Sonntag, 6. April 2025

Was hat dich besonders beeindruckt in dem Film?

 Ämne: Re: freitagmorgenwiedereinmal

Datum: den 4 april 13:50

Lieber ...,



Samstag, 5. April 2025

Kinobesuch und Gedanken über (oder Angst vor dem?) Ruhestand

 

Subject: freitagmorgenwiedereinmal
Date: 4 Apr 07:33


Liebe Marlena
Soviel ich weiss, solltest Du gestern schon ein Mail finden. Hast Du alle Deine Boxes abgesucht? Vielleicht habe ich es wieder in der Wohnung im 1.Stock abgegeben.
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Ich bin auch sehr gespannt, wie Du die 'Hours' erleben wirst. Ich stelle mir Dich vor, in der zweiten Reihe, in einen Plüschsitz verkrümelt, vor Dir eine riesige Tüte Popkorn, so dass es beim Knabbern nur so Knirscht und kracht. Es war lustig, als ich den Film gesehen hatte. Am Ende der Vorstellung verliess ich das Kino über eine Freitreppe, die direkt auf die Strasse hinunter ging. Ich war irgendwie noch so beeindruckt vom Film, dass ich mich auf dieser Strasse gar nicht orientieren konnte. Ich wusste rein logisch, wo ich war. Es war eine Zwischengasse, die man sonst selten begeht. Aber ich wusste nicht, in welche Richtung ich gehen sollte. Und ich war zu bequem oder zu abwesend, mir konzentriert zu überlegen, wo genau ich mich befand. Und ich spazierte mindestens 20 m, bis ich mich an einer bekannten Kreuzung wiederfand.
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Es ist hier ziemlich kühl geworden, obwohl der Himmel nur leicht bewölkt ist. Die Wärme des Vorfrühlings, die wir noch vor ein paar Tagen eingeatmet haben, ist wieder verschwunden. Heute Morgen sehe ich, wenn ich aus dem Fenster schaue, eine Reihe von Kaminen, die noch winterlich räuchern. Aber ich glaube, es wird schon noch. Wir müssen etwas Geduld haben mit dem Wetter.
(---)
Auch ich bin ziemlich müde zur Zeit. In letzter Zeit erwache ich wieder frühmorgens. Und dann wälze ich mich im Bett und all die Dinge, die zu tun wären, gehen mir durch den Kopf. Ich bin hier auf unserem Dienst praktisch allein, der 100% arbeitet. Die meisten - es sind allerdings Frauen - arbeiten 50 oder 60%. Und auch die Männer tun das neuerdings. Einen hatte ich vor schon längerer Zeit getroffen. Er war frisch geschieden und hatte sich soweit erholt von seiner tiefen Depression, die ihn für ein halbes Jahr arbeitsunfähig gemacht hatte. Stolz meinte er an jenem Freitag, das wäre jetzt sein Waschtag! Und glücklich ging ich zurück in mein Büro.
Ich versuche mir immer wieder vorzustellen, wie es einmal sein wird, wenn ich pensioniert bin. Und ich gebe mir riesige Mühe, das nicht allzu schön auszumalen. Ich denke mir, wie mich die Langeweile plagt, wie ich mich ärgere, dass ich nicht mehr im Zentrum des Geschehens sitze, dass ich nicht mehr einmal pro Monat in einer Konferenz sitze mit dem Gouverneur, wo ich höre, was abgeht im Kanton. Ich bin dann, so meine Vorstellung, in die absolute Unbedeutsamkeit und Peripherie abgedrängt. Die Leute kennen mich nicht. Die jungen Menschen werden immer jünger und verrückter. Und auf dem Gehsteig, wo mir die Leute begegnen, schaut mich nicht mal einer an, wo ich doch danach lechze, den einen oder anderen zu grüssen. Das ist der Grund, weshalb ich manchmal alte Leute auf der Strasse demonstrativ, laut und freundlich grüsse. Das tut ihnen gut. Sie kommen aus einer Welt, wo jeder jeden auf der Strasse noch gegrüsst hat. Und in ihren Augen kannst Du sehen, dass sie immer noch diesen Reflex bereit haben. Sie wollen grüssen, aber keiner beachtet sie. Deshalb geniessen wir es, solange wir noch nicht in Pension sind. Es ist ein Privileg, arbeiten zu können. Soviele junge Leute sehnen sich nach einem Job, würden alles dafür geben. Und wir sitzen widerwillig auf unseren breiten Hochlehnern im Büro und träumen von der Pension. Das geht nicht!
So versuche ich mich immer wieder zu überreden, mit meiner heutigen Situation zufrieden zu sein.Ich muss mich ja auch nicht mehr zu Tode ackern, sondern kann die Arbeit gemächlich machen. Wenn nicht mehr alles perfekt ist, wird man es mir, diesem Kollegen im vorgerückten Alter nachsehen. So hoffe ich wenigstens.
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Was wir vermissen, ist eine gute Lebensphilosophie. Ich finde, ich habe wenig ältere Männer, denen ich abschauen könnte, wie man im vorgerückten Alter lebt. Mein Onkelchen ist eine Ausnahme, aber er ist jetzt doch schon etwas zu alt und gebrechlich. Ich denke jetzt eher an die Jahre zwischen 60 und 70. Ich muss mir dafür ein Konzept zurecht legen!!
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Trotzdem wünsche ich Dir einen schönen Tag
Grüsse







Dienstag, 1. April 2025

Fortsetzung 1. April

 

Liebe Marlena

Se non é vero, e ben trovato!

Bevor dein Schock total wird, möchte ich dich vorsichtig darauf hinweisen, dass das dieses erste Mail von heute ein Aprilscherz (APRIL-SCHERZ) ist. Habe ich heute morgen gerade noch rechtzeitig bemerkt, dass 1. April ist. Und so habe ich mir gedacht, ich könnte dich etwas aufheitern. Hast du was bemerkt? Hast du geglaubt? Stell dir vor 135cm, das wäre ja grässlich. Ich würde bei der Eisenbahn glatt mit einer Kinderfahrkarte durchgehen! Und ich würde im Alkohol enden, wie Toulous.Lautrec. Und der bei Grass hiess Oskar Mazareth (weiss nicht, wie sich das schreibt?), jetzt fällt es mir gerade wieder ein. Der war ja auch nicht gerade der glücklichste. Also, liebe Marlena, ich dreh mich jetzt von 75 wieder auf 100%, wenn du erlaubst.

Wie weit bist du mit der Arbeit? Trinken wir einen kurzen Kaffee zusammen und dann erzähle? Mélange, wenn du willst, wie in Wien.

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Geständnis



Lieber ...!

Du fragst nach meiner Grösse. Also gut: wenn wir die Champs-Elysées hinuntergehen, dann ist es bequem für dich, deinen Arm um meine Schulter zu legen. Du musst ihn nicht hinaufstrecken. Ich finde es schön bei solchen Gelegenheiten, dass du etwas grösser bist als ich. Dass die Schwedinnen 1.80 wären stimmt nicht, eher zwischen 1.65 - 1.75



Liebe Marlena

Nein, eigentlich wollte ich so genau von dir wissen, wie gross du bist, nun ja, wie soll ich dir das sagen, weil ich selbst eher klein bin. Ich habe vielleicht mal eine Grösse gesagt, aber ich muss dich enttäuschen, ich kann wohl nicht auf deine 175 oder so hinaufreichen. Meine kleine Statur hat es eben gemacht, dass ich gelernt habe, mich schriftlich auszudrücken. Mündlich komme ich bei den Leuten schlecht an. Sie nehmen mich nicht ernst. Verstehst du, Marlena, mit 135 spricht man aus der Froschperspektive. Da muss jedes Argument doppelt genäht sein, da sollte jeder Satz sitzen. Also, höchstens beim Sitzen könnte ich Dir meinen Arm um die Schulter legen. Denn was mir an Länge fehlt, fehlt vor allem an den Beinen. Das ist ein bisschen wie bei Toulouse-Lautrec, oder bei diesem kleinen Kerl da in Grass' Blechtrommel, wie hiess er schon. Allerdings trage ich keine Trommel herum, da kann ich dich beruhigen, meine liebe Marlena, und ich zersinge auch nur in Ausnahmefällen Gläser.. Du musst dir auch vorstellen, welches Bild wir auf der Champs Elysees abgeben würden!! Du in deiner ganzen wunderschönen Statur und ich daneben wie ein Mickey Mouse, in kleinen rasanten Schrittchen. Die Passanten würden sich doch nach uns umdrehen. Manchmal wollen si sogar Autogramme von mir. Da gehen wir doch lieber gleich in eines dieser Nobelrestaurants und ich lass mir einen Hochstuhl kommen. Meist haben sie ja diese Stühle für die Kinder. Die sind zwar etwas eng, aber meist komme ich ganz gut hin. Und wenn meine Beine erst einmal unter dem Tisch sind, dann sieht man mir das kaum mehr an. Dann müsstest du dich nicht mehr genieren.
Das meine liebe Marlena, wollte ich dir heute, speziell heute, noch kurz sagen.
Ich hoffe, du magst mich trotzdem als Mausfreund??
Mit einem schönen Gruss
...

Samstag, 29. März 2025

Tuesday evening

 Subject: Tuesday evening.

Lieber Mausfreund!
Ich kann es einfach nicht lassen. Habe deinen schönen Brief nochmals durchgelesen und nun muss ich dir doch ein paar Zeilen schreiben, trotz Mangel an Zeit. Wenn ich so weitermache, bin ich bald bei den 80 % Arbeit und 100% Lohn, die du mir vorschlägst. Zu meinem Trost sage ich, dass nicht immer die lange vorbereiteten Stunden die besten sind und hoffe, dass mir das Schicksal morgen hilft.

Ja, deine Beichte habe ich entgegengenommen.. und du kannst sicher sein, dass ich es nie jemandem verraten werde ;-))) Was für eine Todsünde du da begangen hast! Oder habt ihr vielleicht nicht sowas lesen dürfen an deinem katholischen Gymnasium? Würde mich nicht wundern denn es wird viel gesündigt im Faust wie Liebe vor der Hochzeit, Mord, uneheliches Kind und das schrecklichste am Ende des 1. Teils. Goethe hat ihn wohl schon mit 18. Jahren geschrieben und den 2. (nicht zu geniessen) erst als er 80 war? Weiss nicht, ob ich mich richtig erinnere.
Die schönen Stimmen der Schauspieler würde ich dich gern hören lassen. Ich werde mich bemühen, deinen Defekt zu verringern :-)

Das, was du mir von S's Familie erzählt hast, klingt so wunderschön, wie in einem Märchen. Ich sah neulich einen Dokumentarfilm über eine Frau aus dem Iran (sie lebt seit vielen Jahren hier in Exil), die ihren ersten Besuch bei den Verwandten in Teheran machte. Es hat mich fasziniert. Gewiss, man sah die Armut, die jetzt dort herrscht, aber ich kann nicht verstehen, wie ein Mensch, der an die Lebensart dort gewöhnt ist, sich in unserem Lande zurechtfinden kann. Das Leben ist so grundverschieden. Hier leiden viele Leute an Mangel an sozialen Kontakten. Nur sehr nahe Verwandte, die in der Nähe wohnen, treffen sich manchmal. Oft kennt man nicht einmal seine eigenen Kusinen.

Dir hat das Wochenendleben in meinem Elternhaus gefallen? Das freut mich. Es war auch schön. Es ist herrlich für ein Kind Erwachsene froh zu sehen und lachen zu hören. A propos interessante Leute möchte ich dir von einem anderen kleinen Erlebnis erzählen das mir in Erinnerung kommt. Mein Onkel war mit uns Kindern in den Zirkus gegangen (Zirkus Scott glaube ich). Es wurde ihm wohl etwas langweilig und so begann er mit jemandem von den Zirkusleuten zu sprechen. Nach der Vorstellung wurden wir in einen Zirkuswagen eingeladen, wo uns ein Paar in den mittleren Jahren zum Kaffee einlud und von ihrem interessanten Leben erzählten. Sie waren Löwenbändiger gewesen hatten aber mit der Zeit (aus Altersgründen) auf Seelöwen umgesattelt. Sie zeigten Fotos und wir Kinder staunten nur so.

Die jungen fröhlichen Menschen, die ab und zu bei unseren Festen auftauchten, habe ich schnell wieder vergessen - sie gehörten sozusagen zu den Kulissen oder waren irgendwelche Statisten. Dagegen haben einige Freunde meiner Eltern einen tiefen Eindruck auf mich gemacht. U.a. der Arzt (auch Veterinär) aus Wien, der eine Schwedin geheiratet hatte und später mit ihr nach Schweden gezogen ist. Viel von dem, was ich über Wiener Leben und Atmosphäre kenne, habe ich durch ihn gelernt. Er gehörte zur Prominenz in Österreich und du kannst dir sicher vorstellen, was das bedeutet in dieser k&k Monarchie, wie du sie zu nennen pflegst.

Wenn die Wiener witzen wollen, nehmen sie ganz einfach eine schöne klassische Melodie und singen dazu einen ganz schrecklichen Schmähtext. So kann ich noch heute gewisse schöne romantische Musikstücke kaum hören, ohne dabei sofort an irgend einen ganz wahnsinnigen Text zu denken :-)


Dann hatten wir eine Freundin meiner Tante. Sie war Künstlerin und sehr originell. Eigentlich sah sie aus wie ein kleiner Mann mit O-Beinen. Aber ich sage dir: Nie in meinem Leben habe ich ein so weibliches Geschöpf kennengelernt. (Ihre Bewegungen und Art zu Reden) Ich freute mich in meinem Herzen, wenn sie ihren Besuch ankündigte. Dann blieb sie meistens eine Woche und wir halfen ihr Ausstellungen zu arrangieren. Ihr Mann war ein noch grösserer Künstler und es war interessant zu sehen, wie verschieden sie eine Landschaft malten. Seine gingen in "Moll", wenn man so ein Wort verwenden darf und ihre waren hell und sonnig, die Freude selbst. Natürlich konnte ein solches Paar nicht zusammenleben - es hätte ihrer Kunst geschadet. Eigentlich war er ein Portraitmaler.

Und nun zu dem Mann, an den ich dachte, als du mir von dem Onkel deiner Freundin erzähltest. Er war ein pensionierter General, der persönlicher Adjutant beim alten König gewesen war. Manchmal erzählte er ein wenig davon, aber seine eigentliche Grösse war sein anspruchsloses Wesen. Er war wie ein zweites Familienmitglied. Ich hatte ihn sehr gern (vielleicht weil er mich an meinen geliebten Grossvater erinnerte). Auch er liebte es zu malen und seine Wände waren voll von wunderschönen Gemälden, die er selbst gemacht hatte.

Übrigens. Für den Louvre brauchen wir wohl mehr als einen Tag, oder? Ich höre dich schon, mir die Barockmalerei erklären :-) Ich glaube, ich muss ein wenig aufpassen, sonst geht es mir wie dir ;-)


"Meine Ruh ist hin
Mein Herz ist schwer
Ich finde sie nimmer
Und nimmermehr.... "

Armes Gretchen, hat sich in Faust verliebt.:-)


Ich Grüsse dich herzlich.
Deine Mausfreundin
Marlena

Donnerstag, 27. März 2025

Wednesday probably - Besuch in Paris




"unser Lischen hat nur geschmunzelt ..."



Subject:  Wednesday probably

Liebe Marlena

Vor ein paar Jahren waren wir die ganze Familie für ein paar Tage in Paris, per Eisenbahn von Basel bis in die Gare du Nord, Halbpension in einem Hotel Nähe der ehemaligen Hallen (le ventre de Paris nach Zola), also ziemlich zentral. Es war nicht weit zum Louvre, Gare d'Orsay, Sainte Chapelle und so fort. Doch meine grosse Entdeckung, muss ich dir schon wieder etwas beichten, war das Warenhaus Printemps. Irgendwie geriet ich mit meinen Töchtern in die Abteilung der Spiel- und Sportwaren. Und sie genossen es, alles anzuschauen und die Unterschiede zu einem schweizerischen Warenhaus herauszufinden. Und als wir schliesslich schon etwas müde und durstig waren, entdeckten wir, dass es im obersten Stockwerk ein Restaurant gab. Wir fuhren mit dem Lift hinauf. Das Haus war überigens ein altes Jugendstilhaus, und in der Mitte gab es einen zentralen Hof. Die Stockwerke türmten sich um diesen Hof wie Balkone in die Höhe mit schönen Jugendstilgeländern. Vom obersten Stockwerk konnten wir also hinunter in den Bauch dieses schönen alten Hauses sehen und mit einer „göttlichen" Perspektive die Menschen, also die Kunden dieses Warenhauses, weit unten beobachten. Aber das war noch nicht der „clou", meine Liebe, den ich dir erzählen wollte. Wir suchten nun dieses Restaurant auf und entdeckten dabei, dass es oben auf dem Dach noch eine Terasse gab. So stiegen wir ein Stockwerk höher und erreichten eine schöne, grosse und sonnige Terasse, von wo man einen wunderschönen Ausblick über Paris, die Seine und die Ile de la cité (wie schreibt man das??) hatte. Das war für mich eine echte trouvaille. Seither habe ich mir eingeprägt, dass man sich Paris von den Dächern der grossen Warenhäuser anschauen muss. Und meine belle-soeur (ein schönes Wort, schreibt man es so?) hat das auch bestätigt. Wir werden also, Marlena, darauf kannst du dich verlassen, oben auf Printemps ein kleines Wässerchen trinken und in die Strassengassen von Paris hinuntergucken, bis hinauf zum Arc de Triomphe, mit Sacré Coeur im Rücken, über das Pariser Rathaus hinweg bis hinüber zur Sorbonne und zur Kuppel des Panthéon. Das ganze Panorama ist von dort wunderbar zu sehen.

Nun ja, eigentlich wollte ich dir erzählen, wie ich bei diesem kleinen Aufenthalt mit A. den Louvre besuchte. Meine Frau war mit der jüngeren Tochter irgendwie unterwegs und es ging schon gegen Abend. Ich redete auf A. ein, dass es eine Todsünde sei, Paris zu besuchen ohne den Louvre gesehen zu haben, das sei sozusagen wie ein Big Mac ohne Ketchup oder so. Sie wollte von diesem Louvre gar nichts wissen, fürchtete, es würde öde und langweilig werden. Schliesslich hatte ich sie soweit, dass wir etwa um 1600h, beim heiligen Versprechen, nicht länger als eine Stunde, die Karten lösten und ich sie also in diesen Louvre schleppte. Wir eilten förmlich durch die langen Gänge, wir fuhren Slalom zwischen den amerikanischen Touristen, wir hätten am besten die Inline-Skates mitgenommen, so eilig gingen wir den Klassikern entlang. Bei einigen besonders berühmten, etwa bei der Mona Lisa – wie ich mich erinnere – musste man sozusagen erst die Fliegen vor dem Bild verscheuchen, damit man kurz einen Blick drauf werfen konnte. Die Fliegen entpuppten sich als die mit Fotoapparaten bewaffneten Scharen von Japanern. So habe ich mir mit A. den Louvre angeschaut, in einer knappen Stunde, es war praktisch ein Jogging Parcours. Und heute erinnert sie sich bloss noch an diese kleine Mona Lisa, die hinter dickem Glas und einer Traube von Japanern kaum zu sehen gewesen war. Doch unser Lischen hat nur geschmunzelt, das kann ich dir versichern, angesichts unserer Eile, so wie sie immer schmunzelt, angesichts des Lebenstempos unserer Tage. Jemand (weiss nicht mehr wer) hat einmal geschrieben, er hätte den Eindruck, Mona Lisa schaue ihn an wie seine Frau, wenn er nach Mitternacht heimkomme und behaupte, er hätte noch im Büro gearbeitet. Das hat er – so finde ich – schön und treffend gesagt. Sie lächelt in der Tat irgendwie ungläubig!

Aber im Grunde genommen wollte ich nur auf deinen Vorschlag eintreten, für den Louvre einen Tag zu reservieren. Es können meinetwegen auch zwei Tage sein, obwohl man ja in diesen Museen totmüde wird (und dann den Arm auf die Schulter seiner Freundin legt, um sich etwas abzustützen, wie du hilfsbereiter Weise vorgeschlagen hast), und obwohl es in Paris noch andere Sehenswürdigkeiten zu berücksichtigen gäbe. Schliesslich möchte ich, dass du mir einmal rasch die Sorbonne zeigst. Die kenne ich noch gar nicht und die würde mich sehr interessieren, obwohl ich irgendwo unter meinen alten Fotos eine Abbildung eines schweren klassizistischen Hofes habe, den ich mal in der Sorbonne geknipst hatte. Und gleich daneben habe ich ein Foto aus einer wunderschönen Bibliothek in der Nähe des Panthéon, benannt nach der Stadtheiligen, wenn ich mich nicht irre.

Nun ja, wir sind wieder einmal in Paris gelandet. Das ist unser kleinster gemeinschaftlicher Nenner, wie man in der Mathematik und im Bruchrechnen sagen würde. Unsere Wege führen nicht nach Rom, sondern nach Paris, meine Mausfreundin. Und hat nicht jemand, im Kampf der Konfessionen, gesagt, Paris sei eine Messe wert?, oder eine Sünde?, das weiss ich nun nicht mehr so genau, ist aber im Grunde auch kein grosser Unterschied.

Damit bin ich ziemlich nahtlos und organisch bei Faust und meiner katholischen Schule gelandet. Es ist in der Tat möglich, dass die katholische Mentalität der Grund war, weshalb wir uns nie an die Lektüre des Faust vorgewagt hatten. Ich kann mich noch schwach erinnern, wie uns der Professor (an dieser Schule nannte man damals die Lehrkräfte noch Professor, heute – so glaube ich – nicht mehr) damals mit geteilt hatte, er würde uns den Faust erlassen. Wir waren alle erleichtert und wir hatten den Eindruck, es sei die reine Barmherzigkeit des Lehrers, und nicht der profane und laszive Inhalt des Faust. Na ja, „lasziv" ist ein bisschen dick aufgetragen!



Es ist wunderschön, Marlena, wie du von deinen Jugenderinnerungen sprichst und von den Personen, die dich damals beeindruckt und geprägt haben. Es ist eine richtige Ahnengalerie, die du mir vorführen kannst. Und im Zentrum thront dein Grossvater mit seinen eindrucksvollen violetten Augen. Oder der Wiener Arzt, den du schon früher erwähnt hattest. Die Episode aus dem Zirkus hat mir besonders gut gefallen. Sie zeigt, wie schön es ist, wenn Erwachsene ihren Kindern die Welt zeigen und sie in die vielen schönen, geheimnisvollen und interessanten Bereiche des Lebens einführen können. Dein Onkel muss ein sehr jovialer Mensch gewesen sein mit einem guten Auge für alles Interessante und Aussergewöhnliche. Ich habe diese „Einführung in die Welt" auch immer genossen, als meine Töchter noch kleiner waren. Wir sind einmal in aller Eile und Hals über Kopf einem Heissluftballon nachgefahren, weil ich ihnen ein solches Ungetüm aus der Nähe zeigen wollte. Er landete schliesslich etliche Kilometer entfernt, aber wir konnten diese Landung aus nächster Nähe beobachten. Allerdings kann ich mich auch erinnern, wie ich mich für die Menschen geschämt habe, wenn meine Töchter etwa zufälligerweise in den Fernseh-Nachrichten irgend etwas Schlimmes gesehen hatten und dann wissen wollten, wie es sich damit verhalte. Ich habe mich wirklich geschämt für Kriegsszenen oder Verbrechen oder andere schlimme Sachen. Und es ist wohl genau diese Schamgrenze, die das Fernsehen aufbricht, von der der Mediensoziologe Postman mit seiner These vom „Ende der Kindheit" spricht. Kennst du seine Theorie?  Postman meint: seit der Renaissance gibt es eine Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenen, besonders in der Zeit des Bürgertums seit der französischen Revolution. Die Grenze ist entstanden durch die „Gutenberg Galaxy" (wie Mac Luhan sagt), die Verbreitung der Literalität auf grosse Teile der Menschen in den modernen Gesellschaften. Kinder, solange und soweit sie nicht Lesen konnten, waren in diesen Zeiten geschützt vor den überwältigenden Informationen von Sex and Crime. Die Lesefähigkeit bildete sozusagen erst den Zugang zur Welt der Erwachsenen, war eine Art Zensurgrenze. Heute aber, durch das Bild und durch das Fernsehen vor allem, ist dieser Schutz für die Kindheit nicht mehr aufrecht zu erhalten. Kinder werden heute mit denselben Informationen überschüttet wie die Erwachsenen. Es wird ihnen alles zugemutet. Und in diesem Sinne spricht er, in Anlehnung an Ariès, vom „Ende der Kindheit". Die These Postmans hat schon etwas für sich, auch wenn er eine etwas allzu vereinfachte, eben amerikanische Variante darlegt. Man hat beispielsweise in Krankheitsstatistiken festgestellt, dass heutige Kinder nicht mehr so sehr an den alten, typischen Kinderkrankheiten erkranken, sondern an denselben Leiden, wie die Erwachsenen. Das sind vor allem psychoorganische Leiden und Allergien, im Zusammenhang mit nervöser Belastung. Man kann auch in Kriminalitätsstatistiken sehen, wie die Grenze zwischen Kindern und Erwachsenen langsam verblasst. Die Vergehen von Kindern und Jugendlichen mit Schusswaffen der letzten Jahre in Amerika, aber auch in Europa, weisen in diese Richtung. Das Alter des Drogenkonsums sinkt. Und wenn man früher sagen konnte, die Kinder seien wie kleine Erwachsene gewesen, so muss man heute sagen, die Erwachsenen sind oft ziemlich wie kleine Kinder (Kleidung, Verhalten etc.) geworden. Die Generationen haben sich irgendwie angeglichen. Du hast es auch erwähnt bei den Jugendlichen, die à la americaine schon wie Ehepaare zusammenleben.

*

Doch wir haben von deinen schönen Erinnerungen gesprochen. Es macht dich wirklich schön, Marlena, wenn du von diesen Bildern sprichst! Es gibt dir eine Ausstrahlung wie jene von Chagalls Geiger, wie eine Sonnenblume van Goghs, und ich bin sicher, man wird es dir auch physisch ansehen, was ich nun ja aus diesen 2000km nicht feststellen kann (bin leider zu kurzsichtig!!), aber doch schwer vermute.

Ich finde es – nebenbei gesagt – auch eine Pflicht, unseren Kindern von diesen alten Zeiten und ihren Personen zu erzählen. Man soll es zwar nicht übertreiben, denn die Kids haben schnell genug. Aber ein bisschen hören sie doch hin, und wenn sie älter werden, werden sie sich wieder daran erinnern. Das ist auch der Grund, weshalb ich jedes Jahr unseren Familienbrief für alle unsere Bekannten und Verwandten in aller Welt schreibe. Ich erzähle, oder besser, wir erzählen, was in unserem Familienkreis im vergangenen Jahr passiert ist. Das gibt 5 – 10 Seiten jedes Jahr. Und das tun wir jetzt schon seit 10 Jahren. Eigentlich ist es schade, dass wir nicht schon bei Geburt der Kinder angefangen haben, denn es gibt bei kleinen Kindern soviele drollige Vorkomnisse und auch Gespräche, die man leider später wieder vergisst. Insgesamt sind es etliche Papierseiten, die zusammengekommen sind. Und wenn unsere Töchter einmal ausziehen werden, oder heiraten oder was weiss ich, dann werden wir ihnen diese Art Familienchronik mitgeben. Sie sollen sich erinnern! Man soll sich seiner Familie erinnern, das ist eine Wurzel des Selbstbewusstseins. Vielleicht sind es ja nicht ihre wirklichen Erinnerungen, aber es sind Erinnerungsstützen und aides mémoire. Doch im Moment ist der jährliche Brief einfach ein Kontakt mit unseren vielen Bekannten. Vor allem ältere Tanten und Onkel schätzen die Informationen und meine Zeichnungen dazu sehr. Die jüngeren Freunde melden sich gelegentlich oder schreiben eine Karte. Insbesondere wenn man sich nach langer Zeit wieder trifft, hat man das Gefühl, man sei immer irgendwie in Kontakt gestanden und man hat so auch Gesprächsthemen zur Verfügung. Das ist sehr gut, obwohl es jedes Jahr eine Anstrengung ist, diesen Brief zu schreiben und sich auf die Themen (manchmal sogar auf Formulierungen) zu einigen.

Ich muss an meine Arbeit, meine Liebe. Sonst bin ich es, der bloss 80% erreicht. Du erstaunst mich überigens. Ich habe nie und nimmer gedacht, dass Lehrkräfte auf der Gymnasialstufe soviel für ihre Lektionen vorbereiten. Vor allem natürlich in den mathematischen Fächern glaube ich nicht, dass sie das tun. Aber du scheinst ja mit deinen vielen Arbeiten und Preparationen wirklich eine ausergewöhnliche Ausnahme zu sein. Unter all diesen Studienrätinnen und Studienräten, den schwedischen ebenso wie den schweizerischen, scheinst du doch eine echte Musterschülerin zu sein. Ich hoffe, deine Schüler wissen das zu schätzen! Mindestens sie, denn ich tue es nicht sonderlich, angesichts der knappen Zeit, die dir übrig bleibt.

Ich mag dich trotzdem sehr
...

Paris


 
Lieber

Seit gestern sind wir hier. Und Ullas Schwager hat uns in seinem flotten Van bei Porte Maillot abgeholt und sicher ans Ziel gebracht. Av. André Morizet. Schon als ich sah, wie er seinen Wagen geparkt hatte, sah ich ein, dass ich nun wirklich in Paris war.

Es ist ein wunderbares Stadtviertel, elegant aber zugleich typisch französisch, so wie ich es am liebsten mag. Das Appartement besteht eigentlich aus zwei Dreizimmerwohnungen, die man mittels ein paar Veränderungen zu einer etwas originellen Wohnung umgebaut hat.

Und so habe ich auch U's Schwester kennengelernt. Sie ist eine sehr hübsche Frau und sie spricht nach all den Jahren immer noch perfekt schwedisch, obwohl mit einem kleinen pikanten Akzent. Gestern haben wir uns bei einem herrlichen Dinner in der Familie gut unterhalten und es hat mir Spass gemacht, wieder einmal ein wenig Französisch zu sprechen.

Was wir gegessen haben? Ein herrliches blutiges Steak mit verschiedenen leicht gekochten Gemüsesorten, dazu zwei leckere Saucen und als Getränk Bier und Wein.

Ach, wenn du wüsstest wie lange ich an diesen paar Zeilen herumgemurkst habe. Einen Preis für Ausdauer bin ich schon wert. Die Tastatur hier ist ganz anders, und meine Finger wollen das nicht akzeptieren.

Heute sind wir früh in die Stadt gefahren und haben uns dort zuerst den Pyramide du Louvre angesehen. Ich war erstaunt, denn auf allen Bildern, die ich bisher gesehen habe, stellt es irgendwie das Gebäude des Louvre in den Schatten, ich meine, der Louvre wird fast unsichtbar dahinter. Doch so sieht es nicht aus. Womöglich sieht der Louvren noch imposanter aus daneben.

Dann sind wir am Quai Voltaire entlang, an den Bouquinisten vorbei zum Musée d'Orsay gewandert und haben uns dort das interessante Gebäude und die Werke der Impressionisten angesehen. Und immerzu habe ich gewünscht, du hättest neben mir gestanden und ich habe mir vorgestellt, wie du die Bilder kommentiert hättest und in Gedanken habe ich mich immerzu mit dir unterhalten. Ich glaube sogar, ich werde mich später an das Museum erinnern, als hätte ich es mit dir besucht.