Donnerstag, 7. August 2025

Nachtisch

 

date 8 August 13:33
subject Nachtisch..


Lieber ...,
Du schreibst, wenn du willst und ich muss schreiben, wenn ich kann. Das ist schon ein Unterschied, denn jetzt habe ich fast den Eindruck, dass ich versuche einem schon satten Essen zu bringen.

K und Folke machen gerade einen kleinen Ausflug südwärts. Bei dieser Hitze kann es ganz angenehm sein, in einem Auto mit AC zu sitzen. Hier im Zimmer, wohl das kühlste im Haus, ist es im Moment 27,5 Grad und die Temperatur hinter dem Haus 45. Ich wünsche mir sehr, dass ich mich in einen See werfen könnte.



Der Garten war schöner als ich erhofft hatte, als wir nach Hause kamen, trotz der langen Trockenzeit. Kerstin hatte ab und zu bewässert. Und sofort habe ich nach meiner kleinen Lili Marlen geschaut. Sie steht an einer Stelle, wo es schon bei normalem Wetter ziemlich trocken ist. Und weisst du, ich habe sie erst garnicht gefunden. Irgendwie war sie ganz klein geworden und trug keine einzige Blüte. Diese Rose, die mein "Internet-ich" symbolisieren soll. ;-)

Ach, du neckst mich wegen dieser Fantasie mit dem Haus in der Schweiz. Es war nur mein Wunsch, dich zu sehen, wie ein glücklicher Picasso. Und du magst doch Geselligkeit, genau wie ich. Etwas anderes habe ich mir dabei nicht vorgestellt. :-)

Nein, du hast ganz Recht. Was immer ich sage, so glaube ich, dass ich es viel zu gut habe, um meine Existenz gegen eine andere auszutauschen. Ich liebe dieses Haus und die schöne Lage. Ich habe entdeckt wie viel Freude ein Garten schenkt (gehört doch zum Alter ;-) Klar habe ich ab und zu den Wunsch aufzubrechen. Wer hat das nicht? Aber der Verstand siegt schließlich immer über das Gefühl.. Gott sei Dank oder ... leider..

München sagst du? Ja, die Stadt kenne ich ein wenig aus meiner Jugend. Ein Architektstudent, den ich in Stockholm kennengelernt hatte, hat mich dort ausgeführt nach Schwabing in die Nachtclubs.. Ich war in seine Familie eingeladen und dann um die Neujahrszeit lud er mich ein, in die Schweiz zu kommen, wo er und seine Freunde ein Chalet gemietet hatten. Heute bereue ich noch, dass ich nicht gefahren bin, aber ich fand, dass ich zu  schlecht  im "downhill skiing" bin. Von einem anderen jungen Mann, den ich auch von hier kannte, wurde ich zu seiner Gartenparty eingeladen. Du siehst, ich habe schöne Erinnerungen an die Stadt.

Mehrmals hast du betont, ich sei doch deine älteste Mausfreundin.. und das amüsiert mich, denn ich fühle mich dabei wie eine "erste Frau" die früher in reichen chinesischen Familien einen ganz besonderen Rang hatte, den sie auch behielt, wenn vor ihrem Eingang keine roten Lampions mehr angezündet wurden.

Warum bist du im Büro, mein lieber Mausfreund? Du hast doch noch 2 Wochen Urlaub hast du mir gesagt. Doch ich glaube, ich würde auch ab und zu dorthin gehen, wenn ich ein so schönes Büro ganz für mich hätte.

Du warst im Wallis.. Bekannte von mir machen dort eine Wanderung in den Bergen. Wir haben ein wenig Kontakt ab und zu per sms und sie haben mir von dem scheußlichen Wetter berichtet. Dauernd Regen und ziemlich kalt. Aber vor kurzem hatten sie auch Hitze. Du siehst wie klein die Welt ist. Ich habe sie übrigens gebeten ein paar Bilder zu machen im Wallis, "weil es so schön sein soll". :-)

OK.. Nun muss ich die Krebse in Wasser legen, damit sie auftauen bis heute Abend.

À propos am Haus verbessern, so hat sich S. angemeldet nächstes Jahr mit mir dort oben das Haus zu streichen. D.h. die Teile, die es nötig haben. Sie hat sich also selbst eingeladen.. ;-) Und warum nicht? War ja sehr nett.

Auch du bist fleißig mit Haus und Garten beschäftigt, habe ich gesehen. Das muss deine S freuen.

Nun lasse ich dich verdauen.. und wünsche dir einen schönen Nachmittag
und Abend.

Mit lieben Grüßen
Malou

Mittwoch, 6. August 2025

Zurück aus dem Norden

(R)


date 8 August 10:46
subject :-)


Lieber ...,
Wie schade, dass du nun nicht mehr online bist. Über gewisse Dinge lässt es sich leichter im Chat reden, wo man gleich auch eventuelle Missverständnisse beseitigen kann.

Aber hier kommen also noch ein paar Zeilen.

Ja, im Norden war es wunderbar wie immer. Aber auch dort war schon der ganze Juni ein heisser trockener Monat gewesen. So war der Flieder längst verblüht und der Rasen ganz braun. Wir haben uns wie immer sofort mit Lust an die Arbeit gemacht, um alles wieder schön zu kriegen. Gras mähen, Blumen pflanzen u.s.w. Und da wir bald Gäste empfangen sollten, habe ich ein paar Gardinen mit neuen ersetzt. Ich wollte sie gern behalten, denn K's Mutter hatte sie gewebt und sie waren wunderschön. Doch mit der Zeit waren sie so spröde geworden und haben mich an Napoleons Fahnen erinnert, die ich mal im Pantheon in Paris gesehen habe. Hauchdünne Dinger, die wenn man sie angefasst hätte, zu Staub geworden wären. Es war nicht allzu leicht, etwas ähnliches zu finden. Ich möchte nämlich den Charakter des alten Hauses bewahren.. ein kleines Museum fast.




Unsere Gäste kamen an einem Samstag. Und schon beim Parken seines Autos ist Sören ein Malheur passiert. Er ist nämlich gegen den Brunnen gefahren und hat das ganze verschoben. Doch nichts Schlechtes, was nicht etwas Gutes an sich hat: K hat entdeckt, dass das Holz schon ziemlich morsch war und so hat er das ganze neu ersetzt. Er ist auch tüchtig in solchen Dingen. :-)
Sören ist ein kleiner Mann, aber sein Wesen ist gross. ;-)) Er hat in jungen Jahren oben in Norrland gewohnt und gearbeitet und er und K hatten sich unendlich viel zu erzählen von früher. Wir haben gleich am folgenden Tag einen schönen Ausflug gemacht nach Kukkola und nach Haparanda, ein richtiger Nostalgietrip für ihn Am nächsten Tag waren wir in Luleå, das bei solch wunderschönem Wetter eine ganz herrliche Stadt ist. Dort haben wir uns, nach einem köstlichen Lunch im Hafen, getrennt. Wir Damen haben eine Shoppingtour gemacht während sich die Herren die Umgebung angeschaut haben. Übrigens habe ich wie üblich zu den Fenstern meines verstorbenen Schwiegervaters hinaufgeschaut. Nun hatte man die Balkons eingeglast. Es sah sehr schön aus. Du erinnerst dich vielleicht, dass er Aussicht über das Wasser hatte. Und dort im Wasser lagen die bekannten vier Eisbrecher und erholten sich. Wie riesige Gebäude ragen sie aus dem Wasser.
Siv war sehr imponiert von Luleå als shoppingstadt und hat es mit Stockholm verglichen. Die Hauptstrasse war voll von wohlbesuchten Strassencafés, aber wir hatten keine Zeit uns hinzusetzen.. hatten ja schliesslich nur ein paar Stunden zur Verfügung.. ;-))

An einem Abend haben wir Sauerhering gegessen. Das ist etwas ganz Besonderes. Zum Glück haben wir ein extra Haus, wo wir das tun können, denn der Duft (lies Gestank) bleibt tagelang hängen. Die Dosen sind wie kleine Bomben. Dazu serviert man Mandelkartoffeln, dünnes Brot, rohe Zwiebeln und einen speziellen Käse. Als Getränk Schnaps und Bier. Ach, das müsstest du einmal erleben. Die Stimmung war ziemlich hoch und so sind wir erst um halb drei Uhr nachts aufgebrochen. Vorher hatten wir noch, wie es sich gehört, im grossen Haus eine Erdbeertorte als Nachspeise genossen, mit Kaffee und einem guten Likör von "nordischen Himbeeren". Am Tag darauf war, wie du schon ahnst, ein Ruhetag.

Ich lasse dich wieder.. komme später zurück.
MlGuK
Malou

------------------



Dienstag, 5. August 2025

Über meine Posen

 


date 31 March   07:43
subject Re: ...


Liebe Malou
Hier ist das Wetter nun ziemlich mild geworden. Gestern hatte B. Geburtstag. Aber unser Essen machen wir erst am Samstag. Sie hatte keine Zeit, war mit ihrer Arbeit beschäftigt. Ich hatte ihr telefoniert und meine Glückwünsche per Distanz geschickt. So beschäftigt sind die jungen Leute heute schon. Na ja, manchmal denke ich, es ist auch ein bisschen Pose.
Aber schliesslich haben wir damals auch von Posen gelebt. Ich weiss noch, wie wichtig das richtige Jacket war. Ich hatte ein dunkelgrünes Jacket, grober Stoff und hinten in der Mitte einen Schlitz. Der Schlitz war total wichtig. Ohne Schlitz wäre das Jacket wertlos gewesen. Nur mit einem solchen Schlitz konnte man sich auf der Strasse zeigen.
Später durfte ich mir mal eine Skijacke kaufen. Du kannst dir vorstellen, dass in einem Ort wie Visp, wo der Winter mindestens das halbe Jahr besetzt, dass dort oben in den Bergen eine Winterjacke so wichtig war wie ein gesundes Herz. Die Jacke habe ich heute noch zuhause. Sie ist immer noch brauchbar und ganz passabel: bordeaurot, lang, mit einem Gürtel und einer im Kragen eingerollte Kaputze. Dieser Gürtel war damals der Clou. Während jahrelang ein solcher Gürtel absolut out und altmodisch war, kam er damals plötzlich wieder in Mode. Ausserdem konnte man die Jacke natürlich auch ohne Gürtel anziehen, respektive den Gürtel einfach nicht spannen und binden. Ich erinnere mich ziemlich genau an die Zeit, als ich die Jacke neu erworben hatte. Sie war so leicht und zugleich so angenehm warm, wie du es dir niemals vorstellen kannst. Es war wohl der Anfang der Kunststoff-Bekleidung, wie sie heute ziemlich üblich ist. Und dazu wirkte ich so smart und gutaussehend, wie vielleicht Alain Delon nicht in seinen besten Zeiten. Kurz und gut: in einer solchen Jacke fühlst du dich als anderer Mensch. Ich nahm jede Gelegenheit wahr, an irgendwelchen Anlässen und Gelegenheiten in Visp oder Brig teilzunehmen. Und immer hatte ich dieses schwebende Glücksgefühl, wie es sonst nur Engel im Tiefflug haben können.

Ach, unsere Posen damals, du kannst dir nicht vorstellen, wie wichtig solch kleine Dinge waren. Sie waren sozusagen die Halme unserer Vorstellung. Und in einer solch kleinen und engen Arena, wie sie das Oberwallis darstellt, war man sich stets bewusst, dass die ganze Welt zuschaut. Man hatte wirklich das geheime Gefühl, alle Visper, ja gar alle Oberwalliser schauten zu und können sehen, was hier losgeht. Ist das nicht merkwürdig? Dies war eines der ersten Gefühle, die ich in Zürich beim Studium loswerden musste. Dort schaute kein Mensch mehr zu. Niemand kannte dich. . All die vielen Menschen waren mit sich und ihren eigenen Dingen beschäftigt. Niemand nahm Anstoss. Niemand hatte ein Wort, nicht mal einen Blick für dich. Es war am Anfang so ähnlich wie Isolationshaft, wenn ich es mir überlege. Na, unsere Posen, das waren natürlich auch die Sprüche im Freundeskreis. Wir Visper waren eine besondere Clique in Brig. Man kannte die Visper. Während die Schüler von Brig und Umgebung abends nicht mehr aus dem Haus durften, weil dies die Schule so vorschrieb, gab es das in Visp natürlich nicht. Die Lehrer hatten die Gewohnheit, wenn sie abends durch die Stadt gingen, sich nach Schülern umzusehen. Und wenn sie fündig wurden, so konnte dieser Schüler, der sich nicht an die Regeln gehalten hatte, nächstentags in der Schule etwas hören. Meist war es so, dass er am nächsten Morgen in der Schule ganz einfach aufgerufen wurde, die Lektion der letzten Stunde vorzutragen, was ihm dann eine Note eintrug. Das konnte sehr unangenehm sein, wann man sich nicht gut vorbereitet hatte. Aber wir Visper lebten ganz in diesem Milieu, entgingen aber dieser dummen Kontrolle. Wir waren sozusagen die Freien, neben den Sklaven aus Brig und Glis und Naters. Und vor allem neben den Internen, die in der Schule lebten. Sie waren in der Tat die Untersklaven, bedauernswerte und gebeutelte Menschen.

Da erinnere ich mich noch an eine andere lustige Begebenheit aus der Schulzeit. Als AC, der neue Rektor "an die Macht gekommen war", verfügte er, dass die Mützen, die wir alle beim Eintritt in die Schule kaufen mussten, auch wirklich getragen werden sollten. Die Mützen waren wirklicher Studenten-Wichs aus dunkelblauem Samtstoff mit einem steifen Schirm. Doch weil sie niemand trug und alle bloss in der Mappe aufbewahrten, sahen die meisten ganz heruntergekommen und zerbrochen aus. Natürlich galt es als chick, eine solch abgewetzte und gebrochene Mütze zu haben. Wer ein neues Ding mit sich führte, gab sich als Anfänger zu erkennen. Nun ja, damals also erliess A.C., der neue Rektor, den Befehl, dass alle Schüler auf dem Schulweg diese Mütze tragen sollten. Und, nicht ohne Pointe, beinhaltete dieser Befehl auch den Zusatz, dass man die Lehrer der Schule zu grüssen hatte, indem man die Mütze vom Kopf nahm. Voilà. Ich fand das in meinem damaligen Alter äusserst läppisch. Erstens konnte diese unmögliche Mütze die schöne Frisur verderben. Und zweitens grüsst man in der Regel mit einer Mütze nicht, indem man sie abnimmt, sondern indem man Hand anlegt, ähnlich wie im Militär. Ich war also nicht begeistert von Cs Befehl, und meine Kameraden nicht minder. Eines Tages, als wir auf dem Weg vom Bahnhof in die Schule waren und angeregt diskutierten, stiess mich W in die Seite und machte mich darauf aufmerksam, dass der Rektor, der irgendwo in der Nähe war, mich gerufen hätte. Ich war ein bisschen irritiert, weil ich mir nicht vorstellen konnte, weshalb gerade ich aus dieser grossen Zahl von Studenten, die alle auf dem Weg zur Schule waren - die etwas oberhalb der Stadt liegt - , weshalb er gerade von mir etwas wollte. Und wirklich. Als ich ihn erreichte, fragte er mich, weshalb ich ihn nicht gegrüsst hätte. Stell dir vor. So etwas konnte ich nun wirklich nicht begreifen. Ich hatte ihn bloss nicht gesehen. Und ich hatte natürlich auch nicht sonderlich genau um mich geschaut. Doch dies alles kam mir ein bisschen vor die Geschichte von Willhelm Tell, wenn du weisst, was ich meine. Nun ja, AC hat mir dies nicht übel genommen. Er hat mit im Unterricht immer respektiert und hat auch anerkannt, dass ich damals den Maler der Kunstkarte als einziger der Klasse herausfinden konnte. Ich glaube, er hatte immer die Idee, ich wäre besonders begabt. Und er hat mich auch, so kommt mir wieder in den Sinn, bei einer kleinen Entlöhnung als Aufsicht für das Morgenstudium eingesetzt. Dazu eignete ich mich, weil ich nicht katholisch war und nicht an den bezeichneten Tagen die Messe besuchen musste. So konnte ich dieses Amt übernehmen, welches darin bestand, in einem grossen Schulzimmer, wo die Schüler bis zum Beginn des Unterrichtes nochmals ihre Lektionen repetieren konnten, in diesem Schulzimmer also für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Du siehst, Marlena, manchmal schadet es nicht, wenn man die Könige nicht grüsst!!

Soviel über meine Posen.
MlG
...

(R)

1 Kommentar:

  1. Es hat seinen Reiz, alte Blogeinträge ein paar Jahre später noch einmal zu lesen.

    Was mag alles in diesen fast 7 Jahren geschehen sein. Meine Fantasie wird angeregt.

    Ich freue mich sehr über Deinen Besuch bei mir.
    Auch ich werde Dich gerne besuchen kommen und und lesend zwischen den Zeilen lauschen.

    Mit freundlichen Grüßen
    Barbara

    AntwortenLöschen

Sonntag, 3. August 2025

Gedanken über das Lebensglück


Liebe Marlena

(---)

Tut mir leid um Deinen kleinen Vogel. Ja, sowas erinnert uns immer an die Vergänglichkeit und an die Tatsache, dass wir nicht ewig leben. Das ist, wie die Philosophen sagen, der Skandal unseres Lebens. Was sollen wir tun? Die Lebenskunst scheint eine angemessene Antwort auf diese Anforderung zu sein, das Bemühen also, aus dem Leben das meiste an Möglichkeiten und Erleben zu gewinnen. Ach, das versuchen wir ja doch mit allen Mitteln. Ich habe kürzlich ein paar interessante Gedanken über das Lebensglück gelesen. Ich weiss nicht mehr, wo es war. Aber es hat mich doch verblüfft. Man hat Menschen befragt über ihre Zufriedenheit im Leben. Und zwar hat man  zwei Menschengruppen verglichen. Die einen hatten durch einen schweren Unfall ein hartes Schicksal zu tragen. Sie waren querschnittgelähmt und damit behindert, wie wir sagen würden. Die anderen Menschen waren Glückspilze, hatten kürzlich einen grossen Gewinn an einer Lotterie gemacht. Und verblüffend dabei ist, dass die beiden Gruppen sich nach einer gewissen Zeit (nach dem Unfall, nach dem Lottogewinn) sich in ihrer Lebenszufriedenheit nicht mehr wesentlich unterscheiden. Mit anderen Worten: ein Lottogewinn macht nicht glücklich, ein schwerer Unfall mit Lebensbehinderung macht nicht unglücklich. Der Mensch ist sehr flexibel, sein Schicksal zu bewerten. Und er kann sich in einer relativ kurzen Zeit an einen Zustand gewöhnen, und ihn als normal empfinden. Jede Abweichung davon ist dann erst ein Glücks- oder ein Unglücksmoment.

Und es gibt doch dieses hübsche Gedicht von Theodor Storm, wenn ich mich nicht irre, welches als Gebet gestaltet ist, wo er Gott bittet "ihn mit Freuden und mit Leiden nicht zu überschütten ... sondern in der Mitten liegt holdes Bescheiden". Hat mir in meiner Jugend immer imponiert, dieser Wunsch nach einem bescheidenen Durchschnitt. Später habe ich diese Einstellung als Quintessenz bürgerlicher Lebensphilosophie genommen. Ich glaube wirklich, dass darin eine tiefe Lebenserkenntnis der europäischen Kultur liegt. Und ich glaube nicht, dass S auch so denken würde. Ich glaube, dass die persische Oberschicht wirklich denkt, oder immer gedacht hat, dass sie das Recht auf ein Maximum an Glück hätten. Es gelingt zwar nicht, aber das Recht ist unbestritten. Nun ja, sie führen ihre Verhandlungen ja auch nicht mit dem lieben Gott, sondern mit Allah. Und sie haben es nicht mit der Erbsünde zu tun, die uns Europäern alle am Rücken klebt. Sie haben wirklich keinen Grund, Schuldgefühle mit sich herumzutragen. Und damit sind sie uns in Sachen Lebensglück doch einen Schritt voraus. Und dies alles bloss, weil damals diese Eva einen Apfel angebissen hatte. Ich stelle mir diesen Paradiesapfel übrigens als Granatapfel vor, also diese merkwürdige Frucht, die es im Iran gibt, mit vielen kleinen Beeren im Innern. Hier bei uns gibt es davon einen Sirup. Und als Gymnasiasten haben wir oft ein Bier grénadine bestellt, ein rot leuchtendes Bier, das ziemlich süss war, und welches den Alkohol praktisch verdoppelte.

--



Samstag, 2. August 2025

Ein wenig Proviant ...

 (R)

 

Subject: Ausfütterung..
Date: Wed, 13 Aug  20:14







Lieber ...,
Heute hatte ich die Digitalkamera mitgenommen um die kleine Misty zu fotografieren. Übrigens ein passender Namen. Sie bewegt sich ständig und es ist nicht leicht ein deutliches Bild von ihr zu machen.
Deswegen habe ich mehrere gemacht und dann war ich doch ganz zufrieden mit dem Ergebnis.




Die andere Kollegin und ich waren heute zusammen dort und ich wollte sie mal das Füttern übernehmen lassen, damit sie morgen, wenn sie es allein tun muss, weiss was sie erwartet. Die Arme ist fast hysterisch geworden dabei, so wild waren die Katzen. Rubrik springt dauernd hinauf und versucht dir das Essen wegzuschnappen bevor du es auf den Teller gelegt hast.



Es hat geregnet heute Abend. Und es war ganz einfach herrlich. Fast wie ein Regen in der Wüste. Es hat sich etwas abgekühlt aber immer noch jetzt spät am Abend haben wir 19 grad draussen.  Vielleicht werde ich mir heute Abend hier unten betten. Mir ist es auch manchmal zu heiss oben unter dem Dach. Lustig, dass wir beide oben schlafen. Komm doch mal rüber zu mir.. ;-)

---

Ach, das sollte doch kein Mail werden. War nur als ein kleiner Kommentar zu den Bildern gedacht. Ich leg sie alle hier rein. Sie sprechen für sich selbst. Und wenn das kleine Mist-Vieh ganz wild herumgetollt ist, will sie plötzlich hochgenommen werden und dann schnurrt sie so herrlich. Du kennst es sicher wie das ist.
Ja, komisch, es gibt Leute, die nichts für Tiere übrig haben. Und ich liebe sie so sehr. Oft fühle ich einen tiefen Kontakt mit Tieren. Und sie tun den Menschen gut. Das hat man im Altersheim in Schweden feststellen können, wo man an manchen Stellen einen Hund oder eine Katze als Gesellschaft für die Alten angeschafft hat.

Dies ist bereits das dritte (oder vierte?) Mail heute. Ich muss dir doch auch ein wenig Proviant mitgeben für die lange Reise nach New-York. Ach, ich werde dich sehr vermissen.

So sage ich dir gute Nacht und wünsche dir einen schönen Tag morgen.
Liebe Grüsse
Marlena

Freitag, 1. August 2025

Stress und Katzenjammer

Datum: den 12 augusti  11:36

Liebster Mausfreund,
Schon wieder bin ich gestresst und in Zeitnot. Warum muss das Ausführen immer viel mehr Zeit nehmen als das Ausdenken?
Und dann bin ich noch dazu in der Arbeit gestört worden.. Jetzt muss ich mich schon wieder beeilen, denn um 12.00 muss ein kleines Kätzchen gefüttert werden. Ach, du weisst es gar nicht. Die kleine Kollegin Lisa, die nun mit ihrem Mann in einem alten kleinen Haus ganz in meiner Nähe wohnt, wird bis Sonntag auf Urlaub gehen und ich werde zusammen mit einer anderen Kollegin ihre 4 Katzen betreuen. Ich weiss nicht, aber manchmal, wenn ich sehe, wie sie mit ihren Katzen tun, dann glaube ich, ich träume. Aber im Moment fehlt mir die Zeit, dir davon zu schreiben.
Ich wollte dir schon gestern Abend ein Mail senden, aber dann hat Lisa angerufen und mich daran erinnert, dass sie schon heute abfahren und so musste ich noch schnell hingehen und mich über alle Prozeduren informieren lassen. Wie in einem Chemielabor habe ich mich gefühlt, wo alles haargenau aufgemessen und ausgeführt werden muss. Und zum Glück hat sie mir alles auch noch detailliert niedergeschrieben, damit ich nichts falsch mache. ;-)
*
Es ist warm. Das allerschönste Hochsommerwetter könnte man sagen und ein kleiner Wind macht es ziemlich angenehm. So werde ich wohl den Nachmittag im freien verbringen.
Ich weiss, dass du sehr beansprucht bist im Moment und ich finde es sehr lieb von dir, dass du dir trotzdem Zeit nimmst zu mailen. Du bist ein Schatz.
*
So, nun schick ich das ab, damit du es zum Mittagessen bekommst. Als eine kleine Vorspeise.
Mit lieben Grüssen,
Marlena

--------

Ämne: Katzenjammer!!!
Datum: den 12 augusti 13:39


Lieber ...
Es ist noch zu heiss draussen und so bleibe ich lieber im einigermassen kühlen Haus und schreib dir noch ein paar Zeilen. Muss dir doch von dieser Katzenfamilie erzählen.
Also, die Leute wohnen bei ihren Katzen, d.h. sie sind ihre Hausmädchen und Diener. Alles ist für die Katzen eingerichtet. Unmengen von Katzenmöbeln, wo sie klettern, spielen und schlafen können belammern das Haus. Es ist wirklich ein winzig kleines Haus. Nur 56 kvadrat. Aber es ist gemütlich. Wie aus einem Märchen genommen. Als Kind wäre ich vernarrt gewesen in das Haus. Und um das Haus ist ein riesiger Garten, der sehr schräg zu unserer Strasse hinunter fällt. Herrliche grosse Bäume und noch ein kleines rotes Haus was früher vielleicht einmal Scheune oder Stall gewesen ist, und heute ihr Motorrad beherbergt, grenzt an die Nachbarn.

Also, morgens um 8 Uhr werden die Katzen zum ersten Mal gefüttert. Es ist ein wenig so, wie ich es im Tierpark in Kolmården gesehen habe, wenn man die Tiger füttert. Ganz wild sind die Tiere, wenn sie wissen, was nun kommt. Vier Teller werden gefüllt. Jeder mit einer genauen Gewichtsangabe für gerade die Katze. Das Essen besteht aus gemahlenem Fleisch (abwechselnd Rind- Hähnchen oder Lamm), das mit genauen Angaben von Vitaminen und Mineralen versehen ist. Der Gefrierschrank ist voll von kleinen Dosen mit Aufschriften, was und für wen. Und die Teller werden in einer bestimmten Reihenfolge aufgestellt.. na ja, eigentlich wirft man sie fast schnell hinunter, sonst reissen sie sie dir aus der Hand. Die Reihenfolge? Damit Shadow nicht Cindy beim Essen stört und sich über ihre Portion stürzt. Und die kleine Misty, ganz links hat natürlich noch viel auf ihrem Teller, wenn die anderen ihre Ration in sekundenschnelle hinuntergewürgt haben (17 Sekunden, sagte mir die Kollegin heute, mit der ich diesen ungewöhnlichen Auftrag teile). Nun heisst es also, sich neben Misty auf den Fussboden zu setzen, um die anderen von ihrem Teller fernzuhalten, bis die Kleine aufgegessen hat. Ich glaube, das Wort gefressen würde mir Lisa nicht erlauben. ;-)
Vier Katzentoiletten gibt es und man wird ein wenig sauber halten müssen. Dann auch noch das Haus lüften (bei dieser Hitze), sie haben übrigens einen guten Tischventilator, ein bisschen sich um die Blumen im Haus kümmern, die Post hereinholen und wenn man Zeit hat, eine Weile bleiben, um mit den Katzen zu spielen. Die Kleine lässt einen sowieso nicht in Ruhe. Dauern fühlt man sie an den Füssen und an den Beinen.
Um vier Uhr werden alle nochmals gefüttert und um 12.00 und später am Abend bekommt die kleine Misty noch eine Portion.

Du siehst! Ich meine, ich bin doch mit Katzen aufgewachsen. Die haben gegessen, wenn sie hungrig waren und es hat immer etwas zu Essen da gestanden. Was sie gegessen haben, haben sie selbst bestimmt, indem sie das, was sie nicht mochten, ganz einfach stehenliessen. Die Lieblingsspeise waren frische Heringe und natürlich ab und zu eine Maus, die sie sich im nahen Wald geholt haben. So bin ich ganz erstaunt über diese Prozeduren und frage mich, was denn einmal wird, wenn Lisa ein Kind kriegt.
Ich werde ein paar Fotos machen, damit du siehst wovon ich spreche.
Schicke dir gleich nach diesem Mail ein Bild von Rubrik, das ich gestern Abend gemacht habe.
Zwei sind Russian Blue. Cindy ist eine braun gestreifte Bauernkatze und Misty? Ja, was ist die schnell? Ich glaube ein graues kleines Staubknäuel..

Ach, das langweilt dich sicher.. aber mir macht es Spass, dir davon zu erzählen.

So, jetzt gehe ich in den Garten, um zu sehen, ob ich die Nachbarin sehe, um ihre Einladung zu einem Krebsfest am Samstag zu bestätigen.

Hoffentlich kannst du dich bald ausruhen von der Arbeit an diesem warmen Tag.

Grüsse dich nochmals lieb,
Marlena

Gemischtes nichts..

(R)

den 25 augusti  23:01
Gemischtes nichts..



Neben mir sass ein junger Einwanderer. Es gibt ziemlich viele dieser Sorte bei uns. Und dann kam ein Paar und setzte sich mir gegenüber in die Stühle. Eigentlich war es eine Bank mit zwei Sitzplätzen. Sie waren jung, vielleicht so 25 und beide so dick, dass sie die ganze Bank mit ihren Körpern ausfüllten. Plötzlich sah ich sie wie ein Gemälde von Botero und ich wünschte ich hätte sie heimlich foto grafieren können. Die Schenkel der jungen Frau waren so dick wie mein ganzer Körper und sein Gesicht sah aus wie eine Birne

.

Er erinnerte mich an diesen dicken französischen König, der wie eine Birne aussah. Und doch waren ihre Gesichter ganz zufrieden, so wie Boteros Menschen eben meist aussehen. Ich mag diese Welt von Dickusen bei Botero, aber im RL tun mir die Leute doch leid, denn ihre Figur muss ihnen einiges im Leben erschweren.
---
Heute Abend habe ich in meinen Papieren rumgewühlt. Nun liegen sie in Haufen um mein Fauteuil im Allzimmer herum. Ein Glück, dass du das nicht sehen kannst. Es wäre keine gute Reklame für Marlena. Ich muss endlich mal aussortieren und einsehen, dass Dinge, die ich zehn Jahre lang nicht gebraucht habe, wahrscheinlich auch in Zukunft nicht Verwendung finden werden.