Nie was Neues?
Liebe Marlena
...
Letzte Woche habe ich einen Bildband über Pieter
Bruegel erstanden, du erinnerst dich, den Bauern Bruegel, oder der
Drollige Bruegel, wie man ihn heisst, Pieter Bruegel der Ältere. Es
gibt ja dann noch den Jüngeren und es gibt noch Jan, den Blumen
Bruegel, der etwas feiner gemalt hat und zB auch mit Rubens
zusammengearbeitet hat. Ich erinnere mich an ein Bild, das sie zusammen
gestaltet haben, ich meine, soweit Rubens seine Bilder überhaupt
selbst gemalt hat. Er hatte ja eine wahre Fabrik, sagen wir Manufaktur,
das klingt etwas höflicher. Er war ein guter Geschäftsmann gewesen,
dieser Rubens. Heute wäre er wahrscheinlich ein grosser
Video-Produzent, der mit seiner Arbeit steinreich geworden ist. Er
hatte eine Nase für die Moden und Vorlieben seiner Zeit, und er hat sie
voll genutzt. Aber zurück zum alten Bruegel. Er hat dieses
wunderschöne Bild des Turmes zu Babel gemacht, dieses zugleich schöne
wie bedrohliche und unheilversprechende Bild. Wie wäre es jetzt schön,
dieses Buch zusammen anzuschauen? Hättest du überhaupt Zeit für solchen
Luxus? Bruegel ist wohl mit Bosch der originellste Maler des 15.
Jahrhunderts, köstlich und flandrisch und witzig, verspielt und mit
einer Bauernschläue, wie nur noch der alte Cato bei den Römern. Nein,
Cato war nicht verspielt, der war eher tierisch ernst und
stockkonservativ. Bruegels Turm ist ja zur Ikone geworden. Und das ist
eine grosse Leistung für eine einzige kleine Existenz im 15. Jahrhundert
Flanderns.
Ich habe immer geliebt, wie die Holländer ihre Maler
lieben und mit ihnen leben. Jedes Kind kennt sie. Und es gibt diesen
schönen Begriff eines „Jan Steen Haushaltes". Kennst du die Bilder
Steens? Er hat viele Interieurs gemalt und immer sehen sie zwar sehr
malerisch, aber eigentlich äusserst unordentlich bis chaotisch aus. Mein
Büro ist gelegentlich ein Jan Steen Haushalt, echt, es fehlen nur noch
ein paar Hühner und in der Ecke eine Stoffdrapierung. Dann wäre ich
ein Jan Steen Hausherr (es ärgert mich, mein Computer macht aus Steen
immer Stehen. Er ist wirklich dumm und unverbesserlich starrköpfig,
sofern er überhaupt einen Kopf hat!).
*
... das schöne Gedicht wieder zu zitieren
Liebe Marlena
(---)
Vielleicht muss ich dir erklären, dass das Hotel Krone, das beste Haus in Lenzburg, gerade unterhalb unseres ehemaligen Wohnhauses steht. Als Junge habe ich aus dem Fenster oder dem Garten immer auf diese Krone heruntergesehen. Ich war im Kindergartenalter, als sie die Gartenwirtschaft hinter dem Haus zu einem grossen Fest- und Theatersaal umgebaut haben. Ich habe stundenlang den Arbeitern zugeschaut, wie sie den Beton in diesem zweiräderigen Karren in die Höhe gefahren haben. Ich glaube damals gab es noch nicht diese grossen Kranen. Nein, sie haben überall aus Holzbrettern Fahrbahnen auf Gerüsten gebaut, um mit diesen Karren den Beton zuführen zu können. Das fand ich faszinierend. Und ich glaube, diese Erlebnisse von meinem Kinderfenster aus haben auch ein wenig mitgewirkt, dass ich dann später erst einmal Architekt werden wollte.
ups uppsala
Liebe Marlena
"Uppsala zum zweiten" ist ein höchst interessanter Brief und ich habe bloss bedauert, dass er so unvermittelt endete. Das klingt ja alles wie aus einem Familienroman des 19. Jahrhunderts, meine Liebe. Diese geheimnisvollen Begegnungen, diese schicksalshaften Wendungen. Diese Art von Lieben, die alles in den Himmel heben oder offenbar die halbe Existenz zerstören können. Es macht alles den Eindruck des Bedeutungsschweren. Natürlich ist es auch Deine Erzählweise, die diesen Eindruck hinterlässt. Und man denkt, solche Erlebnisse sollte man nicht in kurzen Briefen oder leichtlebigen Essays darstellen, sondern es müssten - wie gesagt - dicke Wälzer von Romanen sein. Na ja, meine Liebe, das ist vielleicht ein wenig ironisch gesagt, denn ich selbst liebe es, wenn Du so schreibst, und ich bedaure immer das rasche Ende des Briefes. Ist es denn nicht auch für Dich ein interessantes Erlebnis, diesen Erinnerungen nachzugehen? Noch einmal in sie hineinzugehen, ist doch irgendwie, sie nochmals zu leben, nicht erleben, nicht ganz passiv, sondern aktiv zu leben und sie in der Tiefe auszukosten, oder vielleicht auch auszuleiden. Ist das nicht Proust in Aktion? Ach nein, Proust ist es wohl nicht, denn er ästhetisiert die Erfahrung total. (...)
Ich kann mich gut an die Anfangsjahre meines Studiums in Zürich erinnern. Zürich war ja 4 Stunden damals mit der Eisenbahn vom Wallis entfernt. Und ich wollte nicht jedes Wochenende heim, um etwas sparsam zu sein. Und all meine Kollegen studierten als gute Katholiken in Freiburg, und bloss einige Fortschrittliche vielleicht noch in Bern. Aber wirklich nur die Verwegensten. Ich sass also ziemlich allein hier in Zürich fest. Und ich erinnere mich, wie ich dort anfangs einsam war in meinen Studentenzimmerchen. Ich hatte so einen Tauchsieder, um mir ein Teelein zu kochen. Und sonst war das Zimmer so unpersönlich und fremd in diesem Studentenhaus des Rotary Club. Anfangs teilte ich ein Doppelzimmer mit einem Auslandschweizer aus Spanien. Aber der (ich erinnere mich nicht einmal mehr seines Namens), er war nie zuhause und viel älter als ich. Ich glaube, er studierte Physik und kam aus Madrid. Und er schaute aus wie ein Spanier, nur ohne den spanischen Charme. So fristete ich dort anfangs ein eher unglückliches Leben und fühlte mich fremd in dieser grossen Stadt. Und unter diesen Architekturstudenten war ich auch nicht echt zuhause, weshalb ich ja auch regelmässig in die Universität hinüber ging, um Vorlesungen zu hören. Ich pendelte sozusagen zwischen Hammer und Amboss. Damals habe ich all jene Studenten aufs Tiefste benieden, die zuhause leben konnten. Es gab viele, die wohnten vielleicht nicht direkt in Zürich, aber doch in der Region und abends eilten sie zum Hauptbahnhof. Und zuhause wartete ein gedeckter Tisch auf sie und eine Familie, und die alten Bekannten der Gymnasialzeit. Gar nicht zu reden von den öden Sonntagen, die ich anfangs in Zürich verlebte! Damals ging ich noch in die Mensa der ETH essen. Dort traf ich ein paar Kollegen, die ich kannte. Meist waren sie viel älter, als ich es war. Und sie diskutierten über Dinge, die mich nicht interessierten. Es war nicht das, was ich mir von einem echten Sonntag wünschte. Ich glaube, dieses soziale Leben anfangs meiner Zeit in Zürich hat mir meinen Studienanfang sehr erschwert. Und ich habe immer gedacht, es wäre ein Glück, dass meine Töchter, wenn sie denn studieren würden, weiter zuhause leben könnten. Vielleicht die ersten paar Semester, bis sie sich etwas in die neue Lebensart eingewöhnt hätten. Später, da bin ich mir sicher, ist es wichtig, dass man auch mal ein richtiges Studentenleben führen soll und einen eigenen Haushalt führt, oder doch so in einer Wohngemeinschaft lebt. Das ist etwas sehr Schönes, wenn man sich voller Leidenschaften dem Leben und der Liebe - will sagen den Studien - hingeben kann, ohne auf die eigene Familie Rücksicht nehmen zu müssen.
*
Ich hatte heute mein
persönliches Gespräch mit meinem Chef. Er ist etwas dicker geworden,
seit ich ihn letztmals so nah gesehen habe. Er ist ein wacher Geist und
es ist interessant, mit ihm zu diskutieren. Doch er denkt natürlich viel
weniger psychologisch als ich. Er denkt echt politisch. Und wenn etwas
gut ist, hat er es gemacht, und wenn es schlecht ist, haben es seine
Mitarbeiter gemacht. So ist er, wie alle Politiker. Wir sind nur dazu
da, ihnen die Lorbeeren zu liefern. Doch was soll es? Die Politiker
kommen und gehen. Und wir bleiben und überleben sie und machen die
Politik. So ungefähr könnte man sagen, wenn es auch nicht allzu sehr
stimmt.
Im Mai bin ich 20 Jahre an dieser Stelle. Das ist eine
Ewigkeit. Und ich denke, dass es in der Wirtschaft unmöglich wäre, so
lange auf ein und demselben Stuhl zu sitzen. Es ist auch nicht gut.
Manchmal merke ich, wie ich bequem geworden bin. Manchmal finde ich
alles ziemlich langweilig. Manchmal ärgert man sich über all die dummen
Neuerungen, die bloss mehr Papierkrieg und sonst gar nicht viel bringen.
Aber immerhin.
Ich war damals der jüngste. Und jetzt bin ich
ungefähr der dritt- oder viert-älteste. Einer wird im Mai in Pension
gehen. Der nächste folgt bald. Und dann komme schon bald ich. Allerdings
dauert es bei mir etwas länger.
*
Ich habe eine Kusine, die in der
Chemie arbeitet. Sie ist etwa 2 Jahre älter als ich. Und seit ein paar
Monaten ist sie in Pension mit voller Rente. Wenn Du dir das Paradies
vorstellen willst, so musst Du Dir so etwas Ähnliches ausdenken. Sie
reist in der Welt herum, geht gut essen, nimmt Kilo um Kilo zu und
pflegt ihr fröhliches Gemüt. Ja, sie hat wirklich das grosse Los
erwischt. Vielleicht bedauert sie es in ein paar Jahren, doch heute
geniest sie es in vollen Zügen. Immer wieder bekommen wir Postkarten von
ihr aus irgend welchen exotischen Ferienregionen. Man kann wirklich nur
neidisch werden.
*
Ist es nicht schlimm, wenn man an die
Pensionierung denkt. Das ist wirklich sehr schlimm. Lass uns das Leben
nehmen, wie es ist. Seien wir froh, dass wir noch ein paar Jahre
arbeiten können. Alles andere macht alt.
Ich küsse und grüsse Dich
...
Ämne: :-)))
...
Dadurch dass ich zu Hause wohnen konnte, habe ich eigentlich kein
typisches Studentenleben gelebt. Du weisst, wenn man mit so 10 anderen
Personen in einem Studentenkorridor wohnt und die Küche und den Alltag
teilt. Ich wohnte zu Hause und wurde nach wie vor eifersüchtig von
meinem Onkel behütet. Irgendwie hatte ich später den Eindruck, dass sie
mich brauchten, um überhaupt zusammen leben zu können.
Ich sass also meist an meinem Schreibtisch zu Hause und vertiefte mich
in die Bücher. Vor mir an der Wand sehe ich das Foto wo ich als
21-jährige gerade an meinem Schreibtisch eine Arbeit vorbereite.
Wir kamen spät im Herbst nach Uppsala, d.h. das erste Semester, an dem
ich teilnehmen wollte, war fast zu Ende. Ich hatte mich angemeldet für
Germanistik und mich mit Kursplänen versehen. Literatur,
Sprachgeschichte und natürlich die Sprache selbst, Wortschatz,
Aussprache und Grammatik das schwierigste Kapitel für die meisten Studenten. Uppsala hatte damals den Ruf sehr viel zu verlangen und man
sagte sogar, dass die Schüler, die dort bei ihrer Übersetzung schon zum
dritten Mal durchgefallen waren, an der Hochschule in Stockholm kein
Problem damit hatten.
Nun ja, es besteht wohl immer eine gewisse Rivalität zwischen
Lehranstalten, aber ich glaube die Uni von Uppsala ist schon immer als
Nr 1 betrachtet worden. (Nr 2 Lund). :-)
Ich hatte eine lange Literaturliste, von der ich wählen konnte, eine
gewisse Anzahl Seiten zu lesen und ich muss lachen, wenn ich daran denke, was mein erstes Buch war: Buddenbrooks von Thomas Mann. Ich glaube ich
wollte so schnell wie möglich die Anzahl Seiten hinter mich bringen.
;-) Es war wirklich kein leichtes Buch. So unendlich Wortreich.. aber
doch ziemlich interessant. Dann erinnere ich mich noch an mein erstes
”Ausspracheseminar”. Es wurde von einem jungen deutschen Dozenten
geleitet. Ich glaube, ich habe ihn so wie Herrn Grünlich in meinem Buch
aufgefasst. Die Gruppe hatte bereits 8 von den 10 Stunden gemacht und
er begann also diese meine erste Stunde damit, mir eine Moralpredigt zu
halten, wie ich mir das vorstelle, erst nun zu kommen u.s.w. was ich
dann ruhig beantwortete mit ”es wird schon gehen”. Ausserdem war seine
eigene Aussprache etwas von einem Dialekt gefärbt, wobei seine ”i” zu
sehr wie ein ”e” klangen. Das habe ich ihm aber nicht gesagt. ;-)
Ich will jedoch nichts Schlechtes über ihn sagen, denn es war er, der
mich Rilke entdecken liess. Er hatte also auch Literaturvorlesungen.
Und ganz anders als später bei einem Dozenten in Französisch, der immer
am Ende seiner Vorlesungen herzlich lachte so als wollte er sagen:
”Wie viel Dummes Zeug sich ein Mensch ausdenken kann”, endeten seine
Vorlesungen immer damit, dass man glaubte er würde nun anfangen zu
weinen. Man hatte oft den Eindruck er trüge die ganze ”Schuld des
Deutschen Volkes” auf seinen Schultern.
Er sprach also über Rilke, er schenkte uns ein Kompendium mit Rilkes
allerschönsten Gedichten (die ich Dir bereits alle geschickt habe) und
so kam es, dass ich das Stundenbuch zu lesen begann. Ich war überwältigt
davon. So tiefe und schöne Gedanken in einer solch wunderschönen
Sprache hatte ich noch nie gesehen. Irgendwie passte es auch zu meinem
Leben oder vielleicht besser gesagt zu meiner Gedankenwelt zu dem
Zeitpunkt.
*
Eines Tages kam ein Brief von einem Bekannten unserer Familie. Er war an mich gerichtet. (...)
*
Ach, ich finde nicht richtig den Faden zurück. Möchte diese Erinnerung von mir abschütteln, bevor ich weiterschreibe.
Hoffentlich sehe ich ein kleines rotes Dreieck vor deinem Namen, wenn ich nun ins Internet gehe..
Alles Liebe
Marlena
Ämne: Re: und jetzt Samstag, sieh Dich vor !
Lieber ...,
Ja,
du hast Recht. Sie ist "in die Jahre gekommen"die Gréco, wie du sagst.
Und zuerst denkt man, man könne sie nur bedauern. Und natürlich muss man
das auch tun, denn das Altern ist eine hässliche Sache. Jedenfalls muss
es so sein für Frauen, die mit ihrem Gesicht in der Öffentlichkeit
posieren müssen.
Doch weisst du, an Erfahrungen und Erlebnissen
möchte ich nicht ein Jahr jünger sein. Während unser Körper
zusammenschrumpft wird unsere Seele immer weiter und reicher. Alles was
wir erlebt haben lebt weiter in uns und schenkt jedem neuen Augenlbick
einen Glanz, der einem "jüngeren" Betrachter verborgen bleibt. Ich denke
manchmal daran, wenn ich mir mit Anna etwas ansehe. Z.B die
Midsommar-feier. Dann versuche ich für einen Moment alle meine schönen
Erinnerungen an frühere Feiern wegzudenken um zu verstehen, was sie
sieht. Und ich sehe ein wie reich ich bin, denn ich kann fast jedem
Moment noch etwas Schöneres abringen. OBS! Schöneres, gross geschrieben.
;-)
(---)
Weisst du, es ist
lustig mit diesen Buchstaben am Ende des Mails. Ich habe natürlich
versucht auszudenken wofür sie stehen. Und als ich gestern mein Mail
beendete, wollte ich dich ein wenig necken und selbst sowas
hinschreiben. Und dann war ich ganz erstaunt, als ich entdeckte, dass
ich genau dasselbe geschrieben hatte, wie du in einem Mail neulich.
Du willst mir also wirklich schicken awiw??? Oh, sieh dich vor! Du ahnst nicht wiw..
Mit einem lieben raschen Gruss und Kuss,
deine Malou