Freitag, 9. Mai 2014
der freie Wille
Liebe Malou
---
Ja der freie Wille. Ich habe kürzlich auch eine CD gehört von einem -
ich weiss gar nicht was er eigentlich ist - der behauptet, die
Entscheidungen des Menschen würden vom biologischen System gemacht.
Eigentlich hat Freud, der grosse Sigi, das schon lange gesagt. Aber so
einfach, wie es sich die Biologen und Neurologen machen, ist es
bestimmt auch nicht. Ich könnte dir doch jetzt irgend etwas Wildes
schreiben Malou, das dich aus den Socken haut. Ich werde das nächste
Flugzeug nehmen und dich überraschen in deinem Häuschen. Sieh dich vor
Malou !!!!. Ich würde deine ganze Welt durcheinanderbringen. Das
könnte ich doch, wenn ich nur wollte. Könnte ich doch tun, oder? Ich
fühle mich frei.
---
Re: der frei Wille
Mein lieber Mausfreund,
Mir wird ganz warm ums Herz, wenn ich ein so harmonisches Mail von dir
lese. Du bist wieder glücklich. Das spüre ich doch bis hierher.
Ja, siehst du, du hast wirklich das beste Beispiel genannt für den
freien Willen. Warum um Himmels Willen sitze ich hier vor dem PC und
nicht neben dir?
Ich schreibe dir ein längeres Mail später.
Bis dahin alles Liebe und Gute.
MlGuKuQs
Malou
(März 2007)
Visp im Wallis

(R)
Du bist also in Visp gewesen? Ich bin wirklich erstaunt, was du mir hier alles zeigst, Marlena. Visp ist eigentlich ein nicht zu grosser Ort. Aber wenn Schnee liegt, dann schaut es ganz sauber und ziemlich angenehm aus. In einem Bild siehst du weit hinauf ins Tal. Dort hinten, in der Ferne, am Fusse des schneebedeckten Berges, dort bin ich zur Schule gegangen. Und etwas rechts oben an den Hängen sind wir an den freien Mittwoch Nachmittagen Skilaufen gewesen, bei eben diesem Schönwetterhimmel, den du auf dem Foto siehst. Ich habe übrigens ein ganz ähnliches Foto in meinem Büro hängen, das ich einmal aus der Zeitung ausgeschnitten habe. Allerdings ist mein Heimweh heute nicht mehr so stark, und etwas allgemeinerer Art. Ich wünschte nicht mehr, in Visp zu leben. Ich glaube, es würde mich dort rasch und stark langweilen. Aber in einem allgemeineren Sinn zieht es mich ins Wallis, wegen der Landschaft allgemein, wegen der Leute, und wegen des Weines. Du siehst im Vordergrund die Rebberge von Visp. Dort wächst zwar kein Spitzenwein, aber immerhin Wein.
Du bist lieb, mir einen solchen heimatlichen Anblick zu ermöglichen. Die Wehmut, die mit diesen Bildern aufsteigt, hängt weniger an den Bildern selbst, als vielmehr an den Erinnerungen der Jugend, den Jugenderlebnissen, dem offenen jugendlichen Lebensgefühl, die so intensiv, überwältigend, weit und lang andauernd sind. Die engen und unangenehmen Erfahrungen, die Ängste und Sorgen, sie sind weggeschmolzen wie Schnee vom letzten Jahr. Wenn ich ab und zu in diesen Teil des Wallis zurückkehre, dann bin ich beleidigt, weil man überall neue Gebäude, Strassen und Mauern gebaut hat, ohne mich zu fragen. Ich fühle mich verletzt, weil man meinen Erinnerungen unrecht gibt. Wo ich doch felsenfest überzeugt bin, dass es anders gewesen war und immer noch anders sein müsste. An jeder Ecke beweist mir die Realität, dass ich mich irre, dass ich falsch habe. Und das schon in der Tatsache, dass alles viel kleiner ist, als ich es mir in der Erinnerung vorgestellt habe. Ach, ich kann die alten Leute verstehen, die unter uns leben, aber sich kaum mehr zuhause fühlen, weil sich in den 70 oder 80 Jahren ihres Lebens wirklich alles verändert hat. Gefühle sind sehr konservativ. Gefühle sind geradezu reaktionär.
Es ist wie in deiner wunderschönen Geschichte, wo die Schwarzen auf ihre Seelen warten. Die Seelen sind immer etwas hinterher, brauchen Zeit und trödeln in der Gegend herum. Ich habe diese Geschichte schon gehört oder darüber gelesen, aber ich habe sie mittlerweile wieder vergessen. Sie ist in der Tat gut, und als Psychologe sollte man sie nicht vergessen. Ich danke Dir dafür. Wenn man, auf dem Bild mit Blick ins Tal, wenn man hinten beim Schneeberg nach links weiter das Tal hinauffährt, so kommt man schliesslich in ein wunderschönes Hochtal. Es ist als Gebiet für den Langlauf (nordisches Skilaufen) bekannt und hat viele Loipen. Dort oben leben die Menschen ausschliesslich in Holzhäusern, die aus festen und dicken Stämmen gebaut sind. Und in alten Häusern gibt es unter der Decke der Stube einen kleinen Holzladen, den man öffnen kann und der ins Freie geht. Die Leute haben ihn geöffnet, wenn ein Familienmitglied gestorben ist. Dieser kleine Laden wird deshalb „Seelen-Laden" genannt. Er dient dazu, die Seele der Verstorbenen entwischen und zum Himmel aufsteigen zu lassen.
Donnerstag, 8. Mai 2014
"Blumen des reinen Widerspruchs"
---
Ich habe dir von Professor Emil Staiger erzählt, die Kapazität in deutscher Literaturgeschichte und in existentialphilosophischer Hermeneutik, der Kenner Rilkes und Goethes und all dieser Grössen. Er war schon älter damals, ein kleiner Mann mit einem etwas grossen Kopf, wenn er dort oben auf dem marmorenen Rednerpult in der schönen Aula der Zürcher Universität dozierte. Dort hatte einmal Churchill nach dem Krieg gesprochen und das vereinte Europa propagiert. Aber es hat bei uns Schweizern nicht eingeschlagen. Eine Studentin erzählte mir, dass sie gleich in der Nachbarschaft Prof. Staigers ihr Studentenzimmer habe. Und sie beobachte den kleinen Professoer jeden Sonntag Morgen, wie er mit einer grünen, frisch gebügelten Gärtnerschürze auf Zehenspitzen fast aus dem Haus trete und in den Garten wandle - geradezu rituelle Gebärden - um dort eine Rose, eine einzige, zu schneiden und sie mit abgespreiztem Finger - so wie die Damen die Teetassen zum Mund führen - mit preziöser Geste ins Haus zu tragen. Das ist ein schönes Bild und passt zu Staiger. Und wenn es nicht wahr war, so war es gut erfunden.
Und du wirst es vielleicht noch weniger glauben, Marlena, aber ich tue in Erinnerung an dieses Bild dasselbe. Gut, ich tue es vielleicht nicht gerade am Sonntagmorgen, gut, ich trage keine grüne Schürze, gut, ich spreize vielleicht nicht den kleinen Finger. Aber ich finde es schön, immer - oder fast immer - eine einzige Rose auf dem Tisch zu haben. Ich habe früher einmal für S., als ich noch sehr verliebt war, eine kristallene Vase gekauft, eine Kugel praktisch, mit einem langen, dünnen Rohr. Dort findet gerade eine Rose Platz. Ich schneide alle Blätter weg und lasse nur das oberste, damit das Grün einen schönen Kontrast zur Blüte macht. Ich gebe ein bisschen Zucker ins Wasser. Und dann steht sie da und besonders schön ist, wenn sie - vor dem dunkeln Hintergrund der Möbel - vom Spot angeleuchtet wird. Anfangs ist sie knackig und fest und steif wie ein junges Mädchen. In der zweiten Woche wird sie voluminös, locker und vielfältiger, wie eine Frau im besten Alter. Und schliesslich lässt sie sich etwas gehen, gibt da und dort ein Blatt ab, verliert ihre Kräfte, bis man sie wieder erlösen muss. Das ist schön und ungefähr ein Zyklus von guten 14 Tagen. Bis dann ist draussen im Garten wieder eine neue Blüte herangewachsen. So leben wir mit den Blumen des reinen Widerspruchs, und sie sind mein Job geblieben. Ich ziehe die Dornen der Rose den Zähnen des Löwen eindeutig vor. Soviel Mut hätte ich nie, gegen eine riesige Löwenmeute mit Löwenzähnen anzugehen. Ich bin ein ziemlich feiger Mensch.
*
(aus "Virtual life" 3)
Mittwoch, 7. Mai 2014
"Das Buch der Unruhe" - Pessoa
Liebe Marlena,
....
Ich bin wieder mal mit einem Buch beschäftigt. Es gibt eine Neuerscheinung des "Buches der Unruhe" von Fernando Pessoa. Du erinnerst Dich, ich habe den portugiesischen Autoren längst empfohlen. Das Buch stammt aus seinem Nachlass, aus einer riesigen Truhe voller Notizen. Man sagt, es wäre eine Biographie ohne Fakten und alles in allem in einer heiteren Melancholie geschrieben. Ich bin nahe dran, diesen dicken Schmöker zu kaufen, aber ich weiss, dass ich ein "Buch der Unruhe" in Taschenausgabe bereits habe. Es enthält eine Auswahl von denselben Notizen, vielleicht nicht so viele, aber immerhin. Ich wollte darin ein bisschen lesen. Aber ich finde das Büchlein zur Zeit nicht. Ich weiss einfach nicht, wo es zu suchen wäre. Ich habe schon Walter bedrängt, er solle mir das Ausgeleihte endlich wieder zurückgeben. Er schwört, er hätte es nicht. Ich knie Norma auf der Seele, weshalb sie mir das Buch nicht endlich zurückgibt. Sie wird hysterisch und weiss von keinem solchen Buch. Kurt lacht bloss und sagt, er lese seit zwei Jahren wieder in der Bibel. Corinne frage ich nicht, sie liest kaum. Aber Yasmin ist eine emsige Leserin. Aber ich könnte mich nicht erinnern, ihr mal ein Buch geliehen zu haben. Und wenn ich Maya eines gebe, dann schreibe ich es mir auf ein Kärtchen auf. Das habe ich mindestens bisher so gehalten. Natürlich mit Ausnahmen, Du weisst ja, wie inkonsequent ich sein kann. Auch Albert beteuert, von einem Pessoa nie etwas gehört zu haben. Kurz und gut, ich weiss nicht, wo ich mein Buch der Unruhe finden kann, und das macht mich unruhig. Es ist nämlich wirklich wundervoll geschrieben und voller Lebensphilosophie. Und dazu muss man sich immer dieses warme Lissabon vorstellen, diese Perle am Atlantik, wo die kühlen Bisen herblasen. Deshalb habe ich das Büchlein von Tabucchi sosehr genossen. Es hat mich an Pessoa erinnert. Man könnte Pessoa mit Kafka vergleichen. Es sind ähnlich kryptische, vielleicht ein bisschen lebensuntüchtige Persönlichkeiten, und sie schreiben mit ähnlichem Tiefsinn. Das Buch ist ein Fundamentstein im Ursumpf, das etwas Halt geben kann. Lies es, Marlena, wenn Du kannst.
*
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...
Dienstag, 6. Mai 2014
Killer tomatoes
Ämne: Killer tomatoes
Datum: den 18 april
Lieber ...,
Die Methode von John Stuart Mill habe ich auch schon geprüft – der erste Teil davon funktioniert prima. ;-) Und dieses "Gefühl des Unwillens und der unangenehmen Pflicht" hast du also wenn du daran denkst, dass ich auf ein Mail warte? Mir kommt wirklich manchmal der Gedanke dass ich dich mit dieser Mailerei in Stress bringe.. und du weisst, das ist das allerletzte was ich damit erreichen will. Erinnerst du dich noch an unsere §§§ von anno dazumal? Ich habe sie nicht vergessen. Da steht etwas von Serenität was ich sehr schön fand.
Eigentlich hatte ich geglaubt du würdest mir schnell ein paar Zeilen senden und so habe ich dieses Mail etwas hinausgeschoben. Schon gestern hatte ich mich den ganzen Tag auf den Abend gefreut - ein ganz freier Abend ohne Verpflichtungen an dem ich hoffte dir ein anständiges Mail schreiben zu können (wenigstens was die Länge betrifft). Das kulturelle Angebot des Fernsehens, ein Film mit dem Titel „Killer tomatoes eat France“ schien nicht allzu verlockend und ich habe mich auf ein "tête-à-tête" mit meinem lieben Mausfreund gefreut. Und wie kam es? Schon um 20.00 Uhr war ich so todmüde dass ich nicht mehr aufsein konnte. Ich wollte mich eine Weile ausruhen und dann später zurückkommen. Und dann habe ich eben geschlafen, einen fast ohnmächtigen Schlaf. Vielleicht war es auch, weil mich die Heilpflegerin am Morgen gequält hatte ...
Klein Appi ist zum Glück wieder etwas besser aber er singt nicht mehr sondern schläft meist. Aber die kritische Periode ist vorüber glaube ich und es geht aufwärts mit ihm. Issi sieht ja längst nicht mehr aus wie ein Vogel sondern wie ein kleiner grüner Staubball – ich glaube sogar klein Appi findet keinen Sex-appeal an ihr mehr. Sie ist wie ein kleines Urgrossmütterchen - dünn und kraftlos. Aber Anna hat ein spezielles Verhältnis zu ihr, (sie ist ja praktisch mit ihr aufgewachsen) und sie verteidigt sie sehr, wenn ich was negatives über sie sage.
Gern würde ich mit Patricia Kaas tauschen.. In einer Stadt mit Lebensqualität nicht weit von meinem Mausfreund zu leben und mich in Bars herumtreiben zu können .. Du kennst doch meinen heimlichen Wunsch im Leben? Mich durch Europa zu "essen". Aber das kommt an zweiter Stelle. Nummer eins ist nach wie vor Rom und ich finde es lustig dass du gerade diese Stadt in deinem vorletzten Mail erwähnt hast. Und wenn es so weit ist, werde ich mir deine Römerbriefe einpacken und damit die Stadt entdecken. Davon träume ich schon lange.
Wie schön dass du Onkelchens Memoiren schreiben möchtest. Ich glaube auch, das beste ist du lässt ihn frei sprechen und nimmst es auf Tonband auf. So wird er sich in Gedanken verlieren und vergessen, was du damit vorhast. Sicher wirst du später Zeit finden das ganze zu redigieren. Ich habe auch meinen Schwiegervater beim erzählen "eingespielt" wie wir sagen, und es ist ein unbeschreiblich schönes Gefühl das anzuhören - fast als wäre er immer noch unter uns. Dabei habe ich auch alle typischen Geräusche in unserer grossen Bauernküche aufgenommen und wenn man es hört fühlt man sich ganz dorthin versetzt.
Heute morgen lag Frost auf den Feldern und ein dichter Nebel verdeckte die Umwelt. Die kleinen Stiefmütterchen am Eingang sahen tot aus (es war minus 3 Grad) Dann auf dem Weg zur Arbeit schien die Sonne durch den Nebel. Sie sah aus als wäre es der Mond.
Zum Glück fahren wir immer mit Licht an den Autos sonst hätte man nicht den Gegenverkehr gesehen.
Und jetzt am Nachmittag ist es strahlendes Wetter und ich habe eine Zeit auf der Terrasse Sonne und Licht getankt. Am Wochenende soll es richtig warm werden. Darauf freue ich mich.
Ich glaube das wär's für dieses Mal. Nun werde ich mich elektrifiieren. Habe einen kleinen Apparat, "electrotherapy" geliehen bekommen zum ausprobieren.
Hoffentlich wirkt JS Mills Methode auch bei dir.
In der Hoffnung auf ein baldiges Mail mit "Herzblut und Sentimentalität" geschrieben
verbleibe ich deine §§§-treue
Marlena
Montag, 5. Mai 2014
Riesenglück gestern
Ämne: Kon Tiki
Datum: den 19 april
Liebe §§§-treue
Och, mit "Herzblut und Sentimentalität", wo denn sollte ich dies morgens um
sieben, da die Welt noch in Ordnung sei, wo denn sollte ich diese beiden
Konfituren hernehmen? Ich bin eben erst aufgestanden, habe einen Kaffee kurz
hinuntergespühlt, bin auf die Eisenbahn geeilt. Und jetzt sitze ich im Büro
und sollte schon Herzblut tropfen! Das ist vielleicht etwas
stressverdächtig!
Gestern hatte ich ein Riesenglück. Eigentlich wollte ich abends allen
meinen Lieben und Bekannten einen Champagner Umtrunk stiften. Ich hatte, an
diesem gewöhnlichen Aprilabend echt den Eindruck, der Liebe Gott hätte es
mit mir besonders gut gemeint. Und das kam alles so und unversehens. Ich
hatte einen Termin in Basel, auf unserem Büro. Schliesslich müssen wir die
gesetzlichen Grundlagen für unser neues Bildungsgesetz überarbeiten, welches
zur Zeit gerade im Parlament beraten wird. Der Termin war um 10h. Ich hatte
etwas Zeitreserve und fuhr rechtzeitig los. Und ich fuhr deswegen auch über
den Berg. Diesen Weg habe ich Dir früher einmal beschrieben. Es ist eine
enge Strasse, die hinauf über die Berge des Juras führen. Und weil ich im
Wallis autofahren gelernt habe, bin ich der Meinung, ich sei ein absolut
spitzenmässiger und erstklassiger Bergfahrer. Bin ich auch, unter uns
gesagt! Oben, in der Nähe der Schönmatt, einem bekannten Ausflugsrestaurant,
bin ich rechts abgebogen. Ich bin diese Strecke noch nie gefahren, und ich
wollte auskundschaften, ob sich dort vielleicht eine Stelle finde, wo ich an
einem milden Sommerabend im August ein Picknick veranstalten könnte. Die
Strasse war gut geteert und in der Breite ungefähr so, dass zwei schmale
Autos knapp kreuzen konnten. Plätzlich führte die Strasse ziemlich steil den
Berg hinunter. Ich glaube, dass man dort, wenn man weiter fuhr, schliesslich
irgendwie nach Muttenz gelangen könnte. So wendete ich an einer kleinen
Kreuzung, wo ein Waldweg abbog, und fuhr wieder zurück, in der Ueberzeugung,
dass sich in diesem Bereich wirklich kein Picknickplatz finde. Plötzlich
schoss mir auf dieser schmalen Strasse aus einer Kurve ein Auto entgegen. Es
ist merkwürdig, wieviel man in einem solchen kurzen Moment denken kann. Ich
fuhr recht langsam und wäre sagen wir in einem oder anderthalb Metern zum
Stehen gekommen. Er fuhr aber mindestens 20 oder mehr km/h. Ich hörte, wie
er voll bremste, das heisst, die Pneus auf dem holperigen Asphalt
schlitterten. Der Wagen segelte mir entgegen und ich sah und hörte ihn
seitlich vorne in meinen Audi krachen. Ich hörte es schon. Das habe ich noch
nie so erlebt. Und irgendwie dachte ich dabei noch, na ja, so ist es im
Leben, man hat nicht alles unter Kontrolle. Sei es eben. Ich bremste nicht,
sondern gab eher gas und fuhr seitlich rechts hinaus, wo der Abhang immer
näher kam. Ich glaube, ich schloss dann irgendwie die Augen und bereitete
mich darauf vor, das Krachen und Scheppern und Klirren entgegenzunehmen.
Aber der dunkle Wagen schlitterte vorbei. Ich dachte, nun ja, dann erwischt
er mich halt hinten links. Ich spürte den Stoss, der mich ein bisschen
gegen die Tür schleuderte. Nichts geschah. Der Wagen war vorüber. Ich gab
mehr Gas und drehte zurück in die Mitte der Strasse, presste einen zünftigen
Fluch hervor, den ich diesem Rowdy nachschickte, und fuhr meines Weges. Mit
hohem Puls, zugegeben.
Ach, wenn ich denke, wieviel Umtriebe mich erwartet hätten, dort oben im
Wald. Wie hätte ich beweisen können, dass er so schnell daherkam. Ich nehme
überigens an, dass es ein sehr junger Fahrer war. Einer in meinem Alter
fährt nicht so diese Strasse hinunter. Und er konnte offensichtlich nur so
draufgängerisch drangehen, weil er dachte, es gäbe auf dieser Strecke
absolut keinen Gegenverkehr. Und ich glaube, in der Regel gibt es dort auch
keinen Gegenverkehr. Stell Dir vor, das kaputte Auto, die Polizei, mein
Arbeitgeber - bei dem ich versichert bin - der wissen wollen würde, was ich
denn dort oben auf diesem Waldweglein zu suchen hätte, die Reparaturen,
vielleicht Abschleppdienst, die verpasste Sitzung....es ist gar nicht
auszudenken, wie mich das für die nächsten drei Wochen beschäftigt hätte.
Ja, eigentlich müsste ich sagen, er hat Glück gehabt. Und nach etwa 10
Minuten bedauerte ich, nicht angehalten zu haben, um ihm meine Meinung zu
sagen. Aber ich weiss gar nicht, ob er nachher angehalten habe. Ich war so
schockiert und ausser mir, dass ich nicht mal in den Rückspiegel geschaut
habe. Das bedauerte ich, den wir haben im Deutschen ein paar handfeste
sprachliche Ausdrücke, die man in einer solchen Gelegenheit passend hätte
platzieren können. So war ich abends, als ich zu Walter fuhr, in
grossartiger Stimmung. Und wenn ich am Strassenrand einen armen Schlucker
gesehen hätte, ich hätte ihm sicherlich mit Leichtigkeit und Übermut meine
ganze Börse in die Hand geleert. Ich hätte die feste Überzeugung gehabt, der
arme Kerl hätte soviel ohne Zweifel verdient.
So läuft das Leben. Und dabei darf ich Dir gar nicht erzählen, dass ich im
Moment und nach Stuart Mill die kleine Schrift DE BREVITATE VITAE von
Seneca lese, in einer Ausgabe, die Latein und Deutsch gleichzeitig enthält.
Der gute alte Seneca, stell Dir vor, der Hauslehrer Neros, zeigt mir
endlich, wie ich mit meiner knappen Zeit umgehen sollte. Und er ist strikt
mit mir: keine Saufgelage, keine Umtriebigkeit, keine unnützen Kontakte mit
Leuten, die nichts bringen, keine falsche Geschäftigkeit, nur die
Konzentration auf das Wesentliche und die eigenen Ziele im Leben, nur das
bringt es. Ich denke, ich werde wie meine §§§-treue Freundin in Zukunft
ganze Abende zu meiner eigenen Verfügung haben. Herrliche Zeiten kommen auf
mich zu.
*
Ja, finde ich auch, erst einmal solltest Du Dich durch Rom essen. Und dann
kannst Du sehen, ob noch etwas Appetit für Europa übrig bleibt. Was mich
betrifft, so würde ich ...
(...)
Du glaubst nicht, dass ich harmoniesüchtig sei? Da sieht man wieder einmal,
wie wenig man sich in einer Schreibfreundschaft kennenlernt. Ist doch
wirklich merkwürdige. Die meisten Probleme, die ich hier in meinem Job habe,
hängen damit zusammen, dass ich mit den Leuten viel zu lieb und zu
nachsichtig bin. Das mindestens ist meine Meinung.
*
Und jetzt muss ich enden. Vielleicht lässt Du über dieses Mail ein oder zwei
Löffel von jenen Konfitüren träufeln? Und dann wäre es doch schon fast das,
was Du als Heilmittel lobst und Dir wünschst. Oder nicht?
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...
Datum: den 19 april
Liebe §§§-treue
Och, mit "Herzblut und Sentimentalität", wo denn sollte ich dies morgens um
sieben, da die Welt noch in Ordnung sei, wo denn sollte ich diese beiden
Konfituren hernehmen? Ich bin eben erst aufgestanden, habe einen Kaffee kurz
hinuntergespühlt, bin auf die Eisenbahn geeilt. Und jetzt sitze ich im Büro
und sollte schon Herzblut tropfen! Das ist vielleicht etwas
stressverdächtig!
Gestern hatte ich ein Riesenglück. Eigentlich wollte ich abends allen
meinen Lieben und Bekannten einen Champagner Umtrunk stiften. Ich hatte, an
diesem gewöhnlichen Aprilabend echt den Eindruck, der Liebe Gott hätte es
mit mir besonders gut gemeint. Und das kam alles so und unversehens. Ich
hatte einen Termin in Basel, auf unserem Büro. Schliesslich müssen wir die
gesetzlichen Grundlagen für unser neues Bildungsgesetz überarbeiten, welches
zur Zeit gerade im Parlament beraten wird. Der Termin war um 10h. Ich hatte
etwas Zeitreserve und fuhr rechtzeitig los. Und ich fuhr deswegen auch über
den Berg. Diesen Weg habe ich Dir früher einmal beschrieben. Es ist eine
enge Strasse, die hinauf über die Berge des Juras führen. Und weil ich im
Wallis autofahren gelernt habe, bin ich der Meinung, ich sei ein absolut
spitzenmässiger und erstklassiger Bergfahrer. Bin ich auch, unter uns
gesagt! Oben, in der Nähe der Schönmatt, einem bekannten Ausflugsrestaurant,
bin ich rechts abgebogen. Ich bin diese Strecke noch nie gefahren, und ich
wollte auskundschaften, ob sich dort vielleicht eine Stelle finde, wo ich an
einem milden Sommerabend im August ein Picknick veranstalten könnte. Die
Strasse war gut geteert und in der Breite ungefähr so, dass zwei schmale
Autos knapp kreuzen konnten. Plätzlich führte die Strasse ziemlich steil den
Berg hinunter. Ich glaube, dass man dort, wenn man weiter fuhr, schliesslich
irgendwie nach Muttenz gelangen könnte. So wendete ich an einer kleinen
Kreuzung, wo ein Waldweg abbog, und fuhr wieder zurück, in der Ueberzeugung,
dass sich in diesem Bereich wirklich kein Picknickplatz finde. Plötzlich
schoss mir auf dieser schmalen Strasse aus einer Kurve ein Auto entgegen. Es
ist merkwürdig, wieviel man in einem solchen kurzen Moment denken kann. Ich
fuhr recht langsam und wäre sagen wir in einem oder anderthalb Metern zum
Stehen gekommen. Er fuhr aber mindestens 20 oder mehr km/h. Ich hörte, wie
er voll bremste, das heisst, die Pneus auf dem holperigen Asphalt
schlitterten. Der Wagen segelte mir entgegen und ich sah und hörte ihn
seitlich vorne in meinen Audi krachen. Ich hörte es schon. Das habe ich noch
nie so erlebt. Und irgendwie dachte ich dabei noch, na ja, so ist es im
Leben, man hat nicht alles unter Kontrolle. Sei es eben. Ich bremste nicht,
sondern gab eher gas und fuhr seitlich rechts hinaus, wo der Abhang immer
näher kam. Ich glaube, ich schloss dann irgendwie die Augen und bereitete
mich darauf vor, das Krachen und Scheppern und Klirren entgegenzunehmen.
Aber der dunkle Wagen schlitterte vorbei. Ich dachte, nun ja, dann erwischt
er mich halt hinten links. Ich spürte den Stoss, der mich ein bisschen
gegen die Tür schleuderte. Nichts geschah. Der Wagen war vorüber. Ich gab
mehr Gas und drehte zurück in die Mitte der Strasse, presste einen zünftigen
Fluch hervor, den ich diesem Rowdy nachschickte, und fuhr meines Weges. Mit
hohem Puls, zugegeben.
Ach, wenn ich denke, wieviel Umtriebe mich erwartet hätten, dort oben im
Wald. Wie hätte ich beweisen können, dass er so schnell daherkam. Ich nehme
überigens an, dass es ein sehr junger Fahrer war. Einer in meinem Alter
fährt nicht so diese Strasse hinunter. Und er konnte offensichtlich nur so
draufgängerisch drangehen, weil er dachte, es gäbe auf dieser Strecke
absolut keinen Gegenverkehr. Und ich glaube, in der Regel gibt es dort auch
keinen Gegenverkehr. Stell Dir vor, das kaputte Auto, die Polizei, mein
Arbeitgeber - bei dem ich versichert bin - der wissen wollen würde, was ich
denn dort oben auf diesem Waldweglein zu suchen hätte, die Reparaturen,
vielleicht Abschleppdienst, die verpasste Sitzung....es ist gar nicht
auszudenken, wie mich das für die nächsten drei Wochen beschäftigt hätte.
Ja, eigentlich müsste ich sagen, er hat Glück gehabt. Und nach etwa 10
Minuten bedauerte ich, nicht angehalten zu haben, um ihm meine Meinung zu
sagen. Aber ich weiss gar nicht, ob er nachher angehalten habe. Ich war so
schockiert und ausser mir, dass ich nicht mal in den Rückspiegel geschaut
habe. Das bedauerte ich, den wir haben im Deutschen ein paar handfeste
sprachliche Ausdrücke, die man in einer solchen Gelegenheit passend hätte
platzieren können. So war ich abends, als ich zu Walter fuhr, in
grossartiger Stimmung. Und wenn ich am Strassenrand einen armen Schlucker
gesehen hätte, ich hätte ihm sicherlich mit Leichtigkeit und Übermut meine
ganze Börse in die Hand geleert. Ich hätte die feste Überzeugung gehabt, der
arme Kerl hätte soviel ohne Zweifel verdient.
So läuft das Leben. Und dabei darf ich Dir gar nicht erzählen, dass ich im
Moment und nach Stuart Mill die kleine Schrift DE BREVITATE VITAE von
Seneca lese, in einer Ausgabe, die Latein und Deutsch gleichzeitig enthält.
Der gute alte Seneca, stell Dir vor, der Hauslehrer Neros, zeigt mir
endlich, wie ich mit meiner knappen Zeit umgehen sollte. Und er ist strikt
mit mir: keine Saufgelage, keine Umtriebigkeit, keine unnützen Kontakte mit
Leuten, die nichts bringen, keine falsche Geschäftigkeit, nur die
Konzentration auf das Wesentliche und die eigenen Ziele im Leben, nur das
bringt es. Ich denke, ich werde wie meine §§§-treue Freundin in Zukunft
ganze Abende zu meiner eigenen Verfügung haben. Herrliche Zeiten kommen auf
mich zu.
*
Ja, finde ich auch, erst einmal solltest Du Dich durch Rom essen. Und dann
kannst Du sehen, ob noch etwas Appetit für Europa übrig bleibt. Was mich
betrifft, so würde ich ...
(...)
Du glaubst nicht, dass ich harmoniesüchtig sei? Da sieht man wieder einmal,
wie wenig man sich in einer Schreibfreundschaft kennenlernt. Ist doch
wirklich merkwürdige. Die meisten Probleme, die ich hier in meinem Job habe,
hängen damit zusammen, dass ich mit den Leuten viel zu lieb und zu
nachsichtig bin. Das mindestens ist meine Meinung.
*
Und jetzt muss ich enden. Vielleicht lässt Du über dieses Mail ein oder zwei
Löffel von jenen Konfitüren träufeln? Und dann wäre es doch schon fast das,
was Du als Heilmittel lobst und Dir wünschst. Oder nicht?
Ich wünsche Dir einen schönen Tag
Mit einem lieben Gruss
...
Sonntag, 4. Mai 2014
Jammerschade
Liebe Marlena
Es ist eine Schande. So ist mein ganzes Sonntags-Mail irgendwo in der Ostsee
niedergegangen? Der Gedanke ist unerträglich. Ich war nämlich wirklich
krank, bin aber am Sonntag sozusagen auf allen Vieren ins Büro gekrochen,
weil ich ein paar Unterlagen brauchte, und hab eben in der Eile und im
Fieberrausch das besagte Mail geschrieben.
Und dann meint sie, sie könne sehr wohl zwischen, aber nicht zwischen leeren
Zwischenräumen lesen! So eine Antwort auf mein wunderschönes,
allerblumigstes und wohlformuliertes und mit Poesie über und über besprühtes
Sonntags-Mail!! Ist wie eine Vandalen-Attacke aus dem Hinterhalt und hat
mich geradewegs zurück ins Bett geworfen!
*
Und wo sind - by the way - denn Deine Zeilen?
Es gibt nichts, worauf zu antworten wäre. Nichts, woran sich anschliessen
liesse. Wie soll man denn einen Nachsatz machen, wenn kein Vordersatz
dasteht?
*
Da siehst Du nur, wie empfindlich man unter diesen Fieberanfällen wird! Der
Kopf brennt, und das passt ganz und gar nicht zum milden Wetter, das sich
vor dem Fenster anbahnt.
---
Re:
Lieber ...,
Ja, es ist wirklich jammerschade das mit dem verlorenen Sonntags-mail. Und noch dazu ein so einmaliges.. von dir selbst bezeichnet als dein "wunderschönes, allerblumigstes und wohlformuliertes und mit Poesie über und über besprühtes Sonntags-Mail!!"
Wie kannst du mich nur so foltern? Wo du doch weisst wie sehr ich sogar um verlorene "Alltagsmails" von dir traure.
Aber vielleicht hat es mit einem meiner Gedankenmails irgendwo auf der Ostsee Schiffbruch erlitten.. oder auch schweben sie zusammen glücklich vereint über den Wolken .. ja das gefällt mir besser..
Ich schreibe in der Tat meine schönsten Mails an dich wenn ich mitten in der Nacht aufwache und nicht sofort wieder einschlafen kann. Leider aber nur in Gedanken.
...
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