Sonntag, 10. August 2025

Nichts von dir ist trivial

Datum: den 22 augusti

Lieber ...,

So ist es mir auch schon gegangen. Ich habe einen Brief geschrieben (oben in Norrland) und als ich ihn abschicken wollte kam ich nicht in den Hotmail. Aber weißt du, chéri, du hättest mir den Gutenachtkuss in den Swisstalk legen können.  ...

Ja, ich schreibe dir gern auch auf französisch. Ich habe übrigens, in der Zeit die ich mit dir schreibe, herausgefunden, dass ich eine ganz verschiedene Einstellung zu den Sprachen habe. So möchte ich z.B. wenn ich genau sein will und wirklich exakt ausdrücken will, wie und was ich meine, dies auf deutsch sagen. Wenn ich französisch schreibe, habe ich manchmal den Eindruck dass es mehr die Schönheit der Worte als die Wirklichkeit dahinter vermitteln könnte. D.h. ich könnte ohne weiteres eine schöne Formulierung wählen - nur weil sie mir eben gut gefällt - und ignorieren, dass sie nur so ungefähr das sagt, was ich eigentlich meine. (Sorry, ich bin umständlich heute ;-)
*
Ach was bist du für ein lieber Vater. Wie würde die Menschheit aussehen wenn alle es so gut hätten wie deine Töchter. Aber diese Beschreibung von dir selbst als "einen sehr wechselhaften, abwechslungsfreudigen, wenn nicht gar wankelmütigen bis flatterhaften Typen" macht mich ein wenig ängstlich. So hatte ich mir dich kaum vorgestellt.

Ich selbst bin ja auf eine Art erzogen worden, gegen die ich immer noch ein wenig revoltiere. Alle diese Regeln, Vorschriften und Verbote. Alle diese "muss",  machen, dass ich nunmehr nichts mehr "müssen" will. Ich sträube mich dagegen. Und ich versuche Anna einzuprägen, dass es kein "muss" gibt. Vielleicht sollte ich bei dir in Therapie gehen ;-)

Und wenn ich dir so was schwulstiges "ich-bezogenes" geschrieben habe, dann kommt mir am Ende immer die Lust zu sagen "und es könnte wiederum ganz anders sein" ein Ausdruck, den ich mal in einem Mail von dir gesehen habe und mir sehr gefallen hat. Er passt sicher sehr gut zu einem Krebs, der ja, wenn er einen Schritt vorwärts gegangen ist, plötzlich wieder zurückgeht.. das, was man im französischen "lunatique" nennt. So steht es jedenfalls in den Horoskopen der Krebse. Aber es muss nicht alles stimmen. Man sagt doch, ich sei sehr häuslich und doch kenne ich kaum einen anderen Menschen, der so gern wie ich alles verlassen würde, um nur immer weiter in die Welt hinaus zu fahren.. immer unterwegs sein zu neuen Zielen. Auch schlafe ich am besten in fremden Betten (allein natürlich ;-).

Ach, Schatz, das wird aber heute ein komisches Mail. Vielleicht sagt es Dinge über mich, die du noch nicht wusstest, und vielleicht zerstöre ich dein liebes Bild von Marlena.

(---)

In maladi
Marlena

Samstag, 9. August 2025

Krebsessen




Hier ein kleiner Artikel über schwedische Traditionen:

"Man sagt den Schweden nach, daß sie ein häufig und gerne feierndes, traditionsbewußtes und "trinkfreudiges" Volk sind, und spätestens seit Ingmar Bergmans Film "Fanny und Alexander" weiß man, daß zu Weihnachten in Schweden um den Tannenbaum herumgetanzt wird. Das Tanzen um den Weihnachtsbaum und zur Mittsommerzeit um die laubgeschmückte Majstång, Krebsessen und Smörgåsbord - es gibt viele festliche Anlässe, die eng mit kulinarischen Genüssen verknüpft sind.

... Ein magisches Datum in Schweden ist der 2. Donnerstag im August - die Krebssaison beginnt. Aufgrund des Mangels an einheimischen Krebsen werden importierte in ausgelassener Runde mit viel Dill, kryddost (einem würzigen Käse), Brot und Butter verspeist. Und natürlich mit ebensoviel Akvavit. Daß das Krebsessen seinen unverrückbaren Platz im Kalender hat, liegt daran, daß das Fangen der Krebse bis zum Mittwoch vor dem 2. Donnerstag im August, 17 Uhr, verboten ist.

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Feste und Festkomitees

 


Lieber ...!
...
Je mehr du mir schreibst, desto mehr wundere ich mich, dass es überhaupt Menschen wie du auf der Welt gibt. ....
Leider gehöre ich nicht mehr zu der Generation, die viel klassische Bildung besitzt. Meine älteren Kollegen (die jetzt schon in Rente sind) besassen sie noch und wir erfreuten uns immer sehr an ihren Reden bei den grossen Festen, die wir öfter zusammen arrangierten.
*
Noch länger zurück sass ich in einer Festkomitee (so 10 Personen) die die Aufgabe hatte grössere Feste (für bis zu 100 Personen) zu arrangieren. Wir trafen uns ab und zu, um das nächste Fest zu besprechen. Erst assen wir gut zusammen (und tranken ;-) und vergassen dabei schnell warum wir uns eigentlich versammelt hatten. Erst spät in der Nacht (kurz vor dem Nachhausegehen) erinnerten wir uns an unsere Aufgabe und so "ajournierten" wir uns bis zum nächsten "Festkomitee-fest". .
Weder früher noch später haben wir uns so oft und gründlich amüsiert wie in den Jahren zuvor. Und ein richtiges Fest, fragst du vielleicht? Ja, ich glaube mit der Zeit hat auch ein solches stattgefunden ;-)
Verstehlicherweise sind diese Feste wegen der erhöhten Arbeitsbelastung ins Grab gegangen und heutzutage feiern wir eigentlich nur noch grosse Geburtstage. Es hat natürlich auch mit dem Alter zu tun. Damals gab es noch viele Junggesellen unter uns und da ist es ja leichter, etwas rauszukommen.
....


Re:
Liebe Marlena
Ich kann mir Dein Festkomitee, von dem du sprichst, sehr gut vorstellen. Es ist wie eine Karikatur. Ein Festkomitee, das nur für sich selbst Feste organisiert, wie ein Arzt, der sich selber pflegt, ein Opernsänger, der für sich selber singt, ein Hochspringer, der über den eigenen Schatten springt. Das ist eigentlich eine geniale Erfindung. Ich denke, das sollte man an schweizerischen Schulen auch einführen. Das ist gut für Leib und Seele. Das hilft den Lehrern, ihre alltäglichen Sorgen zu vergessen. Und dabei ohne Gewissensbisse, denn diese Feste sind im Grunde harte und anstrengende Arbeit, sie sind lange und intensive Vorbereitungen auf das eine grosse und gloriose Fest, sie sind alle ernste Hauptproben für diesen einen historischen Höhepunkt, der allerdings nie stattfinden wird. Das ist geradezu kafkaesk. Oder ein Theatergedanke von Friedrich Dürrenmatt! (Kennst Du diesen Schweizer Schriftsteller ?) Wenn Ihr noch ein Mitglied für dieses Festkomitee sucht, falls noch ein Sitz frei ist, ich melde mich sofort! Schicke mir das Anmeldeformular, ich bitte Dich. Oder muss man dazu Lehrer sein. Das bin ich nun leider nicht!

Lieber ...,

Freitag, 8. August 2025

Pour elle seule, hélas!

 



Lieber
Ich danke dir herzlich für die schönen Briefe heute. Ich werde sie gleich im Bett noch einmal durchlesen. Die Dissertation (oder war es Dissektion?) unserer Mausliebe. Ach, wie bist du lieb. Wir haben "das Schönste" im Leben gefunden und sogar ewig soll es sein, "until death do us part" oder wie es heisst. Ich kann manchmal kaum glauben, dass es dich wirklich gibt, obwohl mich deine Mails doch ständig davon überzeugen. ...Ja, ich printe sie und manchmal, wenn ein Brief von dir in meinem Schoss liegt, streiche ich zärtlich mit der Hand über das Papier, als wäre es ein Teil von dir.. :-)

Ich habe mir heute eine Kassette geholt, auf der ein paar von Verlaines Gedichten von einer wunderbaren Männerstimme vorgelesen werden. Ich habe mich ganz einfach danach gesehnt, sie wieder zu hören. Vielleicht schicke ich dir einmal ein Band mit etwas Musik und dann werde ich dir auch die Vertonung von diesem Gedicht mitschicken und natürlich ein paar Auszüge aus dem "Faust", damit du einmal die fantastischen Stimmen der Schauspieler hören kannst.

Verlaine hatte ein ziemlich turbulentes Leben ... Er träumte von einer Frau, die ihm die nötige Ruhe schenken könnte. In unserer Zeit hätte er vielleicht eine Mausfreundin gehabt. ;-)

Hier eins seiner schönen, musikalischen Gedichte:

Mon rêve familier

Je fais souvent ce rêve étrange et pénétrant
D'une femme inconnue, et que j'aime, et qui m'aime,
et qui n'est, chaque fois, ni tout à fait la même
Ni tout à fait une autre, et m'aime et me comprend.

Car elle me comprend, et mon coeur transparent
Pour elle seule, hélas! cesse d'être un problême
Pour elle seule, et les moiteurs de mon front blême,
Elle seule les sait rafraîchir, en pleurant.

Est-elle brune, blonde ou rousse? - Je l'ignore.
Son nom? - Je me souviens qu'il est doux et sonore
Comme ceux des aimés que la Vie exila.

Son regard est parreil au regard des statues,
Et pour sa voix, lointaine, et calme, et grave, elle a
L'inflexion des voix chères qui se sont tues.

*

In dem Blog " Semsakrebsler ", der beste Blog seiner Art und ein grosser Freudenspender, gibt es die von Hermann Hesse brillante Übersetzung des Gedichtes "Mon Rêve Familier" von Paul Verlaine.
Die schwierige Aufgabe, sowohl Klang wie Inhalt des Gedichtes bei der Übersetzung zu beachten, ist Hesse meisterlich gelungen.


Nach Paul Verlaine

Ich träume wieder von der Unbekannten,
Die schon so oft im Traum vor mir gestanden.
Wir lieben uns, sie streicht das wirre Haar
Mir aus der Stirn mit Händen wunderbar.

Und sie versteht mein rätselhaftes Wesen
Und kann in meinem dunklen Herzen lesen.
Du fragst mich: ist sie blond? Ich weiß es nicht.
Doch wie ein Märchen ist ihr Angesicht.

Und wie sie heißt? Ich weiß nicht. Doch es klingt
Ihr Name süß, wie wenn die Ferne singt –
Wie eines Name, den du Liebling heisst
Und den du ferne und verloren weißt.
Und ihrer Stimme Ton ist dunkelfarben
Wie Stimmen von Geliebten, die uns starben.

Hermann Hesse




Donnerstag, 7. August 2025

Nachtisch

 

date 8 August 13:33
subject Nachtisch..


Lieber ...,
Du schreibst, wenn du willst und ich muss schreiben, wenn ich kann. Das ist schon ein Unterschied, denn jetzt habe ich fast den Eindruck, dass ich versuche einem schon satten Essen zu bringen.

K und Folke machen gerade einen kleinen Ausflug südwärts. Bei dieser Hitze kann es ganz angenehm sein, in einem Auto mit AC zu sitzen. Hier im Zimmer, wohl das kühlste im Haus, ist es im Moment 27,5 Grad und die Temperatur hinter dem Haus 45. Ich wünsche mir sehr, dass ich mich in einen See werfen könnte.



Der Garten war schöner als ich erhofft hatte, als wir nach Hause kamen, trotz der langen Trockenzeit. Kerstin hatte ab und zu bewässert. Und sofort habe ich nach meiner kleinen Lili Marlen geschaut. Sie steht an einer Stelle, wo es schon bei normalem Wetter ziemlich trocken ist. Und weisst du, ich habe sie erst garnicht gefunden. Irgendwie war sie ganz klein geworden und trug keine einzige Blüte. Diese Rose, die mein "Internet-ich" symbolisieren soll. ;-)

Ach, du neckst mich wegen dieser Fantasie mit dem Haus in der Schweiz. Es war nur mein Wunsch, dich zu sehen, wie ein glücklicher Picasso. Und du magst doch Geselligkeit, genau wie ich. Etwas anderes habe ich mir dabei nicht vorgestellt. :-)

Nein, du hast ganz Recht. Was immer ich sage, so glaube ich, dass ich es viel zu gut habe, um meine Existenz gegen eine andere auszutauschen. Ich liebe dieses Haus und die schöne Lage. Ich habe entdeckt wie viel Freude ein Garten schenkt (gehört doch zum Alter ;-) Klar habe ich ab und zu den Wunsch aufzubrechen. Wer hat das nicht? Aber der Verstand siegt schließlich immer über das Gefühl.. Gott sei Dank oder ... leider..

München sagst du? Ja, die Stadt kenne ich ein wenig aus meiner Jugend. Ein Architektstudent, den ich in Stockholm kennengelernt hatte, hat mich dort ausgeführt nach Schwabing in die Nachtclubs.. Ich war in seine Familie eingeladen und dann um die Neujahrszeit lud er mich ein, in die Schweiz zu kommen, wo er und seine Freunde ein Chalet gemietet hatten. Heute bereue ich noch, dass ich nicht gefahren bin, aber ich fand, dass ich zu  schlecht  im "downhill skiing" bin. Von einem anderen jungen Mann, den ich auch von hier kannte, wurde ich zu seiner Gartenparty eingeladen. Du siehst, ich habe schöne Erinnerungen an die Stadt.

Mehrmals hast du betont, ich sei doch deine älteste Mausfreundin.. und das amüsiert mich, denn ich fühle mich dabei wie eine "erste Frau" die früher in reichen chinesischen Familien einen ganz besonderen Rang hatte, den sie auch behielt, wenn vor ihrem Eingang keine roten Lampions mehr angezündet wurden.

Warum bist du im Büro, mein lieber Mausfreund? Du hast doch noch 2 Wochen Urlaub hast du mir gesagt. Doch ich glaube, ich würde auch ab und zu dorthin gehen, wenn ich ein so schönes Büro ganz für mich hätte.

Du warst im Wallis.. Bekannte von mir machen dort eine Wanderung in den Bergen. Wir haben ein wenig Kontakt ab und zu per sms und sie haben mir von dem scheußlichen Wetter berichtet. Dauernd Regen und ziemlich kalt. Aber vor kurzem hatten sie auch Hitze. Du siehst wie klein die Welt ist. Ich habe sie übrigens gebeten ein paar Bilder zu machen im Wallis, "weil es so schön sein soll". :-)

OK.. Nun muss ich die Krebse in Wasser legen, damit sie auftauen bis heute Abend.

À propos am Haus verbessern, so hat sich S. angemeldet nächstes Jahr mit mir dort oben das Haus zu streichen. D.h. die Teile, die es nötig haben. Sie hat sich also selbst eingeladen.. ;-) Und warum nicht? War ja sehr nett.

Auch du bist fleißig mit Haus und Garten beschäftigt, habe ich gesehen. Das muss deine S freuen.

Nun lasse ich dich verdauen.. und wünsche dir einen schönen Nachmittag
und Abend.

Mit lieben Grüßen
Malou

Mittwoch, 6. August 2025

Zurück aus dem Norden

(R)


date 8 August 10:46
subject :-)


Lieber ...,
Wie schade, dass du nun nicht mehr online bist. Über gewisse Dinge lässt es sich leichter im Chat reden, wo man gleich auch eventuelle Missverständnisse beseitigen kann.

Aber hier kommen also noch ein paar Zeilen.

Ja, im Norden war es wunderbar wie immer. Aber auch dort war schon der ganze Juni ein heisser trockener Monat gewesen. So war der Flieder längst verblüht und der Rasen ganz braun. Wir haben uns wie immer sofort mit Lust an die Arbeit gemacht, um alles wieder schön zu kriegen. Gras mähen, Blumen pflanzen u.s.w. Und da wir bald Gäste empfangen sollten, habe ich ein paar Gardinen mit neuen ersetzt. Ich wollte sie gern behalten, denn K's Mutter hatte sie gewebt und sie waren wunderschön. Doch mit der Zeit waren sie so spröde geworden und haben mich an Napoleons Fahnen erinnert, die ich mal im Pantheon in Paris gesehen habe. Hauchdünne Dinger, die wenn man sie angefasst hätte, zu Staub geworden wären. Es war nicht allzu leicht, etwas ähnliches zu finden. Ich möchte nämlich den Charakter des alten Hauses bewahren.. ein kleines Museum fast.




Unsere Gäste kamen an einem Samstag. Und schon beim Parken seines Autos ist Sören ein Malheur passiert. Er ist nämlich gegen den Brunnen gefahren und hat das ganze verschoben. Doch nichts Schlechtes, was nicht etwas Gutes an sich hat: K hat entdeckt, dass das Holz schon ziemlich morsch war und so hat er das ganze neu ersetzt. Er ist auch tüchtig in solchen Dingen. :-)
Sören ist ein kleiner Mann, aber sein Wesen ist gross. ;-)) Er hat in jungen Jahren oben in Norrland gewohnt und gearbeitet und er und K hatten sich unendlich viel zu erzählen von früher. Wir haben gleich am folgenden Tag einen schönen Ausflug gemacht nach Kukkola und nach Haparanda, ein richtiger Nostalgietrip für ihn Am nächsten Tag waren wir in Luleå, das bei solch wunderschönem Wetter eine ganz herrliche Stadt ist. Dort haben wir uns, nach einem köstlichen Lunch im Hafen, getrennt. Wir Damen haben eine Shoppingtour gemacht während sich die Herren die Umgebung angeschaut haben. Übrigens habe ich wie üblich zu den Fenstern meines verstorbenen Schwiegervaters hinaufgeschaut. Nun hatte man die Balkons eingeglast. Es sah sehr schön aus. Du erinnerst dich vielleicht, dass er Aussicht über das Wasser hatte. Und dort im Wasser lagen die bekannten vier Eisbrecher und erholten sich. Wie riesige Gebäude ragen sie aus dem Wasser.
Siv war sehr imponiert von Luleå als shoppingstadt und hat es mit Stockholm verglichen. Die Hauptstrasse war voll von wohlbesuchten Strassencafés, aber wir hatten keine Zeit uns hinzusetzen.. hatten ja schliesslich nur ein paar Stunden zur Verfügung.. ;-))

An einem Abend haben wir Sauerhering gegessen. Das ist etwas ganz Besonderes. Zum Glück haben wir ein extra Haus, wo wir das tun können, denn der Duft (lies Gestank) bleibt tagelang hängen. Die Dosen sind wie kleine Bomben. Dazu serviert man Mandelkartoffeln, dünnes Brot, rohe Zwiebeln und einen speziellen Käse. Als Getränk Schnaps und Bier. Ach, das müsstest du einmal erleben. Die Stimmung war ziemlich hoch und so sind wir erst um halb drei Uhr nachts aufgebrochen. Vorher hatten wir noch, wie es sich gehört, im grossen Haus eine Erdbeertorte als Nachspeise genossen, mit Kaffee und einem guten Likör von "nordischen Himbeeren". Am Tag darauf war, wie du schon ahnst, ein Ruhetag.

Ich lasse dich wieder.. komme später zurück.
MlGuK
Malou

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Dienstag, 5. August 2025

Über meine Posen

 


date 31 March   07:43
subject Re: ...


Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B. Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse zeigen.
Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot, lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht in seinen besten Zeiten. Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug haben können.

Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege. Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb, gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit, wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen. Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören. Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.

Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war", verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte, fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor. So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine. Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen, welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige nicht grüsst!!

Soviel über meine Posen.
MlG
...

(R)

1 Kommentar:

  1. Es hat seinen Reiz, alte Blogeinträge ein paar Jahre später noch einmal zu lesen.

    Was mag alles in diesen fast 7 Jahren geschehen sein. Meine Fantasie wird angeregt.

    Ich freue mich sehr über Deinen Besuch bei mir.
    Auch ich werde Dich gerne besuchen kommen und und lesend zwischen den Zeilen lauschen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Barbara

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