Liebe Malou
Wo bist du? Bist du wieder unterwegs? Mit den Alten? Mit Anna? Mit
deinen Freundinnen? Auf dem täglichen Spaziergang durch die Natur?
Ich sitze hier im Büro und will mein Gespräch mit dem Chef
vorbereiten. Das tue ich auch, gerade jetzt, da ich dir schreibe. Ich
kann schreiben, und daneben gehen mir noch andere Gedanken durch den
Kopf. Wie heisst es beim PC, multitasking oder so ähnlich. Frauen
können das besser als Männer. Aber ich merke, dass ich beim
nordic-walking häufig zugleich arbeite. Na ja, vielleicht sollte man
es nicht 'arbeit' nennen. Aber es ist - wie in der Küche - vielleicht
nicht direkt 'Kochen', sondern 'Gemüse rüsten', Vorbereitungen
allgemeiner Art, 'Einkaufen', oder was weiss ich.
Ich beschäftige mich jetzt viel mehr mit Kochen als früher, wie du
weisst. Und es beginnt, mich zu interessieren. Ich schaue natürlich B
in den Topf und sehe zu, wie sie es macht. Sie hat eine schöne offene
Küche. Man sitzt am Tisch und kann zusehen und plaudern. Das ist
prima. Und manchmal kann ich helfen Karotten schälen, Weinflaschen
öffnen etc. Sie ist ein vergnügter Mensch, (...)
Soll ich dir beschreiben, wie es die Tauben drüben auf dem Dach
treiben?Willst du das wirklich wissen Malou? Nun ja, es ist kühler
geworden, und sie sitzen bloss gelangweilt drüben auf dem Kamin und
warten auf bessere Zeiten. Komisch, dass es soviele Vogelarten gibt,
die monogam leben? ich habe gestern einen kleinen Artikel eines
Ethnologen (nicht Ornitologen) gelesen. Bei den Säugetieren gibt es
eher das Leittier mit seinem Clan. Er hat die sexuelle Oberaufsicht
und damit jegliche Freiheit, Junge Männchen werden ausgestossen.
Sigmund Freud hat das als Urhorde beschrieben und damit auch den
Oedipus-Komplex erklärt. Ist im Grunde eine interessante Theorie. Ab
sie auch wirklich zutrifft, ist eine andere Frage. Aber Theorien
müssen ja nicht zutreffen, sie müssen nicht Wirklichkeit abbilden. Sie
müssen nützlich und wirksam sein. Ein Hammer muss auch nicht das
"Nägel-einschlagen" abbilden. Eine Theorie ist ein Instrument, ein
Werkzeug. Weiter nichts. Vielleicht kann man das auch so von unserer
Sprache sagen. Auch sie kann die Wirklichkeit nicht abbilden. Und sie
tut es auch nicht. Sie kann nur Anstoss geben, so dass die Menschen
die sie hören oder lesen, die entsprechenden Vorstellungen von ihrer
Welt gewinnen. Es ist eigentlich ihre Welt, die dabei zum Vorschein
kommt in ihren Gefühlen und Visionen. So sind Wörter eigentlich kleine
Instrumente, vielleicht wie Reisnägel. Mit ihnen lassen sich
Vorstellungszettelchen fixieren. Und wenn man die
Vorstellungszettelchen in eine bestimmte Reihe bringt, lassen sich
damit Ideen entwickeln.
Ach Malou, ich habe gerade eine neue Theorie der Sprache erfunden. Es
gibt ja doch die alte Vorstellung von Augustinus. Er meint, die Wörter
seien die Benennung von Dingen. Sie sind sozusagen die Etikette auf
der Schublade, in denen die Dinge gleichen Namens ruhen. Das heisst
aber, die Beziehung zwischen Name und Ding ist konstant und fixiert.
Vielleicht sind die Namen sogar vor den Dingen, wie uns die Genesis
glauben macht?
Aber Bichsel erzählt doch diese Geschichte vom Mann, der anfängt, dem
Stuhl Tisch zu sagen, und sich so in eine Privatsprache begibt, so
dass ihn keiner - auch der Leser - nicht mehr versteht.
Und Wittgenstein? Er meint, Sprache sei eine Lebensform. Sie ist wie
eine Stadt mit den alten verwinkelten Strassen, und daneben den neuen
Quartieren mit ihren Hochhäusern und schnurgeraden Verbindungswegen.
Letzteres wären vielleicht die wissenschaftlichen Sprachen mit ihren<
Fremdwörtern.
Sprache ist ein interessantes Phänomen. Eigentlich hätte ich
Sprachgelehrter werden sollen. Wenn man eine neue Sprache lernt, hat
man das Gefühl, das sei ein unübersehbar grosser Berg an Regeln,
Vokabeln, Ausnahmen und Redensweisen. Aber je weiter man hineingeht,
desto mehr bemerkt man, wie alles netzartig zusammenhängt, eben wie
eine Altstadt mit ihrer eigenen Struktur. Und es wird immer
übersichtlicher und logischer.
Du bist ja die Sprachgelehrte unter uns! Ich beneide dich ein bisschen drum.
Ich wünsche dir einen schönen Tag.
Liebe Gs und Ks
...
(Juni 2007)
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