heute Abend
Sonntag, 30. August 2020
Mittwoch, 19. August 2020
Heute morgen ...
Liebe Malou
Ich bin noch nicht in Tagesform und
möchte mich ein bisschen warm-schreiben. Deine Mails sind so
unregelmässig geworden, dass ich mir schon langsam Sorgen mache. Aber du
wirst bestimmt deine Gründe haben.
Heute Morgen ist in unserer kleinen
Küche das Thema: Fussball. Die Engländer sind offenbar rausgefallen.
Hast du das mitbekommen Malou? Und die Schweden sind dabei, das hatte
ich auch gehört. Unsere Helen vom Sekretariat ist nahe dran, den
Notstand auszurufen. Nein, eigentlich hat sie ihn schon ausgerufen. Sie
denkt, eine WM ohne Engländer sei keine WM. Ich kann ihre Sorgen ein
bisschen nachempfinden. Als die Meldung gestern über das Radio kam, war
eigentlich mein erster Gedanke auch, dass die Engländer doch sonst immer
vorne mitgemischt haben. Aber ich bin nicht gut informiert.
Dabei erinnere ich mich an AT,
meinen Banknachbar in vielen Jahren im Gymnasium. Er hatte einen langen
Schulweg, mindestens 30 Minuten Bahnfahrt. Und das brachte es mit sich,
dass er morgens, wenn wir noch etwas verschlafen in unseren Bänken
sassen, AT immer schon alle Sportresultate der englischen Liga wusste.
Er hat während der halben Stunde von Goppenstein über Hotenn,
Ausserberg, Lalden bis Brig den 'Sport' gelesen, die Zeitung mit allen
möglichen Sportresultaten. Und dabei hat er schon geraucht wie wild. Er
war eigentlich selbst gar kein Sportler, war klein, hager und stand im
Turnen, wenn wir uns zu Beginn aufstellen mussten, am Schluss der Reihe.
Aber er hatte ein gutes Organ. Ich habe dir schon mal erzählt, dass er
meine Witze und Kommentare zum Unterricht, die ich ihm zuzuflüstern
pflegte, lautlachend in die Klasse hinausposaunte.
Ich habe Helen versprochen, dass wir
eine Lösung suchen würden. Und dabei sind mir die Emissionszertifikate
des Umweltschutzes in den Sinn gekommen. Man fängt doch jetzt an, damit
zu handeln. Firmen, die weniger CO2 ausstossen, können ihre Zertifikate
verkaufen an umweltverschmutzendere Firmen. Und so sollte es doch
möglich sein, dass die Schweiz, die ja offenbar 08 automatisch an den WM
dabei sein soll, ihr Recht der Teilnahme an die Engländer
weiterzuverkaufen. Gegen gutes Geld, versteht sich. So sind wir
Schweizer! Aber vielleicht würden mich meine Kompatrioten auch lynchen,
wenn sie hören, was ich hier denke. Nun ja, Fussball ist nicht so
wichtig, auch wenn unser Sepp Blatter da ganz vorne dabei ist und viel
Geld verdient.
Heute Morgen habe ich eine Sitzung
in der Finanzdirektion. Sie liegt ein bisschen weiter unten an der
Rheinstrasse. Und die Eingänge sind gesichert. Es kann also nicht jeder
Passant einfach hinein. Bei unserer Direktion ist das möglich. Nach
diesen tragischen Ereignissen in Zug, als ein Irrer im vollbesetzten
Parlamentsraum herumgeschossen hat, hatte man sich schon Überlegungen
gemacht, wie die Verwaltung zu sichern sei. Aber ich glaube, das ist
alles wieder ein wenig eingeschlafen. Ich werde mich in nächster Zeit
mit einem Psychologen treffen, der sich auf Deeskalation spezialisiert
hat. Bei uns geht es vor allem darum, dass wir wissen, wie wir Leute
beruhigen können, die sich wegen irgend einer Frage erregt haben. Ich
denke, ich organisieren mal einen Kurs für meine Leute.
Eigentlich ist es fahrlässig, keine
Sicherung einzubauen. Irgend einmal wird wieder ein Irrer auftauchen und
eine Katastrophe veranstalten. Man kann das heute nicht mehr
ausschliessen. Es leben auch viele Leute hier in der Schweiz, die Krieg
und Greuel erlebt haben. Für sie sind solche Ereignisse nicht dasselbe
wie für uns. Ich meine, für sie sind blutige Katastrophen Teil ihres
innersten Seelenlebens. So müsste man es irgendwie sagen. Und das macht
sie gefährlich.
---
Ich wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks in Qs
...
Sonntag, 16. August 2020
"... das zweite, nennt man dann Liebe"
Fenyletynamil und Oxytocin
Lieber ...,
Es war schön mit dir heute Nachmittag eine Weile in den kühlen Dom zu verschwinden. ;-) Und ich muss lachen über deine Wahrnehmungen. Ich habe nie mit Worten daran gedacht aber gewiss ist es so dass man den Körper von Kristus oft sehr wohltrainiert darstellt. Wie ein Waschbrett. Erotisch, wie du es nennst. (---)
*
Übrigens scheint nun das Geheimnis der Liebe bald gelöst zu sein. Die neueste Forschung auf dem Gebiet sagt: eine Verliebtheit (Passion) hält 18 Monate bis zu 4 Jahren an. Wenn wir uns verlieben, bildet der Körper Fenyletylamin (nicht zu verwechseln mit Testosteron). Hier gilt es nämlich wirklicher Liebe. Fenyletylamin hat ähnliche Eigenschaften wie cannabis und amfetamin. Man wird „hoch“ davon.
Leider hat diese körpereigene Passionsdroge noch mehr Ähnlichkeiten mit Narkotika. U.a. bildet der Körper allmählich eine Toleranz dagegen. Der Effekt verschwindet und damit auch die Passion. Und höchstens vier Jahre lang hält die Verliebtheit an. Aber das Ende der Passion braucht nicht das Ende einer Beziehung zu bedeuten. Die Molekylärbiologie hat gefunden, dass Paarbeziehungen auch das morfinähnliche, beruhigende Oxytocin bilden, das nicht so stark ist wie die Passionsdrogen, aber das „habit-forming“ (weiss nicht auf deutsch) ist und auch nach der Verliebheit anhält.
Für denjenigen, der nicht ohne Passion leben kann gibt es nur einen Ausweg: einen neuen Partner zu finden in den man sich verlieben kann. Mit einem neuen Objekt für die Verliebheit beginnt die Fenyletynamilproduktion und die Passion von neuem.
Ha.. nun wissen wir wie es sich damit verhält.. und ich frage mich gerade, wo auf dieser Stufe ich mich im Moment befinde. ;-) Vielleicht wird man auch bald ein Mittel dagegen erfinden. Eine Antiliebepille.. Was sagst du dazu?
...
G+K
Marlena
Samstag, 15. August 2020
Im Basler Münster - persönliche Führung
Liebe Marlena
Ich war über Mittag rasch in der Stadt. Es ist wie im Sommer, im Ursommer. Deshalb bin ich einige Zeit im Münster verschwunden. Dort zumidest ist schön kühl. Ich habe mir die hübsche Kanzel angeschaut, ein gotisch geschnitztes Wunderwerk aus rotem Sandstein, wie die Aussenmauern. Das sieht so possierlich und hübsch aus, dass die Menschen früher nicht umhin kamen, den Worten von dort oben zu glauben. Im Querschiff gibt es hoch oben ein hübsches, rundes Glasfenster. Es zeigt Christus mit einer roten Tunika , die mit einer Goldbrosche vorne zusammengeheftet ist, und einem erotischen Waschbrettbauch. Er sieht ziemlich königlich aus, und er wird von vier Engeln mit Posaunen gesäumt. In der Krypta gibt es einige Tafeln an den Wänden. Damals hat man versucht, alles in Latein zu schreiben, auch die Namen zu lateinisieren. Das schaut manchmal eher komisch aus. Aber immerhin ist es in der Krypta noch kühler als oben. Krypta ist sozusagen das komfortabelste Zimmer der Kirche. Es gibt dort unten auch eine spezielle Beleuchtung, die ganz eigenartig ist. Schliesslich gibt es oben auf der Empore noch ein Grab. Das ist ein steinerner Sarkophag, und darauf liegen Königin Getrud Anna, Gemahlin Rudolfs von Habsburg, geborene Gräfin von Hohenberg, gestorben 1281 und Graf Karl von Habsburg, deren Söhnlein, gestorben 1276. Ihre Steinfiguren liegen schön nebeneinander. Sie schauen ziemlich friedlich und steif aus. Es ist so, als ob man einfach die Figuren, die vorher aufrecht standen, niedergelegt hätte. Der Königin hat man ein Kissen unterlegt. Dem Karl, vieleicht 4 oder 5 Jahre alt, einen kleinen Löwen beigegeben, auf dem er steht. Respektive er liegt, aber er hält seine Füsse so, als ob er auf dem Tier steht. Die Königin hält ihre Hände betend von ihrer Brust nach oben gegen den Himmel, so wie Anfänger beim Schwimmen ihre Hände zusammenpressen, um gleich einen ersten Zug zu machen. Und dann gibt es im Seitenschiff am anderen Ende noch einige Gräber mit Grafen, Ritter und einem Domprobst. Die Ritter liegen in voller Rüstung da, stell Dir vor, wie unbequem, für mehr als 600 Jahre. Alle stützen sie ihre Beine auf einen Hund, einen Molosser, würde ich sagen, so wie der kleine Karl das oben tat. Ich glaube, man fand damals, dass diese Figuren etwas unsicher schwebend wirken würden, wenn ihre Füsse einfach ausgestreckt daliegen würden. Deshalb hat man an ihre Sohle einen treuen Hund angeheftet, um einen Abschluss zu machen. Die Typen sind kleiner als wir heute. Sie sind zwischen 1318 und 1403 gestorben. Und sie haben hier im Münster ein durchaus respektables Grab erwischt. Nebenan eine kleine Anschrift, auch alt, auf Leinwand gemalt: Almosen gebt und helft den Armen, so wird Gott Euer sich erbarmen.
*
Puh, ich glaube, jetzt muss ich heim und unter die Dusche. Ich wünsche Dir einen schönen Abend.
Mit lieben Grüssen
Mittwoch, 12. August 2020
Besuch im Wallis - Nostalgie
Liebe Malou
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden bis tief herunter hängen.. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.
Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage, ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja eigentlich nur im Eiltempo durch.
Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann? Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken bis hinunter zum Pfinwald.
Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt. Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren, die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat. Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren, gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau anzugucken.
Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind. Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind, ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung, glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.
Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses. Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des Baselbietes gesehen hatte.
---
Ach Malou, vielleicht merkst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben. Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es
schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.
Nein, ich bin noch nicht im Wallis und ich habe die kleine Ausfahrt auch noch nicht geplant. Wenn ich schon fahre, möchte ich schönes Wetter. Ich finde, das Wallis ist bei schlechtem Wetter wie eine Dampfkammer. Ich glaube nicht, dass ich diese Enge, die durch eine tiefe und dichte Bewölkung entsteht, noch lange aushalten würde. Es gibt zwar im Sommer schöne Situationen, wenn die Nebelschwaden bis tief herunter hängen.. Das kann sehr malerisch sein. Aber natürlich nicht für einen Touristen wie mich, der einmal im Jahr daherkommt und alles von der Sonnenseite her sehen möchte.
Nein, das Wallis ist eine Sonnenregion, und so sollte man sie auch sehen und fotographieren. Was mich noch zögern lässt ist die Frage, ob ich mit dem Auto oder mit der Eisenbahn losfahren soll. Mit dem Auto ist es aufwendig. Es ist eine gute 3-Stunden-Fahrt via Bern und Lausanne. Aber mit dem Auto hätte ich im Wallis die Möglichkeit, in die Seitentäler hinein zu gehen, kleine Dörfer zu besuchen und die besten Photo-Punkte aufzusuchen. In der Eisenbahn fährt man ja eigentlich nur im Eiltempo durch.
Und so würde ich wohl oder übel schliesslich in Brig landen, die Bahnhofstrasse hinauf schlendern, vielleicht auch noch die Burgschaft, dieses alte Pflaster unter die Füsse nehmen, auf dem wir so viele male auf und heruntergerannt waren, und ein paar Blicke vom alten Kollegium und vom Pensionat, der damaligen Mädchenschule, nehmen. Ach, ich weiss schon heute, wie sich das im Herzen anfühlt. Es ist so ähnlich, wie wenn du dich an einer alten Wunde kratzest. Irgendwie tut es wohl, aber die Wunde schmerzt auch wieder. Und wenn du dann abends wieder abreist, hängst du irgendwie in der Luft und bist mehr oder weniger enttäuscht über all die Dinge und Menschen, die nicht mehr sind. Ich weiss nicht, ob ich mir soviel Melancholie leisten kann? Mit dem Auto wäre ich natürlich freier und würde vielleicht eine kleine Fahrt bis hinauf ins schöne Goms machen. Das ist ein einmalig schönes Hochtal mit wunderbaren kleinen Dörfern, die noch das alte Bild erhalten haben mit den Holzbauten. Ich würde vielleicht in der Nähe Visps hinüber gehen nach Baltschieder, wo am warmen Sonnenhang praktisch eine neue Ortschaft entstanden ist. Oder ich würde in Raron aussteigen und hinauf zur Kirche wandern, wo ich schon in jungen Jahren gerne war, um über das Tal hinweg zu blicken bis hinunter zum Pfinwald.
Es wäre alles ein bisschen so, wie wenn Du nach vielen Jahren das Elternhaus wieder besuchst. Du kommst in die alte Stube, alles steht da wie in einem Traum, du siehst, dass in der Küche noch dieselbe Ordnung mit denselben Küchengeräten herrscht, und auch in Deinem Zimmer ist das meiste so geblieben, wie es war. Es ist alles noch so, wie es damals war, und trotzdem ist es nicht mehr so. Die Bedeutungen haben sich verändert. Es ist nicht mehr deine Umwelt. Aber sie hat immer noch deinen Geruch. Mindestens glaubst du, ihn zu riechen. Ach, es ist wirklich ein merkwürdig melancholisches Gefühl. Und vor allem denkst du ständig, du würdest irgendwelche bekannte Menschen treffen. In Brig auf der Strasse, die alten Figuren, die damals das Zentrum bevölkert haben. Aber nein, keinen einzigen kennst du. Das macht so ein Gefühl der Irrealität. Du fühlst dich wie in einem Film, der dir vorspiegelt, du wärst zuhause. Aber all die Leute, die herumgehen, sind bloss Statisten für deine alte Heimat. Dabei sind viele von jenen Menschen, die damals bedeutsam waren, gestorben. Und die Kollegen aus der Schule sind beschäftigt und kommen nicht auf die Idee, an einem gewöhnlichen Nachmittag die Bahnhofstrasse auf und ab zu flanieren, um sich alles ganz genau anzugucken.
Und dann kommen all die Häuser dazu, die neu gebaut worden sind. Du vermisst die alten Bauten, mit denen du immer noch gerechnet hast. Und du kannst das alles einfach nicht in solch kurzer Zeit nachvollziehen, all diese Aenderungen, die gemacht worden sind, ohne dich (!) anzufragen, ob es auch recht sei. Dies ist die Verletzung, glaube ich, die man erlebt. Es ist vieles in d e i n e r Landschaft verändert worden, ohne dass man dich vorher gefragt hätte.
Ach Du siehst, Malou, ein Besuch im Wallis ist ein kompliziertes Unternehmen. Es ist ähnlich wie die Renovation eines alten Hauses. Eine solche geht selten ohne Komplikationen ab. Und auch wenn man sanft renovieren möchte, kommt man oft nicht drum herum, das eine oder andere herauszureissen und völlig zu ersetzen. Und das Haus ist nachher nicht mehr, wie es vorher war. Vielleicht ist das die Anstrengung, die mich erwartet, wenn ich ins Wallis reise. Alle denken, er macht sich einen schönen, sonnigen Tag. Und dabei habe ich einen harten Arbeitstag mit Entbehrungen und Schmerzen und Renovationsarbeiten, so dass der Staub nur so quillt. Da könnte ich doch hier in der Region Basel bleiben und gemütlich über die Jurahöhen wandern und in irgend einem Landgasthof einen kalten Teller essen und ein Bier trinken. Etwa auf der Obetsmatt, wo ich als Kind in den Ferien hier noch den bekannten Maler Fritz Pümpin des Baselbietes gesehen hatte.
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Ach Malou, vielleicht merkst Du, dass ich eigentlich Selbstgespräche führe. Und es ist dabei schon eine kleine Not, das muss ich zugeben. Es ist das Gefühl der Not, dass man all diese Gefühle und Situationen nicht ausdrücken kann. Man kann ihnen keine Form geben. Es
schwebt alles in der eigenen Seele, ungesagt, unbearbeitet.
Dienstag, 11. August 2020
Prof. Oggier - mein Französischlehrer
Liebe Marlena
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Heute nachmittag habe ich mich an meinen Franz-Lehrer im Gymnasium erinnert. Ich sende dir den Text. Ist sozusagen eine Berufsstudie. Prof. Oggier ging die Kunde voraus, dass er eigentlich in seiner Jugend einmal hätte Priester werden wollen. Er war schon im Priesterseminar und es kursierte irgenwo ein Foto, wo man den jungen Oggier in der Sutane sehen konnte, mit einem noch etwas jugendlichen, aber doch auch grüblerischen Gesicht.
Es war etwa im 4. Jahr, dass wir Oggier für Französisch hatten. Also in der Grammatik, so hiess die Klasse. Er pflegte mit in einem dunkeln Anzug daherzukommen. Und in den letzten Jahren trug er auch eine grosse, schwarze Sonnenbrille. Wir dachten immer, dass er damit einen Scherz treiben wolle. Und weil er, wenn er mit seiner Mappe daherkam, etwas steif ging und den Kopf nicht links und nicht rechts drehte, so sah er aus wie ein Maffia Boss. Unter jungeren Schülern erregte das einen gewissen Respekt, eine Art Ehrfurcht, wenn nicht fast Angst, weil man bei Oggier, wenn er daherkam in seinen etwas kurzen Schritten, weil man nie genau wusste, wohin er blickte. Man wusste nicht, zu welchem Zeitpunkt man wirklich grüssen sollte. Und es gab die Anweisung, dass man die Lehrer grüssen musste. Man sollte sogar die Studentenmütze vom Kopf ziehen. Aber da wir diese ohnehin nie trugen, erüberigte sich diese noble Geste. Schaute er jetzt schon oder schaute er noch nicht? Es gab immer dieses Moment der Unsicherheit. Und ich für mich war sicher, dass Oggier dies ganz bewusst und willentlich so einsetzte. Ich glaube nicht, dass er diese Brille seinen Augen zuliebe auf die Nase setzte. Er brauchte sie bloss, um uns Schüler zu beeindrucken.
Denn er setzte durchaus auf Eindruck. Die Stunden mit ihm waren fantastisch unterhaltsam. Er kam in eiligem Schritt herein. Meist riss er die Türe richtiggehend auf, dass man erschrecken konnte. Ich glaube, er wollte schockieren. Dann zückte er sein Buch und machte eine sogenannte Blitzprobe. Das hiess, er fragte aus der letzten Lektion vielleicht 6 Wörter oder Begriffe oder französische Redensweisen, die wir behandelt hatten. Wir mussten sie aufschreiben und den kleinen Zettel mit Datum und Name sofort abgeben. Dann stand er am Pult und korrigierte in Windeseile diese kleinen zerknitterten Zettel. Für 6 richtige Lösungen gab es eine 6. Für 5 eine 5. Und so weiter. Ich war sehr oft ungenügend, weil ich diese Französischlektionen nicht konsequent vorbereitete. Und Oggier pickte wirklich die Schwierigkeiten aus dem Buch, er wählte nicht einfach irgendwelche Fragen, die man ohnehin oder zufällig vielleicht beantworten konnte. Man musste lernen, wenn man hier eine 6 zu erreichen die Absicht hatte. Andererseits wusste jeder von uns Gymnasiasten, dass er diese Noten nicht fürs Zeugnis zählte. Also, was sollte es? Wie oft hat er mich abschätzig angeschaut, weil ich eine ungenügende Note hatte!!!
Und dann folgte der Unterricht. Er nahm die nächste Lektion gemäss Buch in Angriff. Meist beinhaltete dies eine Regel, eine grammatikalische Form oder so etwas. Und in dieser Phase seiner Lehrätigkeit war Oggier Spitze. Um uns diese Regel so anschaulich wie möglich zu machen, hatte er eine kleine Geschichte, einen Sketch oder auch bloss einen Dialog erfunden. Den spielte er uns jetzt vor, indem er sich richtig rührte und bewegte und heftig gestikulierte, fast wie auf einer Bühne. Er hatte echt schauspielerische Qualitäten. Und es war sehr vergnüglich, ihm zuzuschauen, er hatte - was im Unterricht sonst selten ist - 100% Einschaltquoten. Und die Quintessenz seiner Bühnendarstellung war dann dieser Satz, der die behandelte Regel erfüllte, dieser alles illustrierende, vor allem die Regel illustrierende Satz. Dieses Satzbeispiel konnte man beim besten Willen nicht mehr vergessen, weil man sonst das ganze Theater rundum auch hätte vergessen müssen. Und das war schlechterdings unmöglich. So hämmerte uns Oggier die Französische Grammatik mit seiner Schauspielerei in unsere zerstreuten Köpfe ein. Ich habe ihn oft bewundert, ob seiner Originalität und auch ob seiner Energie, die er darauf verwendet hat.
Einmal hatte ich mit Oggier einen Riesenkrach. Das kam so. Unser schauspielerischer Professor war wütend, ob unserer schlechten Leistungen in einem seiner Blitztests. Und so entschloss er sich, uns die Noten, die wir am Schluss des Semesters zu erwarten hätten, uns diese Noten coram publicam sozusagen vorzulesen. Und er begann gleich mit A, der nun wirklich der schlechteste Schüler in Französisch war, der arme Kerl, der, obwohl er gleich neben der Sprachgrenze wohnte, seine Zunge einfach nicht nach diesem fremdländischen Muster biegen liess. Oggier kramte also seine Zettel hervor und wollte Noten vorlesen. Da habe ich protestiert und habe ihm gesagt, uns würden die Noten der Mitschüler absolut nicht interessieren. Noten seien jedermanns persönliche Sache. Da stieg Oggiers Blutpegel langsam, er holte Luft, sein Hals wurde dicker und dicker, die breite Stirn immer röter und dann schrie er mich an, dass ich es wage ..., und ich hätte auch schlechte Noten ..., und ich sollte bloss nicht meinen ...., und überhaupt. Ich erschrak zu Tode, denn ich hatte nicht gedacht, dass meine kleine Intervention ein solches Spektakel abwerfen würde. Und nun stieg meinerseits der Blutpegel und ich merkte wie ich heisser und heisser und röter und röter wurde. Ich weiss nicht mehr, wie lange dieser Blitzkrieg dauerte. Auf jeden Fall kam er nie mehr auf seine Noten zurück. Andererseits nahm ich es ihm nicht übel, dass er mich vor der Klasse solcherart angeschrieen hatte. Und wir lebten friedlich nebeneinander weiter. Ich grüsste ihn immer höflich hinter seiner Mafia-Brille und er grüsste mich zurück. Und man wird es glauben oder nicht. Bei der Französisch-Abiturprüfung hatte Oggier zufällig Aufsicht. Er wanderte unruhig im Zimmer auf und ab. Und drei oder vier mal hielt er hinter meinem Rücken und zeigte stumm und ohne dass ich ihn ansehen konnte da und dort auf einen Fehler, den ich in meinem Text hatte. Er half mir ein bisschen vorwärts, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich hätte mein Abitur auch ohne Oggier bestanden, aber immerhin, er meinte es gut mit mir.
Ja, er war eine merkwürdige Gestalt, dieser Professor Oggier. Viele zogen ihn bei Diskussionen heran als Musterbeispiel und legendige Verwirklichung eines echten Neurotikers. Doch andererseits war er in Sprachen sehr begabt, und in Brig, wenn immer jemand eine italienische oder eine französische Rede zu halten hatte, holte sich seinen Rat bei Heinrich Oggier. Er hatte manche dieser Reden selbst geschrieben, aber sie wurden dann von anderen gehalten. Und später hatte ich irgend einmal herausgefunden, dass er als Sternzeichen den Skorpion hatte. Behüte Gott, ein Skorpion!
Du siehst, die Skorpione.
---
Montag, 10. August 2020
Re: italienischer Himmel
Foto: Chris
Lieber ...,
Ach, was bist du lustig.
Interessiert dich der Himmel so sehr?
Ich kenne keinen einzigen Menschen, der das irdische Leben gern gegen
einen Himmel austauschen würde. Und gute Käsefondues oder Geranien
kann ich doch auch in der Schweiz haben.
Aber deine Vorstellung von dem italienischen Himmel fand ich so lustig, dass ich sie auch Anna habe lesen lassen. Ich schicke ihr manchmal speziell lustige Produkte deiner Fantasie als erbauliche Lektüre. Ich weiss, dass du nichts dagegen hast. Sie braucht etwas Übung in der deutschen Sprache, sonst vergisst sie alles, was sie in der Schule gelernt hat.
Ja, die Italiener. Ich kann mir gut vorstellen, was sie aus einem Himmel machen könnten. Chaos ist dabei ein mildes Wort.
Meinen ersten Einblick bekam ich damals, als ich als 15-jährige meine Sommerferien in Saalbach bei einer Bekannten meiner Eltern verbrachte. Sie arbeitete dort im Sommer als Ärztin. Meistens machte sie Hausbesuche bei ihren Patienten. Doch eines Tages kam ein Italiener, der im Hotel nebenan Urlaub machte, in ihre Praxis, die zugleich unsere Wohnung war. Er hatte sich etwas gebrochen oder vielleicht nur verstaucht. Aber er kam nicht allein. Hinter ihm drängte sich eine ganze Sippe herein, die bald den ganzen Raum füllte. Man hörte sie laut „herumlamentieren und palavern" wobei sie wild gestikulierten. Die Situation war ähnlich wie wenn ein Fuchs in den Hühnerhof kommt.
Aber, na ja, vielleicht könnte ich es akzeptieren, wenn ich wüsste, dass ich dich dort wiederfinden würde. :-)
Aber deine Vorstellung von dem italienischen Himmel fand ich so lustig, dass ich sie auch Anna habe lesen lassen. Ich schicke ihr manchmal speziell lustige Produkte deiner Fantasie als erbauliche Lektüre. Ich weiss, dass du nichts dagegen hast. Sie braucht etwas Übung in der deutschen Sprache, sonst vergisst sie alles, was sie in der Schule gelernt hat.
Ja, die Italiener. Ich kann mir gut vorstellen, was sie aus einem Himmel machen könnten. Chaos ist dabei ein mildes Wort.
Meinen ersten Einblick bekam ich damals, als ich als 15-jährige meine Sommerferien in Saalbach bei einer Bekannten meiner Eltern verbrachte. Sie arbeitete dort im Sommer als Ärztin. Meistens machte sie Hausbesuche bei ihren Patienten. Doch eines Tages kam ein Italiener, der im Hotel nebenan Urlaub machte, in ihre Praxis, die zugleich unsere Wohnung war. Er hatte sich etwas gebrochen oder vielleicht nur verstaucht. Aber er kam nicht allein. Hinter ihm drängte sich eine ganze Sippe herein, die bald den ganzen Raum füllte. Man hörte sie laut „herumlamentieren und palavern" wobei sie wild gestikulierten. Die Situation war ähnlich wie wenn ein Fuchs in den Hühnerhof kommt.
Aber, na ja, vielleicht könnte ich es akzeptieren, wenn ich wüsste, dass ich dich dort wiederfinden würde. :-)
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