Sonntag, 19. April 2026

Gloomy Sunday evening

 

Ämne: Gloomy Sunday evening

Am Abend haben wir gut gegessen (Lachs) und ein wenig Fernsehen geschaut. Es gab eine interessante Reportage von der Buchmesse in Göteborg, ein intellektueller Treffpunkt, der einmal jährlich stattfindet. Ich habe dabei an dich gedacht und wie es dir gefallen hätte. Viele berühmte Schriftsteller sind anwesend und lassen sich interviewen. Das grosse "dragplåster" (Publikumsmagnet) diesmal war Chomsky, der Amerikaner mit den "eigenen" Ansichten, ich denke du wirst ihn kennen. Und man hat von vielen neuen Büchern gesprochen u.a. von einem mit dem Titel "Die Tyrannei des Augenblicks" von dem norwegischen Sozialanthropologen Thomas Hylland Eriksen. Ich glaube du solltest es lesen.
Es gab ein Buch über den "richtigen" Vater von Pippi Langstrumpf, d.h. den Mann, den Astrid Lindgren als Vorbild hatte. Er hat Anfang des vorigen Jahrhunderts eine farbige Frau geheiratet (eine Sensation zu der Zeit) und er hat auch Gold gefunden (heute die grösste Goldgrube der Welt).

Mittwoch, 15. April 2026

Re: Weil du..



Liebe Malou,
ja, diesen tempio della fortuna virile habe ich gesehen. Ich bin mal Abends daran vorbeispaziert. Er ist gleich neben dem Tiber. Und er sieht auch nicht so gut aus wie hier. Er ist in Wirklichkeit ziemlich mitgenommen und abgelaugt. Die gute Göttin Fortuna sollte sich mal eine kleine Restaurierung überlegen. Aber die Götter, die denken ja nicht an die Vergänglichkeit der Dinge. Die leben in höheren Sphären.
Ich werde einen kurzen Nachmittag machen. Ich spüre, wie mein Kopf ein bisschen brummt. Das ist ein Anzeichen, worauf ich reagieren muss.
Über die Gruseligkeiten zwischen B und S ein andermal. Ich glaube nicht, dass es nur Offenheit war. Es war eine Art Starbündnis. Und S war meist mehr oder weniger belämmert, weil er Whisky getrunken hat. Na ja, wir müssen dieses grosse Thema wirklich besprechen, wenn ich Zeit habe. Heute ist das nicht so.
Mlg
...


Dienstag, 14. April 2026

Re: Flaschenpost

 Date : Sat, 30 Sep 

Ach, Chéri, du verstehst sicher, was ich meine. Über mich selbst darfst du alles wissen. Aber ich kann dir nicht Dinge erzählen, wo ich die ganz private Sphäre anderer Leute beeinträchtige. Die anderen müssen anonym bleiben. Nicht ich.

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GuK
Marlena

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Liebe M..

Ich habe gerade ein interessantes Buch gefunden, das zu lesen ich angefangen habe. Es heisst "Die Himmelstür zum Cyberspace" von einer amerikanischen Wissenschaftsjournalistin namens Margaret Wertheim. Ich bin noch nicht so weit in der Lektüre, aber man kann alles nachlesen, was wir beide schon diskutiert haben über Platonismus, den klassischen Dualismus von Körper und Geist, den Cyberspace als die RES COGITANS Descartes' und viele ähnliche Dinge, inklusive alles, was mit dem Symbol eines Turmes assoziiert sein könnte. Ich glaube, Marlena, wir haben unsere imaginären Bedingungen gar nicht so schlecht durchschaut. Und darüber können wir doch ein wenig stolz sein.

Solche Fragen der modernen Medien, und wie sie unser Weltbild verändern können, das interessiert mich mehr als die technischen Fragen des EDV-Systems. Doch natürlich muss ich zugeben, dass ich oft bei Diskussionen schweigen muss, und dass ich in vielen kleinen Situationen des Alltages ein wenig hilflos sein kann.
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Montag, 13. April 2026

Wie Atlas



Subject: Re: Flaschenpost
Date: Fri, 29 Sept


Liebe Marlena
Du bist wirklich gross im Schuss. Ich weiss, dass die Mausfreundschaft nur funktioniert, wenn man Mails schreibt. Das weiss ich sehr gut. Ich habe doch das vergangene halbe Jahr gearbeitet wie Herkules, oder noch besser wie Atlas, der den ganzen Himmelsbogen auf den Schultern tragen muss. 
Na ja, vielleicht nicht ganz den ganzen, aber doch immerhin bis hinauf zur Venus und wieder zurück. Das ist vielleicht der Grund, weshalb Du mich besser kennst als ich Dich. Ich habe deswegen oft gemeckert, oder etwa nicht? Oder vielleicht bist Du bloss die weit vielfältigere und weitläufigere Person, als ich es schon bin. Sehr gut möglich. Manchmal habe ich stark diesen Eindruck. Auf jeden Fall bist Du doch sehr von Gefühlen getragen, bis hinunter zum Grund der Schwermut, und ich merke, dass Du grosse Räume zu füllen vermagst. Ich habe das alles gewusst von Dir, Marlena, dass Du fröhlich bist, sozial, und lebhaft, das hört man in Deiner Stimme. Und gelegentlich haben wir alle unsere gedämpfteren und stilleren Zeiten.
Der Vers im Gästebuch ist fantastisch gut. Davon kann man beinahe ein halbes Leben leben, nicht wahr? Das erinnert mich sehr an jene jugendliche Gefühlslage in der Schul- und Studentenzeit, da wir noch ausdrückten, was wir fühlten, und noch fühlten, was uns beeindruckte. Es war schön und leicht und vieles war grossartig, weil das Ende nicht abzusehen war. Du musst eine echte Prinzessin gewesen sein.

So schickst Du mir endlich eine Adresse!!!!!!!!!!! Das ist ja sensationell, das ist kaum zu glauben. Ich habe nicht gedacht, dass wir das noch in diesem Jahr schaffen werden. Ich werde Dich nicht in ein schlechtes Licht bringen, indem ich Dir allzuviele Postkarten schicke. Darauf kannst Du Dich verlassen. Ich werde mich so neutral und sachlich wie möglich geben. Und wenn irgendwas falsch läuft, so melde es mir so rasch wie möglich, Marlena. Ich werde Deinen Namen nicht so ruinieren wie Du den meinen ruiniert hast ;--) Mein Sekretariat denkt bestimmt, es werde gleich eine Explosion geben: die Karten kamen von Schweden, Prag, Bratislava, Zürich innert kurzer Zeit, also eine Station näher als die andere. Die nächste wird wohl Basel sein!! Du musst nicht denken, ich brauche den Schutz weniger, Marlena. Meine Leute denken sich auch ihren Teil. Aber ich weiss schon, dass Du jede Karte mit Liebe geschickt hast. Jede einzeln liebevoll. Deshalb ertrage ich die Situation mit einiger Seelenruhe.
Ich schicke Dir meinen Artikel. Das ist alles quasi wissenschaftlich und neutral. Und ich schreibe auch nicht zuviel drauf. Es ist sozusagen eine Verbindungskontrolle. Sehr geschäftlich also, und niemand wird die Augen zum Himmel drehen.
(...)



Immer noch ...


subject Re: Endlich fertig

Liebe Malou
Hei, das ist ja eine wahre Flut von Mails und schönen Gedanken! Am meisten habe ich mich ergötzt mit der Vorstellung, dass ich mit Dir vor der bocca della verità stehe. Sicherlich würde ich ein bisschen bleich werden ob all Deiner Fragen. Und dann musst Du wissen, dass dort immer viele Leute herumstehen, um sich auch dem Lügendetektor zu unterziehen. Man ist also nicht unter sich mit seinen Fragen, sondern einem kritischen römischen Publikum ausgesetzt. Und dann stelle ich mir vor, wie ich nach all Deinen heikeln und kritischen und detektivischen Fragen meine Hand herausziehe ... und, siehe da, mit 8 Fingern dran!!


Lieber ...

Ich sende dir nochmals das Bild von dem Mund.. Japaner! Ich mag sie. Ihre Begeisterung lässt auch uns wieder das schöne, was uns umgibt, entdecken.

Immer noch lache ich über deine acht Finger.. Ich würde mich kaum trauen, meine Hände in den Mund zu stecken. Jemand kann doch was gefährliches reingelegt haben:  Einen Skorpion oder so..
Trotz deiner acht Finger, habe ich wohl die Hoffnung aufgegeben, ein Beauvoir-Sartre-Verhältnis mit dir zu haben. Ich meine ein solches, wo man total offen über alles sprechen kann. Doch vielleicht sind wir auch etwas zu englísch für sowas.

Ich wünsche dir ein schönes Wochenende.
MlG,
Malou

Sonntag, 12. April 2026

Wieder ein Tag vorüber ...


Lieber ...,

Wieder ein Tag vorüber.. und wenn ich nachdenke, was ich damit tun wollte und vergleiche mit dem, was ich getan habe.. Na ja, das Ergebnis kann ich dir garnicht verraten. Du bist ein so strenger Mensch geworden. :-)

Jedenfalls kam S hier an,  kurz nach ein Uhr. Sie brachte diesmal den Lunch mit. Den üblichen: kleine Minipizzas, die in ein paar Minuten im Ofen aufgewärmt sind. Ich hatte schon einen Salat dazu bereit. Und dann hätten wir wohl fleissig lernen sollen. Aber ich hatte gestern am Telefon erfahren, dass unsere Buchhandlung nicht das Wörterbuch hat, das ich neulich woanders gesehen habe, aber dann hier kaufen wollte, um eben diese wunderbare kleine Buchhandlung zu unterstützen. Der Buchhändler wollte es bestellen, aber es zeigte sich, dass es auch im Verlag nicht mehr zu haben war. Und so habe ich S mitgelockt nach M.. um dasjenige zu kaufen, das ich dort gesehen hatte. 


Also habe ich das Buch heimgeführt, wie eine Trophäe, mit dem Gedanken, dass ich das allerletzte im ganzen Land ergattert hätte. Ein herrliches Gefühl.
 
(Wenn ich so weiter schreibe, könnte doch eigentlich etwas Proustähnliches dabei herauskommen, oder was meinst du?) *s* 
Na ja, eigentlich habe ich ja nicht Proust gelesen aber ich stelle mir vor, dass er in einem so dicken Buch viel über nichts sagt. 

S hatte heute Anweisungen zu Qi Gong mitgebracht und wir haben es ein wenig ausprobiert. Ich kenne es nicht. Habe nur mal Chinesen auf der Strasse am frühen Morgen sowas ausüben gesehen. Dagegen würde ich gern wieder mit Thai Chi beginnen. Es sind sehr langsame harmonische Bewegungen, von denen man schnell abhängig wird. Ich meine es wirkt wie eine beruhigende Droge. Sehr "habit-forming". Wie sagt man das auf Deutsch?

Jetzt am Abend habe ich einen englischen Film über die Kraft der Liebe gesehen. An ein paar Beispielen hat man gezeigt, was sie mit einem tun kann. Da war auch der alte Mann, der sein Leben lang nicht seine erste Liebe vergass. Ein Mädchen, in das er sich als Kind verliebte. Und als seine Frau gestorben war, begann er nach ihr zu suchen und fand sie schliesslich in .. Australien. Und sie meinten beide, als sie sich wiedersahen, dass sie das Gefühl hatten, nie auseinander gewesen zu sein. Ja, ein komisches Ding,
die Liebe.

(---)


Donnerstag, 9. April 2026

Iran III - Persönliches?

  Meine liebe Marlena

Alle erzählen mir hier, dass der Sommer sehr regnerisch und kalt gewesen sei. Das kann ich mir schlechterdings nicht vorstellen. Doch du hast es auch angedeutet.

Bei uns im Iran war es natürlich absolut heiss. Ich glaube, der Himmel über Teheran war nur einmal an einem Morgen leicht bewölkt. Aber bis Mittag war es dann wieder brennend heiss. Ich weiss, dass Du die Hitze nicht besonders magst. Und es geht mir ebenso. Doch es war einigermassen erträglich, wenn man sich auf leichte Kost konzentriert, tagsüber nur wenn nötig hinaus geht und dann immer möglichst im Schatten geht. Es ist gut, wenn man nicht zuviel Übergewicht hat. Und natürlich ist Air Condition im Auto nicht zu verachten.
Du möchtest gerne Persönliches hören aus meinen Ferien? Na ja, meine Ausführungen waren ein bisschen allgemein. Sozusagen eine allgemeine Einführung in Land und Leute!
Du weißt, dass mein Neffe und seine Freundin, beide Architekten in B. , mit dabei waren. S war viel damit beschäftigt, die ganze Sache zu organisieren und ist immer herumgesprungen. Sie hat letzen Endes nicht allzuviel Ruhe gehabt. Ich glaube, unsere beiden Gäste haben es sehr genossen. Natürlich war es nicht leicht, die beiden im Iran als Freundespaar auszugeben. So hat S manchmal versucht, sie als ihre Kinder hinzustellen. Und manchmal hat es sogar geklappt. Das war im Hotel natürlich ein Preisunterschied. Denn Ausländer mit fremden Pässen müssen mit Dollars bezahlen. Und diese Preise waren doch recht hoch.
Die Perser könnten diese hohen Preise gar nicht bezahlen, denn sie wären auch für einen Gutbetuchten (und deren gibt’s dort natürlich auch) extrem hoch.



Ich glaube, mir selbst hat Isfahan am besten gefallen. Ich bin ja insgesamt jetzt schon zum dritten Mal dort gewesen, aber es ist immer wieder wunderbar. Die Stadt ist nicht so riesig, und damit einigermassen überblickbar. Und die vielen kleinen Läden mit den Handwerkern, denen man bei der Arbeit zuschauen kann, die sind einfach piktoresk. Man entdeckt immer wieder neue Sachen. Und die Menschen sind wirklich sehr freundlich und plaudern gern, auch wenn sie sich nicht sonderlich gut ausdrücken können in Englisch.
Am feinsten ist der Bazar. Er ist natürlich auch in der Mittagshitze einigermassen erträglich. Es ist ein richtiges Biotop. Eigentlich wie eine grosse Familie. Die Händler kennen sich natürlich, mindestens diejenigen in der nächsten Umgebung. Sie helfen sich gegenseitig aus. Aber natürlich stehen sie zueinander auch in direkter Konkurrenz. Aber das lassen sie sich nicht anmerken. Ich hatte nie den Eindruck, irgend jemand wollte mich vom Laden seines Nachbars weglocken und in den eigenen ziehen. Sie sind ziemlich fair, auch wenn sie aus den Augenwinkeln wohl genau beobachten, was beim Nachbar geschieht.
Es gibt im Bazar dann Strassen, die sich auf ihre Spezialprodukte konzentrieren. In einem Teil gibt es nur Teppiche, dort nur Kleider, hier wiederum nur Küchenartikel. Im ganzen Durcheinander gibt es also schon auch eine Ordnung.
Die unterste Schicht im Bazar schienen mir die Träger oder Transporteure. Sie haben etwas unhandliche Wagen auf vier Rädern, mit denen sie irgendwelche Waren herumstossen. Wenn der Bazar voller Leute ist, so ist das eine umständliche Angelegenheit. Sie kommen kaum vorwärts und müssen Sorge tragen, dass sie die Leute nicht stossen. Man konnte es den Männern ansehen, dass sie von der einfachsten Sorte waren. Meist sehr klein, oft auch ein bisschen verkrüppelt. Auch oft ältere Männer. Und im Bazar von Isfahan gibt es da und dort auch noch Stufen. Dann müssen sie mit ihren Wagen die Stufen hinaufhieven, und wenn es nicht anders geht, ein paar Umstehende zu Hilfe rufen. Lastenträger im Bazar von Isfahan, das ist so das letzte, was ich mir im Leben wünschte.
Einmal bin ich auf einer Erkundungstour in eine Medresse, in eine theologische Schule geraten, die sich mitten im Bazar befand. Es war mir schon vorher aufgefallen, dass sich da und dort Mullahs zeigten, während man sie sonst auf den Strassen kaum mehr sah. Jemand erzählte, dass die Bevölkerung genug habe vom religiösen Regime, und dass sie teilweise die Mullahs auf den Strassen anpöbeln. Deshalb seien sie kaum mehr zu sehen.
Auf jeden Fall sah ich plötzlich ein hübsches Portal mit diesen blauen Fliessen und ging hinein. Da war ein Hof, mit Bäumen bepflanzt. Eine ganze Gruppe von Mullahs wandelten dahin. Offenbar hatten sie gerade so etwas wie Pause. Oder vielleicht war es auch ein offizielles Kolloquium. Gleich neben dem Eingang kam ein Mann in mittlerem Alter auf mich zu. Er sagte, ich müsse 2 Minuten absitzen. Umständlich zupfte er aus seiner Hosentasche einen Plastiksack hervor und legte ihn auf den Stein, damit ich mich draufsetzen könnte. Seine Einladung war so ziemlich das einige, was ich verstand. Sein Englisch war eher wirr. Und ich konnte wirklich kaum verstehen, was er meinte. Es schien, als ob er über Khomeini und Rafsanjani schimpfte. Ich hatte plötzlich den Eindruck, er wollte mich animieren, irgend etwas Negatives über die iranische Situation zu sagen. Und da wäre natürlich eine solche theologische Schule der falsche Ort gewesen. Ich suchte also, so gut ich konnte, mit rasch wieder zu verabschieden.
Als ich schon draussen und wieder in den Gängen des Bazars war, kam ein junger, irgendwie mongolisch wirkender Typ auf mich zu. Er sprach nicht schlecht englisch und gab sich als Schüler dieser Schule zu erkennen. Er forderte mich auf, doch hereinzukommen. Er würde gerne mit mir reden. Er war sehr höflich und ich hatte überhaupt keine Ahnung, weshalb er mir gefolgt war. Auf jeden Fall erklärte ich ihm, dass diese Schule für mich der falsche Ort sei, dass ich da einfach nicht hingehörte. Und so verabschiedete ich mich schnell, was er bedauernd hinnahm.
Ich habe zwar niemals irgendwelche auffälligen Situtionen beobachtet. Du Marlena hast auch die Meinung geäussert, der Iran sei gefährlich. Und S hat auch oft gewarnt, dass man als Ausländer - vor allem wenn sie einen als Amerikaner anschauen - in heikle Situationen geraten könne. Ich habe es so verstanden, dass man leicht in einen Disput oder Streit mit jemanden geraten kann, und dass sich dann plötzlich auch Umstehende erhitzen und eingreifen. Dann entsteht so etwas wie eine Massenpsychose, die sehr unberechenbar ist. Sowas kann ich mir schon vorstellen. Aber ich habe sie nie beobachtet. Ich hatte wirklich immer den Eindruck, dass die Perser sehr gerne Kontakt mit Ausländern hätten. Es waren vor allem jüngere Leute, die mich immer wieder angesprochen haben. Die einen konnten fast gar kein Englisch, und mit anderen konnte man dann gut ein paar Worte wechseln.
Mit einem Bachtiari habe ich, weil ich warten musste, ziemlich lange diskutiert. Er war Student und halb während der Sommermonate seinem Onkel im Bazar. Dieser war offenbar spezialisiert auf Nomadenteppiche. Er ging jeweils den Nomaden nach und kaufte ihnen die Dinge ab. Aber weil durch die Landflucht die Zahl der Nomaden stehts abnahm, habe er einen schwierigen Stand. Ich fragte ihn auch über persönliche Dinge, ob er verheiratet sei. Da haben Perser kein Problem. Man kann fast alles fragen. Er gab zu, dass er eine Freundin hätte. Aber seine Eltern wüssten es nicht. Dass Problem sei, dass die Eltern der Freundin ihr schon 4 oder 5 Männer vorgestellt haben, die sie heiraten könnte. Aber sie habe jedes mal abgelehnt. Jetzt sei er ein bisschen unter Druck, denn immer wieder könne sie ja nicht ohne plausible Gründe ablehnen. Das andere Problem sei, dass die Familie der Freundin reich sei. Er sollte, bevor er heirate, ein Haus haben und ein Auto. Das sei das Mindeste. Und als Student sei er eben noch nicht so weit.
Er war sehr offenherzig, der Kerl. Und er war auch eher modern mit seinen Einstellungen. Man konnte deutlich erkennen, dass er mit einer gewissen "westlichen Logik" argumentierte. Das ist nicht selbstverständlich. Manchmal redet man mit Leuten, deren Logik einem ganz und gar fremd vorkommt. Da ist dann wirklich ein cultural gap, das sichtbar wird.
Ach, man könnte in Persien wirklich Feldstudien betreiben und so die Menschen und die sozialen Verhältnisse kennenlernen. Sie sind teilweise sehr verschieden von den unseren, aber doch auch nicht sosehr, wenn wir in Europa ein paar hundert Jahre zurückgehen. Das ist das schöne an diesen Ländern. Wenn man sie besucht, dann geht man wirklich zurück in die Vergangenheit. Es ist wirklich die Vergangenheit. Und wenn Walser sagt, die Vergangenheit sei bloss ein Aspekt der Gegenwart (was eigentlich eine psychologische Definition ist), dann hat er hier vielleicht nicht völlig recht. Es gibt in diesen sozialen und kulturellen Tatsachen durchaus Ungleichzeitigkeiten des Gleichzeitigen. Und bei uns gibt es das auch, wenn vielleicht nicht so deutlich.

Wir haben ein bisschen Pech gehabt mit unserem Gepäck. Eine Tasche fehlt noch immer. Und leider ist es gerade die Tasche, worin ich mein Buch verstaut habe. Ich habe in Teheran ein französisches Nachschlagewerk für Proverbes und Maxime gefunden. Ich glaube, es hat mir nur wegen Dir, Marlena, so gut gefallen. Alle Redensarten und Zitate waren in Französisch. Aber sie stammten aus unterschiedlichen Provenienzen: Deutsch, Englisch, auch Persisch, Irisch, Afrikanisch etc. Sie waren nach Themen geordnet und es war lustig und interessant, zu sehen, wie verschiedene Kulturen ihre Sachverhalte darstellten und formulierten.
On revient toujours à ses premières amours.
Den habe ich auch gefunden. Ich kann mich erinnern, dass ich Dir diesen Satz einmal zitieren wollte, aber nicht mehr genau wusste. Hier hatte ich ihn gefunden. Ich hoffe, dass sie die Tasche noch finden und uns bringen werden. Es wäre schade um das Buch und einen Samovar, den ich auch dort eingepackt hatte. Ach, es wäre Sünd und Schande.

Ich hatte gestern absolut keine Zeit. Der Montag nach den Ferien ist die reine Hölle. Ich hasse das eigentlich. Man sieht nur noch Berge von Arbeit und von Schwierigkeiten. Und heute bin ich auch etwas früh aufgewacht. Und so habe ich die Gelegenheit benutzt, Dir zu schreiben. Es ist einfach ein bisschen improvisiert. Aber das ist doch persönlich, nicht wahr? Es ist ja auch Vollmond. Und wie du sagst, kann man dann nicht die ganze Verantwortung über das Geschriebene übernehmen.
Schreib mir auch, meine Liebe, ich möchte so gerne von Dir hören.
Ich küsse Dich, wie immer. Es geht mir ähnlich wie Dir. Auch ich hatte das Gefühl, ich sei wieder daheim, als ich wieder von Dir hörte, von Dir, meiner fernen Mausgeliebten.
KKK
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