Liebe Marlena
Es ist schön, dich zufällig im Chat zu treffen. So habe ich das Gefühl, du wohnst gleich um die Ecke. Und das ist doch ein bisschen näher als dieses Stockholm im hohen Norden. So denke ich, wir sind praktisch Nachbarn, und man sieht sich beim Einkaufen oder grüßt sich über den Gartenzaun hinweg. Und manchmal gibt es zufällig einen Sonntag-Morgen Schwatz, wenn die Sonne scheint und die Vögel pfeifen. Und manchesmal, in der Dämmerung, treffen wir uns hinter dem Haus auf der versteckten Bank. Und dort plaudern wir stundenlang, bis es langsam kühl wird unter dem Sternenhimmel und jeder von uns wieder heim zu den Seinen muss.
Ich wollte mir gestern in der Bibliothek ein Buch über Schweden besorgen, aber ich habe noch nichts Vernünftiges gefunden. Eines hat hauptsächlich Norwegen berücksichtigt, das andere war zu dick um so herumgetragen zu werden. Ich werde schon noch fündig werden. Ich wollte ein bisschen was lernen über Schweden, Landschaft, Kultur, Bräuche, irgendwas. Vielleicht wollte ich ganz einfach ein bisschen näher sein, im gleichen Wasser schwimmen.
Dieses zufällige Zusammentreffen also war sehr schön. Und der Chat auch, war locker und vergnügt, eben wie ein Samstagmorgen Chat. Bei mir ist es allerdings so: wenn ich mit dir chatte, dann möchte ich noch mehr von dir. Ich möchte mehr wissen, schneller reden, dich sehen, dich näher haben, es ist mir alles zu wenig intensiv. Die Mails sind viel intensiver. Ein Chat mit dir ist wie bei großem Hunger chinesisch essen, verstehst du, mit den chinesischen Stäbchen essen. Du bekommst mit diesen Dingern einfach nicht genug Nahrung in den Mund. Es geht alles zu langsam. Der Reis entwischt und fällt in die Schale zurück. Das Fleisch schlüpft dir weg und spritzt. Und einen anständigen Wein haben sie auch nicht, die Chinesen. Es ist alles ein bisschen zum Verzweifeln. Es ist eine große Geduldsprobe für uns ungeduldig hungerigen Europäer. Und man wünscht sich einen richtigen Löffel in die Hand, damit es vorwärts geht. So ungefähr ist Chatten mit dir. Das System bietet uns nur zwei dünne und glatte Stäbchen. Und damit sollten wir unseren Hunger sattkriegen? Das ist eine Marter à la Sysiphos! Aber wir werden uns hoffentlich wieder mal treffen und es wird wieder schön sein. Und wir werden wie an einem Apero kleine Häppchen einstecken. Und manchmal kann man auch an einem Apero seinen Hunger zwar nicht satt kriegen, aber doch mindestens ein bisschen dämpfen. Das werden wir dann tun. Und ich freue mich schon heute darauf.
Magst du Aperos, Marlena? Ach, ich mag sie sehr. Ich finde sie sind der schönste Teil des Essens. Alles ist noch offen, alle Hoffnungen berechtigt, alle Wünsche noch gewünscht. Und der Wein in den leeren Magen macht die Menschen so rasch überraschend vergnügt und gesprächslustig, wie sie sonst nur nach einem Lottogewinn - also praktisch nie - werden. Alle sind noch wach und offen und bereit, am Buffet zu kämpfen. Sie verteidigen die Salmbrötchen, oder sie kämpfen sich zu den Artischocken-Herzen durch. Andere bauen vor den Crevetten einen Verteidigungsring. Nur für die nature Brötchen interessiert sich wieder einmal kein Schwein. Und wohin denn die Olivensteine? Sie klopfen sich zwischen zwei grossen Bissen, die sie kaum runterbringen, klopfen sie sich übertrieben vergnügt auf die Schultern und versprechen sich hohe Summen, die schon bei der Suppe wieder vergessen sind. Sie planen Geschäfte und grosse Reisen, sie flirten über den Glasrand hinweg ins nächste Decolletée und streichen sich selbstverliebt über die Glatze. Sie lassen sich wieder und wieder nachgiessen und schlucken die Nüsschen handvollweise. Und je höher der Pegel steigt, desto lauter werden sie und es wird wirklich allmählich Zeit, dass sie sich zur Suppe hinsetzen würden. Ach wie ich das mag, so einen verdorbenen Apero! In unserem Kiwanis-Club haben wir jede Menge davon. Sie sind so dekadent, dass ich sie geradezu heiss liebe.
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