Mittwoch, 29. November 2017
Re: Sirenen ...
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Ist das der american way of life, von dem Du aus Schweden erzählst? Klar, dass sich da die Pubertät in Nichts auflöst, wenn diese blutjungen Pärchen, die in McDonalds verkehren, ihre gesamte Liebesenergie schon so früh in die Luft lassen! Das ist wie im traditionellen Persien, wo die Mädchen mit 14 heiraten. Allerdings heiraten sie einen deutlich älteren Mann. Und allerdings haben diese jungen Iranerinnen auch sehr schnell Kinder, während die Europäerinnen ab 15-jährig immer noch mehr oder weniger warten bis sie 35 sind. Jahrelang haben wir die Pubertät als notwendiges Übel angesehen. Nun, da sie zu verschwinden droht, fange ich an, sie zu vermissen.
Von der Jugend war die Rede, von diesem unserem Paradies. Und auf der anderen Seite haben wir die Sehnsucht und den Wunsch nach einer seligen Erfüllung, auf die wir hoffen. Auch sie sind nur solange wunderbar, als sie nicht erfüllt sind. So wandeln wir diesen Grat entlang zwischen dem Paradies, woher wir kommen, und dem Paradies, wohin wir uns wünschen. Das ist insgesamt eine sehr platonische und idealistische Strassenführung. Und wenn man sich noch vorstellt, dass die Wünsche irgendwie auch mit den Erinnerungen zusammen hängen müssen und von ihnen gespiesen werden, dann haben wir einen veritablen Kreis, ein zirkuläres System der Imagination. Man darf darum sehr vorsichtig sein mit der Idee, das Leben wäre ein linearer Weg von der Geburt zum Tode. So einfach kann das wohl nicht sein.
Mit einem Wort, liebe Marlena: ich freue mich, wenn Du Deine alte Jugenderinnerungen hochleben lässt und wenn Du mit ihnen zurückkehrst in die alte jugendliche Frische. Und natürlich freue ich mich darüber, wenn du mir einiges davon erzählst. Auch die Wehmut gehört dazu, und der kleine zart-bitter-süsse Geschmack. Eigene Kinder zu haben ist auch deshalb schön, weil sie uns Gelegenheit geben, die eigene Kindheit nochmals durchzugehen. Das macht reifer und das macht reicher. Ich glaube, die Jugend ist unsere Energiereserve. Und stell Dir eine Welt vor, wo es keine Kinder gäbe. Sie wäre absolut unmenschlich. Ich glaube die Kinder sind es, die Menschlichkeit provozieren. Als meine Kinder noch klein waren, habe ich oft in den durch Alltag gehärteten Gesichtern Erwachsener beobachtet, wie sie weich und mild wurden, während sie meine Kinder angeschaut haben.
Ich danke dir, dass du meine Liste ergänzt hast mit Bécaud, Aznavour und Dion. Du zeigst mir, dass du verstehst, was ich meine. Céline Dion hat zwar, wie mir meine Töchter erklärt haben, damals für die Schweiz den Concours d'Eurovision de Chanson gewonnen. Aber sie ist nicht so sehr mein Typ. Sie hat – zugegeben – einen wunderschönen Schwanenhals. Aber sie zeigt nicht diese französische attitude, diese nonchallence. Sie ist ein sehr gespannter, nervöser Mensch, habe ich den Eindruck. Ich wette, sie kaut an den eigenen Fingernägeln, wenn sie sich unbeobachtet fühlt. Ich glaube nicht, dass ich mit ihr zusammen leben könnte. Aber das verlangt sie glücklicherweise nicht von mir ;-). Ihre Songs gefallen mir, aber sie reissen mich nicht vom Sessel.
Ich komme langsam in die Nähe eines Schlusses, meine Marlena. Und ich weiss kaum mehr, womit ich einmal angefangen habe. Ach ja, es waren die Sirenen, die kommen und vor denen man sich in acht zu nehmen hat. Binde dich also an den Mast, meine Liebe. Aber gib mir eine Chance. Natürlich möchte ich Dich gewinnen und betören. Du bist sozusagen meine Muse. Hast du einen solchen Job in deinem Leben je gemacht, als Muse vom Parnasse? Ich wünsch Dir viel Glück dabei, und mir ebenso.
Mit einem schönen Gruss
Dienstag, 28. November 2017
Sirenen in Sicht.. !
John William Waterhouse - Ulysses and the Sirens
Lieber ...,
Ach, wenn ich das gewusst hätte.. ich hätte mir wahrhaftig die Augen verbunden und die Ohren zugestopft... aber jetzt ist es schon zu spät. Du verführst mich mit meinen eigenen Gedanken und Erinnerungen, bringst wieder Dinge an die Oberfläche die schon tief in mir verborgen waren und ich lebe in einem Zustand von Glück und Wehmut zugleich. Es ist als wäre plötzlich mein ganzes Leben wieder in meinem Bewusstsein. Ich möchte auf so vieles reagieren (und tue es auch in Gedanken) aber wenn ich mich schliesslich an den PC setzte kommt es mir vor als hätte ich dir alles schon gesagt oder auch weiss ich nicht richtig wo ich anfangen soll. Ausserdem bedaure ich dass ich dir nicht in meiner Muttersprache schreiben kann. Es wäre viel leichter denn im Deutschen fehlen mir viele Ausdrücke. Und wenn ich erst im Lexikon nachschauen muss, verliere ich den Faden und mein mail wird zerstückt..
Über die Pubertät der Schweden möchtest du was erfahren? Eigentlich ist sie schon fast vorbei wenn die Schüler am Gymnasium anfangen (mit 16). Ich sag manchmal aus Spass:
Die Pubertät beginnt bei uns heutzutage in der Kuvöse (Brutschrank?) ;-) Leider sind wir, was das Leben der Jugend betrifft, sehr amerikanisiert und allzu früh hören die Kinder auf Kinder zu sein. Mit 15 (oft schon vor 15) besorgen sich die Mädchen Präventivmittel und mit 16 leben viele schon in einem festen Liebesverhältnis und bringen ihre Partner über Nacht mit nach Hause. Da guckt mich gestern so ein kleiner Fratz an und sagt: "Meine Mutter erzählt allen ihren Freundinnen von meinem Liebesleben" und ich möchte laut lachen denn er sieht so drollig dabei aus. Natürlich gibt es auch andere junge Leute die noch etwas mehr altmodisch erzogen sind aber viele sind es sicher nicht.
Ich gebe eigentlich fast nur Französisch seit ein paar Jahren. Eine Klasse Deutsch und acht Klassen Französisch. Viele von den Songs die du mir nennst kenne ich sehr gut und ich liebe sie zu hören und auch zu singen (aber nur wenn ich allein bin ;-) Manchmal spiele ich meinen Schülern welche vor. Dabei gilt es zu wählen: Für die Anfänger muss die Sprache ziemlich leicht zu verstehen sein und da haben wir sogar noch das "Tous les garçons..." das du nennst in unserem Archiv. Das beste wird immer in unserer Institution (?) gespart und es gibt eine grosse Auswahl und natürlich einige die ich besonders liebe und die Schüler gern hören lasse. Ich vermisse ein paar Namen in deinem Mail wie Gilbert Bécaud und Charles Aznavour. Kennst du Chanson "Qui?"von Charles Aznavour? Oder warum nicht Céline Dion? Aber ihre Texte sind etwas zu schwer für die Schüler.
In der dritten Klasse, bevor sie das Abitur machen, lesen wir auch Auszüge aus einigen Romanen und dann kommt das was mir immer eine besondere Freude bereitet: Ich mache sie bekannt mit der Poesie von Paul Verlaine.
Il pleut dans mon coeur,
comme il pleut sur la ville
quelle est cette langueur
qui pénètre mon coeur?
...
Kennst du es? Seine Gedichte sind genau so melodiös wie die von Rilke und er ist mein Favorit unter den Franzosen. Wir haben sie auf Tonband, von einer Stimme vorgetragen, die man nicht vergisst.
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Zum Schluss noch zu dem schönen Gedicht von Rilke. Das sind Strophen die mir nie aus dem Sinn gehen. Es soll an Gott gerichtet sein aber für mich sind es auch immer Liebesgedichte. Und vielleicht ist es dasselbe, denn was lieben wir denn eigentlich in einem Menschen? Das Ewige, das Göttliche.... ist es nicht so?
Je t'embrasse
Marlena
Sonntag, 26. November 2017
... nach Frankreich orientiert
Liebe Marlena
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Es ist ja wirklich schön, dass du neben dem Deutsch auch noch Französisch gibst. Ich selbst bin ein grosser Liebhaber des französischen Chansons. Ich mag die Sängerinnen und Sänger wie Barbara, Marie Laforèt, Jacques Brel, Serge Gainsbourg, Georges Moustaki, Joe Dassin, Yves Montand, Françoise Hardy und wie sie alle heissen. Ich kann einen ganzen Abend lang nur diese Musik hören und nicht genug davon kriegen. Das klingt natürlich etwas altmodisch. Aber das war die erste Musik, die wir als junge Leute gehört haben. Wir haben anfangs nicht englische, sondern französische Sender gehört, als wir uns in der Zeit des Gymnasiums die ersten Transistorradios gekauft hatten. Später erst kamen die Beatles, die Rolling Stones und diese englische Musik. Für uns war das erste Ausland Frankreich und die Franzosen. Und natürlich hatten wir eine gewisse Affinität, weil wir kaum eine halbe Grenze von der Sprachgrenze entfernt waren.
Den ersten Song, den ich von damals noch im Gedächtnis habe, einer der ersten, den ich bewusst gehört habe, was Françoise Hardys „Tous les garçons et les filles de mon age ...". Das war für mich ein kleiner Schock. Ich dachte, ist es wirklich wahr, dass alle andern in meinem Alter Hand in Hand (les mains dans les mains) mit Mädchen herumgehen und sich in die Augen (les yeux dans les yeux) schauen, kurzum, dass sie verliebt sind. Ich fühlte mich etwas ausgeschlossen, in meinem damaligen Alter. Das war doch irgendwie der Anfang der Jugendliebe, der Jugendmode, der Jugendgruppen, des Jugendslangs. Das waren die berühmten 68er Jahre. .. Kurz und gut: ich mag diese französichen Chansons, die ich eben gar nicht süsslich finde, und in denen – wie du auch feststellst – alles sagbar ist, was man im Deutschen absolut nicht sagen kann. Und ich kann sie stundenlang hören und dazu – sagen wir – ein Glas Pastis trinken. Ich habe damals dann auch angefangen Gauloises zu rauchen. Das war die Zeit der Existenzialisten, die Zeit Sartres mit seiner Freundin (Castor hat er sie genannt, und sie sein Leben lang nicht geduzt; meine Schwester hat sie verehrt als Befreierin der Frauen und fast wie die eigene Mutter, verehrt sie wohl noch heute). Camus hat damals noch gelebt und wir haben „Die Pest" und seinen Mythos des Sisyphos gelesen. Und Paris, eigentlich das Quartier Latin, war das Zentrum der Welt. (sicherlich hast du dort auch deine schönen Erinnerungen, wo du – Marlena – kurz an der Sorbonne studiert hast) Anfangs waren wir jungen Leute ganz nach Frankreich orientiert. Noch während meiner Studienzeit an der Universität hab ich am Radio meist französische Sender gehört. Sie haben viel Musik gesendet, aber natürlich auch viel gequatscht (gesprochen), wie das die Franzosen eben gerne tun, meist zu mehreren gleichzeitig.
Samstag, 25. November 2017
In allen diesen Dingen
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Ich hab dir ein Rilke-Gedicht versprochen. Das ist vielleicht ein bisschen törricht, weil du sie bestimmt ja auch irgendwo hast und bei dir nachlesen könntest. Aber es ist einfach so schön, diese Zeilen zu zitieren und rezitieren und erneut zu rezitieren. Es ist sehr schön, pantheistisch schön und sehr „rilkisch" oder „rilkesk" oder vielleicht gar „rilkoid". Nein, rilkoid bestimmt nicht! (Kann man das sagen?? Bei Kafka gibt es das Wort „kafkaesk". Du wirst wissen, was das bedeutet?). Es liegt ein wunderbarer Rhythmus und eine Melodie darin. Die Evokation ist die des Gebetes, also der Anrede an diesen Gott:
„Ich finde dich in allen diesen Dingen,
denen ich gut und wie ein Bruder bin;
als Samen sonnst du dich in den geringen
und in den grossen gibst du gross dich hin."
So komme ich zum Ende, meine Marlena
Gehab dich gut und glaube wenigstens
an die Engel Rilkes!!
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Rat an die Götter
...
Also, ich bin sehr freidenkerisch, ungefähr so wie Rilke, schätze einen tüchtigen Engel oder einen Gott, um mit ihm zu rechten. Ich sage immer, die Götter sollen diese Differenzen und Unterschiede in ihren Doktrinen selbst und unter sich ausmachen. Ist doch nicht das Problem der Menschen, oder?
Wenn die Götter Konkurrenzprobleme haben, sagen wir Allah und der liebe Gott und Jehova, oder wie er heissen mag, so bitte, sollen sie sich in Ruhe zusammensetzen und die Sache gütlich regeln. Sie könnten beispielsweise eine rotierende Präsidentschaft einrichten. Oder sie könnten mit Konsens entscheiden.
Aber was rede ich da den Göttern hinein? Die Kerle dort oben können das selbst wissen, sonst sollen sie ihre Frauen fragen!
Donnerstag, 23. November 2017
Montag, 20. November 2017
Re: Paris
Hallo, meine Liebe
Und ob das ein schönes Französisch ist!!! Ich kann nicht so gut. Aber ich verstehe das alles. Und ich weiss auch, dass das wunderschön geschrieben ist. Das ist noch schöner als dein Deutsch, n'est-ce pas?
Ich könnte mich gerade verlieben in diese Zeilen. Ich meine, nicht nur wie du die Dinge sagst, sondern auch was du sagst. Das ist wirklich sehr zart und subtil und wunderschön. Die Überlegungen zur Pyramide und der Vergleich mit Dylan und Bach. Chapeau madame! Und über die Verführungsversuche der dolcetti. Ach, ich wusste es ja schon, dass wir beide Sprachgenies sind, hommes de lettre. Ich habe diesen Brief wirklich sehr genossen Malou. Und die photos pour en témoigner ?
Tut mir leid, wenn ich nicht alle Fragen angesprochen habe. Ich bin wirklich im Moment nicht ganz zuhause. Und das wird vielleicht in nächster Zeit so bleiben. Ich weiss es noch nicht. ... Aber ich weiss keinen anderen Weg um meine Arbeitskapaziät wieder zu erlangen. Das Leben meint es zwar gut mit uns. Aber wir können nur hoffen, dass es dies auch tut!
Ich bin im Büro. Aber meine Tastatur spukt. Ich muss sie wohl bald wechseln lasssen.
Küsse und Grüsse
...
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