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Auch ich wünsche Dir und Deinen Lieben ein gutes neues Jahr. Wir sind schon 4 Schritte in diesem 21. Jahrhundert. Ist es nicht verrückt? Noch sind wir ganz gemütlich im 20. herumgehängt. Und wenn wir was davon erzählen, dann stammt das alles bloss aus dem „letzten Jahrhundert“. Ich habe immer noch die leere Millenium-Bier-Dose auf meinem Schrank stehen, die ich damals auf dem Kurfürstendamm in Berlin getrunken habe.
Wir haben keine wilden Dinge getrieben an diesem Silvester. Es war ein Abend wie sonst. Das ist eigentlich nicht sehr nach Ss Geschmack. Dafür nach meinem. Die Töchter waren unterwegs. A ist mit ihrem Freund nach Davos gefahren, und S. hat ihr - beim 2-Minuten-Halt in Liestal - ein paar Dinge zum Futtern und Feiern mitgegeben. B war an einer grossen Party in der Nähe Zürichs, wo sie mit ihrer Tanz-Gruppe auftrat. Um 1 Uhr war ich im Bett.

Und am späteren Vormittag habe ich das Neujahrskonzert der Wiener Symphoniker gesehen. Das ist zu einer Tradition geworden. Doch noch mehr als das Konzert selbst hat mich der Vorspann und das Interview mit Riccardo Muti, dem Dirigenten beeindruckt. Er ist ein sympathischer und intelligenter Kerl. Eigentlich weise, müsste man sagen. Stammt ursprünglich von Neapel, wie ich hörte. Muti hat über die Musik und seine Arbeit gesprochen, und es war in der Tat hochinteressant. Ich glaube, Musik macht Menschen intelligent. Und macht sie auch ausgeglichen, macht Menschen echt menschlich. Das Gespräch hat mir so gut getan, wie man es von einer Predigt in der Kirche erwarten dürfte. Aber das Gespräch war ganz profan, obwohl Muti auch über den Tod und die Art gesprochen hat, wie Italiener mit dem lieben Gott disputieren. Das war im Zusammenhang mit der Interpretation von Verdis Requiem, in welchem offenbar die italienische Volksseele herrscht. Und dazu hat er seinen grossen Respekt vor der Familie Strauss ausgedrückt, deren Musik die geniale Gratwanderung von Leichtigkeit und Tiefe zugleich glücke.
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Und jetzt habe ich eben gerade Dein strahlendes Mail gelesen, geschrieben weit nach Mitternacht. Du bist wirklich lieb, Marlena, und ich danke Dir herzlich dafür. (---)
Wie Du jetzt weißt, habe ich mir auch das Wiener Konzert angehört. Ich habe den Fernseher schon um 09.00h eingestellt. Das war zu früh, und ich sass im Bademantel in der Stube herum, habe am Orangensaft geschlürft und ein bisschen Pastete gegessen. Dann haben sie eben dieses Interview mit Ricardo Muti gezeigt, das mich sosehr berührt hat. Na ja, wahrscheinlich war auch die Tatsache, dass er ein schöner und vitaler Mann ist sehr beeindruckend. Doch was er gesagt hat, hat mir so gut gefallen, dass ich ganz begeistert war. Und das passiert nicht zu oft. Und so habe ich dann das Konzert, das Strauss Vater zum Thema hatte, sehr gut gefallen. Ich finde es grossartig, wie die Österreicher diesen Moment nutzen, um sich in der ganzen Welt berühmt und beliebt zu machen. Sie tun das sehr geschickt und sympathisch. Und ich finde, die Schweizer könnten nur davon lernen. Die Schweden brauchen das nicht, denn ihr habt ja nun Eure Silvia ;--)
Und dann habt Ihr jenen Film gesehen, den man überall an Silvester zeigt. Ja, ich habe ihn schon x-mal gesehen, aber dieses Jahr nicht. Ich mag ihn sehr. Wir nennen ihn „the same procedure as last year…“, aber vielleicht ist das nicht der echte Titel. Ich hatte auch mal einen Film über die Entstehung dieses kleinen Werkes gesehen. Es war ja ursprünglich ein Theaterstück und wurde von einem Engländer sozusagen im Einmannbetrieb in England aufgeführt. Ich glaube, er hatte sogar die Rechte dafür gekauft. Und nun hat man das kleine Kammerstücklein fürs Fernsehen entdeckt. Na ja, was heisst ‚nun’? Es sind schon einige Jahre her. Es ist für mich ein Paradestück: sparsam in den Personen, Einheit von Ort, Zeit und Handlung, Fantasie treibend, mit kleinen lustigen Gags und kleinen erotischen Anspielungen. Das ist perfekt gemacht. Ich wäre gern der Autor eines solchen Stückes. Und schliesslich wirkt es wie eine Fabel. Je mehr man das Stück hört und sieht, desto mehr gewinnt es.
Und in diesem Zusammenhang muss ich Dir sagen, wie sehr ich geschmunzelt habe ob Deinen Worten, meine Mails würden durch Alkohol etwas Besonderes gewinnen. Ach, Malou, ich könnte aus der Beziehung zum Wein eine ganze Philosophie entwickeln. Ich habe damals im Wallis wirklich einen soliden Grundkurs im Umgang mit diesen Getränken erhalten. Ich bin noch heute erstaunt, wie tolerant meine Eltern gewesen sind, die doch sicherlich einiges mitbekommen haben. Sie selbst haben immer sehr wenig getrunken. Aber wenn ich heute zurückdenke, finde ich, der Alkohol hat, neben den vielen negativen Seiten, etwas sehr Verbindendes im Wallis. Für ein paar Stunden, wenn man zusammen bei einer Flasche sitzt, wird die Welt weit und leicht und man fühlt sich mit allen und allem verbunden. Es ist ein bisschen wie das, was man von der heilenden Wirkung des Carnevals sagt. Für einen Moment ist die Welt auf den Kopf gestellt und erlaubt einen freien Blick und ein Moment der Wahrheit. Doch hier im Raume Basel hat der Alkohol nicht dieselbe Wirkung. Die Menschen hier sind sehr streng und verachten jemanden, der im Rausch über die Stränge schlägt. So habe mich eigentlich sehr vom Alkohol zurückgezogen. Aber ich bin nicht geheilt, das kann ich Dir sagen, Malou. Ich könnte immer noch an einem trüben Sonntagnachmittag gerne ein Glas Malvoisie trinken, um dann ganz heiter und weitsichtig und menschenfreundlich zu werden. In solchen Momenten geht dann das Schreiben ganz leicht. In einem solchen Moment ist alles lebendig und in Harmonie. Aber ich weiss schon, dass ich im Rufe stehe, bei meinem Schreiben ‚drogué’ zu sein. (Gibt es dieses Wort?). Es gefällt mir auch, das zu hören, und es erinnert mich an Rimbaud, von dem Du auch viel hältst.
Und mit deinen Rezepten gegen die Melancholie bist Du so lieb und fleissig, dass ich ganz gerührt bin. Ach, Du sprichst wie jemand, der sich darin auskennt. Und man könnte soviel dagegen tun: Arbeiten, Alkohol, Liebe, Schokolade, Licht, Sonne, Gericomplex !!!. Ach Malou, ich glaube, ich will meine Melancholien nicht ausrotten, ich will sie nur ein bisschen in die Kontrolle bekommen. Und ich weiss, wenn sie kommt, was ich tun könnte. Aber ich will nichts dagegen tun!! Das ist das Problem!! Sie ist wie eine Geliebte, der du nicht widerstehen kannst. Sie ist vielleicht so ähnlich wie der Alkohol. Sie ist schön, anregend, aber sie passt nicht in ein Leben mit Arbeit und Terminen. So sieht das Problem aus. Aber ich danke Dir für die guten Tipps. Ich werde mir hier eine kleine Hausapotheke aufstellen und sie mit all den Dingen füllen, die Du mir empfohlen hast: Arbeit gibt’s ohnehin rundum; eine Flasche guten Whisky, Liebe (à la distance) kein Mangel, Gericomplex klar. Vielleicht mit Sonne und Licht muss ich noch eine Lösung finden? Ich sitze ein bisschen zuviel hier in meinem Büro auf der Schattenseite. Darauf werde ich achten. Da haben mich auch schon andere aufmerksam gemacht.
Ja, die Knallerei gegen die bösen Geister an Silvester, das habe ich nie wirklich geschätzt. Und ich sehe in diesen Feuerwerken vor allem das Spiel von Männern, die wieder kleine Jungs sein möchten. Und dann gibt es natürlich auch kleine Jungs, die das gerne tun. Und dann wird es doch leicht gefährlich. Ich mag Knallereien nicht. Hab ich Dir mal erzählt, wie ich meine Zeiten im Militär überlebt habe? Ich hatte damals 4 Kanonen mit Männern und Fahrzeugen zu dirigieren. Aber ich war ein Dirigent, der während des Konzerts davonlief ;--)) Ich ertrug diese Knallerei nicht allzu lange und wurde ganz nervös und ungeduldig. Und so habe ich meine Unteroffiziere beauftragt, das ganze in die Hand zu nehmen, die Schiessübungen zu leiten, und ich habe mit meinem Chauffeur das Weite gesucht. Wir suchten uns in der Umgebung ein Restaurant oder wir gingen im Wald spazieren. Das war ganz gemütlich, wenn nicht im Hintergrund die Vorstellung gedroht hätte, irgend ein hoher General könnte plötzlich auftauchen und feststellen, dass ich nicht auf dem Schiessplatz sei und dass das doch alles sehr gefährlich werden könnte. Das hätte bestimmt unangenehme Konsequenzen gehabt. Aber ich bin ihnen nie in die Falle gegangen. Es ist wie überall: Hauptsache, nicht erwischt zu werden.
Aber diese Tradition gegen die Geister ist doch interessant. Ich wollte ohnehin gerne wieder mal eine kleine Kolumne für die Zeitung hier schreiben, und hatte mir gedacht, dass das ein Thema zu aktuellem Anlass wäre. Es gibt da verschiedene Gedanken, die ich miteinander verbinden könnte. Es gibt diese wunderhübsche Anekdote über Niels Bohr, den dänischen Physiker. Habe ich Dir bestimmt schon erzählt. Zur Frage, ob er an die Wirkung des Hufeisens über dem Eingang in sein Wochenendhaus glaube, sagte Bohr, nein, er glaube absolut nicht daran, aber es gebe Leute, die behaupten, so was wirke auch bei Menschen, die nicht daran glaubten. Sehr gut gedacht, nicht wahr? Besonders gut für ein Naturwissenschafter!
Dann habe ich die hübsche Erinnerung an unseren alten PW, diesen Audi, dessen Zündschlüssel zu klemmen pflegte, und dem ich dann jeweils gut zureden musste, damit er sich erweichen liess, wieder zu funktionieren. Man kann daran zeigen, dass wir- sofern wir das wollen - sogar in der Lage sind, das Herz eines Autos zu erweichen. Sodann gibt es im Mittelmeerraum und im Orient diese Vorstellungen über „den bösen Blick“. Sie verstehen - z.B. im Iran - darunter fast eine materielle Substanz, so etwas wie negative Strahlung, eine Art Gift. Und dagegen gibt es verschiedene Techniken und Strategien. Wir Westler lächeln natürlich über solche Dinge. Aber diese Vorstellungen scheinen doch seit alters sehr verbreitet, und wohl auch wirksam. Und schliesslich habe ich kürzlich einen hübschen Essay (so würde man das wohl nennen?) von Kafka gelesen mit dem Titel „das Schweigen der Sirenen“. Er sinniert über die Überlieferung, dass Odysseus sich mit Wachs in den Ohren an den Schiffsmast ketten liess, um der verführerischen Gefahr und dem Gesang der Sirenen zu entgehen. Kafka meinte, dass die weit stärkere Waffe der Sirenen ihr Schweigen gewesen sein könnte, dem nun wirklich nicht beizukommen gewesen wäre, weil doch jedermann auf die Gefährlichkeit ihres Gesanges hielt. Doch Odysseus hörte ihr Schweigen nicht und vertraute seiner getroffenen Massnahme. Er hat sich gerettet, indem er sozusagen an seinen Glauben glaubte und an der dazu gehörigen (aber eben erfundenen) Gefahr festhielt. Und das gerade war wirksam.
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Deine Kohlmeise gefällt mir. Sie sieht zwar im Bild aus wie eine Amsel (so dunkel), aber das macht vielleicht das Licht. Die Vögel bei Euch oben müssen sich in der Tat wunderliche Dinge ausdenken, um überleben zu können. Und so schliessen sie sich den Menschen näher an als bei uns vielleicht. So hast Du praktisch eine Nachfolge für den verstorbenen Wellensittich?
Jetzt will ich Dir meine Zeilen senden, um der Gefahr zu entgehen, sie wieder hier liegen zu lassen.
Ich wünsche Dir mit Deiner Familie ein herrliches und frohes, gesundes und glückliches Jahr. Und ich hoffe, dass wir zusammen mit unserer Mailerei dazu einen kleinen Beitrag leisten können.
Mit G&K
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