Samstag, 17. August 2024

Noch ein paar Zeilen ..

 

Ämne: Vielleicht doch..
Datum: den 17 augusti 13:27


Lieber ...,
Vielleicht huschst du doch noch einmal ins Büro, weil du etwas vergessen hast. Deshalb schicke ich dir noch ein paar Zeilen.
Ja, es war schön gestern. D.h. die Krebse und die Vorspeise mit Pfifferlingen gefüllte Teigwaren, haben ganz vortrefflich geschmeckt. Der Apéritif, das deutsche Bier und der Wein ebenso. Und nachher gab es dann noch eine Nachspeise aus Eiskugeln, Melone und Kirschpuré. Und wie üblich, bei uns in Schweden, auch wenn es schon spät am Abend ist, gab es einen Kaffee und dazu ein herrliches Tortenähnliches Gebäck. Und wir sind gut nach Hause gekommen. Sind ja immerhin fast 30 Meter zu gehen.. ;-)
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Die Sonne scheint, aber was ist schon ein sonniger Tag ohne meinen lieben Mausfreund. Ich vermisse dich schon jetzt. Du musst es fühlen.

So grüsse ich dich nochmals lieb und hoffe, dass du noch mal ins Büro musst vor deiner Abreise.
Ich freue mich auf den Bericht über deine Pilgerfahrt.
S+K und auch M,
Marlena

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den 17 augusti 14:44
Re: Vielleicht doch..


Liebe Marlena
Na klar, habe ich noch dies und jenes vergessen im Büro. Vor allem muss ich noch die Adresse des Institutes in meine private Mailbox kopieren. Weshalb das so ist, erzähle ich Dir später. ...

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Und ich habe beschlossen, mich neu zu erfinden. Wie Du sagst, tut man das jeden Tag. Aber mit meiner Pilgerreise nach NY soll es einen kleinen Mutationssprung geben. Ich meine einen Sprung von der Grössenordnung zwischen Schimpanse und Mensch ;--)) Klingt ein bisschen zu nitzscheanisch, nicht wahr? Aber im Ernst, ich möchte doch versuchen, in diesen 14 Tagen Energie zu schöpfen, die für die letzten paar Jahre im Job hinhalten. Und das Buch gibt gute Anregungen.
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Vielleicht komme ich auch mal dazu, Dir ein Mail zu schreiben, vielleicht. Erwarte nicht zuviel, meine Liebe, denn NY scheint eine hochelektrische Stadt. Und wenn man in diesen Strom hineingerät, dann sitzt man nicht mehr still. Nur noch in diesen Bars mit dem Neonlicht, wie man sie auf den Bildern sieht.
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Ich wünsche Dir eine gute Zeit.
Halt mir den Daumen und die Treue, meine liebe Marlena.
See you
kisses
...

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Ämne: Telegramm
Datum: den 17 augusti 19:17









Lieber ...,
Wenn du dich nun auf deine Odyssee begibst,
bitte nimm dich in acht vor den Sirenen.

Deine Penelope





Freitag, 16. August 2024

"Dead Poets Society"


Ämne: Eine kleine Nachtmusik
Datum: den 12 januari 02:22 

Lieber ..., 
Ach wie spartanisch du lebst, nicht einmal die kleinste Süssigkeit gönnst du dir. Wäre ich S, würde ich glatt etwas misstrauisch werden, obwohl du mir immer erklärst, dass alle diese neuen Ideen von ihr stammen. Aber ein süsses kleines Mail hast du mir gebracht und ich habe es langsam und andächtig verzehrt. Ich danke dir herzlich dafür.
 * 
Ich habe einen schönen Abend verbracht mit meinen Gästen. Zuerst habe ich sie mit Glögg (Glühwein) willkommen geheissen. Das gehört zu diesem letzten weihnachtlichen Festtag und dann haben wir uns lange und gemütlich bei Tisch unterhalten. Ich glaube, es hat allen gut gefallen und jemand kam schliesslich mit dem Vorschlag, wir sollten doch einen Club gründen damit wir uns öfters sehen. "Torsdagsklubben", denn der Donnerstag schien allen am besten zu passen. Na ja, wir werden sehen. Aber warum nicht.

Das erinnert mich daran, wie wir vor ein paar Jahren versuchten eine Gesellschaft (oder einen Club) zu gründen in unserem Kollegium. So ungefähr wie "Dead Poets Society". Wir suchten nach einem guten Namen. "Döda pedagogers sällskap" kam uns zu morbid vor aber "Trevliga pedagogers sällskap" (trevlig=nett) klang schon viel besser. Jemand meinte, OK "nette pedagogen" klingt zwar schön aber "Trötta pedagogers sällskap" wäre doch etwas mehr realistisch (trött = müde). Schliesslich blieb man bei der Abkürzung TPS und meinte ein jeder könnte sich ein passendes Wort für das T wählen. Es gab auch:

tråkig = langweilig 
tokig = verrückt 
tarvlig = gemein, 
torr = trocken

Und was ist daraus geworden? Ich glaube, mehr als 50 Personen hatten sich dazu angemeldet, aber der Mann, der ursprünglich mit der Idee kam, ist ein Kerl der gute Ideen aufs Papier bringen kann, aber nicht weiter. Eine Zeit lang fragten sich die Leute, wann denn nun das erste Treffen sein würde und mit der Zeit geriet das ganze in Vergessenheit. Nur an die ausgelassene Diskussion über den Namen erinnert man sich noch heute. 
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A bientôt, j'espère, 
Marlena



Montag, 12. August 2024

New York rückt näher

 


Ja, New York rückt näher. Am 18. August werde ich abfliegen und am 2. September zurückkehren. Ich nehme wirklich immer wieder Anläufe, mich auf diesen Aufenthalt zu freuen. Und ich glaube, dass es mir schliesslich gelingen wird. Letzten Sonntag hatte ich einen Arbeitskollegen mit seiner Frau im Museum getroffen. Das Gespräch kam auf meine Pläne. Die beiden waren voller Begeisterung für NY. Besonders die Frau, die es offenbar mag, Museen und Gallerien zu besuchen. Ach, sie war ganz hingerissen und ich glaube, am liebsten wäre sie mitgekommen. Ihr letzter Aufenthalt war offenbar schon 7 Jahre alt.

Ich hatte den Einfall, dass ich meine In-line-Skates nach NY mitnehmen könnte. Vorgestern bin ich damit etwa 15 km gefahren um zu sehen, ob ich das überhaupt noch kann. Ich merke, dass das Training fehlt. Aber eigentlich sollte es möglich sein. Ich könnte so den Central Park durchqueren. Oder ich könnte hinunter ans Ende von Manhattan rollen, zum Battery Park, wo man die Freiheitsstatue auf der Insel draussen sieht. Na ja, vielleicht brauchen diese Skates ein bisschen viel Platz im Koffer. Und wenn die Gehsteige voller Leute sind, ist man mit Rollschuhen eher etwas behindert. Aber die Idee ist doch nicht schlecht, oder? Ich hatte mir immer gewünscht, eine unbekannte Stadt rollenderweise zu erkunden. Und weshalb sollte es nicht NY sein?

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Ich fahre als Tourist. Der Kurs ist nur eine Nebensache. Wer nämlich in den USA heute eine Schule besuchen will, muss harte Prüfungen und einen elenden Papierkrieg durchstehen. Das will ich nicht. So kann ich ohne Visum reisen und ich erwarte bloss, dass man mich bei der Einreise ausfragen wird, wo ich wohne und was ich zu tun beabsichtige. Dann werde ich sagen, dass ich den Central Park zu durchqueren gedenke und unten die Freiheitsstatue begucken und abzeichnen will ;--). Und vielleicht noch die Qualität der Hamburgers testen! Das könnte ich auch noch sagen. Ich kann sie aber nicht mit irgendwas vergleichen, weil ich hier in der Schweiz kaum je Hamburgers gegessen habe.


Re:
...
Rollerblades fährst du? Das ist aber eine Überraschung! Ich finde erwachsene Männer auf diesen rollenden Dingern äusserst sexy. *s* Und wie schön und lustig du von deinen NY-plänen schreibst. Ich geniesse es schon ganz mit dir.

Freitag, 9. August 2024

Sei vorsichtig !

Subject: Luft, Hilfe Luft!

 Liebe Marlena

...

Ich weiss nicht, ob es so geschickt ist, meine Gedanken über die kochenden Männer Deinem Mann zu zeigen. Sie sind ironisch und er könnte beleidigt sein. Du willst doch nicht die schwedischen Männer gegen mich aufhetzen, Marlena? Sie werden mich hassen, weil ich so ironisch wenn nicht sarkastisch über uns Männer spreche! Sie werden einen Kreuzzug planen und diese kläffenden Schweizer zum Schweigen bringen! Sei also vorsichtig und überlegt, meine Marlena. Noch wenn du zuhause behauptest, du führest mit einem Schweizer von der Spitze der Alpen fachliche Gespräche über die Schule, über die Schule allgemein und über die Schule im speziellen. Es wird den Schwedischen Männern wie Schuppen von den Augen fallen, wenn sie merken, welches unsere wirklichen „Fachgespräche" sind. Sie werden den Geheimdienst auf uns hetzen! Sie werden nach Zensur schreien! Sie werden die Telefonrechnung kontrollieren! Ich weiss wirklich nicht, ob das so weise ist, Marlena? 

Du kannst es so erzählen, als ob es von Dir wäre. Mach es zu deinen eigenen Gedanken und erzähle es mit eigenen Worten. Dann ist alles im Butter. Ich möchte nicht, dass Dein Mann misstrauisch oder eifersüchtig wird gegen mich. Und das ist schnell passiert! Ist das klaro, meine Liebe? Wie in aller Welt willst Du kochende Männer mit dem europäischen Schulsystem in Zusammenhang bringen? Ist doch ein Trapezakt sondergleichen!

Du erwähnst, in meinen Gedanken sei „esprit", und das war für mich ein grosses Kompliment. Esprit ist ein französisches Luxusprodukt, so gut wie Champagner oder Trüffeln. So was gibt es gar nicht in Deutsch. Geist, das erinnert an Hegel und den deutschen Idealismus. Aber esprit ist was sehr Elegantes, Feines, Spitzes vielleicht auch, ein Zeichen von Lebenskunst und von Lebenskompetenz. Ich hoffe, dass ich etwas davon habe. Ich hoffe es doch sehr! Ich flehe täglich darum! Esprit ist die Qualität französischer Intellektueller. Und die gibt es eben leider in der deutschsprachigen Kultur in diesem Sinne auch nicht. Manchmal wünsche ich, ich wäre mit einer französischen Zunge, oder doch mindestens mit einem französischen Geist geboren. Die germanische Kultur ist etwas schwerfälliger, auch etwas plumper gelegentlich.
...





Sonntag, 4. August 2024

Eine unvergessliche Schlossführung


Lieber ...

Ich hatte Freunden versprochen als Dolmetscherin am Midsommarfest auszuhelfen. Sie sind Volkstänzer und haben eine Gruppe aus Deutschland eingeladen um mit ihnen das Midsommarfest zu feiern.

Die Sonne scheint noch immer, aber ein paar grosse Gewitterwolken stehen am Horizont. Hoffentlich bleibt es schön, denn man feiert dieses Fest im Freien.
Ab 16.00 Uhr bin ich schon mit den Tanzgruppen zusammen. Es sind nette fröhliche Leute (insgesamt 55 Personen )
Morgen bin ich den ganzen Tag dabei.. Die schwedische Tanzgruppe hat ein sehr schönes Programm für die Gäste zusammengestellt.

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Und nun der nächste Tag. 



Zuerst wollten wir mit einem Schiff zum Schloss fahren. Aber leider regnete es zu viel und der erste Programmpunkt wurde eingestellt. Um 10 Uhr fuhren wir mit dem Bus in die Residenzstadt. Als wir zum Schloss kamen,  wo wir eine deutsche Führung mit einem Guide erwarteten, sagte man uns, es hätte falsch in der Zeitung gestanden.

Keine Schlossführungen!


Nun taten mir die Leute herzlich leid. Ich dachte, am Mittsommertag (vormittag sogar) kriegt man keinen neuen Guide. Also beschloss ich, die Regierungspräsidenten, die im Schloss wohnt, anzurufen. (Aus Erfahrungen weiss ich, dass man sich immer am besten an die höchste Person wendet).Erst wurde gelacht. So etwas kann man doch nicht tun :-)
Jemand reichte mir ein Handy, aber da wir ja ganz in der Nähe des Schlosses waren, klingelte ich einfach am Portal.
Eine Männerstimme antwortete (ihr Mann vielleicht) und sagte, dass sie nichts mit den Führungen zu tun hätten und dass wir uns an eine andere Stelle wenden müssten, wo man uns vielleicht helfen könnte. Ich war enttäuscht und fragte ihn nach der Telefonnummer dorthin. Es war lange still. Dann kam plötzlich eine Frauenstimme und sagte, "Ich bin nicht richtig gekleidet, aber ich komme runter".

So kam die Regierungspräsidentin selbst und nachdem ich ihr die Situation erklärt hatte lud sie uns ein in ihre Representationswohnung und machte uns dort eine eigene Führung, erzählte über das Schloss aus dem 13. Jahrhundert und von seinen Einwohnern durch die Jahrhunderte, (auch von den Gespenstern die es dort gibt ;-).

Vor allem erzählte sie uns auch lustige Episoden aus ihrer eigenen Zeit im Schloss und alle waren mehr als begeistert. Sie war eine sehr sympathische Frau. Es war ein Genuss zu dolmetschen, denn sie erzählte mit Humor und Witz, sodass alle dauernd sehr lachen mussten. Jemand fragte sie u.a. ob sie mal diesen Engelbrekt gesehen hätte, der mit dem Kopf unterm Arm im Schloss herum geistert. Sie dachte ein wenig nach und sagte dann zögernd: Ich bin nicht ganz sicher, denn es gehen so viele Männer hier mit dem Kopf unterm Arm herum.

Sie erzählte auch von einem grossen Empfang. 350 Gäste, fast nur Männer, aus allen europäischen Staaten sollten vor dem Essen im Schloss mit einem Glas Champagner empfangen werden. (Der Speisesaal hat nur Platz für 90 Personen). Sie dachte lange nach, wie sie das ordnen sollte. Da kam ihr eine Idee. Aus dem grossen Empfangszimmer führt ein Weg durch ein Badezimmer hinaus in ein Treppenhaus. Sie wollte also die Gäste nach und nach begrüssen, ihnen etwas anbieten und sie dann durch dieses Badezimmer hinaus lotsen. Aber so hohe Gäste durch ein Badezimmer gehen lassen? Es war ein sehr altes, wie es eben in einem alten Schloss gehört.

Und so machte sie es:

Ihre Freundin, eine Hofsängerin, legte sich in die Badewanne (Schaumbad, glaube ich). Rund um die Badewanne standen hohe Kandelaber mit leuchtenden Kerzen und der Rand war mit Blumen geschmückt. Sie erzählte: "Es war lustig zu sehen, wie die Männer reagierten. Die Nordeuropäer hielten den Atem an und wussten nicht richtig wohin sie nun schauen sollten (als hätte man sie bei was unanständigem ertappt) die Spanier und Italiener dagegen wären am liebsten direkt in die Badewanne gesprungen.  Nach 45 Minuten nahm man eine halbverrunzelte Freiherrin aus dem Wasser heraus."


Ich kann sie noch gut vor mir sehen, alle Volkstänzer in ihren schönen Trachten und wie sie lachten und vergnügt waren über diese schöne persönliche Führung.
Einige glaubten, wir müssten uns seit früher kennen. Aber so war es nicht. Und wir hatten Glück gehabt: sie hatten den Midsommarafton irgendwo mit Freunden gefeiert und waren nur jetzt am Morgen zu Hause vorbeigekommen, um schnell zu duschen und sofort an ihre Landstelle weiterzufahren. Wären wir etwas später gekommen, hätte niemand geantwortet.

Nachher haben wir alle im Freilichtmuseum noch einen guten Lunch gegessen und nach dem Essen war es Zeit für den Auftritt der Tänzer und wie auf ein Signal begann die Sonne zu scheinen und rettete auch den Nachmittag.


Freitag, 2. August 2024

Damals ...

 ...

Früher, als junger Mensch, wäre ich gerne Brite gewesen, natürlich einer aus der britischen Oberschicht, oder Franzose. Weniger ein Italiener oder ein Deutscher. Von Spaniern hatte ich damals kaum noch was gehört. Doch ich kann mich auch an meine erste selbständige Auslandreise erinnern. Ich fuhr per Hitchhiking vom Wallis nach Paris. Pius war mein Leidensgenosse. Und in Paris, in der Gegend der Porte d'Italie hatten wir ein drittklassiges Hotel gefunden, wo viele arme Studenten abgestiegen waren.
Die Dame an der Reception war eine Pariser Matrone mit beachtlichem Volumen. All die amerikanischen und deutschen Studenten mussten ihr Zimmer im Voraus bezahlen. Sie mussten Geld hinterlegen. Nur uns, den zwei süssen Kerlchen mit den hübschen Schweizer Pässen, hat sie dies erlassen. Und sie hat auf die Schweizer und ihre Zuverlässigkeit ein Loblied gesungen.
Auf der Rückreise wurden wir von der Polizei aufgegriffen, weil wir in der Banlieu von Paris auf der Autobahn standen und den Daumen hoben. Die Flics brachten uns auf den Posten und kontrollierten die Papiere. Man hörte sie munkeln, ah.. des Suisses ! Und dann kamen sie ganz freundlich zurück und bedeuteten uns, dass wir eben nicht so offen und demonstrativ Hitchhiken sollten, sondern etwas diskreter, weil es ja eigentlich verboten wäre. Und sie liessen uns dann wohlwollend an denselben Ort zurück, an dem sie uns aufgegriffen hatten, um unsere Reise fortzusetzen.
Du siehst, Marlena, in jungen Jahren hatte ich den Eindruck bekommen, dass der Schweizer Pass ein höchst exklusives und wertvolles Papier darstellt. Aber ich weiss auch, dass das heute nicht mehr so ist.
Schade vielleicht. Aber so ist es eben.
*
Komisch, dass ich zum Stichwort Schweiz soviele Worte verliere! Ob das Zufall ist?

Mit einem schönen Gruss

...

Donnerstag, 1. August 2024

Stichwort - Schweiz

 (R)

Foto: Chris



Liebe Marlena
Ja, die Schweiz. Darüber gäbe es viel zu berichten. Und über viele Klischees. Tatsache ist, dass wir ein reiches Land geworden sind, während die Schweiz noch im 19. Jahr-hundert als Armenhaus Europas angesehen werden konnte. Es gab damals viele Menschen, die nach Amerika ausgewandert sind. Und - wenn ich mich richtig erinnere - wurde ihnen oftmals mit öffentlichen Geldern die Überreise bezahlt. Man wollte, dass sie gehen und man hat sie motiviert, zu gehen.

Und heute? Nun ja, ich glaube, wir sind in erster Linie ein konservatives Land. Das waren wir wohl immer, denn ein Gemeinwesen von Bergbauern kann nie sehr modern ausfallen.

Wir sind aber bestimmt ein fleissiges Land. Der Reichtum kommt nicht bloss von den Bankkonti. Nicht nur. Ich glaube, wir arbeiten im internationalen Vergleich viel und wir haben eine hohe Arbeitseffizienz. Wir sind auch ein introvertiertes Land. Die Tatsache, dass wir heute noch nicht Mitglied der UNO sind, ist doch sehr merkwürdig. Ich glaube, wir sind das allerletzte Land der Welt in dieser Beziehung.
Wir sind ein unwirtliches Land. Wahrscheinlich die Hälfte unseres Bodens ist nicht nutzbar, weil es sich dabei um Berge und Felsen und Steine und ewigen Schnee handelt. Wir haben kaum Bodenschätze. Die gebirgige Landschaft ist in jeder Hinsicht beschwerlich und erfordert einen hohen Aufwand.

Wir sind kulturell kein einheitliches Land. Die Tatsache, dass wir auf diesem kleinen Raum mit vier Landessprachen und ebenso vielen wenn nicht noch mehr Mentalitäten fertig werden müssen, soll man nicht vergessen. Das ergibt landesintern oft erhitzte Gemüter, doch gegenüber der Weltgemeinschaft geben wir uns gerne harmonisch und rosarot. Das politische Klima ist von dieser Tatsache geprägt.

Wir sind ein enges Land. Wenn man mit der Eisenbahn durch die Schweiz fährt, fällt einem auf, wie überbaut unsere Landschaft ist. Es gibt kaum mehr freie Flächen und grössere Landschaften. Man fährt ständig durch Städte oder Dörfer. Diese Enge prägt unsere geistigen Horizonte. Wir passen uns den Gepflogenheiten und den Nachbarn an und denken nicht über die Dorfgrenze hinaus. Wir lieben das Naheliegende.
Aber wir sind auch das Land der höchsten Dichte an Nobelpreis-Trägern und wohl auch der Milliardäre. Der Volkscharakter der Exaktheit, des Praktischen und Naheliegenden prädestiniert uns zu vorzüglichen Technikern und kühl berechnenden Bankers, die eben auch mal was Neues erfinden.

Kurz und gut, es stinkt in der Schweiz zum Himmel. Und wir alle erwarten doch sehr, dass die UNO uns einen roten Teppich ausrollt, damit wir uns endlich überlegen, ob wir mitmachen mögen oder vielleicht und vorläufig immer noch unmutig abzuwinken geruhen. Wir haben noch immer grosse Bedenken, diesem heterogenen und darum zweifelhaften Club beizutreten, denn es gibt da einige sehr unattraktive Mitglieder. Wir bewegen uns im Allgemeinen lieber in exklusiveren Kreisen. Und wir alle finden es ziemlich unwürdig, dass wir bitten sollten, dieser wackeligen Weltgemeinschaft beitreten zu dürfen, wo wir doch eigentlich überzeugt sind, dass die Gemeinschaft eher uns bitten sollte, der Schweiz beizutreten. 

Anstelle der Globalisierung sind wir für eine Helvetisierung der Welt. Wir haben an der Genfer Universität einen Professor der Soziologie namens Jean Ziegler. Sicher hast Du schon von ihm gehört. Er ist Sozialist und ein harter Kritiker und Kämpfer gegen das schweizerische Bankensystem. Er hat in der Vergangenheit feurige Bücher geschrieben. Doch dann hat man ihn mit einer Prozesslawine immobilisiert. Und heute schreibt er nur noch Romane, weil er anhand von romanhaften Aussagen gerichtlich nicht belangt werden kann. Er hat ein gutes Herz, unser Jean Ziegler, und ich glaube, von der UNO hat er einen Auftrag, den Hunger in der Welt zu analysieren und zu bekämpfen.
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Früher, als junger Mensch, wäre ich gerne...