Dienstag, 12. Mai 2026

Warnung vor ... Heideggers Buch "Sein und Zeit"

 

Ämne: Warnung vor dem Hund
Datum: den 17 januari 13:57


Liebe Marlena
Manchmal findet man an der Gartentüre von Villen und schönen Einfamilienhäusern die Anschrift "Warnung vor dem Hunde". Und davor möchte ich Dich wirklich nun auch warnen. Wenn Du in Aussicht stellst, dass Du Heideggers "Sein und Zeit" lesen willst, so kann ich Dich nur warnen. Bist Du denn lebensmüde? Willst Du Dich für den Rest Deiner Tage unglücklich machen? Hast Du zuviel Zeit? Willst Du Rilke verlassen? Oder vielleicht sogar Verlaine untreu werden?
Ach, Marlena, Heidegger ist eine Nummer für sich. Und wenn Du noch nie etwas von ihm gehört hast, dann behüte Dich Gott.
Heidegger ist wohl der einflussreichste Philosoph des 20. Jahrhunderts. Und er war Deutscher. Er war auch etwas von den Nationalsozialisten eingenommen. Auf jeden Fall war er während jener schicksalsschweren Zeit Rektor der Universität Freiburg. Und man hat ihm später vorgeworfen, nationalsozialistisch gefühlt und wohl auch agiert zu haben. Seine Philosophie hat, wie auch die Nietzsches, irgendwie eine Nähe zum unheilvollen Denken der Nazis.
Heidegger gilt als Neubegründer der Existentialphilosophie, die er mit Hilfe der Methode Husserls, der Phänomenologie, entwickelt hat. Sartre ist schwer beeinflusst von Heidegger, der Existentialismus als ganzes. Staiger, der grosse Kenner Rilkes, jener Literaturprofessor in Zürich, den ich noch erlebt habe, ist ein Heidegger Schüler. Es gibt sie auch in der Psychologie und Psychiatrie die Nachfahren Heideggers. Binswanger beispielsweise war durchdrungen vom Denken Heideggers. Mein Psychiatrieprofessor Condrau war es. Mein Psychologieprofessor und Doktorvater von Uslar war ein dezidierter Nachfahre Heideggers. Und er hat alle die geistigen Brüder und Schwestern Heideggers sehr geschätzt, Gadamer und Löwith und sich selbst vor allem. Die gescheite Hanna Arendt war eine zeitlang die Geliebte Heideggers.
Und Heidegger war wirklich irgendwie ein bisschen ein Blut und Boden Typ und hat im Schwarzwald seine Klause gehabt, wo er sich zurückziehen konnte. Er schrieb manchmal in sehr archaisierenden Formulierungen und die letzten Schriften erinnern eher an Hölderlin denn an etwas anderes.
Heidegger war für uns junge Studenten ein gefundenes Fressen. Etwas dunkel, aber mit einem neuen und umfassenden Ansatz, also irgendwie radikal die menschliche Existenz denkend, das hat uns wirklich eingewickelt. Stundenlang haben wir über seine Gedanken und die charakteristische Sprache diskutiert und dabei Gauloises geraucht, wie die Besenbinder.
Ach Marlena, überlege es Dir, ob Du Heidegger lesen willst. Es ist nicht ...




Freitag, 8. Mai 2026

Monsieur Germain an Albert Camus


Louis Germain

...
Hier der Brief von Herr Louis Germain, Lehrer an der Ecole normale von Algier, an Camus. Allerdings ist es nicht ein direkter Antwortbrief auf den vorher zitierten Brief., denn dieser Brief ist mehr als 2 Jahre später datiert.


Algier, am 30. April 1959

Mein lieber Kleiner,
 von Deiner Hand adressiert, ist das Buch Camus, das sein Autor, Monsieur J.-Cl. Brisville, mir freundlicherweise gewidmet hat, wohlbehalten bei mir eingetroffen. 
Ich finde keinen Ausdruck für die Freude, die Du mir mit Deiner reizenden Geste und der Art, Dich zu bedanken, gemacht hast. Wenn es möglich wäre, würde ich den grossen Jungen, der Du geworden, und der für mich immer "mein kleiner Camus" bleiben wird, fest an mich drücken.
Ich habe dieses Werk noch nicht gelesen, abgesehen von den ersten Seiten. Wer ist Camus? Ich habe den Eindruck, dass jene, die versuchen, Deine Persönlichkeit zu ergründen, es nicht ganz schaffen. Du hast immer eine instinktive Scham gehabt, Deine Natur, Deine Gefühle zu zeigen. Es gelingt Dir um so besser, als Du einfach, direkt bist. Und obendrein gut! Diesen Eindruck hast du in der Schule auf mich gemacht. Der Pädagoge, der seinen Beruf gewissenhaft ausüben will, lässt keine Gelegenheit aus, seine Schüler, seine Kinder kennenzulernen, und sie bietet sich ständig. Eine Antwort, eine Geste, eine Haltung sind äusserst aufschlussreich. Ich glaube also, den netten kleinen Kerl, der Du warst, gut zu kennen, und das Kind enthält im Keim oft den Mann, der es werden wird. Deine Freude an der Schule war überall spürbar. Dein Gesicht verriet Optimismus. Und wenn ich Dich beobachtete, habe ich nie etwas von der wirklichen Situation Deiner Familie geahnt. Ich habe erst einen Einblick bekommen, als Deine Mama mich wegen Deiner Bewerbung um das Stipendium aufgesucht hat. Aber bis anhin kam mir Deine Situation nicht anders vor als die Deiner Kameraden. Du hattest immer, was Du brauchtest. Wie Dein Bruder warst Du nett angezogen. Ich glaube, ich kann kein schöneres Lob Deiner Mutter sagen.
Im auf Monsieurs Brisville Buch zurückzukommen, es enthält einen umfangreichen Bildteil. Und ich war sehr gerührt, auf einem Bild Deinen armen Vater kennenzulernen, den ich immer als "meinen Kameraden" betrachtet habe. Monsieur Brisville war so freundlich, mich zu zitieren: ich werde ihm dafür danken.
Ich habe die ständig anwachsende Liste der Werke gesehen, die über Dich verfasst werden oder Dich erwähnen. Und ich kann mit sehr grosser Genugtuung feststellen, dass Dein Ruhm (es ist die volle Wahrheit) Dir nicht zu Kopf gestiegen ist. Du bist Camus geblieben: Bravo.
Ich habe mit Interesse das viele Hin und Her um das Stück verfolgt, das Du bearbeitet und auch inszeniert hast: Die Besessenen. Ich liebe Dich zu sehr, um Dir nicht den grössten Erfolg zu wünschen, den Du verdienst. Malraux will Dir auch ein Theater zur Verfügung stellen. Ich weiss, es ist eine Leidenschaft bei Dir. Aber... wirst Du es schaffen, all diese Tätigkeiten gleichzeitig zu einem guten Ende zu führen? Ich fürchte, dass Du mit Deinen Kräften Raubbau treibst. Und, erlaube Deinem alten Freund die Bemerkung, Du hast eine nette Gattin und zwei Kinder, die ihren Ehemann und Vater brauchen. Dazu möchte ich Dir erzählen, was unser Direktor an der École normale uns manchmal sagte. Er war sehr, sehr streng zu uns, weswegen wir nicht sehen und fühlen konnten, dass er uns wirklich liebte. "Die Natur führt ein grosses Buch, in das sie minuziös alle Exzesse einträgt, die ihr euch leistet." Ich gebe zu, dass dieser weise Rat mich viele Male rechtzeitig zurückgehalten hat, wenn ich im Begriff war, ihn zu vergessen. Also, sieh zu, dass Deine Seite im Grossen Buch der Natur weiss bleibt.
Andrée erinnert mich daran, dass wir Dich im Fernsehen in einer Literatursendung über Die Besessenen gesehen und gehört haben. Es war bewegend, Dich auf die Fragen antworten zu sehen. Und gegen meinen Willen machte ich die schelmische Bemerkung, dass Du nicht ahntest, dass ich Dich sah und hörte. Das hat Deine Abwesenheit von Algier etwas wiedergutgemacht. Wir haben Dich schon recht lange nicht gesehen..
Bevor ich schliesse, möchte ich Dir sagen, welches Unbehagen ich als nichtkirchlicher Lehrer angesichts der bedrohlichen Pläne empfinde, die gegen unsere Schule geschmiedet werden. Ich glaube, ich habe während all meiner Berufsjahre das Heiligste im Kinde respektiert: das Recht, seine Wahrheit zu suchen. Ich habe euch alle geliebt und glaube mein Möglichstes getan zu haben, nicht meine Ideen zu äussern und so eure junge Intelligenz zu belasten. Wenn von Gott die Rede war (er steht auf dem Lehrplan), sagte ich, dass manche an ihn glaubten, andere nicht, und dass jeder im Vollbesitze seiner Rechte machte, was er wollte. Ebenso beschränkte ich mich beim Thema Religionen darauf, die anzugeben, die es gab und denen angehörte, wem es gefiel. Ehrlich gesagt fügte ich hinzu, dass es Menschen gab, die keine Religion ausübten. Ich weiss, das missfällt jenen, die aus den Lehrern Handelsvertreter für Religion machen möchten und zwar, um genauer zu sein, für katholische Religion. An der Ecole normale von Algier (damals im Parc de Galland untergebracht) waren mein Vater und seine Kameraden verpflichtet, jeden Sonntag zur Messe und zum Abendmahl zu gehen. Wütend über diesen Zwang, legte er die "heilige" Hostie in ein Messbuch, das er zuklappte! Der Direktor der Ecole wurde davon in Kenntnis gesetzt und hat nicht gezögert, meinen Vater von der Schule zu verweisen. Genau das wollen die Anhänger der "freien" Schule (frei...so zu denken wie sie). Bei der gegenwärtigen Zusammensetzung der Abgeordnetenkammer fürchte ich, dass der Anschlag Erfolg hat. Das Canard Enchaîné hat gemeldet, in einem Departement finde der Unterricht in hundert Klassen der nichtkirchlichen Schule unter dem Kruzifix an der Wand statt. Ich sehe darin einen schändlichen Anschlag auf das Gewissen der Kinder. Wie wird es vielleicht in einiger Zeit sein? Diese Gedanken machen mich tief traurig.
Mein lieber Kleiner, ich komme ans Ende meiner 4. Seite: bitte entschuldige, dass ich Dir Deine Zeit raube. Hier geht es allen gut. Christian, mein Schwiegersohn, beginnt morgen seinen 27. Monat Militärdienst!
Du sollst wissen, dass ich, auch wenn ich nicht schreibe, oft an Euch alle denke.
Madame Germain und ich umarmen Euch vier ganz fest.
Mit herzlichem Gruss
Germain Louis

*
Liebste Marlena, es ist wunderschön zu wissen, dass du dich auch für diese Dinge interessierst. Und es inspiriert mich und beflügelt mich, diesen Dingen nachzugehen und sie mir etwas genauer anzuschauen. Wir könnten feine Gespräche darüber haben.
Und jetzt bin ich todmüde und schicke dieses Mail. Du musst es nicht gleich alles durchlesen, wenn du keine Zeit hast. Eile ist hier nicht nötig. Aber das wirst du nun ja erst am Ende lesen, kannst es also nicht wissen, bevor du es wirklich gelesen hast.
Ich wünsche Dir eine gute Zeit, meine Liebe
...


Der Brief von Albert Camus

 



in English:

Dear Monsieur Germain,
I let the commotion around me these days subside a bit before speaking to you from the bottom of my heart. I have just been given far too great an honour, one I neither sought nor solicited.
But when I heard the news, my first thought, after my mother, was of you. Without you, without the affectionate hand you extended to the small poor child that I was, without your teaching and example, none of all this would have happened.
I don’t make too much of this sort of honour. But at least it gives me the opportunity to tell you what you have been and still are for me, and to assure you that your efforts, your work, and the generous heart you put into it still live in one of your little schoolboys who, despite the years, has never stopped being your grateful pupil. I embrace you with all my heart.
Albert Camus


et en français  

Cher Monsieur Germain,

J’ai laissé s’éteindre un peu le bruit qui m’a entouré tous ces jours-ci avant de venir vous parler un peu de tout mon cœur. On vient de me faire un bien trop grand honneur, que je n’ai ni recherché ni sollicité. Mais quand j’ai appris la nouvelle, ma première pensée, après ma mère, a été pour vous. Sans vous, sans cette main affectueuse que vous avez tendue au petit enfant pauvre que j’étais, sans votre enseignement, et votre exemple, rien de tout cela ne serait arrivé. Je ne me fais pas un monde de cette sorte d’honneur mais celui-là est du moins une occasion pour vous dire ce que vous avez été, et êtes toujours pour moi, et pour vous assurer que vos efforts, votre travail et le cœur généreux que vous y mettiez sont toujours vivants chez un de vos petits écoliers qui, malgré l’âge, n’a pas cessé d’être votre reconnaissant élève.

Je vous embrasse, de toutes mes forces.

Albert Camus 

 

Montag, 4. Mai 2026

Frage - ein Brief


Liebe Marlena
Hier habe ich einen Brief kopiert. Kannst du herausfinden, von wem er stammt? Ich glaube, du kannst das schon erraten. Er war Nobel-Preisträger. Und nachdem er den Preis erhalten hat, hat er diesen Brief an seinen alten Lehrer der Grundschule geschrieben. Das ist eine wirklich rührende Situation, und gelegentlich und gerne zitiere ich ihn, um zu zeigen, wie sehr Lehrer das Leben ihrer jungen Menschen prägen können. Lehrer-Arbeit ist Zukunft-Arbeit. Die Schule ist eine Zukunfts-Fabrik. Das ist meine Wort-Erfindung und ich habe hier in der Schweiz praktisch das copy-right. Du kannst es dir für Schweden sichern, Marlena ;----) Ich schenke es dir. Ich finde, es ist ein Ausdruck, der viele Leute verblüfft und gleichzeitig die Bedeutung der Schule darstellt.

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19. November 1957
Lieber Herr G.
Ich habe den Lärm sich etwas legen lassen, der in diesen Tagen um mich war, ehe ich mich ganz herzlich an Sie wende. Man hat mir eine viel zu grosse Ehre erwiesen, die ich weder erstrebt noch erbeten habe. Doch als ich die Nachricht erhielt, galt mein erster Gedanke, nach meiner Mutter, Ihnen. Ohne Sie, ohne Ihre liebevolle Hand, die Sie dem armen kleinen Kind, das ich war, gereicht haben, ohne Ihre Unterweisung und Ihr Beispiel wäre nichts von alldem geschehen.
Ich mache um diese Art Ehrung nicht viel Aufhebens. Aber diese ist zumindest eine Gelegenheit, Ihnen zu sagen, was Sie für mich waren und noch immer sind, und um Ihnen zu versichern, dass Ihre Mühen die Arbeit und Grossherzigkeit, die Sie eingesetzt haben, immer lebendig sind bei einem Ihrer kleinen Zöglinge, der trotz seines Alters nicht aufgehört hat, Ihr dankbarer Schüler zu sein. Ich umarme Sie von ganzem Herzen.

Signatur

Samstag, 2. Mai 2026

Interessantes Thema?

 

Liebe Marlena

...

Ich war rasch im Städtli, wie wir sagen, und dabei habe ich meinen Chef getroffen. Wir begegnen uns wie eher flüchtig Bekannte. Er grüsst freundlich, nicht mehr, ich auch, nicht mehr. Wir hatten beide einen grossen Hut auf, er einen schnittigen und geformten, ich so eher eine existenzialistische Filzbeule. Aber wir haben beide den Hut nicht abgenommen beim Gruss. Ich habe wenigstens die Hand gehoben, weil ich dachte, ich müsste doch irgendwie ... die Kopfbedeckung lüften. So einen lauen Hitlergruss habe ich gemacht. Nein, es ist nicht die richtige Bezeichnung, aber Du weißt jetzt vielleicht, was ich meine. Er hat sein schnittiges Möbel auf dem Kopf nicht bewegt. Und ich habe mir gedacht, wie man denn einen solchen Hut tragen kann, wenn man nicht mit ihm umzugehen weiss.

*

Doch das ist kein interessantes Thema.

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Re:

Lieber ... ,


Freitag, 1. Mai 2026

Freitag Abend

 

Liebe Marlena

Freitag Abend, der Höhepunkt der Woche, wenn man es leicht nehmen will. Am Fernsehen diskutieren die Schweizer Parlamentarier ...  Sie wiederholen zumeist Gedanken, die man schon x-mal gehört hat. Sie kochen schwer mit Wasser, unsere Politiker. Und die ganze Sache ist eigentlich längst gelaufen, es geht nur noch darum, die Sache mit Worten zu garnieren. Dazu waren Politiker seit der Antike prädestiniert.

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Ich lasse also meinen Geist schweifen, um ihn ein bisschen ruhen zu lassen. Du vergibst mir? Durch das Glas der Kommode sehe ich im Moment nicht auf den Fernseher, sondern hinüber zum Flügel, auf dem zwei kleine weisse Figuren stehen. Es sind Porträtbüsten von meinen kleinen zwei Töchtern, die ich vor vielleicht 10 Jahren mit Ton modelliert habe. Ich war immer sehr stolz darauf. Ich habe sie mit weisser Malerfarbe angemalt, so dass sie aussehen wie Porzellan. Nun ja, nicht gerade Porzellan, der würde ja glänzen. Aber immerhin weiss, wenn auch matt. Die B. trägt eine Casquette, etwas schräg aufgesetzt, was sehr kokett aussieht. Und A.hatte immer eine Haarlocke schräg beinahe in ihre Augen hinein. Das wirkte absolut naturwüchsig und lässig. S möchte die beiden Statuetten in Metall giessen lassen. Aber ich glaube, sie sind nicht genügend professionell gemacht, um soviel Geld zu investieren. Aber sie sind eine hübsche Erinnerung an die Zeit, als die Mädchen noch rundum süss und anhänglich waren. War eine tolle Zeit und manchmal sehne ich mich danach zurück. Ich erinnere mich der kleinen Händchen in meiner Hand, wenn wir zusammen in L ins Städtchen gingen. B hatte eine sehr rundliche Hand, mit etwas stumpfen Fingern, die sie nicht schonte, sondern mit denen sie schonungslos die Welt erkundete. Und A's Hände waren viel dünner, die Finger lange. Sie kam mit den Dingen niemals so intensiv in Kontakt wie ihre kleinere Schwester. Wenn A mit zwei Fingern zupft, dann langt B richtig zu.
Und dahinter stehen einige Silberobjekte aus dem Tibet, zwei Butterlampen und eine wunderschöne Kanne. Letztere sieht fast Chinesisch aus. Die Verzierungen sind reich, zeigen einen Drachen als Handgriff, und der Mund vorne ist auch ein Tierkopf, ich würde sagen ein ähnliches Ungeheuer. Die tierischen Formen gehen fliessend in organische über. Und der Deckel ist reich verziert ebenso mit organischen Mustern. Sie ist wirklich sehr schön, diese Kanne. Und ich frage mich, ob wir nicht die Hausratversicherung erhöhen müssten!

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Morgen ist, soviel ich weiss, schönes Wetter angesagt. Allerdings muss ich noch meine Sitzung vom Montag vorbereiten. Ich hatte heute Nachmittag nicht mehr die Energie, das zu tun. Am Morgen hatten wir die Sitzung auf der Direktion. Da gab es einige Neuigkeiten, wenn auch nicht zuviele. Und nachmittags war dann reserviert für leichtere Büroarbeit. Die Zeit geht so viel zu schnell, und natürlich konnte ich nicht wirklich alles zu Ende bringen.

Weißt Du, was ich feststelle. Ich habe nie in meinem Leben gelernt, mich mit der Arbeit nach der Zeit zu richten. Niemals habe ich mir vor einer Arbeit vorgenommen, in dieser oder jener Zeit dieses oder jenes zu tun. Nicht mal für grose Examen habe ich das wirklich gemacht. Ich habe immer bloss die Zeit grob geschätzt, wenn es absolut unumgänglich war. Aber sonst hat mich die Zeit nicht interessiert. So habe ich wohl endlos Zeit verschwendet in meinem Leben. Und ich hatte wirklich auch lange Zeit den Eindruck, die mir zur Verfügung stehende Zeit sei unendlich.

Das ist falsch. Nur die Knappheit führt zur Gestaltung, nur der Mangel führt zur Erfindung, zu Innovation, vielleicht zur Kunst. Habe ich sehr spät bemerkt in meinem Leben.

Erst in diesen Jahren, da sie alles in Geld umrechnen, sehe ich mich genötigt, meine Zeit einzuteilen. Sie haben mich in der Tat aus dem Paradies vertrieben.

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Ich wünsche Dir ein schönes Wochenende mit Deiner Familie

Mit lieben Grüssen
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Varlin

  


Liebe Marlena

Gestern Abend habe ich im Fernsehen einen Film über Varlin gesehen. Das ist einer meiner lieben Maler, ein Schweizer aus Zürich. Ich habe Dir schon mal von meinem Varlin erzählt. Er hatte mit bürgerlichem Namen eigentlich Willy Guggenheim geheissen. Doch sein Händler hat ihm geraten, sich ein Pseudonym zuzulegen, denn Guggenheim werde zu sehr mit Geld und amerikanischem Judentum in Verbindung gebracht. Das war ein schöner Film. Ich habe erstmals seine Tochter Patricia gesehen, die er noch oft gemalt hatte als kleines, rundliches Monster, einmal hoch zu Ross auf einem weissen Karussel-Pferd thronend. Sie ist eine bescheidene Frau, gleicht ihrer Mutter, und hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Nachlass ihres Vaters zu verwalten. Deshalb hat sie Kunstgeschichte studiert.
Aber dieser Varlin war bis etwa 60 jährig fast ohne finanzielle Mittel. Er hat in seinen letzten Jahren Erfolg gehabt und viele Berühmtheiten porträtiert. Aber das war wirklich erst, als er nicht mehr jung war. Und doch hat er sein Leben lang hart an seinen Bildern gearbeitet, immer wieder. Es war eine Art Sisyphus-Arbeit. Und er hat diese Vergeblichkeit auch irgendwie in den Bildern zum Ausdruck gebracht. Er war einer der letzten romantischen Künstlernaturen in der Schweiz. Die heutigen Maler sind nicht mehr romantisch. Sie machen ihre Bilder wie business. Er hat noch seine ganze Existenz hineingeworfen.
Ich hätte immer gerne ein Bild von Varlin gehabt. Aber damals, vor etwa 30 Jahren, als in Aarau die grosse Ausstellung war, da hatte ich bloss meinen ersten Lohn. Und ein Bild wäre etwa drei Monatssaläre gewesen. Das konnte ich damals nun doch nicht. Schade.
Varlin hat ja mit ungefähr 60 eine Frau aus den Bergen geheiratet, die junge Franca aus Bondo im Bergell. Und schliesslich ist er mit ihr dort hinauf gegangen und ist dort oben, abseits von Zürich und der Welt, gestorben. Die grossen wie Dürrenmatt, Frisch oder Loetscher haben ihn dort oben besucht. Seine Tochter hat im Film erzählt, dass er das Leben im Dorf sehr genossen habe, obwohl es ihm keiner zugetraut hätte, denn nach Berlin, nach Paris und nach Zürich war Bondo wohl ein absolut verlorenes Nest.
Und sie hat noch etwas sehr schönes über ihren Vater gesagt. Sie meinte, sie hätte ihn nie als alten Vater erlebt. Er war um die 60, als sie geboren wurde. Aber er habe mit ihr gespielt und Blödsinn gemacht, wie alle anderen Väter. Und er habe später, als er krank war, nie etwas davon gezeigt. Irgendwie war er ein Lebenskünstler. Hat sich sein Leben lang darum bemüht, gute Bilder zu machen. Und war lange Zeit der einzige, der sie als gut befunden hat. Nein, nicht einmal das. Er konnte auf kleinste Kritiken reagieren und seine Bilder wieder ändern. Er hat auf Unsicherheit gebaut, hat Loetscher im Film gesagt.

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Re:

Lieber ...,
Ich habe ein wenig im Internet herumgesucht und schau hier, was ich gefunden habe. Von diesem Film hast du mir doch gerade erzählt, oder?
...

Varlin

Varlin, der Clown, Varlin, der zornige Kerl, Varlin der Querschläger. Varlin, der Vagabund, der es mit knapp zwanzig Jahren nicht mehr aushält in der Schweiz, der nach Berlin und Paris geht, um Maler zu werden, später dann lange Jahre in Zürich lebt und arbeitet, ohne sich zugehörig zu fühlen. Varlin, der im Alter erst zur Ruhe und aus den finanziellen Nöten kommt. In VARLIN porträtiert Friedrich Kappeler, der sich mit Dokumentarfilmen wie «Der schöne Augenblick», «Adolf Dietrich, Kunstmaler» und «Gerhard Meier Die Ballade vom Schreiben» den Ruf eines begnadeten Dokumentar-Porträtisten holte, den Schweizer Maler, dessen Bilder von zurückgehaltener Energie bisweilen zu zerplatzen scheinen. Die gutbürgerlich geprägte Schweizer Kunstszene kann zu Lebzeiten des Künstlers mit dem figurativ malenden Juden, der zudem noch freche Sprüche klopft, nicht viel anfangen. Freunde findet er vor allem unter Aussenseitern und Schriftstellern. In den Nachkriegsjahren macht sich Varlin, stets malend, auf ausgedehnte Reisen. Der Zürcher Szene immer überdrüssiger werdend, wird nach seiner Heirat mit Franca Giovanoli das Dorf Bondo im bündnerischen Bergell zum bevorzugten Wohnsitz. Hier schafft Varlin von 1963-1977 sein qualitativ und quantitativ herausragendes Spätwerk.

In seinem Film VARLIN lässt Regisseur Friedrich Kappeler den 1900 geborenen und 1977 verstorbenen Maler in Begegnungen mit dessen Bekannten und Verwandten, in seinen Bildern und Schriften wieder zu Wort kommen. Und was man da nebst bekannten Werken wie «Die Heilsarmee» und den Porträts von Hulda Zumsteg, Max Frisch, Hugo Loetscher oder Friedrich Dürrenmatt entdeckt, ist ein Mann voller Widersprüche. Ein mutiger und scharf denkender Künstler einerseits, ein unsicherer und verletzlicher Gefühlsmensch andererseits ein Maler, der mit Pinsel und Farbe die Pracht von Alltagsgegenständen, aber auch die Brüchigkeit der menschlichen Existenz einfing.

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In Dürrenmatts unmittelbarer künstlerischer Nähe gab es eine prominente Inspirationsfigur, die ihn in seinen eigenen dunklen Visionen bestärkte: der Künstlerfreund Varlin, dessen böse Bilder und Abbilder der Gesellschaft (so z. B. "Die Völlerei" und "Die Heilsarmee") zweifelsfrei ihre - schwarzen - Spuren in Dürrenmatts Malerei hinterliessen.


 
Die Völlerei

 
Dürrenmatt lernte Willy Guggenheim, genannt Varlin, 1961 in der Zürcher "Kronenhalle" kennen und blieb ihm bis zu dessen Tod 1977 freundschaftlich verbunden. Künstlerisch verkörperte Varlin für ihn den Typus des hartnäckig um und mit Realität ringenden figurativen Malers, der die Welt so (finster) sah, wie er sie porträtierte. Nicht weniger wichtig war für Dürrenmatt die Art und Weise der materiellen Realisation der Varlinschen Porträts und Geschichten auf dem Bildträger: wilde, zuweilen pastos-zerklüftete, zuweilen weiche, flächige Bildhäute; beschränkte Tonvariationen, dominiert von Schwarz, das seinen Schatten auch auf alle anderen Farben wirft - alles in allem die totale Absage an jegliche Ästhetik und Vollkommenheit.

Varlins Malerbrief aus Neapel aus dem Jahr 1963 beginnt mit einer Hymne auf die Farbe Schwarz als Zeichen für moderne, ungeschminkte Wirklichkeit:

"Schwarz, diese noble Farbe, die schon seit Plato Erkennen und Vergessen bedeutet, wurde von den modernen Malern in Reaktion auf sinnlich verlogene bourgeoise Farbensymphonien zur führenden Farbe erhoben. Ganz Kühne vermischen auf unpräparierten Kohlensäcken mit der Farbe noch Schutt und Dreck. Wundert man sich da, dass ausländische Maler im patinalosen Zürich nur zum Inkasso erscheinen und nach ein paar Gesprächen in der "Kronenhalle" sofort wieder verschwinden?"