Freitag, 28. Februar 2014

Nochmals Rumi


Ämne: Bei dir..

Lieber ...,
Ach wie schön, noch ein mail von dir zu finden. Ich hatte mir vorgenommen so gegen 13.00 Uhr zu Hause zu sein und bin dann erst drei Stunden später hier gelandet. Und dabei hatte ich sogar vergessen, dass ich noch keinen Lunch bekommen hatte. Jetzt habe ich gerade meinen Hunger gestillt.. meinen körperlichen.. meinen seelischen stillst du jeden Tag mit deinen Mails. Ich kann es kaum fassen, dass diese Zeit, die ich glaubte in der Wüste verbringen zu müssen, wo ich mich auf eine lange Hungerkur eingestellt hatte so anders geworden ist.
Ich merke, dass du freier bist. Du bist auch nicht mehr geizig mit dem süssen Nachtisch. Ich glaube, ich habe noch nie eine so schöne Woche mit dir verbracht. Und obwohl ich fast in Arbeit ertrinke (glaube unsere Chefs sind wahnsinnig geworden, denn sie legen immer mehr Aufträge auf unsere Schultern) so habe ich fast den Eindruck, dass ich auf Urlaub bin mit dir. Ich danke dir dafür. Du bist wirklich so lieb, dass man dich nicht für sich beanspruchen sollte..

"... und dich besitzen, nur ein Lächeln lang,
um dich an alles zu verschenken, wie einen Dank". (Rilke)

Ja, ich habe genau wie du reagiert auf die Bilder zu Rumis Gedichten. Sie sind nicht anstösslich und zeigen schöne Körper aber sie reduzieren die Texte. Ich habe auch noch nicht alle Gedichte gelesen und ich werde sie mir, so wie du, ohne Bilder zusammenstellen. Das kann ich auch für dich tun, wenn du willst. Meine Mailüberschrift  "Ich habe das Password" bezog sich auf dieses kleine Gedicht:
..

Ich kann die Rätsel alle dir
der Schöpfung sagen;
denn aller Rätsel Lösungswort
ist mein, der Liebe.

..

Oder dieses:
..
Liebende sehen die Dinge so,
wie sie wirklich sind.
Denn sie sehen mit der Klarheit
des göttlichen Lichts,
und ihre Liebe spricht die Mängel frei.
..

Ist das nicht ein wunderschöner Gedanke, fern von unserer Einstellung, dass Liebe blind macht. Was meinst du?

*
Ich muss mich um das Haus kümmern. In den letzten Tagen ist alles hier liegengeblieben und in den Papierhaufen komme ich vorwärts mit der Geschwindigkeit einer Schnecke. Warum muss es so schwer sein, sich zu entscheiden ob man etwas wegwerfen soll oder nicht? Aber du bist fern von diesen Problemen im Moment und ich will dich eigentlich garnicht daran erinnern, dass es sie gibt.
*
So nun lasse ich dich (jedenfalls für eine Weile) und wünsche dir noch einen schönen Abend. Ich denke du wirst mein mail erst nach dem Kurs finden.. oder gar noch später. Falls ich dich nicht mehr erreiche so möchte ich dir nur schnell noch einen kleinen Rat geben: Schlaf bitte nicht ein bei dem Musical. ;-)

Mit lieben Grüssen,
Marlena

Donnerstag, 27. Februar 2014

schlimmer Tag


Ämne: Mittwoch, wohl?
Datum: den 18 juni 10:31

Lieber ...,
Das Leben ist manchmal so grausam prosaisch, das man sich wirklich anstrengen muss um etwas Mut zu behalten.
Ich bin also in L. Anna hat ihren Kurs begonnen und sie war nachher tief enttäuscht. So was unorganisiertes hatte sie nicht erwartet. Und auch einige Teilnehmer sind äusserst komische Menschen. Ich habe ihr gesagt, sie soll nicht ihre kostbare Zeit auf sowas verschwenden.. Naja, sie will nicht aufgeben. Sieht es als eine Niederlage und so wird sie, um auszuhalten, das ganze als ein interessantes Studium der menschlichen Natur betrachten. Heute ist sie von 10.00 bis 17.00 Uhr beschäftigt. Wann, oder ob, sie Lunch hat weiss sie nicht. Das Paar, das den Kurs hält, wollte Heimaufgaben geben in Büchern, die "leider noch nicht eingetroffen" waren. Als Anna mit einer anderen Kursteilnehmerin nach dem Kurs in die Buchhandlung ging, um zu sehen ob sie vielleicht nun eingetroffen wären, teilte man ihnen mit, dass niemand dieses Buch bestellt hätte. Und so soll es wohl 5 Wochen lang zugehen.

Aber ich will von meinem scheusslichen Tag erzählen. Eigentlich sollte ich es wohl nicht tun.. schadet sicher meiner Image, aber ich tu es trotzdem.
Also, ich habe für Anna proviantiert und hatte dann eine Menge schwere Tüten und auch noch anderes Gepäck im Auto. Ich parkte vor dem Eingang um es reinzutragen. Als ich damit fertig war (ich hatte alles gleich hinter die Tür zu ihrem Korridor abgestellt) musste ich noch etwas holen und dabei schnappte die Tür zu und alle meine Sachen, d.h. auch Handtasche, Telefon, Brieftasche und in einer Einkaufstasche noch eine Menge Eis standen hinter der verschlossenen Tür, wo auch mein Schlüssel lag. Zum Glück war jemand in dem Korridor nebenan zu Hause und konnte mir helfen die Häuserverwaltung anzurufen um sie zu bitten mir die Tür zu öffnen. 250:- Kronen kostet das. Es sollte 10 - 15 Minuten dauern, aber es dauerte um einiges länger. Schliesslich kam ich rein und als ich die Esswaren in den Kühlschrank legen wollte, stand dieser voll Wasser. Ich musste schnell die Waren retten (nicht unsere) die ganz unten herumschwammen. Und zu allerletzt: Als ich schliesslich hinauskam um mein Auto wegzubringen hatte ich einen Strafzettel an der Scheibe. 400:- Kronen weil ich falsch geparkt hatte.
Du bist Psychologe, du weisst bestimmt wie man sich nach sowas fühlt. Ich bin immer noch traurig und böse.
*
Weisst du denn was Sufi bedeutet? Das ist jemand der einen Wollmantel trägt. Hast du villeicht garnicht gewusst. Es müssen eine Art Mönche gewesen sein mit einer solchen Kleidung.
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Draussen scheint die Sonne ganz herrlich. Ich werde in die Stadt runterfahren und noch einiges besorgen was hier fehlt um das Leben bequemer zu machen. Gestern habe ich noch gut gekocht, damit Anna gleich nach ihrem Kurs essen konnte. Es ist schön, die grosse Küche ganz für sich zu haben. Auch das russische Mädchen im Korridor haben wir dazu eingeladen. Und am Ende der Mahlzeit gab es französischen Brie-käse. Das hatte das Mädchen noch nie gegessen, obwohl sie zu den neureichen Russen gehört, die in Geld schwimmen.
*
Es ist ein etwas kurzes Mail, aber die Unlust tobt noch in mir herum. Du wirst es verstehen. Vor dem Einschlafen dachte ich: Man sollte jemanden haben der einen etwas trösten könnte.

Ich grüsse dich lieb,
Marlena

Mixed double


Ämne: Mixed double
Datum: den 14 juni  08:25

Lieber ...,
Es ist bereits abend und ich möchte dir noch schnell ein paar Zeilen schreiben, bevor ich zu Bett gehe. Ich war auch heute noch fast den ganzen Tag in der Schule. Es ist eigentlich ein Scherz, dass man dort sein muss, denn man kann selbst wählen was man tun will. Und was will man schon tun, wenn man gerade am Ende eines Schuljahres angelangt ist? So bin ich etwas herumgegangen und habe hier und da ein paar Worte mit Leuten gewechselt, die sich in derselben Situation befanden. Eigentlich ganz nett. Ich stelle mir vor, dass der Arbeitstag eines Politikers so aussehen muss.
Am Nachmittag habe ich mir Anna mitgenommen. Der Maler kam so spät und hat uns also über Mittag die Küche versperrt. So sind Anna und ich in die Schule gefahren und haben uns auf dem Weg dorthin eine Pizza gekauft. Und dann habe ich ein wenig meine Mailboxen (?) kontrolliert und mir die ersten Seiten, also die Titel der Mails, geprintet. Und als es fertig war (nur die aktuelle marlena_priv fehlt noch), hatte ich so viele Seiten in der Hand dass es dick war wie ein Buch. Stell dir vor, nur aus den Titeln unserer Mails könnte man ein Buch drucken lassen. :-)
Siehst du, ich habe von Anna gelernt, wie man die mails leicht aus dem Hotmail herausholen kann ohne dass man jedes öffnen muss. Es geht ganz automatisch, aber wenn es zwei mit demselben Titel gibt fragt der PC ob man das eine mit dem anderen ersetzen will und wenn man nein sagt dann nimmt es nur das eine davon. Ich hoffe du verstehst was ich meine. Ich glaube die Mails aus der letzten Box werde ich nicht automatisch so geschwind herausholen können, weil so viele den selben Titel haben. Momo, Dina, Mimo u.s.w. Aber irgendwie werde ich es schon hinkriegen. Dann werde ich die Mails auf einer CD speichern und du bekommst eine Kopie davon. So hast du ein schönes ausführliches Tagebuch. Eine der Mailboxen wurde leider von hotmail geleert, weil ich sie einen Monat lang nicht mehr geöffnet hatte aber diese Mails hatte ich schon irgendwo gespeichert glaube ich. So wird es eine einigermassen komplette Mailkorrespondenz werden.

Ich habe mich sehr gefreut für dich heute. Schön, dass man merkt wie einmalig du bist. Ich wünsche alle wüssten es und ich hoffe dass sie es auch eines Tages erfahren werden.

Ein Sufi? Ich dachte es hätte etwas zu tun mit dem Wort ”saufen” aber dann dachte ich auch, dass man von Walthers Wasser kaum ein Sufi werden kann.. ;-)
Doch, ich weiss dass es eine Art von Islamist ist, oder? Erzähle mir genauer darüber.

(---)
Ich grüsse dich lieb und wünsche dir einen schönen Samstag.
SH
Marlena

Zwischen-Mail


Liebe Marlena

Ja, Du siehst richtig, hier ist ein Zwischenmail, eine Extra-Portion, wie wir sie hier nur in seltenen Momenten herausgeben. Ich hatte nach einer schlechten, heissen Nacht in einem durchwühlten Bett auf den Morgen gewartet. Und dann gab es auch noch die Direktionssitzung, nicht eben meine Lieblingsbeschäftigung. ...

(...)

Vielleicht bin ich wegen dieser Lobesworte so voller guter Dinge, dass ich Dir hier nochmals ein Mail schreibe, eine Extra-Ding, ein Surplus.

*

Ich bin froh, dass dieser Tag bald zu Ende ist, denn eigentlich bin ich ziemlich müde. Und man sagt, dass Freitag, der 13. mit Vollmond gekoppelt eine echt gefährliche Packung sei. Na ja, ich werde zu Fuss heimkehren und mich sofort in meine Privaträume zurückziehen. Da kann ich nicht mehr allzuviel falsch machen. Un morgen werden wir weitersehen.

Habe ich Dir erzählt, dass ich ein Büchlein über den Sufismus lese? Es ist geschrieben von Annemarie Schimmel, einer der besten Kennerinnen des Islam und seiner Kultur. Sie war Professorin in den USA und in Deutschland, hat viele Preise bekommen und ist vor ungefähr einem Jahr gestorben. Ich habe mal von ihr einen Lebenslauf über Mohammed gelesen, und bloss diesen kleinen Text fand ich schon ausgezeichnet. Ich kann nicht mal mehr genau sagen, was es war, das mich überzeugt hat. Doch der Text hatte eine Qualität, die man sonst nicht findet.

Ich werde Dir später erzählen, was Sufismus ist und dass ich eigentlich im Tiefsten meines Herzens ein Sufi bin. Ein Farbkenner hatte mal über meine Bilder gesagt, ich wäre ein Mystiker. Na also!

Mit lieben Grüssen für das Wochenende
...

Re: Serenität


Liebe Marlena
Wenn Du über die Handwerker schreibst, könnte man - wenn ich es nicht besser wüsste - meinen, Du meinst jene aus der Schweiz. Aber es ist wirklich schwer einzusehen, weshalb eine Decke rundum weiss sein sollte, wo doch einige Russreste der ganzen Athmosphäre einen romantischen Touch geben würden! Stell Dir vor, wenn in einigen tausend Jahrenm Euer Haus von Archäologen ausgegraben wird, dann werden sie Hypothesen entwickeln, wie die schwedischen Frauen im 21. Jahrundert noch am offenen Feuer gekocht hätten, und wie abends die ganze Familie mit Kind und Kegel um diesen warmen rauchenden Herd in der Küche gesessen sei, um sich gegenseitig alte Lieder zu singen und Schauermärchen zu erzählen. Und sie wären nicht mal so weit von der Wahrheit entfernt ;--)) Ich bewundere Deinen stoischen Mut in dieser ganzen Gelegenheit. Wie ein Kapitän stehst Du auf Deinem Dampfer und siehst, dass die Dinge vorankommen, so langsam, wie sie eben auf einem Schiff voranzukommen pflegen.
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Ja, Deine Interpretation über unsere Agenda ist genial. Weil Du täglich schreibst, steht die Liebe schon an erster Stelle. Gut gedacht, und dazu mit Liebe! Du könntest ein wahrer Sufi sein, denn auch sie, wenn ich das richtig verstehe, haben die Liebe als wichtiges Instrument der Gotteserkenntnis und der eigenen Erleuchtung angesehen. Und man kann sich das ja auch irgendwie vorstellen. Auch Rilke, wenn ich mich recht erinnere, hat Verse, die in diese Richtung gehen. Irgendwo sagt er, man müsse den Dingen ein Bruder sein, um ihren gerecht zu werden. Das ist schön gesagt. Aber soviele Brüder zu haben, ist auch ganz schön anstrengend.
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Gestern in L war es anstrengender, als ich es mir vorgestellt hatte. Beide Fälle, die ich zu bearbeiten hatte, waren komplizierter als erwartet. Und ich wurde zum Schluss weich und habe den starken Wünschen der Eltern nachgegeben. Manchmal ist es echt hart, die Eltern zu einer Massnahme zu zwingen, die sie partout nicht wollen. Ich halte dafür, dass sie die Verantwortung für ihr Kind haben, und dass sie die eigenen Fehler zum grossen Teil auch selbst auslöffeln sollten. Deshalb sollten sie sie auch selber machen dürfen. Und es war sosehr heiss, wie man es seit Menschengedenken im Monat Juni nicht erlebt hat. Ich habe eine grosse Flasche Wasser von 1.5 l während ein paar Stunden getrunken und gleich wieder zu den Poren hinausgespritzt, dh. geschwitzt. Alles hat nur noch geklebt.
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Du suchst vielleicht nicht nach Glück und Liebe, weil Du sie hast. Mindestens vom Glück redest Du so, als ob sie da wären. Das ist natürlich das allerbeste. Und vielleicht ist es wirklich auch eine Frage der Sprache und des Framings. Wenn man sich immer wieder sagt, wie glücklich man sei, dann wird es wohl auch. Ist wie eine Art von Selbst-Hypnose. Zumindest das Gegenteil ist doch wirklich nicht zu bezweifeln: wer sich ständig einredet, unglücklich zu sein, der ist es doch auch wohl.
Aber ich interessiere mich hier jetzt darum, wie man nachhelfen kann, dass man ein glückliches und schönes Leben hat. Es gibt bestimmt tausende von Definitionen. Aber wenn man das alles zusammenfasste, müsste man doch wieder zu einem Prinzip, einer Grundregel kommen. Und eines davon ist bestimmt die Liebe. Wer hat das gesagt: Liebe Dein Schicksal, du hast keine andere Wahl. Oder aber der andere Rat: nur zu wollen, was man auch erreichen kann.
Im Moment bin ich überzeugt, dass eines der wichtigsten Momente des schönen Lebens die Wahlmöglichkeit darstellt. Wenn immer Du Wahlmöglichkeit hast, kannst du wählen, und du kannst das Schönere, das dir Gemässere wählen. Das ist wie ein Wettbewerb der Varianten. Denn diese Differenz macht das Schöne erst aus, zeichnet das schöne Sein vom blossen Sein erstaus. Vielleicht die Natur spielt bei diesem Wettbewerb nicht mit. Sie ist schön und sie ist in weiten Bereichen einfach da. Aber Natur ist heute wohl auch mehr gemacht als einfach da. Wenn sie bloss da wäre, würden wir im Urwald leben. Du siehst, ich bin gerade daran, mich in meinen Gedanken zu verlaufen wie im Urwald.
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Gut, dass die Woche wieder dem Ende entgegen läuft. Ich brauche wieder etwas Ruhe und Entspannung. Man wird wirklich schneller müde, wenn man älter ist. Ein Kollege hat immer behauptet, mit 50 fange es an, da werde man müde. Und ich habe ihm damals natürlich nicht geglaubt. Aber er scheint recht zu haben. Und heute sprechen sie davon, die Arbeitszeit bis auf 70 Jahre zu verlängern. Stell Dir vor, wie das aussieht, wenn die 70-jährigen noch jeden Morgen zur Arbeit fahren. Und dies, nachdem wir eine Phase hatten, wo viele schon zwischen 50 und 60 aus dem Arbeitsprozess ausgetreten sind. Ich habe eine Kusine, sie ist jetzt knapp 60 und vor etwa 2 Jahren in Pension gegangen. Sie reist und isst und geniesst das Leben, dass es schon fast eine Sünde ist. Nun ja, sie ist alleinstehend, und muss noch etwas nach ihrer Mutter schauen. Aber es scheint wirklich ein Leben ohne Pflichten zu sein, und ich kann mir vorstellen, wie so die kleinen Dinge im Leben einen grossen Stellenwert bekommen: einmal Kopfweh, ein zerbrochener Zahn, eine Zugsverspätung sind in einem solchen Leben doch schon mittelgrosse Katastrophen, nicht wahr?
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Und jetzt muss ich an meinen Tag. Wir haben Sitzung auf der Direktion. Und ich hoffe, sie gehe rasch und schmerzlos vorbei. Und dann ist das Wochenende so gut wie in Sicht.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Mittwoch, 26. Februar 2014

Serenität


Ämne: Serenität
Datum: den 12 juni 2003 09:08

Lieber ...,
Soeben ist er eingetroffen, der dicke grosse und etwas griesgrämige Maler. Ich habe ihn gefragt ob er nicht die Geschirrschränke verdecken wird bevor er die Decke streicht, worauf er sagte die sei schon gestrichen (also nicht nur grundiert). Daraufhin habe ich ihm Stellen gezeigt wo er nicht gemalt hatte und andere wo man noch Reste von dem dunklen Russ durchleuchten sah. Du kannst dir ja vorstellen, dass ich jetzt nicht besonders populär bin bei ihm. Er konnte ja selbst sehen dass es stimmte, was ich gesagt habe. Und so wird er die Decke nochmals streichen und am Nachmittag wiederkommen und die Wände machen. Puh.. Ich hab bald genug davon.
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Zur Zeit zeigt man eine Reprise von Bergmans "Szenen aus einer Ehe". Es ist grausam anzusehen. Ich glaube nicht dass viele Ehen so dramatisch verlaufen wie bei Ingemar Bergman. Aber man weiss nie, was sich hinter der ehelichen Fassade verbirgt. Allzu oft muss man staunen was für ein schweres Leben Menschen geführt haben von denen man glaubte sie seien mit dem grossen Glück gesegnet.

Ich suche nicht nach Glück und Liebe. Ich lasse sie kommen, wenn sie wollen. Es sind nicht Dinge, die man hervorzwingen kann. Und Glück für mich ist so viel. Ein schöner Sommerhimmel z.B. und ähnliche Dinge. Ein Lächeln, ein lustiger Kommentar.. ach, es gibt so viel, was ich als Glück bezeichnen möchte. Aber besonders schön sind all diese kleinen Dinge natürlich wenn man sie durch die gefärbte Brille der Liebe sieht. Wenn man ein bisschen "im Rausch" ist, wie sie es nennen, die Wissenschaftler. Auch Schwanitz spricht ja davon. Glück sind auch schöne Erinnerungen und Hoffnungen für die Zukunft. Ich glaube wirklich, dass ich ein glücklicher Mensch bin. Ich glaube sogar man trägt die Dispostition für Glück in sich. Auch sie ist chemisch bedingt.
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Eigentlich sollte ich schon am Arbeitsplatz sein aber ich warte bis er mit der Decke fertig ist und fahre dann los. Vielleicht kommt K heute schon nach Hause. Ich schäme mich zu sagen, dass ich es nicht genau weiss. Sicher hat er es genannt, aber.. ;-)
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Meinst du wirklich, dass wir meist über Wetter und Liebe schreiben? Das stimmt doch wirklich nicht. In den letzten zwei Jahren hat das Wetter etwas zugenommen aber dagegen ist die Liebe an einen ziemlich verborgenen Platz verwiesen worden. Doch wenn man die Tatsache, dass ich dir täglich schreibe, als ein Zeichen meiner Liebe sieht, dann hat sie den ersten Rang.
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So, nun ist der Maler fertig und kommt nach dem Mittagessen wieder. Ich werde mich auf den Weg machen.
Im Gegenteil zu dir, wünsche ich dir einen Tag voll Glück und viel Spass bei Walter.
Liebe Grüsse,
Marlena

PS K hat gerade angerufen. Er ist gestern Abend aus Portugal zurückgekommen und wird hier gegen Mittag eintreffen. Meine schönen ruhigen "virtuellen" Stunden sind gezählt.

Eudaimonia


Den 12 juni 2003 07:30
Re: Eudaimonia


Liebe Marlena

Wir sind Spezialisten für das Wetter und für die Liebe. Davon handeln unsere Mails am meisten. Und ich glaube, wir hätten in diesen Sparten längst Ehrendoktorhüte verdient.

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Für mich ist es merkwürdig, wie man den Gefühlen in biochemischer Hinsicht näher kommt. Ob man sie damit erklären kann, ist eine andere Frage. Aber auf jeden Fall kann man sehr oft physiologische Korrelate für psychische Vorgänge finden. Trance zum Beispiel geht einher mit einigen leichten physiologischen Veränderungen, die interessant sind. Aber damit kann man doch die Trance längst noch nicht erklären. Ich glaube, die Wissenschaften sind wie Stockwerke eines Hochhauses. Entweder bist du im dritten Stock, der Psychologie, oder dem 5., der Biochemie nämlich. Aber du kannst nicht gleichzeitig in beiden Stöcken sein. Und du kannst vom 5. Stock aus nicht Dinge erklären, die im 3. Stock stattfinden. Voilà! Deshalb wohnen wir Generalisten in einem Einfamilienhaus, das alles auf einem Stock hat. Allein ein solches Gebäude ist erdbebensicher;--)

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Gut dass DeinMaler noch gekommen ist. Sie sind also nicht hoffnungslos undiszipliniert, die Maler, sondern bloss etwas träge verspätet. Und er hat schon die Decke GRUNDIERT (nicht gegründet). Grundierung ist das wichtigste, an der Wand wie auch in der Liebe. Nur eine solide Grundierung garantiert, dass sich die emotionale Wolke für einige Zeit halten wird. Und dass Schokolade ein Ersatzdroge darstellt, das weiss ich sehr wohl. Das wissen im Prinzip die meisten alten Leute. Deshalb sind wir Schweizer auf der ganzen Welt bekannt und auch beliebt. Wir sind Ersatz-Sexpartner sozusagen.Man könnte auch sagen, wir sind ein erstklassiger Drogenproduzent. Aber ehrlich gesagt, war ich in jungen Jahren immer wieder erstaunt, wie gut Schokoladen in England beispielsweise, oder in Deutschland, gar nicht zu sprechen von Belgien sind. Vielleicht war mein Geschmack nicht fein genug? Doch ich habe das Lob der Schweizer Schokolade immer irgendwie als übertrieben angeschaut. Doch jetzt, nach all den Jahren, muss ich zugeben, dass unsere Schokoladen schon ziemlich perfekt sind. Auch jene, die man in normalen Einkaufszentren kauft, also durchaus günstige Marken, sind wirklich fein. Aber vielleicht hängt das eben mit der Tatsache zusammen, die du erwähnst. Vielleicht spreche ich heute mehr auf ihr Fenyletylamin an? Allerdings bin ich noch nie bis hinauf zu 15 Kilos gegangen. Das müsste ich vielleicht mal testen.

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Heute bin ich in L beschäftigt, und es scheint, dass es ein langer Tag werden könnte. Ich muss vielleicht auch Walter mitteilen, dass es etwas später werden könnte. Heute ist wieder mal unser Weekly. Und es ist immer noch sehr warm. Heute hat man uns 35° versprochen. S. ging gestern Abend noch ins öffentliche Bad, um ein paar Runden zu schwimmen. Ich war zu faul, sonst wäre ich mitgegangen.

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Und gestern war ich wieder zwischen den vielen Grossmütterchens und -väterchens in der Vorlesung. Ich glaube, ich muss mir dort eine Freundin suchen, die mir einen schönen Platz reserviert, wenn ich etwas spät komme. Es ist süss zuzusehen, wie sich die alten Leutchen gegenseitig bemühen. Es ist eigentlich wie damals, anfangs des Studiums, als bei Prof. Staiger, wo meist alle guten Plätze früh besetzt waren, die Studenten sich gegenseitig halbe Sitzreihen besetzt hielten. Damit konnte man Sympathien verteilen und Punkte sammeln, dh. in der Subpolitik mithalten. Ich war damals ja ein Immigrant und hab das alles nur beobachtet. Ich kannte kaum jemanden in diesen Kursen.

Deine Seele scheint so leicht und unbeschwert vor den Ferien, wie man sie selten antrifft. Sonst bist Du von Pflichten gejagt, und von Deinen vielen verschiedenen Interessen. Es ist schön, Dich so unbeschwert und zufrieden anzutreffen. Ich glaube, es ist eine unserer Aufgaben im Leben, diese Zufriedenheit und Gelassenheit auch in der Arbeit realisieren zu können. Irgendwie sollte die Freizeit nicht völlig anders sein als die Arbeitszeit. Und wirklich glücklichen Menschen gelingt das auch. Es gelingt ihnen nicht, weil sie eine bessere ARbeit haben. Arbeit hat immer auch unangenehme Seiten. Es gelingt ihnen, die Arbeit wie eine Freizeittätigkeit anzupacken und zu geniessen. Es gibt doch diesen raffinierten Ratschlag, man solle das Schwere leicht und das Leichte schwer nehmen. Ich glaube, darin liegt viel Weisheit. Und daran bin ich an der Arbeit: ich will die Freizeit schwer und die Arbeit leicht nehmen. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen, weil ich nicht mehr soviel renne und mich anstrenge bei der Arbeit wie in früheren Jahren. Aber ich muss auch feststellen, dass die Erfahrung vieles kompensiert. Man merkt das vielleicht nicht auf den ersten Blick. Aber wenn man sich die Mühe nimmt, und wenn man zurückdenkt in die frühen Jahren, dann muss man feststellen, dass man sich früher oftmals in irgendwelchen Dingen verirrt hat, die gänzlich unwichtig und unproduktiv gewesen waren. Heute sieht man die wichtigen Punkte und kann sich darauf konzentrieren. Die Tatsache, dass alles so leicht scheint und aussieht, zeigt, dass hier KUNST am Werke ist.

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Diese Lebenskunst ist ein Thema, was mich immer wieder interessiert. Vielleicht packe ich es etwas zusehr von der theoretischen Seite an. Im Wesentlichen ist die Grundlage für die Lebenskunst das Bewusstsein der Differenz. Was immer man tut oder unterlässt, es sollte eine Wahl sein und sich von einem Hintergrund abheben. Die Wahl ist das Zentrum, der Angelpunkt der Kunst. Und die Wahl ist nur gegeben, wenn ich mir die Möglichkeit von Varianten und Alternativen verschaffe. Wenn ich also zwischen verschiedenen Möglichkeiten wählen kann, erst kann ich mein Subjekt selbst differenzieren und mir so etwas wie einen Stil aneignen.

Das klingt alles sehr einleuchtend. Ich schaue nicht Fernsehen, wie alle Leute, sondern gehe in die Oper. Ich esse Dinkelbrot, und nich dieses billige weisse Zeug, das sie auch bei McDonalds austeilen. Ich trage italienische Massanzüge, und nicht diesen asiatischen Ramsch von der Stange. Durch diese Differenzen hangelt man sich empor zum Stil. Allein wie ist es in den persönlichen Beziehungen. Eigentlich müsste das Primat der Wahl auch für Liebesbeziehungen gelten. Ich muss sehen, dass meine Beziehung zur Ehefrau die beste der möglichen wird. Aber ich muss doch auch zusehen, dass ich die beste Frau als Partnerin zur Verfügung habe. Führt das nicht ständig dazu, dass man links und rechts vergleichen muss? Die Wahl setzt voraus, dass ich vergleiche und dass ich in der Vorstellung Konsequenzen durchspiele und Alternativ-Szenarien simuliere. Wenn keine Wahl besteht, ist das Leben ruhig und zufrieden. Bei offenen Wahlmöglichkeiten kommt eine Unruhe und eine ständige latente Unzufriedenheit. Schon der Gedanke, man könnte während des guten Lebens, das man hat, das bessere verpassen, zehrt an den Nerven.

Ist es nicht eine Art Blindversuch, den wir da machen? Das Leben ist zu einem Labor-Test geworden. Und jeder kämpft gegen den Makel, dass er mit dem erstbesten Versuch zufrieden sei. Die Anlage verlangt, dass man sich ständig verbessert, dass man bessere Möglichkeiten herausarbeitet und sucht, dass man das, was man hat, ständig in Frage stellt. Kann man denn so glücklich leben? Liegt das Glück nicht gerade darin, für den Moment wenigstens wunschlos zu sein? Oder liegt das Glück doch eher in den Erwartungen, die man hegt, in den vielen Wünschen und Hoffnungen, die sich letztlich vielleicht gar nie erfüllen? Und wenn sie dann erfüllt sind, wird man unzufrieden und verliert den Elan des Lebens. Das wäre ein enormes Paradox. Wenn man sieht, wie sehr arme Leute glücklich sein können, dann scheint es doch sehr wahrscheinlich, dass es die unerfüllten Wünsche sind, die das erlauben. Erfüllte Wünsche bringen Sorgen. Unerfüllte Wünsche erhalten Hoffnung.

Wenn man daran weiterdenkt, muss man den Menschen raten, unglücklich zu sein. Ich glaube, Watzlawick hat ein Buch mit einem ähnlichen Titel geschrieben, das ich leider nie gelesen habe. Er ist ein Meister des Paradox. Immerhin erscheint es ziemlich naheliegend, dass man am meisten Glück erreichen kann, wenn man es nicht krampfhaft erreichen will. Glück erreicht man indirekt. Wer das Glück selbst erhaschen will, der greift meist daneben. Die Suche nach Glück ist unglücks-trächtig.

Ja, ich muss mir das mal genauer überlegen in einer der kommenden, warmen Sommernächte, wenn die Nachtigall singt.

Ich wünsche Dir einen schönen, einen unglücklichen Tag

Mit lieben Grüssen