Dienstag, 2. November 2021

Beginn einer Freundschaft

 

Liebe Marlena

Es ist schön, dich zufällig im Chat zu treffen. So habe ich das Gefühl, du wohnst gleich um die Ecke. Und das ist doch ein bisschen näher als dieses Stockholm im hohen Norden. So denke ich, wir sind praktisch Nachbarn, und man sieht sich beim Einkaufen oder grüßt sich über den Gartenzaun hinweg. Und manchmal gibt es zufällig einen Sonntag-Morgen Schwatz, wenn die Sonne scheint und die Vögel pfeifen. Und manchesmal, in der Dämmerung, treffen wir uns hinter dem Haus auf der versteckten Bank. Und dort plaudern wir stundenlang, bis es langsam kühl wird unter dem Sternenhimmel und jeder von uns wieder heim zu den Seinen muss.

Ich wollte mir gestern in der Bibliothek ein Buch über Schweden besorgen, aber ich habe noch nichts Vernünftiges gefunden. Eines hat hauptsächlich Norwegen berücksichtigt, das andere war zu dick um so herumgetragen zu werden. Ich werde schon noch fündig werden. Ich wollte ein bisschen was lernen über Schweden, Landschaft, Kultur, Bräuche, irgendwas. Vielleicht wollte ich ganz einfach ein bisschen näher sein, im gleichen Wasser schwimmen. 

Dieses zufällige Zusammentreffen also war sehr schön. Und der Chat auch, war locker und vergnügt, eben wie ein Samstagmorgen Chat. Bei mir ist es allerdings so: wenn ich mit dir chatte, dann möchte ich noch mehr von dir. Ich möchte mehr wissen, schneller reden, dich sehen, dich näher haben, es ist mir alles zu wenig intensiv. Die Mails sind viel intensiver. Ein Chat mit dir ist wie bei großem Hunger chinesisch essen, verstehst du, mit den chinesischen Stäbchen essen. Du bekommst mit diesen Dingern einfach nicht genug Nahrung in den Mund. Es geht alles zu langsam. Der Reis entwischt und fällt in die Schale zurück. Das Fleisch schlüpft dir weg und spritzt. Und einen anständigen Wein haben sie auch nicht, die Chinesen. Es ist alles ein bisschen zum Verzweifeln. Es ist eine große Geduldsprobe für uns ungeduldig hungerigen Europäer. Und man wünscht sich einen richtigen Löffel in die Hand, damit es vorwärts geht. So ungefähr ist Chatten mit dir. Das System bietet uns nur zwei dünne und glatte Stäbchen. Und damit sollten wir unseren Hunger sattkriegen? Das ist eine Marter à la Sysiphos! Aber wir werden uns hoffentlich wieder mal treffen und es wird wieder schön sein. Und wir werden wie an einem Apero kleine Häppchen einstecken. Und manchmal kann man auch an einem Apero seinen Hunger zwar nicht satt kriegen, aber doch mindestens ein bisschen dämpfen. Das werden wir dann tun. Und ich freue mich schon heute darauf.
Magst du Aperos, Marlena? Ach, ich mag sie sehr. Ich finde sie sind der schönste Teil des Essens. Alles ist noch offen, alle Hoffnungen berechtigt, alle Wünsche noch gewünscht. Und der Wein in den leeren Magen macht die Menschen so rasch überraschend vergnügt und gesprächslustig, wie sie sonst nur nach einem Lottogewinn - also praktisch nie - werden. Alle sind noch wach und offen und bereit, am Buffet zu kämpfen. Sie verteidigen die Salmbrötchen, oder sie kämpfen sich zu den Artischocken-Herzen durch. Andere bauen vor den Crevetten einen Verteidigungsring. Nur für die nature Brötchen interessiert sich wieder einmal kein Schwein. Und wohin denn die Olivensteine? Sie klopfen sich zwischen zwei grossen Bissen, die sie kaum runterbringen, klopfen sie sich übertrieben vergnügt auf die Schultern und versprechen sich hohe Summen, die schon bei der Suppe wieder vergessen sind. Sie planen Geschäfte und grosse Reisen, sie flirten über den Glasrand hinweg ins nächste Decolletée und streichen sich selbstverliebt über die Glatze. Sie lassen sich wieder und wieder nachgiessen und schlucken die Nüsschen handvollweise. Und je höher der Pegel steigt, desto lauter werden sie und es wird wirklich allmählich Zeit, dass sie sich zur Suppe hinsetzen würden. Ach wie ich das mag, so einen verdorbenen Apero! In unserem Kiwanis-Club haben wir jede Menge davon. Sie sind so dekadent, dass ich sie geradezu heiss liebe.

Sonntag, 31. Oktober 2021

Samstag, 23. Oktober 2021

Re: Halo ...



Lieber...,

Ja, ich bin wieder zu Hause seit gestern Abend. Und heute haben wir bei strahlendem Wetter unseren Nationaltag gefeiert. Er ist noch so neu, dass wir noch etwas unsicher sind, wie wir das feiern sollen. Es wird leicht eine kleine "mini-midommar-feier", denn Midsommar feiern wir schon am 23. dieses Jahr.

Nein, mit Alten bin ich noch nie unterwegs gewesen.. wenn man nicht den Tagesausflug nach J zählt, aber die Leute dort waren alle "Betreuer".. obwohl mir, als ich mich im Bus umschaute, der Gedanke kam, dass wir ebenso gut einander pflegen könnten. ;-)

Wenn du mich Sprachgelehrte nennst, dann lache ich. Weisst du, dass ich mich schon oft gewundert habe, wie ich mich eigentlich traue einem solchen Sprachgenie wie du, zu schreiben.

Das mit dem singen ist lustig. Meine Mutter sang immer und vielleicht deshalb sehe ich sie immer noch als ein sehr lebendiger und glücklicher Mensch. Manchmal sang sie auch traurige Liebeslieder.. doch auch das war schön. Und ich? Ich würde mich vielleicht nicht daran erinnern, wenn nicht eine von Annas Freundinnen, als sie noch klein war, etwas erstaunt gesagt hätte: "Deine Mutter singt.. das tut meine nie.." Eine solche Mama hätte sie auch gern gehabt. Jetzt singe ich mehr selten... aber immer noch wenn ich im Auto nach L fahre.. dann bin ich mein eigenes Radio.. auf Musik eingestellt. Und es gibt Lieder, die ich mit dir verknüpfe, die singe ich auch, je nach Laune.. :-)

Intressant, deine neue Theorie der Sprache. Ich werde darauf zurückkommen, wenn ich mehr Zeit habe.

 Ach, du kennst "Ein Tisch ist ein Tisch" von Bichsel? Das ist eine sehr liebe kleine Geschichte, die ich wohl die meisten meiner Schüler hören liess. Sie ist sprachlich so einfach, dass man sie sogar den Anfängern zeigen kann und eignet sich gut zum analysieren. Wir hatten sie auf Tonband, von Bichsel selbst für schwedische Schulen vorgelesen. Doch das habe ich dir schon erzählt, glaube ich. In 7 Jahren muss ich dir doch eigentlich schon alles erzählt haben.. fast alles. :-)

So, ich lasse dich wieder. Wünsche dir einen wunderschönen Tag

mit lieben Gs und Ks und Qs

Malou ...

Halo Sprachgelehrte

Liebe Malou

Wo bist du? Bist du wieder unterwegs? Mit den Alten? Mit Anna? Mit deinen Freundinnen? Auf dem täglichen Spaziergang durch die Natur?

Ich sitze hier im Büro und will mein Gespräch mit dem Chef vorbereiten. Das tue ich auch, gerade jetzt, da ich dir schreibe. Ich kann schreiben, und daneben gehen mir noch andere Gedanken durch den Kopf. Wie heisst es beim PC, multitasking oder so ähnlich. Frauen können das besser als Männer. Aber ich merke, dass ich beim nordic-walking häufig zugleich arbeite. Na ja, vielleicht sollte man es nicht 'arbeit' nennen. Aber es ist - wie in der Küche - vielleicht nicht direkt 'Kochen', sondern 'Gemüse rüsten', Vorbereitungen allgemeiner Art, 'Einkaufen', oder was weiss ich.
Ich beschäftige mich jetzt viel mehr mit Kochen als früher, wie du weisst. Und es beginnt, mich zu interessieren. Ich schaue natürlich B in den Topf und sehe zu, wie sie es macht. Sie hat eine schöne offene Küche. Man sitzt am Tisch und kann zusehen und plaudern. Das ist prima. Und manchmal kann ich helfen Karotten schälen, Weinflaschen öffnen etc. Sie ist ein vergnügter Mensch,  (...)


Soll ich dir beschreiben, wie es die Tauben drüben auf dem Dach treiben?Willst du das wirklich wissen Malou? Nun ja, es ist kühler geworden, und sie sitzen bloss gelangweilt drüben auf dem Kamin und warten auf bessere Zeiten. Komisch, dass es soviele Vogelarten gibt, die monogam leben? ich habe gestern einen kleinen Artikel eines Ethnologen (nicht Ornitologen) gelesen. Bei den Säugetieren gibt es eher das Leittier mit seinem Clan. Er hat die sexuelle Oberaufsicht und damit jegliche Freiheit, Junge Männchen werden ausgestossen. Sigmund Freud hat das als Urhorde beschrieben und damit auch den Oedipus-Komplex erklärt. Ist im Grunde eine interessante Theorie. Ab sie auch wirklich zutrifft, ist eine andere Frage. Aber Theorien müssen ja nicht zutreffen, sie müssen nicht Wirklichkeit abbilden. Sie müssen nützlich und wirksam sein. Ein Hammer muss auch nicht das "Nägel-einschlagen" abbilden. Eine Theorie ist ein Instrument, ein Werkzeug. Weiter nichts. Vielleicht kann man das auch so von unserer Sprache sagen. Auch sie kann die Wirklichkeit nicht abbilden. Und sie tut es auch nicht. Sie kann  nur Anstoss geben, so dass die Menschen die sie hören oder lesen, die entsprechenden Vorstellungen von ihrer Welt gewinnen. Es ist eigentlich ihre Welt, die dabei zum Vorschein kommt in ihren Gefühlen und Visionen. So sind Wörter eigentlich kleine Instrumente, vielleicht wie Reisnägel. Mit ihnen lassen sich Vorstellungszettelchen fixieren.  Und wenn man die Vorstellungszettelchen in eine bestimmte Reihe bringt, lassen sich damit Ideen entwickeln.

Ach Malou, ich habe gerade eine neue Theorie der Sprache erfunden. Es gibt ja doch die alte Vorstellung von Augustinus. Er meint, die Wörter seien die Benennung von Dingen. Sie sind sozusagen die Etikette auf der Schublade, in denen die Dinge gleichen Namens ruhen. Das heisst aber, die Beziehung zwischen Name und Ding ist konstant und fixiert. Vielleicht sind die Namen sogar vor den Dingen, wie uns die Genesis glauben macht?

Aber Bichsel erzählt doch diese Geschichte vom Mann, der anfängt, dem Stuhl Tisch zu sagen, und sich so in eine Privatsprache begibt, so dass ihn keiner - auch der Leser - nicht mehr versteht.

Und Wittgenstein? Er meint, Sprache sei eine Lebensform. Sie ist wie eine Stadt mit den alten verwinkelten Strassen, und daneben den neuen Quartieren mit ihren Hochhäusern und schnurgeraden Verbindungswegen. Letzteres wären vielleicht die wissenschaftlichen Sprachen mit ihren< Fremdwörtern.

Sprache ist ein interessantes Phänomen. Eigentlich hätte ich Sprachgelehrter werden sollen. Wenn man eine neue Sprache lernt, hat man das Gefühl, das sei ein unübersehbar grosser Berg an Regeln, Vokabeln, Ausnahmen und Redensweisen. Aber je weiter man hineingeht, desto mehr bemerkt man, wie alles netzartig zusammenhängt, eben wie eine Altstadt mit ihrer eigenen Struktur. Und es wird immer übersichtlicher und logischer.

Du bist ja die Sprachgelehrte unter uns! Ich beneide dich ein bisschen drum.

Ich wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks

...

 

(Juni 2007)

Freitag, 22. Oktober 2021

Die Tauben und die Ewigkeit

Hey, liebe wortkarge Malou

Wir haben hier knallblauen Himmel und eine Wärme, die schon an Badehosen und an Sonnencrème, wenn man hinausschaut. Aber die Bäume sind noch nicht so weit. Sie tragen noch keine Blätter. Aber die Tauben, ich sag dir, die Tauben die treiben es wie im Sommer auf dem Markusplatz. Heute Morgen habe ich zwei auf dem Bahnhofperron beobachtet. Es war ein Paar, wohl monogam. Sie haben die Brosamen der Morgenpassnten gesucht. Heute, in einer Zeit der Singles und der Zeitnot, frühstücken die Menschen ja in der Eisenbahn, nippen aus einem heissen Becherlein ein paar Tropfen Kaffee, lassen die Brosamen auf den Polstern liegen und derangieren die anderen Fahrgäste.

Na also, die Tauben waren eifrig. Wenn sie in raschem Schritt vorwärts gehen, arbeitet der Kopf in aller Eile vor und rückwärts. Wie ein Hebel. Man müsste annehmen, dass ihnen schwindlich wird. Sie waren also eifersüchtig. Wenn die eine was gefunden hat, kam die andere rasch auch herbei und wollte erben. Wenn die andere eigene Wege ging und es schien, sie hätte was gefunden, kam diese schnell herbei. Sie waren in einem raffinierten System von kleinen Eifersüchteleien aneinander gebunden. Hoffentlich gehen sie sich nicht auf die Nerven! Ich glaube nicht, dass sie erwarten, glücklich zu sein. Sie wollen bloss essen und Nachwuchs kriegen, oder? Ein anderes Ziel hat ihnen die Evolution nicht zugedacht. Oder hat sich hier der Papst in anderer Weise dazu geäussert? Er findet ja die Evolution eine höchst fragliche Angelegenheit. Na ja, kann man verstehen, er ist ja nun ein Spezialist für Ewigkeiten. Und diese muss man sich vorstellen als gleichbleibende Blöcke, die weder wachsen noch schmelzen, einfach so daliegen, eben ewig. Vielleicht gibt es nichts langweiligeres als die Ewigkeit. Möglicherweise noch die Halbwertzeit. Aber schon die Sommerzeit ist wirklich viel spannender und vielversprechender als die Ewigkeit.

Also die Tauben und die Ewigkeit. Daraus liesse sich eine pikante Geschichte schreiben, oder? Ich muss in meinem Schlafzimmer den Arbeitstisch aufstellen und mich langsam wieder betätigen. Aber vorher sind noch die Schachteln aus dem Gang zu entfernen. Die Abende sind einfach so kurz. Ich höre im Moment gerne französische Chansons. Das ist der Nostalgie-Komplex, den ich habe. Auf der anderen Seite höre ich Pavarotti und diese Art von sängerischem Herkules. Wenn man den Ton aufdreht, bis die Wände mitsingen, ist das echt toll. Neben mir wohnt eine ältere Frau. Vielleicht kann ich sie noch ein bisschen in Schwung bringen. Ich bin ihr am Wochenende im Gang begegnet und habe mich vorgestellt.

Jetzt muss ich. Ich habe eine Sitzung
Noch einen schönen Tag Malou
Gs und Ks in Qs 

 


(14 März 2007, 10:40)



Montag, 18. Oktober 2021

Sonntag, 10. Oktober 2021

Illusionen??


Ämne: die Illusionen auf dem Kartoffelkarren


Liebe Marlena

Wo ich meine Illusionen verloren habe? Illusionen über die Menschen?
Na ja, das ist wie wenn Du mit einem Karren voller Kartoffeln über einen holperigen Weg rollst. Sie fallen ja nicht gleich alle zusammen vom Karren, sondern springen einzeln da und dort herunter.
Aber ich habe nicht ein schlechtes Bild von den Menschen. Das bestimmt nicht. Und ich habe im Leben wirklich eine Menge Menschen kennengelernt.
Weißt Du Marlena, ich habe den Eindruck, dass es sehr von der Distanz abhängt, wie man Menschen wahrnimmt. Kennt man sie nur aus Entfernung, oder kennt man sie in einem sehr persönlichen Rahmen. Das ist die Frage. Es gibt doch auch diesen merkürdigen Riss durch die Welt, den jeder von uns selbst erleben kann, diese unüberbrückbare Diskontinuität zwischen meiner Innenwelt und der Aussenwelt. Man könnte grob sagen, das eine sei die private, das andere die öffentliche Welt. Aber es stimmt hier auch nicht ganz. Die Sprache, nota bene, wie Wittgenstein nachweist, ist eine durch und durch öffentliche Angelegenheit. Es gibt nicht die Privatsprache, nur für mich selbst, so, wie sie Bichsel in der Kindergeschichte "Ein Tisch ist ein Tisch" vorgeführt hat. Das ist keine Sprache mehr.
Ich habe in den letzten Jahren einige Biographien gelesen und ein wenig studiert. Am liebsten hatte ich die Lebensgeschichten von Malern, die auch illustriert waren mit ihren eigenen Gemälden. So konnte ich irgendwie die Werke mit dem Leben des Malers in eine Verbindung bringen. Kunstgeschichtlich ist ja das Leben des Malers ziemlich irrelevant. Aber psychologisch ist es interessant. Und wenn man dann diese Lebensläufe, diese Krisen und Stürme und Liebschaften und Katastrophen und Höhepunkte und Seligkeiten sich anhört, und daneben die öffentliche Rolle sieht, die sie gespielt haben und die mit Gemälden belegt ist, dann gibt es doch sehr erstaunliche Phänomene.
Schau mal Dali an, dessen Biographie ich gerade auf meinem Nachttischchen habe! Er war ein armer Wurm. Er hatte soviele Ängste und Unsicherheiten. Er war ganz und gar von seiner Frau Gala abhängig, die ja auch in seinen Bildern immer wieder auftaucht, eine Russin, die ein sehr extravagantes Sexualleben geführt haben soll, während von Dali gesagt wird, er wäre ein Autoerot gewesen. Das heisst wohl, er hat sich meist selbst mit sich selbst befriedigt. Das ist ja doch schon eine echte Kunst, würde ich sagen. Und er muss seiner Gala echt hörig gewesen sein. Sie haben viele Bilder gemeinsam signiert, obwohl er sie gemalt hat, er im engeren Sinne sozusagen. So ist der arme Kerl stets am Trichterrand zur Psychose gewandelt, hat diese Tatsache genutzt für seine Bilder. Aber ich bin sicher, das war nicht das reine Vergnügen. Er war ein echter Spinner und hat sich mit seinem Vater schwer verkracht und hat offenbar auch enorm darunter gelitten.
Und wenn man bloss Dalis öffentliches Leben anschaut, hat man den Eindruck, er wäre ein berühmter Maler gewesen, der sein Leben geschäftstüchtig inszeniert hat, jede Menge vor dem Publikum der Oeffentlichkeit Theater gespielt, aber alles in allem ein genialer Held, der diese fantastischen und eindrücklichen Bilder gemalt hat, die jeder im Gedächtnis hat. Man denkt, er sei der grossartige und selbstbewusste Schöpfer dieser Ikonen des frühen 20. Jahrhunderts.
Was jetzt nun, ein genialer Held oder ein armer Wurm? Ist eben eine Frage der Distanz der Wahrnehmung. Und in der Oeffentlichkeit verzerren vielleicht die öffentlichen Vorurteile und Legenden unseren Blick und im Privaten sind es dann wohl unsere persönlichen Gefühle und überwertigen Ideen und familiären Neurosen, die das Bild trüben.
Ich habe kein schlechtes Bild von den Menschen. Und ich bin immer wieder berührt und beeindruckt von der Liebe der Mütter zu ihren Kindern. Ich glaube, das ist die stärkste Kraft auf unserer Welt. Bei Vätern merkt man gelegentlich auch viel Liebe, aber nicht so oft wie bei den Müttern. Und wenn diese Mutterliebe nicht wäre! Stell Dir die Welt vor. Es wäre der wahre Dschungel und Krieg und Egoismus! Die Menschen hätten kein Feingefühl und keinen Respekt und auch keinen Zusammenhang. Es sind bestimmt die Frauen, die dieses Positivum in der Welt vertreten und unterstützen und pflegen. Und es ist wohl in allen Kulturen so. Die Leistungen der Frauen für den Bestand unserer Welt sind bei weitem höher einzuschätzen als diejenigen der Männer. Wenn man das mal so auf eine einfache Buchhaltung reduzieren will. Und es ist, nach all dem, was wir hier unten wahrnehmen, überhaupt nicht einzusehen, weshalb der liebe Gott denn nun unbedingt so etwas wie ein Mann sein sollte.
Wir haben in unserem Dienst vor Jahren mal eine Fortbildung gemacht mit einer Feministin. Und sie hat erzählt, dass sie mit ihrer kleinen Tochter abends "zur Göttin" betet. Fand ich lustig, instruktiv und auch mutig.
*
Kurz und gut, meine Illusionen liegen an den Rändern meines Lebensweges wie Kartoffeln, die vom Karren heruntergekollert sind. Aber ein paar sind wohl immer noch oben geblieben. Und das spricht doch auch für den Karren, oder nicht?
Ich küsse Dich innig, meine barocke Mausfreundin
...

PS: wollen wir doch keinen Indizienprozess beginnen, wer wem zuerst die Liebe angedeutet habe. Es geht mir da wie den alten Römern, die in ihren Zitaten immer sehr ungenau waren, einfach weil sie die Mühe scheuten, ihre Pergamentrollen aufzurollen und das Zitat wörtlich zu suchen und nachzulesen. Es ist einfach schön, sich zu erinnern, wie das ganz zart und sachte entsteht, und wie man auf jede Geste und Wendung achtet, die auf ein Mehr hindeuten könnte. Und wenn solche Ahnungen und Gefühle entstehen, ist man ganz zufrieden und hell. Aber es ist doch nicht Geschichte, Marlena! Es ist die nackte Gegenwart, bloss ein paar Monate her. Ich küsse dich nochmals.