Mittwoch, 23. September 2020

 


Liebe Malou
„…awiw“ sollst Du haben.

Ja, die Gréco ist ein Grossmütterchen geworden. Aber in dieser Sendung auf einem französischen Sender hat sie auch gesungen. Und ihre Stimme ist immer noch sehr fest und rhythmisch aufregend und jung. Die Juliette hat in ihren Erzählungen viel Luft genommen. Sie hat erzählt, dass sie sozusagen wie ein Mann gelebt habe. Das heisst, sie konnte bei den Männern mit den Fingern schnippen, und sie sind ihr gefolgt (bis ins Bett, so muss man wohl annehmen). Sie hat sehr positiv geredet über ihr Alter und geschildert, wie sie ihren Ruhm immer noch geniesst.

Was Du über die Erlebnistiefe des Alters sagst, das kann ich sehr gut nachvollziehen. Aber ich ertappe mich bei solchen Gelegenheiten oft, wie ich mich frage, dass ich in meiner Jugend gewisse Dinge viel grösser und viel schöner erleben konnte. Ich glaube, damals gab es einen weiten Horizont der Erwartungen. Alle diese Ereignisse hatten eine Bedeutungsdimension in die Zukunft. Und die war gross und weit und wichtig. Heute denke ich oft: und das war alles? Die Menschen sind doch - alles in allem - sehr menschlich! Na ja, sie sind alle sehr mittelmässig, mich selbst eingeschlossen! Du siehst, ich habe das Gefühl, am Ende der Fahnenstange angelangt zu sein. Na ja, nicht ganz, aber immerhin. Wenn man das Leben als einen Tag nimmt, ist es ungefähr 18.00h heute. Was Wunder, wenn man sich vornimmt, an diesem milden Abend bis 22.00h noch ein bisschen auf die Pauke zu schlagen?
....
So, ich schicke dieses Ding ab. Sonst hängt es hier bloss herum.
MlGukuawdw
...
 

Sonntag, 20. September 2020

" attention, very - very hot"

---

Gestern hat mir Th ein kleines Geschenk aus NY mitgebracht. Habe ich das schon erzählt. Sein Sohn und Schwiegertochter, eine aparte Japanerin, haben mir zwei Gläser scharfe indische Saucen geschickt. Ach ja, jetzt erinnere ich mich, alles schon erzählt. Nun ja, aber gestern abend habe ich die eine, die den neckischen Namen Calypso trägt, versucht. Und es hat mir beinahe die Schleimhäute in Mund und Nase verbrannt. Ich meine, ich war nahe daran, den Feuerwehr-Notruf zu wählen. Die Sauce sieht zwar harmlos aus wie eine Früchte-Konfiture. Und sie schmeckt auf Anhieb auch fruchtig. Aber dann, hinter dem Fruchtbaum hervor schiesst diese Schärfe wie die Schlange im Paradies. Und dann --- behüte Gott.

Die zweite Sauce habe ich noch stehen lassen. Die New Yorker haben sie sogar von Hand zusätzlich angeschrieben und warnen: attention, very - very hot. Sie wollen damit signalisieren, dass diese Flasche, die rote, die aller-hotteste sei. Vielleicht sollte ich daneben wirklich so ein Warnsignal für Feuer- und Explosionsgefahr aufstellen. Na ja, wenn man das so betrachtet, denkt man, sie wollten mir richtig einheizen. Glauben sie, dass ich so was nötig hätte. Vielleicht war ich damals noch sehr begeistert von diesen scharfen Dingen. Heute, so glaube ich, esse ich etwas milder.

 

 

 

Donnerstag, 17. September 2020

In zwei Welten zugleich

...

"Als ich dann um 6 p.m. ungefaehr wieder bei der Central Station war, war ich totmuede. So bin ich in die Empfangshalle des grossen Hyatt Hotells und habe mich in einen dieser weichen Plueschsessel fallen lassen. Man muss einfach etwas cool und gelangweilt in die Welt schauen, dann kann man sowas tun. Ich habe sogar die Fuesse auf das kleine Tischchen gelegt, um echt amerikanisch und etwas ungehalten auszuschauen, eben wie jemand, den man viel zu lange warten laesst. ..."

---


Lieber ...,
Es ist Sonntagabend und ich bin wieder allein. Habe gerade nochmals deine beiden letzten Mails durchgelesen und genossen. Du bist im Moment ganz unwiderstehlich. Nie habe ich dich so frei und unbeschwert erlebt. Und natürlich musste ich auch lachen. Sehe dich vor mir "cool und gelangweilt" in einem dieser riesigen Fauteuils eines Hotel-Lobbys, wo du dann noch dazu einschläfst..
Aber du musst ziemlich gepflegt ausgesehen haben denke ich, sonst hätte man vielleicht doch reagiert.

Du schilderst Dinge, wie sonst niemand das tun kann und somit lässt du mich doppelt leben. Das habe ich heute wieder gemerkt, als ich im Wald Preiselbeeren pflücken war. Ich liebe es  im Wald zu sein. Es riecht so herrlich und die Luft ist erfrischend. Man spürt fast wie wohltuend sie ist. Und dort, umgeben von Preiselbeerkraut mit herrlich rot leuchtenden Beeren (man möchte fast glauben jemand hätte sie auf Hochglanz poliert) dachte ich plötzlich wie komisch es ist so ganz in der Natur zu sein und sich gleichzeitig in einer grossen Weltstadt zu befinden. Du machst mir das möglich, mein Liebling, und ich bin dir unendlich dankbar dafür.



Ach, ich habe doch nichts dagegen, dass du dir ein wenig Gesellschaft leistest dort in der Fremde. Aber ich bin eben ein bisschen eifersüchtig auf diese Person, die das Vergnügen hatte von dir in einem Museum unterhalten zu werden. Deine Definition von Impressionismus und Expressionismus finde ich übirgens sehr gut. Es ist wirklich so, wie du sagst. Ich werde nie meinen ersten Kontakt mit den Impressionisten vergessen. Es war im Jeu de Paume in Paris. Ich war 19 Jahre alt und hatte nicht allzugrosse Erfahrung von Kunst. Und dann stand ich da plötzlich vor einem Bild von Monet und war wie verhext davon. Wie du so richtig sagst: das Bild "zieht dich in sich hinein" und ich musste mich mit Gewalt losreissen. So war es damals. Auch dieses "der Expressionismus springt dich an" finde ich gut formuliert. Wir könnten uns lange darüber unterhalten.

Schau mal hier, was Monet einmal gesagt hat:
"Everyone discusses (my work) and pretends to understand, as if it were necessary to understand, when it is simply necessary to love."


*

 

 

Dienstag, 8. September 2020

"Man gewinnt Klarheit und Distanz"


Du siehst, meine liebe Marlena, ich schreibe einfach so vor mich hin. Es ist wie ein Tagebuch, der „freie Bewusstseinsstrom" wie in einem modernen Roman. Alles mögliche geht mir durch den Kopf und ich kann ziemlich schnell schreiben. Allerdings passieren mir auch etliche Fehler, die Du mir hoffentlich entschuldigst. Die meisten kommen aus reiner Unachtsamkeit und infolge des Tempos zusammen.

Du weißt, dass Tagebuch-Schreiben eine gute Therapie ist? Man hat festgestellt, dass Leute, die regelmässig Tagebuch schreiben, seelisch gesünder sind. Und so was kann ich mir gut vorstellen.  Man schreibt sich frei von Sorgen, man überlegt sich diese oder jene Absicht, man versucht, etwas für eine andere Person darzustellen und gewinnt Klarheit und Distanz. Das ist es doch, was man braucht im Leben. Manchmal ist es fast einfacher zu schreiben als zu reden.

Montag, 7. September 2020

Donnerstag, 3. September 2020

Fotos und Todsünden


Liebe Marlena

Das alte Foto, nach dem ich gefragt habe, ist natürlich jenes, das Du mir gleich am Anfang einmal geschickt hattest. Mit diesem jungen und frischen 36 jährigen (oder war es bloss 20??) Mädchen, das so keck in die Welt schaut, hast Du mich damals etwas geneckt, obwohl rasch einmal klar geworden war, dass die Schreiberin der Mails nicht mehr so jung und beschwingt und unwissend sein konnte. Nun ja, ich habe das Bild vielleicht gelöscht, weiss nicht wann und weshalb, ich finde es einfach nirgendwo mehr. Es war schwarz-weiss und offenbar ein kleines Passfoto. Man konnte einen leichten Abdruck eines Stempels sehen, wenn ich mich nicht sehr irre. Schicke mir beide, ich sage Dir, welches das echte ist.
Auch meine Familie beschwert sich immer wieder, dass es keine Fotos von mir gäbe. Das ist nun mal eine Tatsache. Sie hängt damit zusammen, dass ich oft hinter der Kamera stehe und nicht vor ihr. Ebenso hängt sie damit zusammen, dass ich es nicht mag, in einem Fest umständlich zu posieren, um ein Bild zu aller Leute Freude zu machen. Die Perser haben diese Foto-Time geradezu zum Ritual entwickelt. Plötzlich, mitten in einer netten Party bei vollen Gläsern und Lachen und Spassen rundum, wenn alle fröhlich und guter Dinge sind, plötzlich scheinen sie alle elektrisiert und haben die Idee, mit einer dieser kleinen Kameras, die einer von ihnen wie ein Zauberer aus der Vestentasche zu ziehen pflegt, mit einer solch einfachen kleinen Kamera ein Bild zu machen. In all den Jahren habe ich die Überzeugung gewonnen, dass sie dieses Ritual im Grunde um seiner selbst spielen, und dass das Foto, das letzten Endes herauskommt, ganz und gar nebensächlich ist. Meist sind so entstandene Fotos überaus langweilig und fast nichtssagend. Die Leute stehen in einer Reihe, lassen ihre Arme hängen und lächeln in die Kamera. Für unsere europäischen Augen ist das einfach fade. Aber für Perser ist das Bild ein Beweis, dass man zusammengehört. Beziehungen sind im Iran immer noch die Lebens-Ressource Nummer 1. Wen du kennst, bei wem du ein und ausgehst, mit wem du gegessen hast und in welchen Schichten diese Leute wiederum verkehren, das ist ganz wichtig. Das alles zeigt Dir den Wert deiner sozialen Stellung. Ein solches Foto vermag natürlich die soziale Beziehung, auf die man Wert legt, bestens zu zementieren. Das Bild muss nicht unterhalten, muss nicht schön sein, muss nicht in erster Linie die Dynamik des Augenblicks darstellen, eine Seite der Persönlichkeit hervorstreichen, eine äshtetische Qualität haben, nein, das Bild muss bloss dokumentieren, dass die und die und die Personen dort und dort zusammengewesen sind. Offenbar hat es vor allem dokumentarischen Charakter. Das Bild ist nicht so sehr Ausdruck eines aussergewöhnlichen Erlebnismomentes, wie vielleicht bei uns, sondern es ist eine spröde Aktennotiz, mit der du jemandem noch Jahre später nachweisen kannst, dass er dich eigentlich kennt, kennen müsste. Natürlich habe ich jetzt die ganze Sache ein bisschen überzeichnet. Aber dennoch glaube ich, dass Iraner solche Party-Fotos anders anschauen und anders verstehen. Dass Du von mir noch kein deutliches und aktuelles und vor allem schönes Bild hast, hängt natürlich mit der Tatsache zusammen, dass mein linkes Ohr deutlich höher hängt als das rechte, dass die Augen hervorstehen wie bei einem Laubfrosch mit Heuschnupfen, und dass der Mund einem Reissverschluss gleich quer und schief über das Gesicht zieht, so dass man auf den merkwürdigen Vergleich einer nördlichen und einer südlichen Hemisphäre gerät. Willst Du wirklich sowas?
*
Da habe ich etwas Lustiges in der Zeitung gelesen. Es ist eine Meldung aus Frankreich. Sie läuft ungefähr so: "Prominente Franzosen wollen sich beim Papst dafür einsetzen, eine der sieben Todsünden zu streichen. 'Völlerei' muss nach Ansicht der Gruppe aus Köchen, Schriftstellern und Politikern aus der katholischen Liste der Tabus gestrichen werden. Ende Jnuar werde die Tochter des Initiators, des kürzlich verstorbenen Bäckerei-Unternehmers Lionel Poilâne, ein entsprechendes Schreiben bei Papst Johannes Paul II. vorlegen, berichtete die Zeitung 'Journal du Dimanche'. Rückendeckung für die Initiative kommt unter anderem von Kochstar Paul Bocuse. Nicht die Völlerei (französisch: gourmandise), sondern eher die Gefrässigkeit (gloutonnerie) könnte als Sünde angesehen werden, sagte er. Dieses Wort könne in einem Kompromiss als fünfte Todsünde akzeptiert werden. Die anderen sechs Todsünden sind Hochmut, Neid, Zorn, Trägheit, Geiz und Wolllust."
Na also.
*
Ja klar, das war auch nicht gleich als Gesprächsthema gemeint, es steht ja bloss im Assoziationsnetz mit der Coriolis-Kraft. Und das wäre, zumindest für eine echte Stag-Party bei guten Portionen von starksprit, ein echt komischer Gedanke. Dabei hast Du wahrlich recht: wenn es kalt ist, dann hat alles gut in der Mitte der Hose Platz. Und das Herz, wenn es denn sein muss, gerade auch noch. Ich frage mich bloss, woher Du das alles so genau weißt???
Aber lassen wir das Thema. Es ist ein bisschen unter unserem Niveau, nicht wahr?
*
Hier hat sich gerade der Himmel geöffnet und er ist blau und schön, und die weisse Landschaft leuchtet hell eine Szenerie aus Leintüchern. Ich glaube, ich werde über die Mittagszeit rasch nach Basel gehen. Dann habe ich ein bisschn Licht, was - wie Du weißt - gegen die SAD gut wirken soll.

*
Ich wünsche Dir einen wunderschönen Tag.
Mit lieben Grüssen
...

Wieder hier


Ämne: Etwas in Eile

Lieber ...,
Ich danke dir für dein Mail. Kam gestern nicht dazu dir gleich zu antworten. Anna und ich hatten beschlossen eine Shoppingtour zu machen. Und wir haben Glück gehabt. Wenn man findet was man sucht und noch dazu zum halben Ausverkaufspreis muss man zufrieden sein.

Vorher hatte auch K angerufen, dass er nach der Arbeit nach Hause kommen würde. Er hat die Zeit in London gut ausgenützt und hatte viel zu erzählen. Man kann jetzt mit einer neuen Fluggesellschaft unglaublich billig nach London fliegen. London hin und zurück ist billiger als eine Zugreise von hier nach Stockholm. Es ist unglaublich.

Ich habe heute meinen strengen Tag und bin nicht besonders gut vorbereitet. Aber oft geht es dann noch besser.

Es freut mich dass du mir ein Bild senden willst. Habe lange gewartet.
Ich weiss nicht welches Bild du sehen willst. Auf einem war ich etwas über 20 und auf dem anderen 36 Jahre alt. Warum möchtest du es nochmals? Ja, ich sehe vielleicht etwas streng aus. Anna hat so lange gewartet mit dem Abdrücken. Gut dass du es schön findest aber ich sehe in wirklichkeit viel lieber aus. ;-)

Ich glaube nicht dass ich dein neues Gesprächsthema vorbringen werde. Kann mir garnicht vorstellen wie schrecklich geniert alle Herren am Tisch wären, ganz zu schweigen davon, was die Frauen von mir denken würden. Musst mir was anständigeres bringen. Übrigens ist mein eigener Kommentar: Das Ding ist nicht grösser als dass es in der Mitte Platz hat vorausgesetzt dass die Fantasie nicht mit ihm durchgeht.

Jetzt muss ich mich beeilen. Wünsche dir einen schönen Tag. Ich komme sicher nochmals am Nachmittag zu dir.
Mit einem lieben Gruss
Marlena