Liebe Marlena
Lenzburger Schloss
Am Sonntag Abend fahren S und ich zu einem Onkel in L.. Jeden Sonntag
tun wir das. Unser Onkel ist jetzt 92 Jahre alt. Vor 2 Jahren ist seine
Frau gestorben. Und nun lebt er alleine in seinem schönen Haus direkt
unterhalb des alten Schlosses, von dem du mir die Fotos geschickt hast. S
bereitet eine schöne Mahlzeit vor, ich decke ordentlich den Tisch und
öffne die Vorhänge, damit man zu fortgeschrittener Stunde frei aus dem
grossen Fenster hinunter auf die Lichter der Stadt sehen kann. Man hat
von hier oben eine wunderbare Aussicht auf die Ortschaft, weit hinten
auf die Jurahügel und auf die untergehende Sonne. Und der alte Onkel
geht mit kleinen schlurfenden Schrittchen in den Keller und holt eine
schöne Flasche Yvorne. Und so essen wir zusammen am Sonntag Abend und
wir plaudern ein bisschen. Am liebsten isst er gebratenen Lachs, ein
bisschen Gemüse, voraus einen knackigen Salat und dazu den goldenen
Yvorne, einen Weisswein aus dem Wadtland.
...
Beispielsweise erzählte er von seiner Zeit, da er als junger Mann im marokkanischen Fes, in Nordafrika gearbeitet hatte. Es muss kurz nach dem ersten Weltkrieg gewesen sein. Und Nordafrika war zu jener Zeit für Europäer, umso mehr für Schweizer ausserhalb der Grenzen der bekannten Welt, ausserhalb der Landkarte. Für ein Jahr hatte er in Fes eine Confiserie geführt und Erfahrungen mit Arbeitern aus dem Maghreb gesammelt. Und oft soll die Kinderfrau mit ihrem kleinen Zögling Hassan in das Geschäft gekommen sein, um einzukaufen. Hassan, der spätere König Hassan II. von Marokko, der damals ein kleiner Junge gewesen war, wollte in der Backstube das Feuer sehen. Kurt musste den Ofen öffnen und er warf eine handvoll (vielleicht heute Hand voll?) Salz in die Glut, so dass die Flammen aufwallten und emporschlugen. Der kleine Hassan soll jedes Mal wieder von neuem von diesem Spektakel begeistert gewesen sein.
Es ist schön zu hören, wie zwei Menschen zusammen in Loyalität und Liebe gelebt haben, und zu hören, wie relativ Liebe im praktischen Alltag ist. Wir jüngeren Generationen halten die Liebe für eine rein romantische, rein gefühlsmässige Angelegenheit. Doch früher war das primäre Ziel der Ehe die nackte materielle Existenz und das oekonomische Überleben. Gerade die höheren gesellschftlichen Kreise haben nicht aus Liebe geheiratet, sondern um die Interessen ihrer Familien zu wahren. Wenn sich daraus Liebe ergeben haben sollte, so war es ein Glücksfall.
Ich danke dir für die ...
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