicht mit ihrem Lächeln. Sie tasten vor sich her wie Blinde und finden den Andern wie eine Tür. Fast wie Kinder, die sich vor der Nacht ängstigen, drängen sie sich in einander ein. Und doch fürchten sie sich nicht. Da ist nichts, was gegen sie wäre: kein Gestern, kein Morgen; denn die Zeit ist eingestürzt. Und sie blühen aus ihren Trümmern.
Er fragt nicht: »Dein Gemahl?«
Sie fragt nicht: »Dein Namen?«
Sie haben sich ja gefunden, um einander ein neues Geschlecht zu sein.
Sie werden sich hundert neue Namen geben und einander alle wieder abnehmen,
leise, wie man einen Ohrring abnimmt.

Aus der Dichtung «Cornet»

Zueignung
O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
[...]
Um jeden Gegenstand nach dem ich griff,
war Schein von deinem Scheine,
doch plötzlich ward aus ihm und meiner Hand
ein neues Ding, das bange, fast gemeine
Ding, das besitzen heißt. Und ich erschrak.


O wie doch alles, eh ich es berührte,
so rein und leicht in meinem Anschaun lag.
Und wenn es auch zum Eigentum verführte,
noch war es keins. Noch haftete ihm nicht
mein Handeln an. Mein Mißverstehn. Mein Wollen
es solle etwas sein, was es nicht war.
Noch war es klar und klärte mein Gesicht.
Noch fiel es nicht, noch kam es nicht ins Rollen,
noch war es nicht das Ding, das widerspricht.
Da stand ich zögernd vor dem wundervollen
Uneigentum.
 Aus: Weihnachten 1914 (ein Fragment)
(1914)

Kleinstädte 
In English
You must have seen them: these small towns and tiny villages of my homeland. They have learned one day by heart and they scream it out into the sunlight over and over again like great gray parrots. Near night though they grow preternaturally pensive. You can see it in the town squares, where they struggle to solve the dark question that hangs in the air.

from a piece composed by Rilke in 1898, when he was twenty-two, and never published in his lifetime

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Freitag, 3. Oktober 2025

Schreiben und malen ...

Liebe Marlena

Ach ja, ich erinnere mich, dass wir schon mal über die Art zu schreiben korrespondiert haben. Und auch dieses Mal wieder hatte ich den Eindruck, dass Du ganz ähnlich an die Sache gehst. Es ist ein schönes Erlebnis, wenn es gelingt, nicht wahr. Aber es ist auch ein bisschen unberechenbar. Daran kann ich mich auch erinnern. Ich wusste nie genau, wann ich endlich meinen Aufsatz schreiben könnte. Und wenn das Resultat nicht gut war, dann dachte ich mir, ich hätte ihn wohl zu früh geschrieben und noch nicht genug aufgekocht in meinem Inneren.

Aber vielleicht kannst Du Dich erinnern, wie viel Mühe Du hattest, anfangs unserer Mailerei. Erinnerst Du Dich? Oft hast Du offenbar begonnene Texte wieder gelöscht. Oder Du hast Dir soviel überlegt und zum Schluss nur ein kurzes Mail geschrieben. Ja, ich glaube, Du hast Dich gut entwickelt - meine Mausfreundin - und schreibst jetzt ziemlich spontan. Dafür danke ich Dir. Es ist gut so. Und wenn manchmal etwas nicht ganz so klar herauskommt, oder wenn Fehler drin sind (wie bei mir), so ist das auch nicht schlimm. Man sollte doch irgendwie schreiben, wie man redet. Ich jedenfalls versuche das. Und ich bin immer wieder schockiert, wenn ich es später nochmals lese, wie holperig das alles klingt.

Ja, Bonnard ist ein feiner Kerl, farblich gesehen. Er hat schliesslich auch an der Côte d’Azur gelebt. Wenn ich dort lebte, könnte ich auch eine solch goldene Palette hinkriegen, glaube ich. Das Bild, das Du mir geschickt hast, ist auch in meinem neuen Buch zu sehen. Und viele andere, die ich bisher noch nie gesehen hatte. Deshalb wahrscheinlich habe ich es gekauft, ziemlich spontan und ohne gross zu überlegen. Und dabei habe ich zuhause bereits 2 Bücher über Bonnard!! Aber ich hatte wirklich - wie Du denkst - die geheime Hoffnung, das Buch würde mich inspirieren und zur Palette zurücklocken. Es gibt in diesem Buch ein hübsches Porträt. Ich weiss nicht mehr von wem, aber es ist gut gemacht, klarer gezeichnet als bei Bonnard sonst üblich.

Weil ich selbst eher ein Zeichner bin, suche ich Maler, die mehr auf die Farben Wert legen. Ich denke, von ihnen kann ich lernen. Ich möchte vom linearen Zeichnen wegkommen und malerischer werden. Rubens ist sehr malerisch, Bonnard auch. Carlsson beispielsweise ist ziemlich zeichnerisch, wie der Jugendstil allgemein. Die Impressionisten waren anfangs stärker in der Zeichnung als in der Spätphase. Du siehst, ich habe immer noch kleine Hoffnungen. Obwohl sich in den letzten Jahren bei mir malerisch absolut nichts getan hat. Aber ich muss gestehen, dass ich meine Bilder desto besser mag, je älter sie werden. Ich habe vor 10 oder 15 Jahren ziemlich viel gemalt in der Freizeit. Und heute, wenn ich die Dinger wieder hervor nehme, bin ich ganz überrascht, wie gut sie mir gefallen. Sie gefallen mir besser als damals. Vielleicht schaffe ich es, nochmals eine kreative Phase zu gewinnen. Eigentlich sollte das möglich sein. Schliesslich wird man im Alter freier und offener. Oder etwa nicht?

Übrigens hat Bonnard in seiner Agenda jeden Tag das Wetter vermerkt. Und dazu hat er kleine Skizzen mit Bleistift gemacht. Er war kein schlechter Zeichner. Das muss man schon sagen. Aber im Wesentlichen hat er malerisch gedacht, farblich. Einige Zeichnungen sind ganz klar und mit sicherem Strich gefertigt. Und andere sind nur angedeutet und mit Schraffuren belebt. Das sind die Farbfantasien, denke ich. Ich glaube, er hat sehr viel Zeit verwendet fürs Malen. Das heisst, er hat mit kleinen Schraffuren und Strichen gearbeitet. Er war kein Pointilist. Aber er hat kleinräumig gedacht, nicht in grossen Bewegungen. Manchmal wirkt er fast ein bisschen kleinlich. Aber die Gesamtwirkung des Bildes wird dann ganz lebendig.


Ich wünsche Dir einen schönen Tag

Mit lieben Grüssen
...



Mittwoch, 1. Oktober 2025

Heute ...

 date 26 November  21:28

Lieber ...,

Mit etwas Sehnsucht denke ich zurück an die Zeit, als ich mich nach dem lesen eines Mails von dir sofort an den PC setzen konnte um dir spontan zu antworten. Heute, wie üblich, bekommst du eher eine Zusammenfassung von all den langen Gedankenmails, die ich dir inzwischen schon geschrieben habe.

Vor einer Weile habe ich im Radio eine Vorlesung von einem Stück aus Orhan Pamuks Buch "Istanbul" gehört. Das Kapitel hiess "Gespräch mit meiner Mutter". Und dabei kam mir der Gedanke, dass er ungefähr so schreibt wie du, oder eher, dass du so schreiben würdest, wenn du mal damit beginnst. ;-) Du solltest dir das Buch leihen und dieses Kapitel lesen. Dann verstehst du, was ich meine.

Mit nur ein paar Worten hast du mir deinen neuen Freund Walter ganz lebendig gemacht. Ich mag alte Leute. Sie haben so viel Lebenserfahrung und meist sind sie über die Perioden hinweg, die einem die Sicht in die Welt versperren. Eben weil ein einziges Objekt alle unsere Sinne in Anspruch nimmt.
Übrigens, eine kleine Frage. Deine männlichen Freunde heissen also Walter und die weiblichen beginnen mit Ma.. Hast du dir das aus Bequemlichkeit so eingerichtet? ;-))

Es freut mich, dass du diesen älteren Kollegen kennengelernt hast. Wie du weisst liebe ich alte Leute.. na sagen wir lieber alte Männer. Ich glaube es hat mit meiner grossen Liebe zu meinem Grossvater zu tun. Immer noch, wenn ich an ihn denke, wachse ich irgendwie  innerlich und fühle mich stolz, seine Enkelin zu sein. Als ich als Kind zu meiner Tante geschickt wurde, war es er, der mir ein Gefühl von Geborgenheit und Zusammengehörigkeit schenkte.

Danke für dein schönes langes Mail. Es war fast wie früher und irgendwie kommst du mir, obwohl du von Einsamkeit sprichst, doch jetzt wieder ruhiger und ausgeglichener vor. Ich musste dabei an eine Strophe denken, die seit meiner Studienzeit in meinem Gedächtnis hängen geblieben ist.

"Eines nur ist Glück hienieden,
Eins: des Innern stiller Frieden
Und die schuldbefreite Brust...."

A propos ältere Leute. Kürzlich war ein grosser Artikel in der lokalen Zeitung über die Dame mit dem Taschengeschäft, von der ich dir schon mal erzählt habe. Man nennt sie die "grand old lady" des Handels dieser Region und ich glaube dein kleiner Sonnenstrahl (M1?) dort im Paradies, muss so ähnlich gewesen sein. Sie steckt alle an mit ihrem freundlichen Wesen. Nicht ihr eigener Gewinn, sondern das Wohl ihrer Kunden scheint ihr das Wichtigste zu sein.
Sie wird nun bald 84 Jahre alt und arbeitet immer noch, denn sie will nicht ohne den Kontakt mit ihren Kunden sein, die sie als ihre Freunde betrachtet.

Die Tage vergehen alle so schnell. Na ja, du weisst ja, wie schnell ein freier Tag dahin schwindet. Sogar heute kann ich mich noch gestresst fühlen, weil mir die Zeit aus den Händen rinnt.
Das Wetter war zu schlecht für Spaziergänge, aber an meinen morgendlichen Tai Chi – Qigong-Übungen halte ich fest. Doch beende ich es auch manchmal, (weil es mir etwas zahm vorkommt), mit ein wenig Tanz zu einer hinreissenden Melodie. Ich denke, du lachst nun und wirst sagen, dass ich damit die innere Ruhe wieder verjage.

Ich glaube, ich schicke dir dies nun ab, falls du schon nach etwas suchst.

Ich wünsche dir einen schönen Abend mit viel Freude. Mit lieben Gs und Ks
Marlena





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Interessiert dich der Himmel so sehr?

 

Foto: Chris

Lieber ...,
Ach, was bist du lustig.
Interessiert dich der Himmel so sehr? Ich kenne keinen einzigen Menschen, der das irdische Leben gern gegen einen Himmel austauschen würde. Und gute Käsefondues oder Geranien kann ich doch auch in der Schweiz haben.

Aber deine Vorstellung von dem italienischen Himmel fand ich so lustig, dass ich sie auch Anna habe lesen lassen. Ich schicke ihr manchmal speziell lustige Produkte deiner Fantasie als erbauliche Lektüre. Ich weiss, dass du nichts dagegen hast. Sie braucht etwas Übung in der deutschen Sprache, sonst vergisst sie alles, was sie in der Schule gelernt hat.

Ja, die Italiener. Ich kann mir gut vorstellen, was sie aus einem Himmel machen könnten. Chaos ist dabei ein mildes Wort.
Meinen ersten Einblick bekam ich damals, als ich als 15-jährige meine Sommerferien in Saalbach bei einer Bekannten meiner Eltern verbrachte. Sie arbeitete dort im Sommer als Ärztin. Meistens machte sie Hausbesuche bei ihren Patienten. Doch eines Tages kam ein Italiener, der im Hotel nebenan Urlaub machte, in ihre Praxis, die zugleich unsere Wohnung war. Er hatte sich etwas gebrochen oder vielleicht nur verstaucht. Aber er kam nicht allein. Hinter ihm drängte sich eine ganze Sippe herein, die bald den ganzen Raum füllte. Man hörte sie laut „herumlamentieren und palavern" wobei sie wild gestikulierten. Die Situation war ähnlich wie wenn ein Fuchs in den Hühnerhof kommt.

Aber, na ja, vielleicht könnte ich es akzeptieren, wenn ich wüsste, dass ich dich dort wiederfinden würde. :-)

Dienstag, 30. September 2025

Ein italienischer Himmel

 


Liebe Malou

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In deinem nächsten Leben wirst du also italienisch parlieren. Und wenn es kein zweites Leben gibt. Dann wirst du im Himmel auf italienische Weise herumlamentieren und palavern? Das stelle ich mir lustig vor. Überhaupt, sich den Himmel italienisch vorzustellen, führt bereits zu einem kleinen Lachanfall. Ja, ich glaube, die Italiener könnten den Himmel sehr gut übernehmen. Sie würden ihn mit ihrem Chaos bereichern. Ich würde mich dann auch sehr gerne an der Türe anstellen, schon nur wegen der vielen schönen Italienerinnen, respektive der dunkelhaarigen Engelein. So könnte ich mir den Himmel durchaus auch vorstellen. Und zu Mittag tragen die ehrwürdigen Erzengel grosse Schüsseln mit Spaghetti auf. Herrlich! Und herrlich auch die Tomatenflecken, die sich auf all den himmlischen, leuchtendweissen Hemden und Röcken ergeben. Wunderbar! Ich glaube, ein italienischer Himmel wäre prima. Und nach all dem Durcheinander und einem Schluck Chianti gäbe es eine himmlische Siesta.


Ich glaube, ich melde mich gleich an.


Montag, 29. September 2025

Chaotismo

Liebe Malou

Ja, der italienische Chaotismo. Die Person, die diese Theorie entwickelt hat, ist ein lustiger Kerl. Er war lange Jahre Auslandkorrespondent für das Schweizer Radio in Rom. Ich meine, es war in jenen Jahren, als Rom noch richtiges Ausland und weit weg war. Und ich erinnere mich an seine Stimme. Als ich hier in meinem Club für das Programm verantwortlich war, hat dieser Victor Willi plötzlich angerufen. Er hat mir - ziemlich eloquent - erklärt, dass er gerade in der Schweiz weile und dass er, weil er seine Pension aufbessern müsse - weil das Schweizer Fernsehen eben leider etwas mickerig zahle - dass er also in Rotary und Kiwanis Clubs Vorträge mache. Ich sagte ihm, dass wir für die Vorträge nichts bezahlen. Normalerweise sind Referenten stolz, bei uns vortragen zu müssen. Wir offerieren das essen. Er wiederholte seine Argumente und so war ich schliesslich einverstanden. Ich glaube, ich habe ihm 100.- oder 150.- SFR versprochen.

Und dann kam dieser Victor Willi und hat einen erstklassigen Vortrag über Italien gemacht. Nebenbei hat er auch noch Reklame gemacht für sein Buch, das er verkaufte, und für Rhetorikkurse, die er gab. Ich glaube, einige meiner Kollegen haben bei ihm schliesslich einen Rhetorikkurs gemacht. Kurz und gut: er entpuppte sich als eine Perle in meinem Programm, und ein Kiwanis Freund, dessen Frau Norditalienerin ist, kam geradezu in Tränen aufgelöst und hat mir dafür gedankt.

Und in diesem Vortrag hat er eben seine Theorie des Chaotismo erklärt. Sein Ausgangspunkt war eine Autopanne, die er mal irgendwo hatte. Und dann hat er mit viel Worten und viel Emotion geschildert, wie er jemanden kennen lernte, der ihn eingeladen hat, bei sich zu übernachten. Wie er trotz der Panne mit Ach und Krach seine Ziele noch erreicht hat. Und wie daraus eine grosse Freundschaft entstanden sei. Ich glaube, der Kerl hat auch noch dafür gesorgt, dass sein Auto wieder in Funktion komme.

Na ja, ich glaube, in Persien ist das ähnlich. Es gibt so viele Dinge, die nicht funktionieren, die anders laufen, als du erwartet hast, die durch Pannen darnieder liegen, dass immer wieder Improvisation und Kreativität gefragt ist. Und man kann sich gegenseitig helfen, und man kann sogar bisweilen Heldentum entwickeln, ohne Zweifel! Aber bei uns in der Schweiz, wo alles funktioniert, wo jeder mit Versicherungen abgedeckt ist, wo die Autos ohne Panne fahren und fahren, da tritt der Mensch kaum mehr in Erscheinung. Na ja, Malou, um kein Geld in der Welt würdest Du auf unsere Mailerei verzichten. Das ist schön gesagt, schon fast ein wenig heldenhaft. Ich danke für das Kompliment. Ich glaube auch, dass Geld tendenziell eher unglücklich macht. Geld scheint gut, solange man nicht zuviel davon hat. Dann ist es ein perfekter Sehnsuchtspunkt. Aber wenn man es hat: um Gottes Willen. Es braucht Nerven und bereitet Sorgen. Nicht dass ich Dir da aus Erfahrung berichten könnte. Aber man merkt das aus diversen Beobachtungen.



Weißt Du, was ich aus meinen Büro-Fotos festgestellt habe? Mein Chaos ist gar nicht so schlimm. Ich meine, mein Pult sieht doch gar nicht eigentlich unordentlich aus. Vielleicht viel beschäftigt. Vielleicht viel interessiert. Vielleicht vielseitig. Aber doch nicht echt chaotisch. Mindestens liegen die Papiere doch alle in Reih und Glied, so wie man sich die preussische Armee vorstellt. Ich kann das so leichthin sagen, weil gestern Abend offenbar unser Putzengelchen hier war. Sie hat aufgeräumt und nimmt sich in der Regel viel Zeit, meine Papiere schön ordentlich auf eine Linie zu bringen. Sie darf ja nichts wegnehmen oder verschieben. Also bleibt bloss, alles ein wenig zu begradigen. Und siehe: wenn ich am Morgen komme, sieht es aus als ob es hier wirklich gemütlich wäre. Es sieht irgendwie 'ordentlich' aus, gepflegt und mit Sorgfalt umspielt. Es ist erstaunlich, wie viel man erreichen kann bloss durch 'begradigen', d.h. die Beigen von Papier einfach gerade rücken. Dieses Wochenende haben wir Doppelstress, würde A sagen. Einerseits ist Muttertag. Andererseits gibt es eine Buchmesse in Basel, die ich gerne besuche. Und dann steht noch Onkelchen auf dem Programm. Das ist ein wenig viel für bloss ein Wochenende. Aber wir werden ja sehen. Ach ja, die Vorbereitung der Sitzung vom Montag habe ich gar noch nicht erwähnt. Und dienstags ist die grosse Sitzung. Nun: alles mit der Ruhe ! Puh, jetzt muss ich mich beeilen.
Ich wünsche Dir einen feinen Tag
MlGuK 
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