Donnerstag, 22. Januar 2026

Re: Mon amour

 

Subject: Re: mon amour
Date: Sun, 20 Aug 10:39


Liebste Marlena
Dein schöner französischer Brief beginnt so: et tu m'as sauvé la soirée avec ta belle lettre ... Ist das wirklich Dein Anfang, oder fehlt noch ein Stück? Falls ein Stück fehlt, kannst Du mir den Rest noch schicken? Falls nichts fehlt, bewundere ich Deine unkonventionelle Art zu schreiben. Es ist dann wie ins Wasser springen. Unmittelbar ist man mitten drin, ohne Vorwarnung und Einleitung. Es ist wirklich etwas peinlich, dass ich devenu voleur bin. Ich würde das sonst auch keinem Menschen verraten. Und stell Dir vor, sie hätten mich erwischt. Ich nehme an, sie lassen auch bei solch kleinen Sachen die Polizei kommen. Es ist wirklich nicht auszudenken.
Und Du mein Liebes denkst, ich hätte das für und wegen Dir gemacht!! Nun ja, im weiteren Sinne hat es sicherlich mit Dir zu tun, wie Du richtig interpretierst. Aber wir sollten deshalb nicht gleich eine Karriere à la Bonni and Clyde wählen. Das denn doch lieber nicht.
Hast Du etwas von Kaas gefunden? Ist sie denn in Schweden nicht bekannt? Mein kleiner Bruder hat mir vor Jahren einige Kasetten kopiert mit Chansons von ihr. Aber ich habe nie so richtig Feuer gefangen, obwohl ich sehr wohl hörte, dass sie Qualität hat. Sie ist eine andere Zeit als Barbara, sie hat auch mehr Variationen zur Verfügung. Und sie ist weniger morbid als die schwarze Barbara. Heute, da Du mein Ohr fürs Französische wieder geöffnet hast, finde ich sie echt gut und geniesse sie.

Dass ich mit meinem Brief Deinen Abend gerettet hätte, hat mich gefreut, aber auch erstaunt. Ich war wirklich in einer Verlegenheit und hatte am Schluss meines Mails den Eindruck, ich sei nicht wirklich voran gekommen. Ich war so hart an einer Argumentiererei vorbeigeraten und ich wusste nicht, ob ich das Ding, dh. das Mail, überhaupt abschicken sollte. Und jetzt findest Du den Brief schön! Die Welt hat doch manchmal noch Überraschungen bereit!

Du schlägst vor, die Iran-Erfahrungen erst schmelzen zu lassen, bevor wir mit Rom anfangen. Ein sehr weiser Vorschlag, meine Liebe. Hast Du denn noch irgend was zu schmelzen? Du hast mir nie erzählt, was Du denn aus den Büchern erfahren hast, was Dich am meisten beeindruckt hat und wo weiter? Du hast nur die maman bozorgh erwähnt, und damit gezeigt, dass Du einen guten Blick für die strategischen Momente hast.
Wir sind hier immer noch beschäftigt mit meiner Tasche, die uns fehlt. Die Swissair sucht und sucht, hat aber noch nichts gefunden. Und wir machen uns daran, eine Liste des Inhaltes zu erstellen. Und je mehr mir in den Sinn kommt, desto mehr ärgert mich der Verlust. Es war unter anderem ein wunderbarer russischer Samovar drin, meine Reisekamera mit Filmen, einige Bücher, mein französisches Buch der Proverbes, Kleider, Süssigkeiten, Necessaire. Es kommt mir nur so allmählich in den Sinn.
Und dazu gab es noch eine weitere Erfahrung zu schmelzen. Als wir in Basel ankamen, war A mit unserem Auto da, um uns abzuholen. Sie hatte ja ihre Ferien mit drei Mädchen in Spanien und Portugal verbracht, war dann noch ins Tessin gereist, aber insgesamt war sie früher zurück als wir. Und das erste, was sie uns nach den Begrüssungsküssen auf dem Flughafen erzählte, war die Frage, ob sie die schlechte Nachricht gleich jetzt oder erst zuhause erzählen sollte. Ihr waren Haus- und Autoschlüssel inklusive Autopapiere gestohlen worden. Sie war am Vorabend mit dem Auto in Basel, in ihrem bevorzugten Dancing. Und dort war ihr die ganze Tasche mit Inhalt gestohlen worden. Ich war wirklich sehr verärgert und konnte nicht glauben, dass meine Tochter so dumm sei, sich all diese Dinge gleichzeitig klauen zu lassen. Sie wollte es so darstellen, dass sie eben Pech gehabt hätte. Und ich war damit nicht einverstanden undd wollte es eher als ein Versagen ihrerseits sehen. Es ist ein Dancing für Junge und man kann die Tasche nicht einfach irgendwo hinlegen. Und man kann schon gar nicht all diese Dinge in der Tasche mitführen, wenn man dorthin geht. Dann lässt man besser die Fahrzeugpapiere im Auto oder gar zuhause. Kurz und gut, die Luft war ziemlich dick zu Anfang. Und A war alles sehr unangenehm und sie versuchte auf verschiedenste Arten, die Sache wieder einigermassen in Ordnung zu bringen. Sie hatte eigentlich nach dem Diebstahl recht gut reagiert. Sie wusste, der Dieb hat Auto- und Hausschlüssel, hat aufgrund der Papiere auch die Adresse. Sie hat sofort die Polizei benachrichtigt, ist mit der Freundin heimgefahren. Sie wollte, dass die Polizei sie heimbringe, weil ein Taxi zu teuer wäre. Und sie hatte Angst, dass der Dieb in der Zwischenzeit noch unser Haus ausrauben würde. Aber die Polizei fuhr nicht und das Taxi war ihr zu teuer. So ist sie mit dem Zug gefahren (abwohl auch das Abonnement weg war). Zuerst suchte sie einen Hausschlüssel, und zwar bei der Frau, die während der Ferien unseren Garten gespritzt hatte. Sie weckte also Vanessa, deren Tochter und ihre alte Freundin. Aber da war kein Schlüssel. Dann holte sie sich bei der Freundin, die mit ihr war, eine Leiter, um durch irgend ein Fenster einsteigen zu können. Aber da war kein Fenster offen. So musste sie sich entschliessen, eine Scheibe einzuschlagen. Und ich muss ihr als Vater zugestehen, dass sie das richtige Fenster gewählt hat. Dann hatte sie endlich wieder einen Autoschlüssel und kehrte sofort zurück nach Basel, um das Auto zu holen. Na ja, ich glaube, sie hatte eine echt turbulente Nacht. Aber sie hat ziemlich gut reagiert.
Und schliesslich, liebe Marlena, das ist der clou de l`histoire, schliesslich haben wir 3 Tage später ein Telefon bekommen, dass das Abonnement (darauf steht auch ihre Adresse) gefunden worden sei. Wir gingen hin, und es stellte sich heraus, dass auch die Tasche dort war, und die beiden Schlüssel waren immer noch in der Tasche. Aber niemand hatte natürlich gewusst, dass diese Tasche und das Abo zusammengehörten. Zum Schluss fehlten also nur noch der Fahrzeugausweis und ihr Fahrausweis. Und das kleine Abo war der Schlüssel zur ganzen Lösung gewesen. Das war doch noch einigermassen zu verkraften, denn wir mussten jetzt nicht alle Schlösser wechseln an Haus und Auto. Es zeigte sich, dass der Dieb nur an Bargeld interessiert gewesen war. Und es ist wie so oft: der Schaden, den er anrichtet, ist bei weitem grösser als seine Beute, die er sich holt. So ist die Sache noch einigermassen glimpflich ausgegangen. Und ich bin sicher, es war eine gute Erfahrung für A. Sie wird nächstes Mal besser acht geben. Gestern abend war sie mit B und mit Dominique, einer Freundin, wieder mit dem Auto unterwegs. Ich habe lange gezögert, bis ich meine Bewilligung gegeben hatte. Ich habe zusätzlich noch mehr Zögern gespielt. Aber ich denke, sie hat ihre Lektion gelernt.
*
Und, meine liebe Marlena, am meisten berührt an Deinem Mail hat mich die Episode, wo du aus Deiner Kindheit erzählst. Ich habe das Mädchen gesehen, das Oh mein Papa singt, von "diese wunderschene Mann..." oder so ähnlich. Das ist wirklich sehr rührend. Ich hätte euch beide am liebsten umarmt, d.h. die kleine Marlena und die grosse Marlena. Haben sie Dir früher, als Mädchen, auch Marlena gesagt oder hattest Du einen Kosenamen? Ich glaube, Du hast früh in Deinem Leben gelernt zu sehnsuchen!
*
Und schliesslich machst Du Nachforschungen und kommst zum Schluss: Et alors j'ai enfin compris que NOUS NOUS AIMONS tous les deux. Ach, Marlena, Du brauchst aber ziemlich lange, bis Du selbst geschmolzen bist !! ;--). Und vergiss nicht, mein Schatz, man muss das immer wieder erneuern, man muss dafür etwas tun. Und wir tun es mit Worten, mindestens vorläufig.
Ich wünsche Dir noch einen schönen und erholsamen Sonntag. Die zweite Woche wird bestimmt nicht mehr so streng sein. Das wünsche ich Dir auch.
KKK


.

Dienstag, 20. Januar 2026

Auch ein Schicksal

 

(R)

Foto: Chris



Sie war ein Blümlein hübsch und fein,
Hell aufgeblüht im Sonnenschein.

Er war ein junger Schmetterling,
Der selig an der Blume hing.

Oft kam ein Bienlein mit Gebrumm
Und nascht' und säuselt' da herum.

Oft kroch ein Käfer kribbelkrab
Am hübschen Blümlein auf und ab.

Ach Gott, wie das dem Schmetterling
So schmerzlich durch die Seele ging.

Doch was am meisten ihn entsetzt,
Das Allerschlimmste kam zuletzt.

Ein alter Esel fraß die ganze
Von ihm so heiß geliebte Pflanze.



Wilhelm Busch




.

Sonntag, 18. Januar 2026

Karisierende Katzen?


Liebe Malou
---
Im Moment sehe ich auf dem Balkon gegenüber, bei der Drogerie, zwei schwarze Katzen sitzen. Ich glaube, sie karisieren. So hatte man damals im Wallis gesagt. Das heisst, sie sind daran, sich zu verlieben, oder sie tun es schon jetzt. Ist denn jetzt die Zeit für die Katzen? Und die Jungen kommen dann im März. Und es ist merkwürdig, wie gelangweilt die beiden ausschauen. Sie drehen den Kopf nach allen Seiten, um zu zeigen, dass das Gegenüber nicht wichtig sei. Ach nein, ich glaube nicht, dass Katzen so denken. Unmöglich. Wahrscheinlich sind sie bloss unschlüssig, wo und wie sie es treiben sollen, hier vor allen Leuten oder vielleicht lieber hinter der Mauer, wo sich die Mäuse darüber ergötzen?

Re:

Ach, deine Gedanken über die Katzen ;-))) Sie verraten einiges über dich, mein lieber Mausfreund. Ich persönlich glaube ihr Uninteresse an einander kommt davon, dass sie ganz einfach Geschwister sind. Und wenn sie sich suchend umgucken, na ja, dann ist es vielleicht um zu sehen bei wem man dann im März seine Serenade vortragen könnte. Wenn du wüsstest wie oft ich sowas gehört habe in meiner Kindheit. Manchmal war es ein ganzer Chor. Und dann sind sich die Rivalen in die Haare geflogen und es gab ein rieisges Geschrei sodass man im Nachthemd hinaus musste um die Liebeskranken wegzujagen. ;-)





----------

Katzen und F. Glauser




Liebe Malou
Du entdeckst hinter meiner Beobachtung der beiden Katzen meine Gedanken? Ich habe geschmunzelt bei dieser Bemerkung. Allerdings muss ich Dir erzählen, dass ich nicht alles geschrieben habe, was zu sehen war. Auf einmal, als die Katzen eine Weile so teilnahmlos dagesessen haben, ist die eine auf die andere zugegangen. Ich habe gedacht, sie würde nun schnuppern und ihrer Kollegin etwas positive Aufmerksamkeit schenken. Aber die andere hat völlig entnervt reagiert und hat versucht, ihr mit der Tatze eins runterzuwischen.
Kurz und gut, meine Beschreibung war nur zur Hälfte wahr. Der Rest war gänzlich anders. Ich hatte aber keine Zeit mehr, das alles in meine Beschreibung reinzunehmen. So habe ich es eben bei der Romanze bleiben lassen. In Wirklichkeit war es ein handfester Streit um Platzvorteile und um die Frage, wer denn wen in welcher Situation belästigen darf.
So siehst Du, meine Gedanken sind doch etwas komplexer, als Du annehmen willst.
Und dazu habe ich noch eine weitere Unklarheit. Im März kommen doch die jungen Katzen, und nicht die Serenaden? Bin ich falsch informiert über den Nachwuchs? Auf jeden Fall kommen die Jungen nicht gleichzeitig mit den Serenaden, soviel ist klar. Ich selbst habe in meinem Leben nicht oft karisierende Katzen gehört. Sie haben mich immer ein bisschen beunruhigt, denn sie klangen wie jammernde Kinder. Dieses Jammern hatte etwas Unheilvolles in seinem Klang, dachte ich immer. Aber Katzen, die streiten, habe ich sehr wohl gehört. Ich erinnere mich an Ferien in Italien, als die Katzen in der Nacht um den Eingang in die Hotelküche gestritten haben. Ich glaube, es war so, dass ein Teil der Küche im Freien eines Hinterhofes war. Und weil man dort wohl täglich Fische und andere geschmackvolle Frittures gemacht hat, sind die Katzen nachts ihrer Nase gefolgt und haben dort unten einen ordentlichen Krawall veranstaltet. Ich hatte mit meinem Bruder das Zimmer geteilt und wir hatten überlegt, was wir nun denn aus dem 2. oder vielleicht sogar 3. Stock hinunterwerfen könnten, um sie zu vertreiben. Aber, wenn ich mich recht erinnere, gab es in diesem Hotelzimmer überhaupt nichts Entbehrliches, was man so in nützlicher Weise hätte los werden können. Nichts, nicht mal eine zweite Seife war dort!!

Ja, habe ich gewusst, dass F. Glauser eine zeitlang in Liestal gelebt hat. Er kam von der Strafanstalt Witzwil im Kanton Bern hier zu einem Gärtner und beschreibt, wie er gleich am ersten Tag im Regen Himbeeren pflücken musste. Er war in der Tat ein armer und einsamer Typ, war sogar einige Zeit in der Fremdenlegion gewesen, obwohl man ihn früher einmal aus der Schweizer Armee ausgemustert hatte, weil er als Korporal nicht fähig war. Die Biographie, die ich lese, ist ziemlich detailliert und hält sich an all die Briefe, die Glauser geschrieben hat. Und auch in seinen Werken, gibt es Figuren die jenen der Realität nachgebildet sind. Auch solche Passagen zitiert der Autor der Biographie, um das Bild Glausers aus seinen Werken her noch zu beleuchten. Man kann so feststellen, dass gewisse Szenen und Vorgänge, die Glauser in den Romanen beschreibt, ziemlich genau so sich in seinem wirklichen Leben abgespielt hatten.
In seiner Liestaler Zeit beschreibt Glauser die Arbeit, seine gesundheitlichen Probleme und seine sonntäglichen Besuche in Basel. Er hatte dort einige Bekannte durchaus aus guter Gesellschaft, die er sonntags besuchte. Eine Frau muss er dabei geliebt haben: Beatrice Gutekunst. Es war bestimmt eine platonische Sache und es ist nicht klar, ob die Sympathien beidseits lagen. Auf jeden Fall hat Glauser diese Sache in seinen Briefen angedeutet und ein bisschen sentimental darauf hingewiesen, wie ergötzlich eine solche Beziehung sei. Na ja, er war sonst wirklich sehr allein und hat jede Nettigkeit in sich aufgesaugt. In Liestal hat er offenbar auch wieder in der Apotheke unten beim Amtshaus Heroin geklaut. Das war seine Spezialität und bestimmt einer der wichtigsten Gründe für sein ruheloses Leben ausserhalb bürgerlichen Rahmens. Sein Vater war eine hochgestellte Person, war Professor, Schulleiter und irgendwie Konsul in Mannheim. Er hat sich immer wieder um seinen Sohn Sorgen gemacht und gehofft, dass er sich bessern könne. Er hat ihn aber auch den Fürsorgebehörden der Schweiz ausgeliefert, weil er sah, dass ihm die Besserung nicht wirklich gelingen kann.

Aber irgendwie habe ich nicht wirklich Mitleid, mit dem armen Kerl. Ich merke, wie ich mich hinter dem klinischen Blick verschanze und überlege, weshalb Glauser immer wieder in dieselben Situationen gerät. Er war in dieser Hinsicht sehr unbelehrbar, während er doch andererseits feine Wahrnehmungen und Erkenntnisse machen konnte. Er erinnert mich an Hodler (weshalb eigentlich? Hodler war zu seiner Zeit bekannt und bestimmt nicht mehr ganz arm. Na ja, vielleicht waren sie ungefähr Zeitgenossen, und auch Hodler lebte einen guten Teil seines Lebens in der welschen Schweiz) Übrigens war Glauser an vielen Orten in der Schweiz, und wenn ich seine Biographie lese, erinnere ich mich an Städtchen und Dörfchen, wo ich einst gewesen war. Etwa Baumes im Berner Jura, wo wir im Militär oft waren. Dort war Glauser eine zeitlang auf einer Krankenstation. In der kantonalen Psychiatrischen Klinik Herisau war er zuletzt interniert und ist, so glaube ich, auch dort gestorben. Dort hatte ich eines meiner klinischen Praktika absolviert. Und an jene grosse Klinik denke ich heute noch gerne zurück, obwohl sie eine kantonale Insitution war, und diese alten Kliniken oft sehr düster und gefängnisartig wirken. Aber die Klinik Herisau lag ausserhalb des Ortes auf einem grünen Hügel mitten in einer wunderschönen Landschaft. Wir waren mehrere Praktikanten, Mädchen und Burschen, und wir hatten ein schönes Leben. Abends kochten wir gemeinsam Teigwaren und assen dann rund um einen tiefen Clubtisch, der mit tausend Dingen unordentlich und zigeunerhaft übersäht war. Eines Sonntag kam S zu Besuch, statt dass ich zurück nach Zürich fuhr. Ich erinnere mich, wie die Frau am Eingang mir Komplimente machte für meine elegante und hübsche Freundin. Wahrscheinlich hatte sie mich auch eher als Zigeuner angeschaut vorher. Und dann kam uns mein Onkel abholen, mit seinem überaus gepflegten Volvo, und wir hatten ein Wochenende am Bodensee.

Ach Du siehst, die alten Erinnerungen kommen. Ich muss sie abbrechen.
Mit lieben Gs und Ks




Freitag, 16. Januar 2026

Wetter in Göteborg -

snö och tö
"Obwohl es den Verkehr beeinträchtigt,
sind die Einwohner Göteborgs
vor allem froh und erstaunt."


12/1

15/1





Donnerstag, 15. Januar 2026

Sinnliche Prosa

 

Corot  Forum Romanum



Liebe Marlena
 ...
Ich habe gestern in Basel ein Büchlein einer russischen Schriftstellerin gefunden. Wenn ich ehrlich bin, so muss ich zugeben, dass ich zugegriffen habe, weil mir der Einband besonders gut gefallen hat. Es ist eine Romansicht von Corot. Romantisch also, die Ansicht über das Forum Romanum hinweg zu den barocken Kuppeln und warmroten Fassaden im Abendlicht.
Die Schriftstellerin heisst Viktorija Tokarewa und ist offenbar schon über 60 Jahre alt. Auf dem Umschlag hinten ist ein Foto zu sehen, etwas unscharf, aber doch nicht ohne Ausdruck. Sie hat grosse, schöne Augen und ein freundliches Lächeln. Wirkt sehr feminin, aber Du solltest jetzt nicht annehmen, ich hätte das Buch wegen dieses Teils des Umschlages genommen. Es war wirklich mehr wegen Corot und der Assoziation "Rom". Und in der FAZ wird offenbar über sie geschrieben "Die sinnliche Prosa der Tokarewa hat viel von den physiologischen Skizzen der russischen Literatur des 19. Jahrhunderts. Die Verbindung zu Cechov wird sichtbar: in Ironie und Skepsis ebenso wie im Denkhorizont. Gute Aussichten für eine russische - und wieder europäische - Literatur nach dem sozialistischen Realismus". Ich kann Dir noch nicht genau erklären, wie sie die vier Geschichten inszeniert. Doch man fühlt sich unversehens mitten drin. Und sie findet wunderschöne und erfrischend originelle Vergleiche: "gegen Mittag legte sich Dämmerung auf die Erde wie frühes Alter", "Tamara war wie ein doppelter Heizkörper: breit, heiss und stickig wie eine überfüllte Strassenbahn im Sommer", "Tamara sprach über Menschen wie über Cocktails", "das ganze Leben eine nicht enden wollende Dienstreise", "das zum Klumpen geronnene Entsetzen".
Ach, alle drei Zeilen findet man solch kleine Bilder, und meist sind sie neu und gut, plastisch und entlarven sozusagen das Leben. Ich will Dir jetzt nicht die erste Geschichte nacherzählen. Aber ich war doch erstaunt, wie sehr sie mich fesseln konnte. Du siehst, meine Lektüren sind nicht sehr geplant. Sie sind abhängig von schönen Einbänden und Sonderangeboten im meinem Buchladen. Aber das hat immerhin den Vorteil, dass ich gelegentlich auf schöne Ueberraschungen treffe. Ich habe so schon etliche Schriftsteller kennengelernt, die ich als gross bezeichnen muss. Aber niemand in meiner Umgebung kennt sie. Sie sind sozusagen meine Geheimtipps. Geheimtipps, die ich aber niemandem weitergeben kann. Meine Umgebung zuhause oder im Büro liest nicht so viel. Und wenn, dann wollen sie wohl ihre Trouvaillen selber machen.

.... 

(weiter morgen)

Kleine handliche Theorie

Lieber ...,
Eigentlich hätte ich doch jetzt Zeit, alle meine Post zu beantworten und ich verstehe nicht, warum ich es so hinausschiebe. Dabei kommt mir wieder deine "kleine handliche Theorie" in den Sinn. Schau mal hier, wie du es einmal erklärt hast. Genau so ist es doch. 

Liebe Malou
Ach nein, das kann ich jetzt gar nicht akzeptieren. Es ist doch nicht so, dass man nichts zu schreiben hat, wenn nichts passiert. Im Gegenteil, je weniger passiert, desto mehr läuft im Kopf. So muss es doch sein. Es ist doch alles eine Frage des Kopfes. Das solltest Du doch weiss Gott wissen.... Es ist eher eine Frage der eigenen Aktivität. Wenn man viel zu tun hat, ist man im Schuss. Man ist auf ‚aktiv’ eingestellt, und wenn man dann eine freie Minute hat, dann ist man eben aktiv und schreibt. Hingegen in jenen entspannten Momenten, da man am liebsten auf dem Sofa herumliegt, den Kater am Bauch krault, oder die Wölklein am Himmel zählt, in jenen Momenten ist der Schalter auf passiv. Und es ist undenkbar, auch nur eine Zeile zu schreiben, obwohl man eigentlich im Moment viel Zeit hätte. Ich glaube, bei mir funktioniert das System so. Und das ist auch die Erklärung, weshalb ich früher als Schüler an jenen wundervollen katholischen Feiertagen nichts für die Schule gearbeitet hatte, obwohl ich mir es vorgenommen hatte. Ich wollte mich jeweils erst entspannen. Und als ich dann entspannt war, hatte ich keine Energie mehr, um wirklich was anzupacken.
Die Moral davon ist, dass man eigentlich die Aktivität, die man aus der vergangenen Woche noch hat, benutzen sollte, um etwas zu tun. Und dann sollte man erst entspannen. Der Freitagabend wäre dann die produktivste Zeit, theoretisch, für private Unternehmungen. Oder in der Ferienzeit wären es die ersten paar Tage, wenn der eigene Motor noch auf 150 dreht
Ich war oft erstaunt, wie knapp Deine Mails ausgefallen waren immer dann, wenn ich mir ein besonders ausführliches gewünscht und ausgerechnet hatte, weil ich dachte, Du hättest viel Zeit. Und so war ich zum Schluss gekommen, dass meine quere Theorie eigentlich auch für Deine Verhältnisse gilt. Es gibt nichts Praktischeres, als eine kleine handliche Theorie, nicht wahr?

(---)

Ich wünsche Dir einen schönen Tag
mlguk
...