Montag, 29. Oktober 2012

über die Verrücktheit

(ungekürzt)

Subject: über die Verrücktheit!

Liebe Marlena

Hurrah, ich hab es gefunden. Im artchive, wie du mir es angegeben hast, habe ich das Bild von Rubens gefunden. Es heisst dort „Allegory on the blessings of peace", ist 1629-30 entstanden und hängt in der National Gallery in London. Du kannst es Dir anschauen und Dir vorstellen, Du würdest mitten in unserem Wohnzimmer stehen. Dazu kann ich Dir sagen, dass unser Wohnzimmer sehr gross ist. Wir haben eine alte Scheune umgebaut und das Wohnzimmer nimmt die ganze Grundfläche ein. Es ist vielleicht 10 x 15 m, ich weiss es nicht so genau. Auf jeden Fall kann ich, wenn ich ein Problem zu lösen habe, eine halbe Nacht lang diagnoal in diesem Wohnzimmer (dh. vielleicht 12 m eine Länge) auf und ab gehen und so viele Kilometer zurückzulegen, dass es gut und gerne einmal rund um den Erdball reichen würde. - - Allerdings ist die Küche auch ins Wohnzimmer hinein gebaut, so dass es aussieht wie eine Theke. Das ist einerseits gut, weil meine Frau dann nicht isoliert in der Küche stehen muss. Auf der anderen Seite hat es den Nachteil, dass die Gäste bis in die Pfanne hinein sehen, und auch, dass es manchmal Lärm macht oder nach irgendwelchen Gewürzen riecht. Aber insgesamt hat es wahrscheinlich mehr Vorteile.

Also, in diesem grossen Raum hängt meine Rubens-Kopie über einem Glasschrank und in einem dicken, barocken Goldrahmen. Und darüber hängt ein anderes Bild, das ich selbst entworfen habe, aber auch etwas rubens-ähnlich ist. Es gleicht dem „Höllensturz" von Rubens. Vielleicht kennst du das Bild, worauf die vielen nackten Menschen hinunter in die glühende und brennende Hölle fallen. Es sieht aus wie eine barocke Grill Party. Meine Variante ist natürlich nicht soooo dramatisch und sooooo perfekt wie die von Rubens. Aber in die Nähe komme ich schon damit. Es ist ein grosses Bild, etwa 1.5 x 2 m. Du kannst Dir nicht vorstellen, welche Gefühle man hat, wenn man vor einer weissen Leinwand mit den Massen 1.5 x 2 m steht. Das Herz fällt dir in die Halsgrube, wie du in schwedisch zu sagen scheinst. Man hat einfach Angst, den ersten Pinselstrich zu machen und man verschiebt ihn immer wieder, indem man noch einen Schluck Wein trinkt oder eine neue Pfeife stopft.

Manchmal denke ich, ich hätte nicht studieren und heiraten und Kinder haben und ein bürgerliches Leben führen sollen. Ich hätte besser Maler werden können. Das wäre ein Ding! In meinem Alter wäre ich jetzt sicherlich bekannt, vielleicht berühmt. Ich hätte ein freies Leben und könnte Nächte lang vor der Leinwand stehen und gegen sie Krieg führen. Ich könnte die Leute beleidigen und meine Leber mit Alkohol ruinieren. Ich könnte immer noch Gauloises rauchen und bei Parties mit einen leeren Whiskyglas in der Hand auf den Tischen tanzen. Natürlich hätte ich eine bildhübsche, gutproportionierte Freundin mit unwiderstehlichen Lippen und einem sensationellen Haarschopf als inspirative Muse, als inspirierende Modell und als konspirative Geliebte. Und ich würde nach Belieben in der Welt umher reisen und mal im Atelier in New York, und dann wieder in jenem in Basel arbeiten, oder vielleicht doch besser in Berlin? Leider nicht so schnell in Paris, denn Paris ist zur Zeit nicht mehr die Weltmetropole der Kunst. Das war es im 19. Jahrhundert zur Zeit der Impressionisten. Aber natürlich ist das eine sehr romantische Vorstellung des Künstlers. Die modernen Künstler sind nicht mehr romantisch. Sie arbeiten mit Video und hochtechnischen Installationen und sie verkaufen sich der Wirtschaft und machen Werbung. Sie sind nicht mehr die wirtschaftskritischen Künstler, die es noch in unserer Jugendzeit gegeben hatte.

In unserem Haus habe ich einen Raum, so etwas wie ein Atelier. Dort habe ich meine Staffelei und die Farben. Ich habe schon ziemlich lange zwei grosse Leinwandformate, wo ich meine beiden Töchter porträtieren will. Die Grösse der Leinwände ist wie die einer normalen Zimmertüre. Und ich möchte, wenn sie gelingen, nebeneinander aufhängen. Aber ich bin noch nicht dazu gekommen. Ich habe noch keinen Pinselstrich angefangen! Wie gesagt, es braucht ziemlich Mut. Beim ersten Pinselstrich fühlt man die Verantwortung der totalen Freiheit. Und je mehr Striche man macht, desto enger wird es, desto unfreier wird man, und am Schluss ist man Gefangener seines eigenen Bildes, absolut verstrickt in die eigenen visuellen Konstruktionen. Das ist ein echtes Abenteuer, ein ästhetisches natürlich, ich sag es Dir. Und die Mädchen sagen mir andererseits, sie hätten absolut keine Zeit, mir Modell zu stehen, absolut keine!

Ich gebe es ja zu, ich bin ein bisschen verrückt!

Verzeih mir und schreib mir, Marlena

Gruss und Kuss

...

Sonntag, 28. Oktober 2012

Virtual life

Liebe Marlena
...
Kehren wir zu unseren wundervollen, knarrenden Pritschen zurück. Du fragst dich immer wieder, liebe Marlena, ob es mich wirklich gibt. Es gibt mich nicht wirklich, sondern nur virtuell. Ich bin für dich ein Wesen dieser neuen Cyber-Kultur. Ich komme nicht aus der alten Raum-Zeit-Kultur, Raum und Zeit als PRINCIPIUM INDIVIDUATIONIS. Damals, in unseren alten Zeiten, hatte jedes Individuum und jedes Ding einen eindeutigen Koordinatenpunkt in der 4 dimensionalen Raumzeit. Etwas konnte nicht gleichzeitig sein und nicht sein, oder konnte nicht etwas sein und gleichzeitig etwas anderes sein. Heute ist das anders. Du hast es ja immer geahnt: ich bin hier in Basel, aber abends bin ich für einige Zeit in Stockholm, und gelegentlich surfe ich im Net, und dabei bin ich X und H (dieser widerliche Kerl) und wer weiss, vielleicht noch ein paar andere unapetietliche Typen? Das ist virtual-life. Es ist wie in den Nachthimmel schauen. Du siehst die Sterne, aber du kannst nicht sicher sein, dass es die Sterne gibt. Vielleicht erreicht dich bloss ein letzter Lichtstrahl und morgen ist es aus. Man kann wirklich nichts mehr genau wissen. Und es könnte immer auch anders sein.
Wir armen Seelen hängen ja so an der Wirklichkeit, ohne zu wissen, ob es sie auch gibt oder ob das nicht alles vielmehr Hirngespinste sind.
Ich glaube, es ist das soziale Leben, das soziale SPIEL sozusagen, das unsere Wirklichkeit aufbaut. Es ist wie mit den Sprachen. Andere Sozietäten haben andere Sprachen und andere Wirklichkeiten. Die Perser nicken, wenn sie nein sagen wollen. Und du könntest verzweifeln, wenn du das nicht weißt. Und wenn sie dich zum Kaffee einladen, musst du erst dreimal ablehnen und bedauern, bis du dann doch gehst und eigentlich nie was anderes gewollt hast, als einen Kaffee zu trinken. Die Perser haben echt viele §§§§ in ihrem sozialen Umgang, das kann ich dir sagen, Marlena. Bei Partys oder Anlässen machen sie Fotos, und die Menschen stehen steif nebeneinander und lächeln in die Kamera. Es gibt totlangweilige Fotos, aber sie machen sie immer wieder. Mittlerweile denke ich, es geht ihnen nicht um das Foto, es geht darum, mit der Kamera zu zeigen, dass es ein aussergewöhnlicher Moment ist, und dass man es schätzt, beisammen zu sein. Man könnte glattweg eine Kamera ohne Film dafür benutzen oder sonst eine leere Blechbüchse.
Es gibt also nichts ausserhalb des Textes. Wer hat das gesagt, Lacan, oder Derrida, es war sicherlich einer dieser elitären französichen Intellektuellen, die an der Ecole Normale Supérieure studiert haben, und die ich über alles bewundere? Sie heisst doch so, ENS, nicht wahr? Viele französischen Geistesgrössen waren an dieser Schule.
Alles, was existiert, existiert nur im Text. Und auch ich existiere für dich nur im Text. Damit musst du dich begnügen, meine Liebe. Wenn du dich verliebst, verliebst du dich in einen Romanhelden, von dem du noch nicht weißt, ob er in einem seiner verrückten Abenteuer umkommt, sich vielleicht mit einem A. oder C. duelliert und für den Rest des Romans in den Zeilen herumhinkt und den rechten Arm in der Schlinge trägt, oder ob er eher munter in einem Fortsetzungsroman alt, senil und dement wird, um ganz langweilig und monoton in einem bürgerlichen Bett dahinzuscheiden.
Ich glaube, Verlaine hat das auch begriffen. Seine Geliebte ist ziemlich deutlich eine virtuelle Geliebte. Hör mal an:
" et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre".
Ist diese Unschärfe nicht genau die Virtualität? Und so bin ich für dich.
*
Liebe Marlena, vielleicht liest du das jetzt so, als ob ich dir etwas erklären wollte. Ich will dir nichts erklären, ich verstehe es selbst nicht genau. Ich versuche sozusagen zu überlegen. Es ist gut, schriftlich zu überlegen, dann muss man langsamer denken! Ich versuche, mir das auszumalen. Und es ist zum ersten Mal. Es ist neu für mich. Ich weiss es noch nicht, was ich hier schreibe. Ich bin eben am Entdecken. Deshalb geniesse ich es auch, zu schreiben und zu wissen, dass ein lieber Mensch das nachher liest, begeistert vielleicht ist, vielleicht auch verzweifelt und schimpfend, dass man das Zeug kaum verstehen könne.
Ich glaube einfach, dieses real und dieses virtual ist heute eine wichtige Dimension in der Zeit der Postmoderne. Es gibt einen cultural turn. Und die Welt wird sich rapide verändern und sie wird nicht mehr sein, wie sie gewesen ist. Und das Fegefeuer vielleicht auch nicht mehr.
*

"gegen die Uhr"


Ämne: Sonntag - alltäglich
Datum: den 12 januari 2003 17:48


Lieber ...,
Ach, wie sehr ich wünsche, dass sich diese 0 in meiner Inbox in eine 1 verwandeln würde. Aber du bist nicht da.
Heute früh war hier strahlender Sonnenschein und zum ersten mal hatte ich stark das Gefühl, dass nach dem Winter ein Frühling kommt. Aber der schöne weisse Schnee kann ruhig noch ein paar Wochen liegenbleiben. Ich würde so gern wieder einmal einen sonnigen Februar mit Schnee erleben. Dann laufen wir Ski auf dem kleinen See in dem nahen Wald. Und natürlich immer "gegen die Uhr" und auf dem Eis, das lange nicht mehr so dick war wie diesen Winter. Dieses "gegen die Uhr fahren" haben wir gestern beim Freitagskaffee diskutiert und alle waren erstaunt dass es sich wirklich so verhielt und man versuchte verschiedene, mehr oder weniger wissenschaftliche Gründe dazu zu finden. So hast du uns indirekt geholfen ein lustiges Gesprächsthema zu finden. Eigentlich hätte ich nicht dort sitzen sondern nach Hause fahren sollen um nach Issi zu sehen. Aber irgendwie konnte ich nicht.

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Sag ist es nicht eine grosse Qual sich im essen immer so beherrschen zu müssen? Essen ist doch schliesslich die einzige Freude (Last?) die einem in diesem Alter noch übrig bleibt. ;-) Na ja, man könnte auch trinken. Das tun leider allzu viele Leute bei uns in Schweden und es ist ein grosses Problem geworden. Und mit jedem Jahr darf man mehr steuerfrei aus dem Ausland heimbringen. Jezt sind es schon 5 Liter "starksprit". Ich glaube letztes Jahr war es 1 Liter. Und unser armes "Systembolaget", die Monopolkaufsstelle für Alkohol, verliert immer mehr Kunden. Manche brennen auch zu Hause und fast täglich kann man von jemanden lesen der dabei ertappt worden ist. Aber in diesem Klima muss man sich auch von innen erwärmen. Werde mir einen Tee machen. :-)
Ich sehe auch an meinem Kollegen A. wie er kämpft um nicht dick zu werden. Seine Methode ist nach 17 Uhr nichts mehr zu essen. Und es gelingt ihm wirklich das Gewicht zu halten.

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War das Gedicht von dir wirklich von Theodor Storm? Und natürlich weisst du wer dei Zeilen geschrieben hatte, die ich dir geschickt habe. Es ist wohl sein berühmtestes Gedicht weil man meint er hätte sein Schicksal darin vorausgesagt.
Steht das Nietzschehaus so allein da oder ist es eingedrängt zwischen anderen Häusern? Das kann ich mir kaum vorstellen.
Im RL mache ich mir nun den warmen Tee und im VL gehe ich in das schöne Waldhaus und lasse mir einen Kaffee servieren. Kommst du auch?

Ich wünsche dir einen schönen Tag morgen.
Liebe Grüsse
Marlena

Samstag, 27. Oktober 2012

"Dead Poets Society" oder TPS


Ämne: Eine kleine Nachtmusik
Datum: den 12 januari 2003 02:22


Lieber ...,
Ach wie spartanisch du lebst, nicht einmal die kleinste Süssigkeit gönnst du dir. Wäre ich S, würde ich glatt etwas misstrauisch werden obwohl du mir immer erklärst, dass alle diese neuen Ideen von ihr stammen. Aber ein süsses kleines Mail hast du mir gebracht und ich habe es langsam und andächtig verzehrt. Ich danke dir herzlich dafür.
*
Ich habe einen schönen Abend verbracht mit meinen Gästen. Zuerst habe ich sie mit Glögg (Glühwein) willkommen geheissen. Das gehört zu diesem letzten weihnachtlichen Festtag und dann haben wir uns lange und gemütlich bei Tisch unterhalten. Ich glaube es hat allen gut gefallen und jemand kam schliesslich mit dem Vorschlag wir sollten doch einen Club gründen damit wir uns öfters sehen. "Torsdagsklubben", denn der Donnerstag schien allen am besten zu passen. Na ja, wir werden sehen. Aber warum nicht.

Das erinnert mich daran wie wir vor ein paar Jahren versuchten eine Gesellschaft (oder einen Club) zu gründen in unserem Kollegium. So ungefähr wie "Dead Poets Society". Wir suchten nach einem guten Namen. "Döda pedagogers sällskap" kam uns zu morbid vor aber "Trevliga pedagogers sällskap" (trevlig=nett) klang schon viel besser. Jemand meinte, OK "nette pedagogen" klingt zwar schön aber "Trötta pedagogers sällskap" wäre doch etwas mehr realistisch (trött = müde). Schliesslich blieb man bei der Abkürzung TPS und meinte ein jeder könnte sich ein passendes Wort für das T wählen. Es gab auch

tråkig = langweilig
tokig = verrückt
tarvlig = gemein,
torr = trocken

 Und was ist daraus geworden? Ich glaube mehr als 50 Personen hatten sich dazu angemeldet aber der Mann, der ursprünglich mit der Idee kam, ist ein Kerl der gute Ideen aufs Papier bringen kann aber nicht weiter. Eine Zeit lang fragten sich die Leute, wann denn nun das erste Treffen sein würde und mit der Zeit geriet das ganze in Vergessenheit. Nur an die ausgelassene Diskussion über den Namen erinnert man sich noch heute.
*
Ja, das Gedicht kenne ich. Es ist schön und ich beneide Leute, die ein stilles bescheidenes Leben geniessen dürfen. So hatte ich es mir in meiner Jugend vorgestellt. Ich glaube auch nicht dass Geld und Reichtum automatisch glücklicher machen. Für mich hat Glück immer mit menschlichen Relationen zu tun. Und auch Unglück.
Meine Nachbarin, die zu Silvester hier war ist sehr vermögend und arbeitet nicht mehr. Sie hat also alles nach dem wir streben, weil wir glauben dass es uns glücklich macht. Geld und Freizeit. Und doch glaube ich, dass sie unglücklich ist weil sie in einer schlechten Relation lebt.
*
Kennst du auch diese Zeilen aus einem Gedicht?
...
Weh mir, wo nehm ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein
Und Schatten der Erde?
...
*
Ich habe kein Brot im Ofen, aber es ist schon spät und so sende ich nun diesen kleinen nächtlichen Gruss ab.
A bientôt, j'espère,
Marlena

So ist es...

..
Ämne: So ist es.
Datum: den 24 september 2003 17:54

Lieber ...,
Endlich ist der Mittwoch vorüber, d.h. mein strengster Arbeitstag, und ich kann mich ausruhen und es etwas locker nehmen.
Ja wirklich, die NZZ ist eine sehr gute Zeitung. "Die Welt" ist manchmal sprachlich etwas leichter und mehr unseren Abendzeitung (wie sie früher hiessen), ähnlich. Jetzt kann man sie online lesen schon am frühen morgen. Man muss nur etwas kritisch sein dabei und nicht alles für wahr nehmen.

Weisst du, ich muss lachen wenn ich dich vor mir sehe, wie du neben dem Zollkontrollanten mit grossem Interesse den Inahlt deines Koffers studierst. Hast du dann nicht auch "oh" und "ach" und "nein, sowas?" gesagt?
Man müsste es in einer Comics-serie zeigen. Und viele Männer würden sich in dieser Situation erkennen und darüber freuen.

Ach, wie schön dass du manchmal an den PC gehen kannst. Dann kann ich dir auch in dieser Zeit schreiben. Ich denke du wirst wohl kaum Zeit haben längere Mails zu senden aber vielleicht doch ab und zu ein kleines Lebenszeichen. Darauf freue ich mich. Und du kannt mich nicht die ganze Zeit mit dem kleinen allein lassen. Er braucht dich doch auch. Hast du wieder gekauft, da du dich interessierst?

Ich muss ein bisschen Ordnung ins Haus bringen. Durch meine "Ausflüge" in letzter Zeit war ich kaum zu Hause und viel ist liegengeblieben. Du hast es gut, .. . Brauchst dich nicht um diese kleinen alltäglichen Dinge zu kümmern.
*
Ich schick dir das nun, falls du noch im Büro bist. Wünsche dir noch einen schönen erholsamen Abend,
Marlena

Freitag, 26. Oktober 2012

Geschwind


Ämne: Geschwind
Datum: den 24 september 2003 13:24

Lieber ...,
Ach, wie seid ihr schnell in eurer Presse. Gerade habe ich im Radio von der Freilassung des bisher Verdächtigten erfahren und schon steht es in der NZZ. Félicitations!

Man hat einen neuen festgenommen der unter stärkerem Verdacht steht. Dem Ton nach, scheint die Polizei nun ziemlich sicher zu sein, den richtigen gefunden zu haben, obwohl sie mit Worten nicht diese Ansicht ausdrücken wollen bevor sie noch mehr wissen.

Ach, du verschwindest bald :-(   Wann fährst du genau? und wie lange muss ich es ohne dich aushalten? Schwere Zeiten für Mausfreunde.

Das nur schnell jetzt. Ich muss zurück an den Arbeitsplatz.

Mit einem lieben sonnigen Gruss,
Marlena

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den 24 september 2003 15:59
Re: Geschwind

Liebe Marlena
Ja, die NZZ ist wirklich erste Klasse. Sie hat doch vor nicht zu langer Zeit einen Preis als zweitbeste zeitung weltweit erhalten, gleich hinter der New York Times. Und wenn ich zur Abwechslung mal die Weltwoche lese, eine Zeitung, die ich als Gymnasiast gerne gelesen hatte, dann kommt mir das alles vor wie ein dünnes Süpplein (wie Du sagen würdest). Natürlich muss man bei der NZZ aufpassen, weil sie doch ziemlich konservativ und wirtschaftsfreundlich ist. Aber ich bin eben in einem Alter, da man ziemlich 'konservativ und wirtschaftsfreundlich' ist.
*
Ich kann Euch nur raten, dass ihr den Täter gefunden habt. Alles andere wäre eine herbe Enttäuschung.
*
Ja, ich glaube, wir fahren am Samstag Abend. Und ich habe mir vorgenommen, dieses Mal selbst zu packen. Dann weiss ich, wieviele Socken ich mithabe. Na ja, neben den Socken noch die anderen Dinge. In NY war ich nicht sicher, was mir S. alles eingepackt hat. Und als sie mich in Kloten kontrollierten, habe ich zum ersten mal hineingesehen. ich war ebenso neugierig wie der Agent von Continental Airways.
*
Wenn ich die Gelegenheit habe, werde ich im Hotel ab und zu an den Computer gehen. Na ja, ich muss doch unser ABBaby beobachten. Und ich hoffe doch sehr, dass Du es in der Zeit nicht fallen lässt.
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Hier ist es kühl geworden. Man denkt jetzt an heisse Marroni und diese Art von nahrhaften Dingen, die man gerne essen würde. Kennt Ihr das im Norden diese gebratenen Kastanien, die gut und süsslich schmecken? Sie sind herrlich, auf der Strasse zu essen. Und im Restaurants gibt es Vermisselles, das zu Würmern gepresste Kastanien-Puree. Ich glaube, ich muss gleich eines kaufen.
*
Ich wünsche Dir einen schönen ABend.
Mit lieben Grüssen
...

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Donnerstag, 25. Oktober 2012

interessante Gedanken


Ämne: domo
Datum: den 30 januari 2003 08:27


Liebe Marlena

Gestern habe ich in der Universität wiederum 2 Stunden die Bank gedrückt.
Es war fantastisch gut. Leider war A. nicht erschienen.  Und so
sass ich eben ganz allein in der zweiten Reihe beinahe unter der Nase des
Professors. In meinen Studentenjahren wäre ich nie so weit vorne gesessen.
Das hätte ausgesehen, als wollte man ein Diplom erbetteln. Aber heute, als
Senior sozusagen, kann man sich noch ganz andere Dinge erlauben. Meine
Nachbarin ist eine Dame, die mir immer wieder mit ihren grossen Augen und
dem vollen Mund zulächelt. Es hat sich nämlich unter den gesetzteren Leuten
so eingespielt, dass alle jedesmal ungefähr am gleichen Platz sitzen. So
habe ich meinen Platz neben dieser Dame und nur ein Sitz liegt zwischen uns.
Ich lege meinen Mantel dorthin und sie bittet um die Erlaubnis, den ihren
darüber legen zu dürfen. Und das erlaube ich ihr dann. Man darf sich gar
nicht vorstellen, was die beiden Mäntel während der Vorlesung auf dem Sitz
zusammen treiben!
Aber ich war vollauf beschäftigt, den interessanten Gedanken von Prof. B. zu
folgen. Es ging um Temporalität im Bild am Beispiel der Serialität.
Sichtbarkeit der Zeit heisst Gegenwart. Und die Fragilität der Gegenwart ist
das Thema, ihre Singularität und Geschlossenheit steht in Frage. Serialität
beinhaltet gleichzeitig Augenblick und Dauer. Man kann unterscheiden
zwischen Serialität im Bild und zwischen Bildern, also Bildserien. Warhol
hat solche Serien produziert. Es ist eine Art Vermehrung der Bilder. 50 Mona
Lisas sind besser als eine Mona Lisa. Serialität ist eine Explikation aus
zeitlichem Impuls. Das ist eine innere Temporalität im Bild neuen Typs.
Zugrunde liegt die Idee des Fliessbandes als neue Basis der Arbeit. Man
spricht von Waren- und von Wegwerfgesellschaft.
Dann ist B. zu Nietzsches Zarathustra hinübergeschwenkt und zu Ns Gedanken
der ewigen Wiederkehr und des ausgezeichneten Augenblicks, den N mit der
Metapher des Torweges illustriert. Dieser Torweg beinhaltet eine
Zeitdimension, die linear angelegt ist, verknüpft ihn mit der Idee des
Tores, was den Augenblick repräsentiert. Die eigentliche Qualität des
Augenblickes entsteht durch die Wiederholung. Gemeint ist hier weniger
Wiederholung im Sinne des Industrieprozesses, die automatisierte Produktion,
die zu Stückzahl und zur Wiederholung immer gleicher, neuer Produkte führt.
Hier ist die Wiederholung innerhalb menschlicher Erfahrung gemeint. Dazu
muss man Kiergegaard bemühen, der gegen Hegel und seine Auffassung der Zeit
als Fortschritt ein neues Zeitverständnis präsentiert hat. Menschliche
Erfahrung macht nach Kierkegaard nicht einen absoluten Fortschritt, sondern
den Fortschritt zum Tod. Erfahrung bringt uns dem Tode näher. Menschliche
Erfahrung stösst immer an diese Grenze. Ziel der Wiederholung angesichts des
Todes ist es, das Ganze sichtbar zu machen. Dieser Gedanke ist zentral für
das postmetaphysische Denken und, wie mir scheint, auch gültig für die
Ästhetik allgemein.
N. spricht vom Grossen Mittag als dem Augenblick aller Augenblicke. High
Noon, unvergleichlicher Moment, ist Kairos, dh. glücklicher Moment des
Torweges zur Mittagsstunde. In diesem Moment fliegt die Zeit und man denkt,
man fällt in den Brunnen der Ewigkeit. Die Punktartigkeit, der Nu, schafft
Transparenz in der Erfahrung des Ganzen. Der Augenblick ist ein Blick der
Augen mit ihrer Fähigkeit zur Simultaneität.
Das ist ein neues Model, das Vergänglichkeit und Dauer miteinander verbindet
und mit Wiederholung verknüpft. Der Augenblick ist paradox, flüchtig und
dauerhaft im Glück. Zeit organisiert die Form und bringt sie zum Sprechen.
Der gelingende Moment sagt mehr als sich selbst.
Claude Monet war einer der ersten, der das Konzept der Augenblicklichkeit in
den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt hatte an eben den Bildern
von Pappeln, Heuhaufen, Kathedralen. Er hat in seiner Malerei, im
Malprozess, die Objekte auf momentane Pinselstriche, also auf Augenblicke
reduziert. Die minialen Kontraste, die fehlende Leserichtung stimulieren
eine schweifende Betrachtung, keinen furchbaren Augenblick. Sie provozieren
vielmehr einen doppelten Blick durch die temporal getstreute Struktur im
Bild. Das führt zu einer Unschärfe und Flüchtigkeit und geht über in eine
Präsenz des Ganzen. Aus Nacheinander wird Zugleich. Die Impressionisten
haben dies Instantanéité gennannt, also Momenthaftigkeit. Der Augenblick
ist die Summe aller Augenblicke im Bild und zeigt den Zustand der
Augenblicklichkeit. Das ist die Paradoxie der Leistung Monets. Der
Augenblick wird durch Radikalität zum Zustand. Und damit wird Nietzsche auf
der Ebene der Malerei eingelöst, obwohl sich die beiden nicht gekannt haben.
Dazu gibt es bei Monet die Vervielfältigung des Einzelbildes. Das wirkt
mysteriös. Die Iteration, die Wiederholung ist aber nicht die Wiederholung
des Gleichen, sondern des Gleichen anders. Es sind nicht Etappen auf dem Weg
zum Ziel, sondern alle Bilder sind gleich weit entfernt von der
Repräsentation des Sujets. Das ist eine neue Denkweise. Serialität hat ihre
Gründe in der Malerei und in der Struktur der Wahrnehmung. Die
Unterscheidbarkeit der Dinge schwindet in konstruktive Unschärfe der
Erscheinung. Flüchtigkeit wird in den Zustand überführt. Kein Bild kommt zu
Ende, jedes braucht das nächste.
Prof. B. weit dann auch auf Bilder von Gerhard Richter hin, grosse Fotos,
die banale Themen unscharf zeigen.
Die Malerei der Serie entwickelt sich zur seriellen Malerei. Das Sujet
verschwindet. Die Regel bleibt. Das zu illustrieren dienen Bilder von
Mondrian. Oder die Ein-Bild-Malerei von Albers.
Ach, man kann das gar nicht alles so gut erklären. Die Gedanken entschwinden
so leicht. Und wenn man sie verkürzt auf einige Stichworte, dann fehlt
wiederum das Verständnis und die Plausibilität.

Und dann fragt man sich, ob all diese alten Leute, die mit offenem Mund und
ohne eigene Notizen zu machen dem Professor zuhören, dies alles kapiert
haben, oder ob sie bloss so hinhören, wie man eben Musik hört.
Aber es ist wunderbar, um 16.00h aus einer solchen Vorlesung in den frischen
Abend der Stadt zu treten und zu flanieren. Ach, Student sollte man nochmals
sein. Ich glaube, A. hat am nächsten Montag bei Prof. B. eine
Zwischenprüfung. Aber das wird bestimmt nicht allzu schwierig.

Und im Übrigen habe ich heute ein volles Programm. Ich muss jetzt dran und
wünsche Dir in der Zwischenzeit einen schönen Tag.
Mit lieben Grüssen