Samstag, 16. August 2025

"Ein grosser Gewinn"

   



Liebe Malou 

"Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes". Du kannst dreimal raten, wer sowas sagt.

Natürlich Proust, der alte Maso. Und doch hat es was an sich. Der Kummer und die Sorgen lassen dich fragen, geben dir Probleme auf, während man im Glück still vor sich hin lebt und alles einfach nimmt, wie es ist. Im Kummer lebt man in Gegensatz zu dem was ist. 

Dieses Büchlein über Proust "How Proust Can Change Your Life" ist ganz amusant und gewandt geschrieben. Ich habe von dem Autor bisher noch nichts gehört. Auf dem Deckeltext heisst es: Alain de Botton, 1969 in der Schweiz geboren, hat ...

 Sein Büchlein basiert auf einem frechen und verblüffend simplen Einfall: Man nehme das monumentalste Werk der literarischen Moderne, Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" und destilliere daraus ein witziges, kurzes und lebenspraktisches Ratgeberbuch für den postmodernen Zeitgenossen.                        

De Botton nähert sich Proust auf direkte, unkonventionelle Weise, ohne Literaturtheorie. Im Rückgriff auf die Texte und auf Momente im Leben Prousts erläutert er in klassischer Ratgebermanier, wie man sich Zeit nimmt, wie man erfolgreich leidet, wie man seinen Gefühlen Ausdruck verleiht und wie man in der Liebe glücklich wird.

Und wenn ich das alles gut gelesen habe, dann werde ich Proustianer sein, so ein melodramatisches Muttersöhnchen, das kaum aus dem Bett kommt, an Verstopfungen und Übelkeiten leidet und sich an seinen körperlichen Leiden hintersinnt. Ich glaube, Proust ist die bürgerliche Dekadenz.  Ob sein Kummer und seine Depressionen wirklich die Geisteskräfte stärken, das bleibe dahingestellt, aber alles in allem hat er nicht ein nachahmenswertes Leben geführt. Das hat er sicherlich nicht.

Ich glaube, de Bottons Buch kann die Lektüre Prousts gut ersetzen. Und was hat man davon? Stundenlange Lektüre in detaillierten und umständlichen Schilderungen der Erinnerungen, das hat man sich erspart. Man spart sich dabei Tage und Wochen. Und das ist in der heutigen, eiligen Zeit doch ein grosser Gewinn. Wo sonst kommt man so leicht und so billig zu Zeit?

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Freitag, 15. August 2025

Riesiges Gewitter

 

Liebe Marlena

Gestern Nacht hat es ein riesiges Gewitter gegeben, so dass man richtig aus dem Schlaf auffahren konnte. Ich schlafe ja bekanntlich unmittelbar unter dem Dach. Und ich hatte den Eindruck, es donnert und blitzt direkt über mir, und das Rauschen des Regens war wie dasjenige der Sintflut. Es war wirklich furchterregend und gewaltig, erhaben könnte man sagen, nach dem ästhetischen Kriterium neben der Schönheit. Das Donnern ist einem wirklich durch Mark und Bein und unwillkürlich fängt man an zu denken, ob wohl alle Fenster geschlossen, ob wohl das Autodach, ob wohl nicht noch etwas im Garten vergessen worden wäre. Und ich erinnere mich Walter, der mir einmal erzählt hat, dass eines Nachts bei einem solchen Gewitter ihr Hund - und das ist ein grosses Tier aus einer Mischung Bergamasker und einem Ochsen sozusagen - dass der grosse Hund in seinem Bett gelandet sei und sich zitternd und angsterfüllt über den schlafenden Walter geworfen habe, um bei ihm Schutz vor dem donnernden Ungetüm zu finden. Doch bei mir kam kein Hund angeflogen. Ich habe es fast ein bisschen genossen, dieses akustische Schauspiel der Naturgewalt. Aber doch, ich habe in Gedanken nochmals alle Fenster geschlossen, die bereits vorher zu waren. Und ich erinnerte mich auch des Gewitters, von dem du erzählt hattest, das so früh im Frühling war, das ich sehr erstaunt war. Das muss wohl ein ähnliches Auffahren der Natur gewesen sein.

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Mittwoch, 13. August 2025

Nochmals Proust

Ein Artikel über:



Proust, für dich gestorben

Von Allain de Botton wird auf dem Schutzumschlag von How Proust Can Change Your Life gesagt, dass er in London und Washington lebe, doch sein Name und seine Leidenschft für Kodifizierungen haben einen starken gallischen Anstrich. Sein sonderbares, humorvolles, didaktisches und blendendes Buch hat zwar den Untertitel Not a Novel, enthält jedoch mehr menschlich Interessantes und mehr phantasievolles Spiel als die meisten erzählerischen Texte. Der diskursive Fluss, der in so lehrreiche Kapitel unterteilt ist wie "Wie man das Leben heute liebt", "Wie man erfolgreich leidet" und "Wie man richtig liest", erhellt die Lektionen eines anderen, sehr langen Romans, nämlich von Marcel Prousts Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. De Botton hat sich offenkundig sehr ausgiebig mit diesem bedeutenden Werk befasst und sich darüber hinaus mit vielen winzigen, Proust betreffenden Details vertraut gemacht. So erfahren wir beispielsweise, dass Proust in Paris die Telefonnummer 29 205 hatte, dass er häufig ein Trinkgeld von nicht fünfzehn oder zwanzig Prozent gab, sondern von zweihundert Prozent der Restaurantrechnung, dass seine Haut so empfindlich war, dass er keine Seife benutzen konnte; er wusch sich mit "fein gewbten, feuchten handtüchern und tupft sich damit mit frischem Leinen trocken (ein normaler Waschvorgang erfordert etwa 20 Handtücher, die auf Prousts ausdrückliche Anweisungen in die einzige Pariser Wäscherei gebracht werden, die hautfreundliche Waschpulver benutzt, die Blanchisserie Lavigne, wo auch Jean Cocteau waschen lässt)", dass er ein äusserst enges Verhältnis zu seiner Mutter hatte und ihr, noch als er schon über dreissig war, ausführliche Berichte über seinen Schlaf, sein Pipi und seine Verdauungstätigkeit erstattete, dass er unablässig fror und häufig bei einr Abendeinladung seinen Pelzmantel anbehielt. Wir erfahren auch eine Menge über Prousts Verwandte: Sein Vater, Dr. Adrian Proust, schrieb vierunddreissig Bücher, einschliesslich einiger bekannter Handbücher über Hygiene und körperliche Ertüchtigung; Marcels jüngerer Bruder, Dr. Robert Proust Autor von Chirurgie der weiblichen Geschlechtsorgane, wurde dermassen gerühmt für seine Prostatektomien, dass sie unter Kollegen "Proustatektomien" genannt wurden, und er war überdies so widerstandskräftig, dass er überlebte, als er von einem fünf Tonnen schweren >Kohlewagen überrollt wurde. Solche Details werden nicht grundlos aufgeführt. Nachdem de Botton Marcels grotesk extreme Emfpindlichkeit geschildert hat, stellt er die Behauptung auf, dass "das Fühlen und Empfinden (wobei das Fühlen fast immer mit Schmerz verbunden ist) auch etwas mit der Aneignung von Wissen zu tun hat". Proust formuliert es so: "Glück stärkt den Körper, doch nur Kummer fördert die Kräfte des Geistes." Der Maler Elstir im Roman kleidet das Prinzip folgendermassen in Worte: "Man kann die Wahrheit nicht fertig übernehmen, man muss sie selbst entdecken auf einem Weg, den keiner für uns gehen und niemand uns ersparen kann. "De Botton analysiert fünf proustsche Gestalten, die ohne Erfolg leiden und die falschen Lösungen aus ihrem Ungemach ableiten, was ihre Leiden nur noch verlängert. Die Kapitel "wie man Freundschaften pflegt" und "Wie man ein Buch aus der Hand legt" zeigen anhand von Abschnitten aus Prousts Roman und aus seinem Leben, wie eine realistische und sogar eine Zynische Einschätzung vom Wert der Freundschaft mit einer übertriebenen Bezeignung von Herzlichkeit und Schmeichelei einhergehen kann (sein Freunde prägten den Begriff proustifizieren, wenn wir unter uns eine etwas zu gesuchte Höflichkeit beschreiben wollten, die man gemeinhin als geziertes Getue bezeichnet hätte") und wie auch die leidenschaftlichste Verehrung eines Autors, so wie die Verehrung, die Proust für John Ruskin empfand, schicklicherweise vor der Idolatrie Halt macht, etwa in dem Moment, da Proust zu dem Schluss kam, dass Ruskin häufig "albern, manisch, nötigend, falsch und lächerlich" war. De Botton schreibt wie jemand, der selbst der Idolatrie nur knapp entgangen ist; in trockenem Ton schildert er eine Pilgerfahrt in das trübselige Dorf Illiers, das heute - eine Huldigung an Prousts vertaubertes fiktionales Dorf - auf Wegweisern und Schildern "Illiers-Combray" heisst. Madeleines verkaufen sich her sehr gut, und von dem Haus von Prousts Tante Amiot (im Roman Tante Léonie) heisst es "In ihrer ausgesuchten Scheusslichkeit vermitteln die beengten Räumlichkeiten auf nahezu greifbare Art und Wieise die stickige Atmosphäre eines geschmacklos eingerichteten, kleinbürgerlichen Provinzhauses der Jahrhundertwende." Eine "einsame, merkwürdig fettig anmutende Mageleine" erweist sich nach genauerer Inspektion als Plastiknachbildung. De Botton, von Geburt Schweizer, scheibt auf Englisch, aber mit dem Witz und der Nüchternheit eines Franzosen. Sein zweites Buch, The Romantik Movement, war eine Art Ratgeber-Roman, der in Gestalt einer Anleitung zur Selbsthilfe, veranschaulicht durch eine in London spielende Affäre, die Ernüchterungen in Liebedingen analysierte. Bottons Neigung zu aphoristischen Gesetzen menschlichen Verhaltens zieht ihn verständlicherweise zu Proust hin, da solche Gesetze auch Prousts Ziel sind. Dieser Sohn und Bruder von Aerzten schrieb einen Roman voller genauer diagnostischer Betrachtungen, einen Roman, der insgesamt in der Schilderung unfreiwilliger Erinnerungen und in der Wiedergewinnung der Vergangenheit ein Heilmittel gegen die Universalkrankheit, nämlich die Zeit, darstellt. Aus den letzten Seiten des letzten Bandes, Die wieder gefundene Zeit, taucht der Leser mit dem Gefühl auf, dass er siegreich eine Theapie durchgemacht hat. Von einem extrem zarten un neurasthenischen Mann als ein Akt der persönlichen Rettung geschrieben, verkörpert das Werk sein Heilmittel - die Entdeckung seiner Botschaft als Schriftsteller. De Botton stellt den traurigen Zustand seines Helden in der Zeit vor dieser Entdeckung lebhaft dar. Proust selbst beschrieb sich im Alter von dreissig Jahren so: "...ohne Vergnügungen, Ziele, Tätigkeiten, ohne jeden Ehrgeiz, mein abgelebtes Dasein betrauernd und betrübt über den Kummer, den ich meinen Eltern bereite, empfinde ich nur sehr wenig Freude." Kafka und Joyce, diese beiden anderen epischen Komödianten des Modernismus, hatten wenigstens einen kreis von Freunden und Kritikern, die ihr Genie erkannten, während selbst diejenigen, die Proust am nächsten standen, in ihm einen unverbesserlichen Snob und Dilettanten sahen und von der Schönheit, dem Sog und der satirischen kraft seines Meisterwerks überrascht waren. Wenn de Botton in seiner amüsanten, aber mit unbewegter Miene inszenierten pädagogischen Geckenhaftigkeit die heilenden, Rat vermittelnden Aspekte Prousts hervorhebt, erweist er uns den Dienst, dass er Proust für uns noch einmal liest und uns aus dem weiten heiligen See ein süsses und klares Destillat reicht.


Lieber ...

Ich bin heute ziemlich spät und müde nach Hause gekommen. Und dann habe ich deinen schönen Artikel gefunden. Versuchst du meine andere Gehirnhälfte in Gang zu bringen? Vielleicht willst du mich sogar dazu bringen nachzulesen "wie man Freundschaften pflegt".. Aber es war ein schöner und unterhaltender Artikel. Dass uns de Botton "ein süsses klares Destillat" von Proust reicht,  ist schön ausgedrückt. Möchte dem Artikelverfasser eine Eloge dafür geben.

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Liebe Marlena

Ja, den Text über de Botton und sein Proust-Buch habe ich zufällig gefunden, und am liebsten würde ich Dich dreimal raten lassen, von wem Du denkst, dass er geschrieben sei. Das geht ja nun mailenderweise nicht sonderlich gut. Dennoch kann ich es Dir nicht einfach so platt heraus verraten. An wen also - meinst Du - sollen wir Deine Eloge weitergeben?? Sollen wir das im multiple-choice-Verfahren lösen:
Günter Grass, Marcel Reich-Ranitzki, Andrea Köhler von der NZZ, John Updike, de Botton himself, Milos Kundera oder vielleicht Daniel Cohn-Bendit?? Alle wären möglich.

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Sonntag, 10. August 2025

Nichts von dir ist trivial

Datum: den 22 augusti

Lieber ...,

So ist es mir auch schon gegangen. Ich habe einen Brief geschrieben (oben in Norrland) und als ich ihn abschicken wollte kam ich nicht in den Hotmail. Aber weißt du, chéri, du hättest mir den Gutenachtkuss in den Swisstalk legen können.  ...

Ja, ich schreibe dir gern auch auf französisch. Ich habe übrigens, in der Zeit die ich mit dir schreibe, herausgefunden, dass ich eine ganz verschiedene Einstellung zu den Sprachen habe. So möchte ich z.B. wenn ich genau sein will und wirklich exakt ausdrücken will, wie und was ich meine, dies auf deutsch sagen. Wenn ich französisch schreibe, habe ich manchmal den Eindruck dass es mehr die Schönheit der Worte als die Wirklichkeit dahinter vermitteln könnte. D.h. ich könnte ohne weiteres eine schöne Formulierung wählen - nur weil sie mir eben gut gefällt - und ignorieren, dass sie nur so ungefähr das sagt, was ich eigentlich meine. (Sorry, ich bin umständlich heute ;-)
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Ach was bist du für ein lieber Vater. Wie würde die Menschheit aussehen wenn alle es so gut hätten wie deine Töchter. Aber diese Beschreibung von dir selbst als "einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen" macht mich ein wenig ängstlich. So hatte ich mir dich kaum vorgestellt.

Ich selbst bin ja auf eine Art erzogen worden, gegen die ich immer noch ein wenig revoltiere. Alle diese Regeln, Vorschriften und Verbote. Alle diese "muss",  machen, dass ich nunmehr nichts mehr "müssen" will. Ich sträube mich dagegen. Und ich versuche Anna einzuprägen, dass es kein "muss" gibt. Vielleicht sollte ich bei dir in Therapie gehen ;-)

Und wenn ich dir so was schwulstiges "ich-bezogenes" geschrieben habe, dann kommt mir am Ende immer die Lust zu sagen "und es könnte wiederum ganz anders sein" ein Ausdruck, den ich mal in einem Mail von dir gesehen habe und mir sehr gefallen hat. Er passt sicher sehr gut zu einem Krebs, der ja, wenn er einen Schritt vorwärts gegangen ist, plötzlich wieder zurückgeht.. das, was man im französischen "lunatique" nennt. So steht es jedenfalls in den Horoskopen der Krebse. Aber es muss nicht alles stimmen. Man sagt doch, ich sei sehr häuslich und doch kenne ich kaum einen anderen Menschen, der so gern wie ich alles verlassen würde, um nur immer weiter in die Welt hinaus zu fahren.. immer unterwegs sein zu neuen Zielen. Auch schlafe ich am besten in fremden Betten (allein natürlich ;-).

Ach, Schatz, das wird aber heute ein komisches Mail. Vielleicht sagt es Dinge über mich, die du noch nicht wusstest, und vielleicht zerstöre ich dein liebes Bild von Marlena.

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In maladi
Marlena

Samstag, 9. August 2025

Krebsessen




Hier ein kleiner Artikel über schwedische Traditionen:

"Man sagt den Schweden nach, daß sie ein häufig und gerne feierndes, traditionsbewußtes und "trinkfreudiges" Volk sind, und spätestens seit Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" weiß man, daß zu Weihnachten in Schweden um den Tannenbaum herumgetanzt wird. Das Tanzen um den Weihnachtsbaum und zur Mittsommerzeit um die laubgeschmückte Majstång, Krebsessen und Smörgåsbord - es gibt viele festliche Anlässe, die eng mit kulinarischen Genüssen verknüpft sind.

... Ein magisches Datum in Schweden ist der 2. Donnerstag im August - die Krebssaison beginnt. Aufgrund des Mangels an einheimischen Krebsen werden importierte in ausgelassener Runde mit viel Dill, kryddost (einem würzigen Käse), Brot und Butter verspeist. Und natürlich mit ebensoviel Akvavit. Daß das Krebsessen seinen unverrückbaren Platz im Kalender hat, liegt daran, daß das Fangen der Krebse bis zum Mittwoch vor dem 2. Donnerstag im August, 17 Uhr, verboten ist.

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Feste und Festkomitees

 


Lieber ...!
...
Je mehr du mir schreibst, desto mehr wundere ich mich, dass es überhaupt Menschen wie du auf der Welt gibt. ....
Leider gehöre ich nicht mehr zu der Generation, die viel klassische Bildung besitzt. Meine älteren Kollegen (die jetzt schon in Rente sind) besassen sie noch und wir erfreuten uns immer sehr an ihren Reden bei den grossen Festen, die wir öfter zusammen arrangierten.
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Noch länger zurück sass ich in einer Festkomitee (so 10 Personen) die die Aufgabe hatte grössere Feste (für bis zu 100 Personen) zu arrangieren. Wir trafen uns ab und zu, um das nächste Fest zu besprechen. Erst assen wir gut zusammen (und tranken ;-) und vergassen dabei schnell warum wir uns eigentlich versammelt hatten. Erst spät in der Nacht (kurz vor dem Nachhausegehen) erinnerten wir uns an unsere Aufgabe und so "ajournierten" wir uns bis zum nächsten "Festkomitee-fest". .
Weder früher noch später haben wir uns so oft und gründlich amüsiert wie in den Jahren zuvor. Und ein richtiges Fest, fragst du vielleicht? Ja, ich glaube mit der Zeit hat auch ein solches stattgefunden ;-)
Verstehlicherweise sind diese Feste wegen der erhöhten Arbeitsbelastung ins Grab gegangen und heutzutage feiern wir eigentlich nur noch grosse Geburtstage. Es hat natürlich auch mit dem Alter zu tun. Damals gab es noch viele Junggesellen unter uns und da ist es ja leichter, etwas rauszukommen.
....


Re:
Liebe Marlena
Ich kann mir Dein Festkomitee, von dem du sprichst, sehr gut vorstellen. Es ist wie eine Karikatur. Ein Festkomitee, das nur für sich selbst Feste organisiert, wie ein Arzt, der sich selber pflegt, ein Opernsänger, der für sich selber singt, ein Hochspringer, der über den eigenen Schatten springt. Das ist eigentlich eine geniale Erfindung. Ich denke, das sollte man an schweizerischen Schulen auch einführen. Das ist gut für Leib und Seele. Das hilft den Lehrern, ihre alltäglichen Sorgen zu vergessen. Und dabei ohne Gewissensbisse, denn diese Feste sind im Grunde harte und anstrengende Arbeit, sie sind lange und intensive Vorbereitungen auf das eine grosse und gloriose Fest, sie sind alle ernste Hauptproben für diesen einen historischen Höhepunkt, der allerdings nie stattfinden wird. Das ist geradezu kafkaesk. Oder ein Theatergedanke von Friedrich Dürrenmatt! (Kennst Du diesen Schweizer Schriftsteller ?) Wenn Ihr noch ein Mitglied für dieses Festkomitee sucht, falls noch ein Sitz frei ist, ich melde mich sofort! Schicke mir das Anmeldeformular, ich bitte Dich. Oder muss man dazu Lehrer sein. Das bin ich nun leider nicht!

Lieber ...,

Freitag, 8. August 2025

Pour elle seule, hélas!

 



Lieber
Ich danke dir herzlich für die schönen Briefe heute. Ich werde sie gleich im Bett noch einmal durchlesen. Die Dissertation (oder war es Dissektion?) unserer Mausliebe. Ach, wie bist du lieb. Wir haben "das Schönste" im Leben gefunden und sogar ewig soll es sein, "until death do us part" oder wie es heisst. Ich kann manchmal kaum glauben, dass es dich wirklich gibt, obwohl mich deine Mails doch ständig davon überzeugen. ...Ja, ich printe sie und manchmal, wenn ein Brief von dir in meinem Schoss liegt, streiche ich zärtlich mit der Hand über das Papier, als wäre es ein Teil von dir.. :-)

Ich habe mir heute eine Kassette geholt, auf der ein paar von Verlaines Gedichten von einer wunderbaren Männerstimme vorgelesen werden. Ich habe mich ganz einfach danach gesehnt, sie wieder zu hören. Vielleicht schicke ich dir einmal ein Band mit etwas Musik und dann werde ich dir auch die Vertonung von diesem Gedicht mitschicken und natürlich ein paar Auszüge aus dem "Faust", damit du einmal die fantastischen Stimmen der Schauspieler hören kannst.

Verlaine hatte ein ziemlich turbulentes Leben ... Er träumte von einer Frau, die ihm die nötige Ruhe schenken könnte. In unserer Zeit hätte er vielleicht eine Mausfreundin gehabt. ;-)

Hier eins seiner schönen, musikalischen Gedichte:

Mon rêve familier

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime,
et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m'aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d'être un problême
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? - Je l'ignore.
Son nom? - Je me souviens qu'il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est parreil au regard des statues,
Et pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L'inflexion des voix chères qui se sont tues.

*

In dem Blog " Semsakrebsler ", der beste Blog seiner Art und ein grosser Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.


Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Hermann Hesse